Von der Oper.
Ed. H. Wenn unsere Nordpolfahrer unter anderen
Raritäten und Kostbarkeiten auch eine Opernpartitur mit
gebracht hätten, sie wären heute um ein Verdienst und um
eine Dankadresse reicher. Denn eine so außerordentliche
Seltenheit dürfte doch vielleicht die Genehmigung der hohen
General-Intendanz zur Aufführung im Hofoperntheater er
langen, nachdem allen unter dem 80. Grad nördlicher
Breite componirten Novitäten diese Hoffnung, wie es scheint,
abgeschnitten ist. Von der Direction des Hofoperntheaters
ist freilich kein Wörtchen über diese schon hinreichend bren
nende Frage zu erfahren, sie hüllt sich in eine imposante
Wolke von Amtsgeheimniß. Wenn nicht das inspirirte Organ
der General-Intendanz selbst sein melodisches Sonntags
glöckchen geschwungen hätte, wir wüßten nichts davon, daß
Director Herbeck schon vor längerer Zeit eine Reihe von
Novitäten zur Aufführung vorgeschlagen, aber für keine der
selben die Genehmigung seines hohen Chefs erlangt habe.
Diese Novitäten sind: „Tristan und Isolde“ von R. Wag
ner, „Benvenuto Cellini“ von H. Berlioz, „Die Köni
gin von Saba“ von K. Goldmark und „Das Leben für
den Czar“ von Glinka.
Gegen den Vorschlag von „Tristan und Isolde“ darf
man nichts einwenden. Es ist dies zwar für meinen indivi
duellen Geschmack eine wahrhaft peinvolle Musik und selbst
von den Wagner-Enthusiasten verhältnißmäßig wenig geliebt,
aber der Name des Componisten wäre schon für sich ein
vollkommen deckender Schild. Dies scheint mir nicht der Fall
in dem zweiten berühmten Namen, mit Hector Berlioz.
Kein Concert-Institut darf diesen originellen, geistvollen Ton
dichter ignoriren, aber die Operntheater dürfen es getrost.
Daß sein „Benvenuto Cellini“ 1838 in Paris und dreizehn
Jahre später in London eine vollständige Niederlage erlitt
(nach Fétis’ und Berlioz’ eigenem Anspruche „une chute
complète“), ist nicht empfehlend, aber auch noch nicht ent
scheidend. Daß hingegen diesem Orchester-Componisten par
excellence jeder Sinn für Gesangsschönheit fehlt, wie die
Gabe, durch sinnliche Gewalt der Melodien und dramatisch
anschauliches Leben von der Bühne zu wirken, das spricht
bedenklich gegen seine Opernmusik. Nur für Versuchsstationen
wie Weimar, überhaupt für kleinere Theater, die jährlich
fünf bis sechs neue Opern rasch einstudiren, empfehlen sich
dergleichen interessante Opern wie die Berlioz’schen, denen
es nicht an feinen geistreichen Einzelheiten, wol aber an
starker einheitlicher Wirkung fehlt. Die dritte vorgeschlagene
Novität, Goldmark’s „Königin von Saba“, hätte, als
das Werk eines geachteten einheimischen Componisten, jeden
falls Berücksichtigung verdient. Den Vorzugsplatz unter den
genannten Novitäten darf man wol der russischen Oper:
„Das Leben für den Czar“, von Glinka, einräumen,
deren Aufführung ich bereits bei früheren Anlässen zu em
pfehlen mir erlaubt habe. Glinka’s Oper besitzt vor den mei
sten modernen Opern, deutschen namentlich, den Vorzug
frischer Natürlichkeit, spontaner und origineller Erfindung
und klarer dramatischer Wirkung. Das Werk eines großen
Meisters ist sie nicht, aber das eines großen und liebens
würdigen Talentes. Ihre glänzenden musikalischen Vorzüge
entschädigen nicht nur reichlich für manche unleugbare Mängel
und Schwächen, sie versöhnen auch mit dem Fremdartigen
eines so specifisch russischen Stoffes. In Rußland seit 1839
die gefeiertste, populärste Oper, ist „Das Leben für den
Czar“ kürzlich auch in Mailand mit Erfolg aufgeführt
worden (ich erinnere an H. v. Bülow’s geistreichen Be
richt in der Augsburger Allgemeinen Zeitung) und wird die
nächste Novität des Coventgarden-Theaters in London bilden.
Welche Gründe hat der Herr General-Intendant, der doch
kaum zu den drei bis vier Personen in Wien gehört, die
Glinka’s Oper kennen, sie einfach zu verwerfen? welche
Gründe, die übrigen Opern zurückzuweisen, ohne etwas
Besseres an die Stelle des Herbeck’schen Vorschlages zu
setzen? Die ganze Schädlichkeit einer solchen Intendanten-
Regierung, welche vom Bureautisch aus ein großes Theater
leiten will, offenbart sich wieder in diesen Vorgängen. An
sich unproductiv, hemmt sie überdies jede Productivität der
Direction, verzögert, verhindert, verbietet überall und macht
schließlich durch ihre Einmengung in das Detail der Theater
führung jede künstlerische Leitung unmöglich. Es ist ein
altes Lied, das wir oft gesungen und heute nicht zum letzten
male singen.
Wahrscheinlich bringt also das Hofoperntheater in diesem
Winter keine Novität. Als Ausbeute des Jahres 1874
bleiben die beiden Opern „Genovefa“ und „Aïda“.
Robert Schumann hat diesmal gegen Verdi den Kürzeren
gezogen; die Thatsache ist betrübend, aber sie ist unanfechtbar.
„Genovefa“ verschwand nach wenigen, mühsam sich fristenden
Vorstellungen, während „Aïda“ mit jeder Wiederholung leb
hafteren Anklang findet und für lange hinaus eine Stütze
des Repertoires bleiben wird. Bei Gelegenheit der ersten
„Genovefa“-Aufführung versuchte ich eine Erklärung ihres
geringen Erfolges aus den Eigenthümlichkeiten dieses auf
anderem Gebiete so großen und bezaubernden Tondichters
und wie es komme, daß künstlerisch weit tiefer stehende ita
lienische Componisten gerade in der Oper so viel sicherer
und kräftiger wirken. Ein Brief von Moriz Haupt
mann, der mir später zu Gesicht kam, enthält eine hierauf
bezügliche sehr interessante Stelle. Hauptmann, dieser
gediegene, echt deutsche Musiker, schreibt nämlich im Jahre
1834 über Bellini’s „Montecchi und Capuletti“: „Das
einfältige Misere der beiden Leute im ersten Finale rührt
mich, packt mich selbst auf eine Weise, wie ich’s gar nicht
sagen mag; nicht das erstemal etwa, sondern je mehr ich’s
gehört habe — es muß wol etwas der Art gerade an
diesen Platz gehört haben, ein bischen so, ein bischen anders,
darauf kommt dann so viel nicht an, in der Hauptsache
hat er’s getroffen. Wenn man bedenkt, wie Vieles an einer
solchen in vierzehn Tagen geschriebenen Oper ganz unbedeu
tend, wie Vieles gar nichts ist, auf wie wenig die eigentliche
Wirkung beruht, die sie denn doch macht, nicht auf diesen
oder jenen, sondern auf viele Tausende von Menschen in
allen Ländern, wo gesungen wird, und nicht blos in Italien
oder Frankreich, sondern in Deutschland, wo man für das
selbe Geld einen „Vampyr“, eine „Räuberbraut“ etc. hören
könnte (aber nicht mag), so — fehlt mir der Nachsatz —
aber einiges musikalische Talent muß man so einem Men
schen doch zugestehen, ein Naturell, das der Oper
viel näher ist, als ihr unsere Clavier- und Geigen
männerchen und Generalbassisten sind und je kommen wer
den. Das wird nicht gelernt — Italiener und Franzosen
haben von jeher eine Oper gehabt, jederzeit eine zeitgemäße,
sie haben es nicht nach und nach gelernt, es war eben da,
weil es am geeigneten Organ nicht fehlte, das was eben
auszusprechen war, als Oper auszusprechen. Bei uns ist’s
und bleibt’s eine künstliche Geschichte!“
Während das italienische Talent in der Oper als
musikalische Urkraft erscheint, die sich in schlagenden Wir
kungen und starker, süßer, leidenschaftlicher Melodie äußert,
trägt das französische den Charakter einer schwächeren, abge
leiteten, aber fein herausgebildeten und geschickt hantieren
den Begabung. Also die richtige Eignung für das musika
lische Lustspiel. Zwei französische komische Opern, welche
neben „Aïda“ die beiden größten Erfolge des abgelaufenen
Theaterjahres bezeichnen, haben dies neuerdings bewiesen:
„Le Roi l’a dit“ von Délibes und „La fille de
Madame Angôt“ von Lecoq. Der Titel eines treff
lichen Essays von H. v. Sybel (in welchem leider nur
von Musik keine Rede ist) fällt mir stets dabei ein; er heißt:
„Was wir von Frankreich lernen können.“
Es ist wirklich komisch, wenn die Pedanten über den Erfolg
von „Madame Angôt“ wehklagen oder spotten, wie über
einen unverdienten und unbegreiflichen Glücksfall. Die
Wahrheit ist, daß in dieser Operette sich ein vortreffliches
Textbuch mit einer lebhaften, anmuthigen Musik verbindet,
und zwar so organisch und zwanglos verbindet, daß Eines
das Andere immer nur hebt, niemals drückt oder hindert.
Das gehört zu dem, was der deutschen komischen Oper ge
wöhnlich fehlt und „was wir von Frankreich lernen können“.
Für die späte Nachwelt sind solche Opern freilich nicht ge
macht; wer sagt auch, daß ein lustiges Theaterstück unsterb
lich sein müsse? Uebrigens eine so ungeheure, rasch über
ganz Europa verbreitete Popularität wie die von „Madame
Angôt“, ist sie nicht auch eine Art comprimirter Unsterb
lichkeit? Herr Lecoq verzehrt gleichsam in zwei bis drei
Jahren dasselbe Kapital von Erfolg, das berühmtere Com
ponisten mit schwereren Werken in fünfzig bis sechzig Jahren
verzehrt haben. In Deutschland glaubt man gerne, daß
eigentlich nur dem Schweren ein legitimes Recht auf Erfolg
zustehe; man will nicht zugestehen, wie schwer das „Leichte“
sei und wie Franzosen und Italiener uns darin noch immer
überlegen sind. Fast gilt es von vornherein für ausgemacht,
daß mit jeder neuen französischen oder italienischen Oper,
die in Deutschland zur Aufführung kommt, ein Unrecht gegen
die deutschen Componisten begangen werde, und daß man blos
aus Modethorheit vom Ausland beziehe, was unsere Lands
leute ebensogut oder noch besser können. Die vielgerühmte
deutsche Bescheidenheit, welche sonst so willig die Vorzüge
fremder Nationen anerkennt, erscheint hier in einem sehr
schielenden Lichte. Wir leugnen doch nicht, daß verschie
dene Himmelsstriche und Lebensweisen auch verschiedene
Eigenthümlichkeiten in den Temperamenten, Anlagen
und Kunstfertigkeiten der Völker hervorbringen. Auch in
einer und derselben Kunst verschiedenartig sich abzweigende
Talente. Jedermann weiß, daß die Deutschen für das ganze
große Gebiet der Instrumental-Musik eine eminente, speci
fische Begabung besitzen, daß sie in diesem Fache als Meister,
fast als Alleinherrscher dastehen. Franzosen und Italiener
erkennen das rückhaltlos an, wie die großen Concerte von Pas
deloup und des Conservatoriums in Paris, die Instrumen
tal- und Kammermusiken in den italienischen Hauptstädten
beweisen mit ihrem fast ausschließlich deutschen Repertoire.
Warum nicht unsererseits anerkennen, daß die specifische Be
gabung für Opernmusik, das Talent, musikalisch von der
Bühne zu wirken, im Allgemeinen unter Italienern und
Franzosen verbreiteter und stärker sei, als bei uns? Den
Deutschen charakterisirt die Innerlichkeit des Gemüthslebens,
den Italiener die plastisch an die Oberfläche tretende
Empfindung. Welcher dieser Vorzüge eignet sich mehr für
dramatische Musik? Die italienische Melodie ist lebendiger,
greifbarer, einpräglicher als die deutsche, deßhalb für dra
matische Wirkung günstiger. Den unverwelklichen Kranz
deutscher Opern, welche alles Französische und Italienische
überragen, kenne ich recht gut und brauche mich wol nicht
erst gegen den Verdacht zu schützen, als verkenne ich das
Gute der deutschen Opernmusik. Nur das Moment der
specifisch theatralischen Begabung sollte hier berührt werden,
und zwar mit dem dringenden Wunsche, es möchte dieser
Vorzug der romanischen Völker deutscherseits etwas weniger
unterschätzt oder geleugnet werden, desgleichen der zweite
Vortheil: ihre sichere Handhabung der Bühnentechnik.
Die Deutschen haben seit Mozart (der als Opern
componist doch in gewissem Sinne der letzte große Italiener
heißen darf) nur drei eminent dramatische Talente aufzu
weisen: Weber, Meyerbeer und Wagner, welchen
sich allenfalls — in gemessenem Abstand — Marschner
und Lortzing anreihen. Diese Männer haben sich von
Anfang an und vollständig der Oper gewidmet, wie dies
auch die Operncomponisten der Italiener und Franzosen
thun. Im Gegensatz dazu schrieben und schreiben noch immer
Hunderte von deutschen Componisten Opern, „mit heißem
Bemüh’n“, aber ohne specifisch dramatisches Talent, ohne
Kenntniß der Bühne, ja oft sogar ohne jedes warme Inter
esse für das Theater. Diese Tondichter, welche, allenfalls
nach glücklichen Erfolgen im Fach der reinen Instrumental-
Musik, sich nebenbei auch in der Oper versuchen, sind dann
regelmäßig sehr erstaunt, wenn ihre Opern theilnahmslos ge
hört und nach der dritten Vorstellung achtungsvoll beiseite
gelegt werden. Es lärmt dann ein förmliches Aufgebot der
Empörung in den vaterländischen Kritiken über den „ver
dorbenen Geschmack“ des Publicums, während in Wahrheit
meistens die neuen deutschen Opern die verdorbene Waare
sind und das Publicum keineswegs den italienischen und
französischen Stempel dem deutschen, sondern das wirksame
Bühnenstück dem matten, effectlosen vorzieht. Auch was an
den schlechten Opern des Auslandes unserem Publicum ge
fällt, ist eigentlich das Gute: die starke sinnfällige Wir
kung, das unmittelbar fortreißende dramatische Temperament.
Wenn man in alten Musikzeitungen blättert, so erstaunt
man über die wegwerfende Mißachtung oder imper
tinente Herablassung, mit welcher Rossini’s, Auber’s,
Donizetti’s reizendste Sachen bei ihrem Erscheinen in
Deutschland beurtheilt wurden. Wäre es nicht einsichtsvoller
und ehrlicher, zu gestehen, daß keiner unserer deutschen Com
ponisten im Stande ist, eine so liebenswürdig heitere Oper
zu schreiben, wie der „Barbier“, „Cenerentola“, „Der
Liebestrank“, „Don Pasquale“, „Fra Diavolo“, „Der
schwarze Domino“? Dieselbe heftige Journal-Opposition
herrscht in unserer Epoche gegen Gounod und Verdi,
deren Bestes trotzdem in Deutschland, wie überall, dem
Publicum lebhafte und anhaltende Befriedigung gewährt.
Man mache alle ihre zahlreichen Schwächen geltend, gestehe
aber auch, daß Gounod und Verdi unter den gegenwärtigen
Operncomponisten (den ganz apart stehenden R. Wagner
immer ausgenommen) die talentvollsten sind. Ihnen reihe
ich in seinem begrenzten Buffo-Genre ohne Bedenken
Offenbach an, was Talent und Theaterkenntniß betrifft.
Die deutsche Oper hat seit „Tannhäuser“ und „Lohen
grin“, also einem Vierteljahrhundert (etwa mit Ausnahme
der noch wenig verbreiteten „Meistersinger“), nichts her
vorgebracht, was eine nachhaltige, starke Wirkung geübt
hätte. In der deutschen Theaterdichtung, der poetischen
wie musikalischen, ist fast Alles entweder Gold oder
Kupfer. Das Silber, so unentbehrlich für das tägliche
Bühnenleben, fehlt.
Es ist ein großer, in unserer deutschen Musikwelt fest
genisteter Irrthum, daß die Aufnahme deutscher Opern prin
cipiell hintertrieben werde, während französische und italie
nische Novitäten von vornherein bevorzugt seien. Ich will
die Geduld des Lesers hier nicht mit statistischen Tabellen
ermüden, sondern ihn lediglich auf einen beliebigen Jahr
gang der Musikzeitung „Signale“ verweisen, welche die in
Deutschland, Italien und Frankreich neu componirten Opern
ziemlich vollständig zu verzeichnen pflegt. Daraus kann man
bestens entnehmen, daß es nur ein verschwindend kleiner
Bruchtheil der ausländischen Opern-Production ist, welcher
bei uns recipirt wird, und zweitens, daß in Deutschland
weit mehr neue deutsche Opern als neue italienische oder
französische zur ersten Aufführung kommen. Die Masse
die in einem Jahrzehnt in Italien producirten neuen Opern
ist geradezu enorm, die in Frankreich sehr ansehnlich. Aus
dieser Zahl werden verhältnißmäßig sehr wenige und nur
solche in Deutschland aufgeführt, welche von bereits berühm
ten Componisten herrühren und einen großen Erfolg aufzu
weisen haben. „Faust“ von Gounod, „Mignon“ von Am
broise Thomas, kamen in Deutschland erst zur Aufführung,
nachdem sie in Paris weit über hundert Wiederholungen er
lebt hatten. Hätte eine deutsche Novität in Berlin oder
Wien hundert Vorstellungen oder auch nur fünfzig nach
einander erlebt, so würden alle anderen deutschen Bühnen
sich gewiß noch eiliger um sie bewerben. Nicht daß sie aus
Paris stammen, sondern daß sie durch einen ungeheuren
Erfolg erprobt sind, bringt Opern wie „Faust“, Singspiele
wie „Madame Angôt“ auf unsere Bühnen.
Wäre die Gier nach Italienischem und Französischem
hier wirklich so groß, wie die deutsche Presse gern behauptet,
so hörten wir längst eine Anzahl fremder Opern, deren da
heim sehr angesehene Componisten hier nicht einmal dem
Namen nach bekannt sind.
Nach A. Basevi’s, des Verdi-Biographen, Verzeichniß
wurden in den fünfzehn Jahren 1842—1857 in Italien
641 Opern componirt und aufgeführt! Davon haben
vielleicht neun bis zehn in Deutschland Aufnahme gefunden.
Selbst die Beliebtheit der
erfolgreichsten südländischen Componisten hat in Deutschland
eigentlich nur wenigen ihrer Werke Eingang verschafft. Auf
dem Repertoire des Wiener Hofoperntheaters befinden sich
von Verdi’s fünfundzwanzig Opern nur vier („Aïda“,
„Trovatore“, „Maskenball“ und „Rigoletto“), von Ambroise
Thomas’ fünfzehn Opern zwei („Mignon“, „Hamlet“), von
Gounod’s neun Opern zwei („Faust“, „Romeo“). Wenn
eine blinde Vorliebe für die Namen dieser Componisten
herrschte, müßten die Zahlen ganz anders aussehen; wohl
gemerkt handelt es sich hier obendrein um die gefeiertsten
Componisten; ihre zahlreichen Collegen zweiten Ranges sind
in Deutschland so gut wie ignorirt. Hingegen ist die Zahl
der neuen deutschen Opern, die alljährlich in Deutschland
zur Aufführung kommen, eine sehr stattliche; das Verzeichniß
der in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland aufge
führten deutschen Opern-Novitäten ist riesig. Der Unterschied
ist nur, daß die meisten französischen und italienischen Opern-
Novitäten sich durch ihre Wirkung auf dem Repertoire er
halten, also bleiben, während die deutschen in der Regel
keinen Erfolg haben, also rasch verschwinden. Daran müssen
doch die Compositionen selbst ein wenig schuld sein. Auch
was man von den mächtigen Reclamen für ausländische
Producte vorbringt, ist irrig. Sie genießen in Deutschland
keine andere Protection, als den vorausgegangenen nach
haltigen Erfolg in europäischen Hauptstädten. Was Re
clame betrifft, so haben gewisse Opern-Novitäten von Ber
lin, Stuttgart, München, Leipzig und Köln (ich will keine
Namen nennen) die großartigste Unterstützung von dieser
modernen Fee genossen. Aber die meisten dieser vom Local-
Patriotismus bejubelten Opern werden schon in der näch
sten Stadt, welche den Versuch damit macht, sehr kalt auf
genommen, ja selbst in der glücklichen Vaterstadt pflegen sie
ihren ersten Triumph nur kurze Zeit zu überleben. Solche
Erfahrungen sollten unsere deutschen Componisten doch end
lich geneigt machen, ein wenig mit sich selbst zu Rathe zu
gehen und nicht immer die Schuld ihrer Mißerfolge auf
Andere zu wälzen. Es gibt ein sicheres Mittel, die Opern
von Verdi, Gounod, Thomas und Offenbach aus Deutsch
land zu vertreiben: wir brauchen blos bessere oder ebenso
gute zu machen. Wie dankbar und glücklich unser Publicum
ist, wenn ihm eine gute deutsche Novität geboten wird, das
beweisen die Opern von R. Wagner, die sich über keine
ausländischen Rivalen zu beklagen haben.
Im Theaterjahre 1873—1874 entfielen im Hofoperntheater
mehr Abende auf R. Wagner, als auf irgend einen nichtdeut
schen Componisten. Wagner wurde an 44 Abenden gegeben, an
31 Abenden Verdi, an 27 Abenden Gounod, an 20 Abenden
A. Thomas etc.
Sie sind eben
(mag man noch so viel gegen sie auf dem Herzen haben)
Werke eines specifisch dramatischen und mit großer Bühnen
kenntniß arbeitenden Talentes. Das ist eine Ausnahme in
Deutschland. Zur Regel sollte aber allmälig die Einsicht
werden, daß man ohne ein ausgesprochenes dramatisches
Talent und ohne Bühnenkenntniß besser daran thut, keine
Opern zu schreiben.