Komische Oper.
(„
Don Cäsar von Bazan.“ — „
Maurer und Schlosser.“)
Ed. H. Unerwartet schnell, mit dröhnendem Schlage
war das Thor der Komischen Oper am 31. Mai ins Schloß
gefallen und schien seither jedem Versuche eines erlösenden
„Sesam, thu’ dich auf!“ zu spotten. Fast ebenso rasch und
unerwartet ist jetzt, am 4. October, die Wiedereröffnung
dieses Theaters unter der neuen Direction Hasemann
erfolgt. Wie an jenem ersten Eröffnungsabende, war das
Haus glänzend beleuchtet und glänzend besetzt von einem
Publicum, das aufmerksam der Antrittsrede Hasemann’s
lauschte, wie vor acht Monaten dem Prologe Swoboda’s.
Das Orchester intonirte eine Fest-Ouvertüre — Alles wie
damals. Dennoch war die Stimmung nicht dieselbe heitere,
festfrohe; ein grauer Flor lagerte darüber, und die Erinne
rungen an nur halbvergangenes Mißgeschick flogen wie
trübe Wölkchen durch das Haus. Der neue Director findet
in mancher Beziehung eine schwierigere Aufgabe, als sein
Vorgänger. Ein jäh abgerissener Faden knüpft sich mitunter
schwerer wieder an, als sich ein neuer spinnt. Zum Glücke
scheint hier der redliche gute Wille beider Theile, der Direc
tion und des Publicums, das Wiederanknüpfen zu erleich
tern: die bescheidene Ansprache Herrn Hasemann’s hatte
die Versammlung rasch gewonnen und die Stimmung wie
der auf das alte Diapason gebracht. Die Vorstellung der
neuen Oper „Don Cäsar“ that das Uebrige. Wenn ihr
auch mancherlei mangelte, sie bleibt doch ein überraschendes
Resultat der Arbeit einer nur vierwöchentlichen Vorberei
tungszeit.
Mit der Wahl einer neuen komischen Oper darf man
heutzutage nicht allzu kritisch vorgehen. Deutsche, Franzosen
und Italiener befinden sich darin seit einem Vierteljahr
hundert in entschiedener Verarmung; immerhin blieb Frank
reich noch am productivsten. Dem „César de Bazan“ wird
die Geschichte der Musik kein Blatt widmen, aber das neueste
Repertoire der Opéra Comique in Paris verdankt ihm eine
willkommene Auffrischung. Diese Oper gehört unter die in
Frankreich häufigen Fälle, wo eine schwache Musik sich durch
ein gelungenes Textbuch in der Gunst des Publicums er
hält, während bei uns im Gegentheil so häufig gute Parti
turen an schlechten Librettos zu Grunde gehen. Die Oper
„Don César“ ist ein romantisches Intriguenstück, das den
Namen einer komischen Oper nur uneigentlich, im formalen
Sinne der französischen Terminologie führt; sie hat keine
einzige Buffopartie, und ihre komischen Situationen sind im
strengsten Sinne Galgenhumor — die letzten Spässe Don
Cäsar’s vor dem Gehenktwerden. Don Cäsar de Bazan, der
gutmüthige, liederliche, junge Abenteurer, stammt bekanntlich
aus Victor Hugo’s Drama „Ruy Blas“, wo er nebst Don
Saluste das aristokratische Element gegenüber der neuen
demokratischen Macht (Ruy Blas) repräsentirt. Diese Figur
wurde später zu einem selbstständigen Effectstück verwerthet,
in welchem Frédéric Lemaître an der Porte St. Martin
eine lange Reihe von Triumphen feierte; endlich machten
die Herren Dennery und Chantepie das Opern-Libretto für
Massenet daraus, welches für unsere Komische Oper von
Herrn Franz Höllriegel übersetzt ist. Schon früher
lieferte dieser Don Cäsar den Stoff zu einer Oper
„Maritana“ von Wallace. Wir erinnern aus mit
gähnendem Schauder an diese vor Jahren im
Theater an der Wien gegebene Oper, ein Gemisch von
Trivialität, Reminiscenzen und lächerlichem Ungeschick, wie
es nur eine englische Oper sein kann. Das neuere fran
zösische Libretto ist sehr geschickt gemacht, spannend in der
Intrigue, effectvoll in seinen zwanglos sich entwickelnden
Situationen. Es bringt in dem Titelhelden eine originelle,
anziehende Gestalt, an welcher der widerwärtige Cynismus
von Victor Hugo’s Don Cäsar getilgt und seine sittliche
Verwahrlosung wenigstens zu gutmüthigem Leichtsinn abge
dämpft ist. Auch die übrigen Personen, der König, Mari
tana, Lazarillo, sind glücklich gezeichnet und gestalten sich in
Händen talentvoller Schauspieler (zum Beispiel an der Pa
riser Opéra Comique) zu interessanten Charakterfiguren.
Die Handlung der neuen Oper ist in Kürze folgende:
König Karl II. von Spanien ist leidenschaftlich verliebt in
die schöne Straßensängerin Maritana, wagt sich aber nur
als stummer Zuhörer in ihre Nähe. Sein Minister Don
José erbietet sich, Maritana an den Hof zu bringen, eine
Auszeichnung, welche das ehrgeizige Mädchen gerne an
nimmt, da sie dieselbe der Königin zu verdanken meint und
nichts ahnt von der Leidenschaft Karl’s II. Den Absichten
Don José’s, welcher einen adeligen Gemal für Maritana
braucht, kommt der langvermißte Abenteurer Don Cäsar
von Bazan wie gerufen. Er hat sich eben eines verfolgten
armen Jungen, Lazarillo, angenommen und den sich wider
setzenden Hauptmann der Wache im Duell erstochen. Don
Cäsar wird verhaftet und soll, dem strengen Duellgesetz zu
folge, gehenkt werden. Mit dem Ausrufe Maritana’s:
„Morgen, werd’ ich Herzogin,“ und Don Cäsar’s:
„Morgen werd’ ich gehenkt!“ schließt der erste Act.
Der zweite spielt in Cäsar’s Gefängniß. Don José ver
spricht dem Verurtheilten die „Begnadigung zu Pulver
und Blei“, wenn dieser sofort zur Vermälung mit einer
unbekannten Dame bereit sei. Nach einigem Sträuben wil
ligt Don Cäsar ein; nachdem er noch die Executions-Mann
schaft mit Wein und Gesang regalirt hat, wird er der dicht
verschleierten Maritana angetraut und sofort auf den Wall
hinausgeführt, um erschossen zu werden. Man hört die Ge
wehre krachen, aber der treue Lazarillo hatte heimlich die
Kugeln herausgezogen, und der todtgeglaubte Don Cäsar
entwischt unter dem Schutze der Nacht. Maritana, nun
mehr Gräfin von Bazan, bewohnt ein abgelegenes pracht
volles Schloß, wo wir sie zu Anfang des dritten Actes
sehen, umworben von dem liebestollen König, der ihr nur
Widerwillen einflößt. Er gibt sich, um seiner Beute sicher
zu sein, für ihren Gatten aus — da erscheint ganz plötzlich
Don Cäsar selbst und entdeckt die ganze Intrigue. Mari
tana, seit jenem Vermälungsabend durch eine geheimnisvolle
Sympathie zu Don Cäsar hingezogen, beschwört ihn, nach
Aranjuez zu eilen und die Hilfe der Königin anzuflehen.
Während der König neuerdings Maritana bestürmt, kehrt
Don Cäsar zurück, schließt die Thüren und genießt die süße
Rache, seinem Souverän zu erzählen, wie er im Garten von
AranjuezDon José liebeflehend zu den Füßen der Königin
gefunden. Eine zeitlang weidet er sich an den Qualen des
Königs, dann eröffnet er ihm großmüthig, daß er als
treuer Spanier die Ehre seines Herrn auf dem Fleck ge
rächt und Don José erstochen habe. Die nun hereinstür
menden Verfolger Cäsar’s werden vom Könige begütigt, und
der Graf von Bazan zieht, zum Statthalter von Granada
ernannt, mit seiner glücklichen Gemalin von dannen.
Diese Handlung, deren Gerippe sich in der Erzählung
etwas klappernd ausnimmt, ist von dem Textdichter mit
reichbewegtem dramatischen Leben erfüllt. Situationen, wie
der Schluß des ersten Actes, die Vermälungsfeier im zwei
ten, das Wiedererscheinen Cäsar’s bei Maritana und sein
Streit mit dem König, gehören gewiß zu den dankbarsten.
Was hätte Auber in seinen guten Tagen daraus gemacht!
Jules Massenet, der Componist des „Don César“, ist lei
der kein Auber, sondern höchstens dessen zweiter Aufguß; der
erste ist Ambroise Thomas. Schon Thomas klingt schwächer,
trockener, reflectirter als Auber, was keineswegs ausschließt,
daß er trotzdem ernste Töne anzuschlagen weiß, für welche
seinem Meister die Saiten fehlten, oder doch die Stimmung.
Auber’s Musik, so geistreich in heiterem Geplauder, so rei
zend in froh bewegter Laune, bleibt uns überall dort viel schul
dig, wo das Gemüth sein volles Recht verlangt. Diese Saite
klingt häufiger und stärker an bei Ambroise Thomas. In
„Mignon“ finden sich Musikstücke von zarter, ernster Empfin
dung, wie man sie bei Auber kaum antrifft; überdies hat
Thomas, als der jüngere Musiker, manchen Fortschritt der
Zeit für sich, er behandelt z. B. das Orchester viel glänzen
der, reicher und psychologisch bedeutsamer als Auber. So
wenig übrigens Thomas sein Vorbild Auber verkennen läßt,
so wenig kann Massenet seinen Meister Thomas verleugnen.
Es ist dieselbe Sorte Wein in weiterer Verdünnung. Was
Originalität des Styls und Reichthum der melodiösen Erfin
dung betrifft, gehört Massenet zu den von der Natur
stiefmütterlich bedachten Talenten. Er wirkt fast nur
durch Esprit und Geschicklichkeit, und wenn auch nicht be
hauptet sein soll, daß Massenet lediglich auf dem Wege be
wußter Reflexion schaffe, so trägt doch das Geschaffene
immer den Charakter des Reflectirten. Die Melodie strömt
nicht in breiter Fülle, der Rhythmus nicht in anhaltendem
starken Puls, Beides sickert behutsam, oft dürftig, meistens
künstelnd dahin, aus kleinen, feinen Zügen zusammensetzend,
was stärkere Talente mit Einem derben Strich hinstellen.
Ein kräftiger, freier Humor ist Massenet durchaus versagt;
die heitere Selbstbiographie Don Cäsar’s im ersten Acte
(„Partout, où l’on chante“) und das „Duo bouffe“ im
zweiten („Marié, fusillé“) sind vielleicht die schwächsten
Nummern der Oper. Auch für den Ausdruck leidenschaft
lichen Affects und tiefer Empfindung reicht Massenet’s zarte
Stimme nicht aus; Maritana’s Arie und die pathetischen
Stellen des Schlußterzetts beweisen es. Hingegen bringt er
auf einem mittleren Niveau der Empfindung, insbesondere
in kleinen Formen mitunter recht Zartes und Graziöses,
wie die „Ballade Arragonaise“ der Maritana zu Anfang
der Oper, die erste Romanze des Königs in F-moll, das
Madrigal Cäsar’s: „En tout, je vais placer, Madame“, das
Orchester-Vorspiel vor dem zweiten Act und Anderes. Dabei
besitzt der Componist die hoch zu schätzende Geschicklichkeit,
eine Scene oder Scenenreihe musikalisch gut aufzubauen und
abzurunden, wie er namentlich im zweiten Finale zeigt.
Nur möchten wir ihm das zu lange Ausspinnen und zu
häufige Wiederholen an sich unbedeutender Sätze vorwerfen,
zugleich dem Capellmeister der Komischen Oper noch weitere
Kürzungen der Partitur dringend anrathen.
Das Orchester behandelt Massenet meistentheils fein
und interessant; in den Ensembles führt allerdings das Blech
mitunter eine starke Sprache, aber den Einzelgesang drückt
es nirgends. Ueberhaupt entbehrt die Partitur keineswegs
jenes anziehenden, um nicht zu sagen versöhnenden Zuges
von Vornehmheit, welcher selbst schwächeren französischen
Talenten eigen zu sein pflegt und der glücklicherweise zu den
Traditionen der Opéra Comique gehört.
Zwei Tage nach dem sehr günstig aufgenommenen
„Don César de Bazan“ brachte die Komische Oper Auber’s
„Maurer und Schlosser“ („Le Maçon“) zur Auffüh
rung. Diese liebenswürdige Oper ist in Wien seit dem
Jahre 1853 nicht gehört worden, wo sie im Hofopernthea
ter (mit Frau Marlow, Fräulein Th. Schwarz, Herrn
Kraus und Herrn Hölzl in den Hauptrollen) einige gute
Vorstellungen erlebte. Auber’s „Maurer“ ist ein meisterhaft
gezeichnetes, mit behaglichstem Realismus ausgemaltes Genre
bild aus dem Pariser Kleinleben, in welchem sich die roman
haften Gestalten des heldenmüthigen Grafen und der ge
fangenen Griechin wirksam von der Handwerkergruppe ab
heben. Auber hat diesen von Scribe glücklich erfundenen
Stoff mit ebensoviel Liebe als Gelingen behandelt; die Per
sönlichkeit des Componisten steht hier zum erstenmale voll
und ganz vor uns. Die frischeste Melodie pulsirt durch diesen
Wechsel von ernsten und drolligen Scenen, ohne eine Spur
von Ermattung oder sich hinaufschraubender Anstrengung.
Allerdings fehlt noch die auserlesene Geschicklichkeit der spä
teren Auber’schen Opern, deren pikanterer Reiz und reichere
musikalische Ausstattung uns seither verwöhnt. Aber natür
liche Anmuth und Jugendfrische im „Maurer“ sind ent
zückend, sie lassen uns an das für eine komische Oper so hohe
Alter von beinahe fünfzig Jahren gar nicht denken.
Daß jenem großen Theil des Publicums, welcher den
„Maurer“ heute zum erstenmal hört, Text und Musik doch
gar zu einfach vorkommen mag, ist trotzdem begreiflich. In
der Komischen Oper schien eigentlich nur das Zankduett im
dritten Act recht durchzugreifen. Was die Aufführung für
diese Spieloper leisten kann und soll, wurde hier nicht in
vollem Umfang geleistet. Aufrichtiges Lob verdienen Fräu
lein Ida Jäger (deren nette kleine Stimme und hübsches
Spieltalent vom Carl-Theater her bekannt sind) als Hen
riette und Frau Franz in der Rolle der komischen Alten
Madame Bertrand. Ueber die anderen, uns noch völlig
fremden Darsteller möchten wir nicht vorschnell urtheilen.
Es genüge vorläufig, daß Herrn Hallego’s angenehme
Tenorstimme und hübscher, unaffectirter Vortrag einen guten
Eindruck machten; der schauspielerischen Aufgabe des Mau
rers im dritten Acte ist er noch nicht gewachsen. Den
Schlosser gab recht wirksam Herr Erdt, ein routinierter
Komiker mit ruinirter Stimme. Sehr anständig war Herr
Rosenberg als Leon de Merinville; in Tenorpartien, die
keine Anstrengung erfordern, dürfte er mit Vortheil ver
wendet werden. Fräulein Stein (Irma) besitzt eine frische,
wohlklingende Stimme, kann aber leider noch wenig singen
und gar nicht sprechen. Herr Humel, ein tüchtiger Capell
meister aus Lachner’s Schule, Tiroler von Geburt, dirigirte
die Oper mit Wärme und Umsicht. Die Aufführung von
„Don César“ war jener des „Maurers“ im Ganzen über
legen. Hier war der Darsteller des Don Cäsar, Her
many, nicht blos der Titelheld, sondern der wahre
Held des Abends; vortrefflich in Spiel und Gesang,
herzgewinnend durch seine liebenswürdige Persönlichkeit.
Herr Erl hatte als König Karl weniger Gelegenheit, sich aus
zuzeichnen; die zarten Stellen seiner Partie sang er sehr
ausdrucksvoll, im Spielen und Sprechen wird er hoffentlich
Fortschritte machen. Die Haltung eines Königs ließ Herr
Erl durchwegs vermissen, im letzten Act sogar jegliche Hal
tung. Herrn Müller’s kräftiger Baß machte sich in der
Partie des Don José vortheilhaft geltend — aber die ge
sprochene Prosa! Jedes Wort wie ein harter Thaler hin
gezählt! Von den beiden Frauenrollen war die weitaus be
deutendere, Maritana, in Händen von Fräulein Therese
Tremel, deren nicht kräftige, aber weiche, ausgeglichene
Sopranstimme tüchtig geschult und durch einen correcten, ge
schmackvollen, ja mitunter noblen Vortrag gehoben ist. Lei
der fehlte es an warmer lebhafter Schattirung, an Leiden
schaft und Temperament. Gesang und Spiel waren von
Anfang bis zu Ende anständig, blaß und blond, wie Fräu
lein Tremel selbst. Lazarillo — in Paris eine vorzügliche
Leistung der gefeierten Darstellerin der Mignon, Galli-
Marié — wurde hier von Fräulein Ohm ohne Erfolg
gesungen. Ihre Stimme trug zu deutlich die Spuren erst
kürzlich überstandener Krankheit, um ein strenges Urtheil
zuzulassen. Daß Fräulein Ohm den armen tapferen Straßen
jungen wie eine nervöse Comtesse spielte, in einem schmucken
Costüme von Sammt und Seide, Spitzen an Brust und
Händen, Brillantringe an den Fingern, das deutet gleichfalls
auf einen Mangel, wenn auch nicht an Stimme. Herr
Sucher, welcher die Oper sehr gut einstudirt hatte, wurde
nach der Ouvertüre lebhaft applaudirt. Wir kennen Herrn
Sucher als sehr talentvollen und tüchtig gebildeten Musiker —
wäre es nicht möglich, ihn mit der Zeit auch als ruhigeren
Dirigenten kennen zu lernen? Er tactirt, als wollte er mit
jeder Hand zehntausend Feinde niederschlagen.