Musik.
(Erstes Philharmonisches Concert. — Erstes Gesellschafts-Concert. — Pauline
Lucca
als
Zerline.)
Ed. H. „Und immer circulirt ein neues frisches
Blut!“ Unsere Concert-Dirigenten seufzen längst ungläubig,
citirt man ihnen das Wort Mephisto’s, das so gar nicht
passen will auf die musikalische Productivität unserer Zeit.
Mit welcher, meist schlecht gelohnten Mühe die Theater-
Directoren nach guten neuen Opern suchen, ist bekannt.
Aber im Concertsaale stehen die Dinge nicht viel besser.
Wir werden bald gar keine Novitäten mehr haben und
lediglich auf das Repertoire des „Bewährten“ angewiesen
sein — so hören wir die Leiter unserer großen Orchester-
Concerte seit Jahren klagen. Fast sind die wenigen Orchester
sachen von Brahms und Volkmann das einzige in
diesem Fach Hervorragende aus neuester Zeit. Brahms ist
seit zwanzig, Volkmann seit dreißig Jahren thätig — wo
bleibt der Nachwuchs? Wo circulirt ein neues frisches
Blut? Das sind trübe, umwölkte Aussichten, aber sie
machen jeden unerwartet durchbrechenden Lichtstrahl doppelt
willkommen. Mit aufrichtiger Freude begrüßen wir jeden
Neuen, der mit einer Orchester-Composition entschieden durch
dringt und eine fruchtbare Zukunft verspricht. Dies ist der
Fall mit Herrn Robert Fuchs, ehemaligen Zögling des
Wiener Conservatoriums und Componisten der im Phil
harmonischen Concert aufgeführten „Serenade für Streich
orchester“. Das Werk verräth ein echtes, anmuthiges,
musikalisch gesundes Talent. Es besteht aus fünf ziemlich
knappen, schön abgerundeten Sätzen und bewegt sich auf
jenem mittleren Niveau zarter, freundlicher Empfindung,
das dem Serenadenstyl entspricht. Bedeutend im Sinne
eines ungewöhnlichen Gedankengehaltes oder einer im
ponirenden Meisterschaft kann man die Novität nicht nennen;
doch schätzen wir sie in ihrer maßvoll harmonischen Be
schränkung höher als so viele Erstlingsproducte, die um
jeden Preis nur „bedeutend“ sein wollen. Weder durch ver
giftete Rhythmik, noch durch zweischneidige Harmonie sucht
Fuchs als Geistreicher zu kokettiren; auch macht er keine
Miene, Beethoven nachfliegen zu wollen, höchstens Volk
mann’s reizenden Serenaden. Die Composition fließt in
Einem Zug ohne bizarre Seitensprünge dahin und ist in
teressant, ohne aus dem Interessantsein ein Geschäft zu
machen. Jeder der fünf Sätze spricht warm und natürlich
aus, was gesagt werden sollte, und schließt, sobald der
Componist nichts mehr zu sagen hat. Fuchs ahmt keinen anderen
Componisten nach und hat doch offenbar von allen gelernt.
Von den einzelnen Sätzen gefiel am meisten der erste, ein
sehr melodiöses, zwischen Laune und Empfindung schweben
des Andante, dann das Allegro scherzando in B, in seiner
Fröhlichkeit und leichten Contrapunktik eine Art moderni
sirter Haydn. Im Verhältniß zu den früheren Sätzen
scheint mir nur das Finale etwas zu weit ausgesponnen.
Der Erfolg mochte wol die Erwartungen des bescheidenen
Componisten übertreffen, den hervorzurufen das Publicum
nicht müde wurde. Es ist zu wünschen, daß dieses schön
aufstrebende Talent in möglichst ungehemmter Schaffenslust
erhalten und durch irgend eine gesicherte Stellung über die
gemeine Noth des Lebens gehoben würde. Die übrigen Num
mern des ersten Philharmonischen Concerts waren Men
delssohn’sMelusina-Ouvertüre, Schumann’sOuver
türe zur „Braut von Messina“, endlich Beethoven’s
B-dur-Symphonie. Capellmeister Dessoff wurde demon
strativ mit anhaltendem Applaus begrüßt; war es doch be
kannt geworden, daß dieser Concert-Cyklus leider der letzte ist,
welchen Herr Dessoff vor seinem Abgang nach Karlsruhe hier
dirigirt. Mit aufrichtigem, lebhaftestem Bedauern sehen wir
Dessoff von Wien scheiden, wo er als Concertdirigent, als
Opern-Capellmeister, als Lehrer, endlich als eine Zierde der
besten Gesellschaftskreise schmerzlich vermißt werden wird.
Das erste Abonnements-Concert der Gesellschaft
der Musikfreunde begann mit einer Ouvertüre von
Rubinstein zu „Dimitri Donskoi“. Die Oper selbst ist
uns unbekannt, die Ouvertüre hätte es immerhin auch
bleiben können. Die Einleitung, ein düster brütendes
Adagio, scheint mit ihren ligirten Achtelfiguren etwas
Bedeutendes anzukündigen, beinahe etwas ganz bestimmtes
Bedeutendes, nämlich die „Egmont“-Ouverture: allein das
mehr an Mendelssohn erinnernde G-moll-Allegro in Sechs
viertel-Tact enttäuscht uns, es ist sehr breit, aber nichts
weniger als tief. Der Componist streckt und müht sich in
jeder Weise, doch will ihm absolut nichts Rechtes einfallen.
Viel erfreulicher wirkte eine bescheidene Novität von J.
Brahms, eigentlich ein lyrisches Kleeblatt: drei Lieder
für gemischten Chor (aus Op. 62). Man kennt die schlichte
Herzlichkeit des Ausdrucks, den klangvollen Vocalsatz, den
ans Volkslied anklingenden, mitunter etwas alterthümelnden
Ton, wodurch die Chorlieder von Brahms sich auszeichnen.
Für das schönste von den dreien erachten wir: „Dein Herz
lein mild“ (aus Paul Heyse’s Jungbrunnen); in der
„Waldesnacht“ ist der Aufschwung in die Octave bei dem
Ausruf: „O wie ist dein Rauschen süß!“ ein schöner und
wahrer Zug. Nicht in gleichem Maße befriedigte uns das
Liebeslied „Spazieren wollt’ ich reiten“, dessen Refrain
„Trab, trab“ sich in so hoher Lage nicht gut ausnimmt;
ein Chor von Sopranstimmen erschnappt nur schwer und
spitzig das kurz anzuschlagende hohe A in dieser Figur.
Nachdem sich Brahms in dem Concert als Dirigent und
Tondichter hervorgethan, glänzte er überdies noch als
Pianist mit dem Vortrag von Beethoven’s Es-dur-Concert.
„Glänzen“ ist eigentlich nicht das rechte Wort, denn wenn
seinem edlen, gediegen musikalischen Vortrag Eines abgeht,
so ist es eben der Glanz, jene selbstbewußte und selbstzu
friedene Kühnheit, mit der wir gerade den Concertspieler
gerne fröhlich dahinsprengen sehen. Brahms’ sinnige, mehr
nach Innen gekehrte Natur meidet Alles, was an blos
äußerlichen Effect, an Virtuosenthum mahnen könnte, und
geht in dieser Prunklosigkeit leicht etwas zu weit. Ungemein
schön spielt er das Adagio; in den Allegrosätzen vermißten
wir die kräftige Entschiedenheit der Bässe und den bril
lanten Schliff der Passagen. Brahms will immer nur die
Composition für sich sprechen lassen und drängt den Spieler
allzu bescheiden zurück. Den Schluß machte Berlioz’
Symphonie „Childe Harold“, die wir vor einigen Jahren
unter Herbeck’s Direction gehört. Ueberall und jeder
zeit hat von den vier Sätzen dieses Tongemäldes,
welches halb Symphonie, halb Viola-Concert, halb
Oper ohne Worte ist, nur der Pilgermarsch lebhaften
Anklang gefunden. Eines der geistreichsten, zugleich klarsten
und abgerundetsten Stücke von Berlioz, fesselt der Pilger
marsch insbesondere durch seine reizenden Klangeffecte; da
läßt man sich auch die sonderbare Rolle der Solo-Bratsche,
welche die Person des Harold darstellen soll, gefallen. Da
gegen wird eine ganze lange Symphonie hindurch dieses
unersättliche, aufdringliche Monopolisiren der Bratsche über
aus lästig, eine wahre musikalische Arroganz. Berlioz er
zählt in seinen Memoiren, daß der Wunsch Paganini’s,
Berlioz möchte für ihn ein Viola-Concert componiren, die
erste Anregung gab. Paganini erschrak aber bei dem Anblick
der vielen Pausen in der Violastimme, er wollte als Vir
tuose nicht so lange schweigen. So führte denn Berlioz,
ohne weitere Rücksicht auf Paganini, seine Symphonie aus,
deren Titel: „Childe Harold en Italie“, an das Gedicht
Byron’s anspielen sollte, während ihr Inhalt die italieni
schen Reise-Eindrücke des Componisten selbst illustrirte. Wie
in der „Phantastischen Symphonie“, sollte auch hier Ein
Hauptthema (die erste Melodie der Solo-Bratsche) sich durch
das Ganze wiederholen, nur mit dem Unterschiede, daß dort
die „double idée fixe“ in ganz fremdartigen Scenen als
unerwarteter Gegensatz auftaucht, während hier der Gesang
Harold’s sich zwar dem Orchester überordnet, aber ein
trächtig mit diesem fortgeht, ohne die Entwicklung zu unter
brechen. Ich weiß nicht, wie es Anderen ergeht mit dieser
Symphonie, mir erscheint sie mit jeder neuen Aufführung
dürftiger, gekünstelter, unmusikalischer, in ihrer melodischen
Armuth geradezu bemitleidenswerth. Als Berlioz im Jahre
1846 mit einer langen Reihe glänzender Concerte sich in Prag
und Wien einführte, da kam seine Musik wie ein feuriges Meteor
über uns. Sie war etwas so Ungeahntes, Blendendes, von
allem Gehörten so ganz Verschiedenes, daß sie den wehrlos
staunenden Hörer geradezu niederzwang: die Einen zu
schrankenloser Huldigung, zu tödtlichem Haß die Anderen.
Niemand blieb gleichgiltig, Niemand neutral. Nur eine ganz
ungewöhnliche Persönlichkeit konnte so wirken. Auch das
letzte Kennzeichen einer bedeutenden Kunsterscheinung blieb
nicht aus: daß sie zu Principienfragen Anlaß gibt. Die
tiefsten Controversen der Tonkunst, die Frage nach Form
und Inhalt derselben, nach den Grenzen ihres Reiches, nach
ihrem Verhältniß zur Dichtkunst und Malerei wurden durch
Berlioz aufgewühlt, an Berlioz die ererbten Gesetze der
Aesthetik neu geprüft und gemessen. Wer nur zum ersten
mal dieser Musik lauschte, naiv oder reflectirend, gerieth in
gährende Bewegung. Diese Gährung hatte seither Zeit, sich
zu klären. Wenn auch nicht ganz, so ist doch zum großen
Theil das Befremdende der Berlioz’schen Musik zurück
getreten. Eine Richtung der Musik, wesentlich durch Berlioz
selbst, wenngleich ohne seinen Wunsch hervorgerufen, gewann
Raum und wurde von einer compacten Gruppe jüngerer Ton
dichter mit großer Consequenz verfolgt. Es erschienen
Wagner, Liszt und die vielen kleineren Leute der Weimar’schen
Schule. Die Tendenz der Berlioz’schen Musik ist uns somit
durch verwandte Bestrebungen näher gerückt, während der
Meister selbst mit seiner geistvollen fesselnden Persönlichkeit
in objectivere Ferne zurückwich. Robert Schumann, der
bekanntlich bei der ersten Bekanntschaft mit Berlioz’ Werken
in Enthusiasmus gerieth, ja ihnen in Deutschland den Boden
bereitete, er hat in späteren Jahren sehr kühl, fast ablehnend
von seinem einstigen Liebling gesprochen. Auch das Publicum
des ersten Gesellschafts-Concertes nahm die Harold-
Symphonie, mit Ausnahme des Pilgermarsches, ziemlich
gleichgiltig auf. Es ist eine mühselige Musik voll krampf
hafter Anstrengung, ein höchst dürftiger musikalischer Kern
mit dem glänzendsten orchestralen Purpur bekleidet. Der
Harold-Symphonie fehlen jene Klänge tiefer Wehmuth und
süßer Zärtlichkeit, welche in anderen Werken Berlioz’
(„Scène aux champs“ in der Phantastischen Symphonie,
Liebesscene in „Romeo und Julie“) so mächtig ergreifen.
Das Finale (Orgie der Räuber) ist ein wahres Kirchweih
fest des Häßlichen und Rohen, die „Walpurgisnacht“ der
Symphonie fantastique ins Menschliche übersetzt, wenn
man solche Unmenschen, wie die sich auf gut Berliozisch
freuenden Banditen, noch mit diesem Titel beehren darf. —
Concertmeister Hellmesberger excellirte im Vortrag
des Bratschen-Solos.
In der Komischen Oper hat Frau Pauline Lucca,
königlich preußische Kammersängerin, ihr Gastspiel als Zer
line in „Don Juan“ eröffnet. Vorerst unser Compliment
an Herrn Hasemann, dessen Thätigkeit es gelungen ist,
für sein kaum eröffnetes Theater die Lucca zu gewinnen,
nach deren Besuch man sich im Hofoperntheater seit Jahren
vergeblich sehnt. Pauline Lucca gilt gegenwärtig für die erste
deutsche Gesangs-Celebrität; als Wiener Kind, das seine
Anfänge im Kärntnerthor-Theater gemacht, übt sie auf unser
Publicum eine doppelte Anziehungskraft. Ich bewahre als
Curiosität eine alte „Freischütz“-Kritik vom Jahre 1858,
welche mit der bescheidenen Interpellation schließt, ob denn
die Direction nicht versuchen möchte, die stimmbegabte und
anmuthige Sängerin des Brautjungfernliedes, Fräulein Lucca,
einmal mit einer etwas größeren Partie zu betrauen? Meine
Interpellation blieb ebenso unbeachtet wie das flehentliche
Bitten der jungen Sängerin, deren Stimme dem damaligen
Director nicht stark genug schien. Fräulein Lucca wäre da
mals für eine Gage von sechshundert Gulden am Hofopern
theater geblieben; man wollte sie nicht, und so nahm sie ein
Engagement in Olmütz an, um gleich darauf nach Prag zu
avanciren. Hier machte die Lucca — vor einigen Monaten
noch Brautjungfer im „Freischütz“ und zweiter Genius in
der „Zauberflöte“ — Furore als Norma und wurde sofort
von Herrn v. Hülsen, der ihretwegen nach Prag gereist war,
als Primadonna für die Berliner Hofoper gewonnen. Es ist
nicht das erste Talent, welches dieser Intendant aus dem
Dunkel emporgezogen hat; hegt er doch die richtige Ueber
zeugung, daß der Director einer großen Opernbühne ebenso
viel Zeit im Eisenbahnwaggon als vor dem Schreibtisch zu
bringen müsse. Bei uns hat man, mit Ausnahme der Bet
telheim, keine einzige bedeutende junge Sängerin für Wien
zu erhalten gewußt, und wenn einmal Schritte gethan wur
den, um noch unberühmte, aber glänzende Gesangstalent für
das Hofoperntheater zu gewinnen, so waren fremde Inten
danten uns längst zuvorgekommen.
Frau Lucca hat in der Komischen Oper als Zerline
großen Beifall geerntet und wäre mit einer anderen An
trittsrolle wol noch kräftiger durchgedrungen. Zerline ist
eine Episodenrolle und mehr auf feines Detail als auf
schlagende Wirkung angelegt. Frau Lucca verrieth gleich in
den ersten Scenen die geniale dramatische Künstlerin, die
unbekümmert um blos Conventionelles, jede Rolle aus sich
heraus schafft. Ein kräftiger Realismus beherrschte ihre
ganze Leistung, welche vom dramatischen Gesichtspunkte noch
bedeutender war, als vom rein musikalischen. Die psycholo
gische Feinheit, mit welcher sie in dem ersten Duett mit
Don Juan den Uebergang vom Widerstreben zur Bereit
willigkeit, ihm zu folgen, zeichnete, war bewunderungswürdig.
Man erwäge nur, wie wenig Zeit Mozart seiner Zerline
dazu gönnt! Offenbar im Interesse dieses Details nahm
Frau Lucca das Tempo ziemlich langsam, wie sie denn
überhaupt das Zeitmaß und den Rhythmus etwas frei be
handelt. Auch ihre erste Arie („Batti, batti“) war mit
reizender Natürlichkeit gespielt und gesungen. Weniger be
friedigte uns die zweite Arie in C-dur, deren Schlußtacte
sie zu stark und heroisch vorträgt. Das Bestreben,
durch vollen und großen Ton zu wirken, schien uns über
haupt in der ganzen Rolle bemerkbar, der Vortrag bekam
dadurch mitunter etwas Schwerflüssiges, Nachdrückliches, das
in anderen Partien von besserer Wirkung sein dürfte. Uebri
gens hat Frau Lucca gerade mit der zweiten Arie das
Publicum am meisten enthusiasmirt; sie mußte dieselbe nach
anhaltendem Applaus und vielen Hervorrufen wiederholen.
Frau Lucca ist uns in ihrer anmuthigen Persönlichkeit
fast unverändert erschienen; die Stimme hat zwar den
einstigen jugendlichen Schmelz, aber nicht die Kraft und
Fülle eingebüßt. Die Fortsetzung ihres Gastspiels wird uns
willkommene Gelegenheit geben, eingehender, als es nach
dieser ersten Rolle möglich war, über Frau Lucca zu
sprechen. Es ist bekanntlich das letzte Gastspiel, das die be
rühmte Sängerin vor ihrem gänzlichen Rücktritt ins Privat
leben unternimmt. — Die Aufführung des „Don Juan“
in der Komischen Oper fiel sehr anständig aus und übertraf,
mit Rücksicht auf die Schwierigkeit der Aufgabe, unsere Er
wartungen. Geradezu ungenügend können wir nur die Doña
Elvira nennen, müssen hingegen der Leistungen des Fräu
leins Fröhlich (Doña Anna), dann der Herrn Erl,
Fischer, Hermany und Müller anerkennend ge
denken.