Oper.
(Frau
Lucca in der Komischen Oper. —
Gluck’s „
Iphigenia in Aulis“. — Die
neue Theaterverordnung.)
Ed. H. Wer die Lucca als Frau Fluth in den
„Lustigen Weibern von Windsor“ gehört, der kennt ihr
Talent vielleicht von der eigenthümlichsten und anmuthigsten
Seite. Zwar genießt sie keines geringeren Ruhmes in tra
gischen Partien, legt auch wol größeren Werth darauf.
Uns fehlt hier leider mit der Gelegenheit, sie in solchen hoch
dramatischen Aufgaben zu sehen, auch jegliches Recht, das
Lob dieser Künstlerin danach abzustufen; ihre Frau Fluth
wirkte aber so unmittelbar überzeugend, daß wir glauben
müssen, es quillen gerade solche Lustspielrollen aus ihrer
innersten Natur und repräsentiren ihre reizendste Eigenthüm
lichkeit. Diese Frau Fluth ist im Grunde recht unbedeutend,
dramatisch wie musikalisch. Welches Leben ein geniales Na
turell einer solchen Rolle einzuströmen vermag, und durch
diese Rolle dem ganzen Stück, das zeigte uns Frau Lucca.
Sie hat einen Reichthum von neuen Zügen hineingelegt
oder herauserfunden, Alles kommt aber so ungesucht und
selbstverständlich, als könnte das gar nicht anders gespielt
werden. Das ist der Segen der Ursprünglichkeit, des erfin
derischen Talentes in einer starken Natur, die ihren sicheren
künstlerischen Instinct gewähren lassen darf. In der voll
kommenen Natürlichkeit der Rede, die selbst den Anstrich
des Nachlässigen, Hausbackenen nicht scheut, wo er hingehört,
in der ganz eigenartigen Verschmelzung von kindlichem und
herbem Ausdruck erinnert Frau Lucca an Hedwig Raabe.
Aber auch der Gatte dieser unvergeßlichen Margarethe in
den „Hagestolzen“ kam uns in den Sinn, denn nur bei
Niemann haben wir jenes vollendete Durchdringen von
Wort und Ton im Gesange wahrgenommen, das dem Vor
trag der Lucca den eminent dramatischen Charakter aufprägt.
Diese Kunst offenbarte sich am auffallendsten an ihrem ersten
Duett in der Betonung, mit welcher sie Falstaff’s Brief vorliest.
Mit dem Aufzählen von Details würden wir kaum fertig
und vermöchten doch dem Leser keine deutliche Vorstellung
von dem zu geben, was, an sich unscheinbar, doch an rechter
Stelle so unvergleichlich trifft. Sollen wir erzählen, wie
drollig Frau Lucca ihre Stickerei handhabt, mit raschen,
riesenhaften Stichen, wie sie nur der Zorn führt? Oder von
dem ironischen Liebesbekenntniß, das sie für Falstaff’s Be
such sich einstudirt? Oder endlich von ihrer Meisterschaft im
Lachen und im Weinen, das grundverschieden von den übli
chen Theaterlauten mit voller Naturgewalt wirkt? Lauter
köstliche Einzelheiten, aber auch mehr als bloße Einzelheiten.
Sie waren organisch zusammengehalten durch den einheit
lichen Charakter dieser resoluten, bei aller Lustigkeit ehrbaren
Frau Fluth. So stark auch die Rolle angefaßt war, mahnte
sie doch nirgends an eine Koketterie oder selbstgefällige Naive
tät, die hier so nahe liegt. Die Frau Fluth der Lucca hatte
im Gegentheil einen Ton von Wahrheit, dessengleichen man
höchst selten in der Oper hört. Gemüth kann man in dieser Rolle
nicht zeigen, und deßhalb hat wol die Künstlerin ein sentimentales
Bänkel, „Mein Lied“, von Gumbert (dem Berliner Proch)
eingelegt, das trotz seiner Banalität nicht vergeblich an die
Gemüthlichkeit des Hörers appellirt. Frau Lucca sang es mit
so wahrer, voll ausströmender Empfindung, daß kaum Jemand
davon ungerührt blieb. In engerem Kreise, am Clavier,
wäre diese Art, ein Lied vorzutragen, jedenfalls zu nachdrück
lich, zu dramatisch; aber es ist ein Unterschied, wo und in
welcher Umgebung man ein Stück vorträgt. Auf der Bühne,
in einen wenn auch noch so lockeren dramatischen Zusammen
hang verlegt, hat uns diese Vortragsweise nichts Anstößiges;
pflegt doch auch das Czarenlied in Lortzing’s Oper u. dgl.
mit breiterem, kräftigerem Pinsel gemalt zu werden, als ein
Strophenlied sonst verträgt. Die Herzenstöne, welche Frau
Lucca hier aus voller Brust ausströmte, lassen vermuthen,
welch große Wirkungen sie in Rollen wie Mignon oder Gret
chen erreichen mag.
Neben der Lucca traten die übrigen Darsteller in
ziemlich bescheidene Stellung, doch gelang die Vorstellung
im Großen und Ganzen glücklich. Durchaus lobenswerth
gab Herr Fischer den Falstaff; er hatte schon jüngst als
Leporello den tüchtigen, correcten Sänger und gewandten,
nirgends übertreibenden Schauspieler bewährt, dem nur eine
kräftigere Komik abgeht. Fräulein Zell (Frau Page) ent
wickelte recht hübsche Stimm-Mittel für das komische Genre
ist ihre etwas larmoyante Persönlichkeit freilich wenig geeignet.
Der Darsteller des Herrn Fluth, Hermany, ließ es nur
an Energie des Ausdrucks fehlen; die Sicherheit und Uner
müdlichkeit, mit welcher dieser angenehme Sänger nach
einander so viele neue Rollen leistet, verdient ausdrückliche
Anerkennung. Den Liebhaber Fenton sang Herr Rosen
berg, dessen feines Tenorstimmchen von der Liebe zur
„süßen Anna“ vollständig aufgelöst schien; ein singender
Mondstrahl aus dem letzten Viertel. Fräulein Deichmann
(Anna) und die Darsteller der kleineren Rollen waren ganz
annehmbar. Das Tempo der ganzen Vorstellung floß etwas
langsam, nicht nur im Dialog, auch in der Musik. Falstaff’s
Trinklied, ohnehin sehr schwerfällig componirt, paßte zu
einem Leichenschmaus, und als hierauf der betrunkene
Schneider wirklich unter Trauergesängen auf einem Brett
herumgetragen wurde, war die Täuschung vollständig. Das
Hofoperntheater hat diese Begräbniß-Parodie im „Wirthshaus
zum Hosenband“ mit Recht beseitigt; bei so trübseliger musi
kalischer Behandlung eines Spasses hört der Spaß auf.
Auch das Duett: „Wie freu’ ich mich“ erhielt durch zu
langsames Tempo eine ungehörige Gravität. Hingegen ging
die feine Zeichnung der Ouvertüre in dem schnellen
Zeitmaß und einem maßlosen Forte der Blech-Instrumente
beinahe verloren. Daß Herr Sucher außerordentliche
Energie entwickelt und unter ihm das Orchester der Komi
schen Oper zu merklichem Fortschritt gediehen ist, habe ich
jüngst hervorgehoben und wiederhole es gern. Empfindlich
störend ist der Mißbrauch, der in diesem Theater mit dem
sogenannten Zwischenvorhang getrieben wird und im „Don
Juan“ so weit getrieben wurde, daß der erste Aufzug in
nicht weniger als vier Acte zerfiel. Und da soll man in der
Stimmung bleiben! Durch eine Reihe von Jahren eifere ich
gelegentlich des periodischen Patti-Gastspiels an der Wien
gegen diese Barbarei, welche nun in der Komischen Oper
eine so wuchernde Fortbildung findet. Es scheint, daß auch
in der Bühnenpraxis gewisse Wahrheiten regelmäßig auf
taube Ohren stoßen und unermüdlich wiederholt werden
müssen. Vielleicht nützt es, wenn ich hier einer ersten Auto
rität in Theatersachen das Wort abtrete und das Urtheil
Heinrich Laube’s citire. „Der Zwischenvorhang,“ sagt
Laube in seiner Geschichte des norddeutschen Theaters, „mag
für grobe Stücke, für sogenannte Bilder und Tableaustücke
vortheilhaft sein. Für ein wirkliches Drama zerstört er die
organische Folge im Geiste des Zuschauers, wirkt er wie ein
Actschluß und zerstückt somit den Act. Er ist die blanke Zer
streuung und wirkt auflösend. Es ist wahr, das Abräumen
bei offener Scene ist auch eine Störung, und wenn es nicht
prompt erfolgt, eine lästige Störung. Aber es ist keine Zer
störung. Unser Geist bleibt bei der Sache, er spannt nicht
aus. Was da oben äußerlich vorgeht mit der Scene, das
ist, wir wissen es, eben nur ein äußerliches Geschäft, eine
Convenienz, an welche wir gewöhnt sind. Der Zwischenvor
hang ist ein Abschluß, und zwar ein Abschluß da, wo keiner
sein soll. Er ist ein künstlerischer Fehler. Von den unzähligen
Acten gar nicht zu reden, die uns verwirrend über den Hals
kommen mit dieser häufigen Sceneschließung — eine Ver
wirrung, welche unruhig macht, ungeduldig, und welche ganz
positiv die Langweile herbeiruft.“
Gluck’s „Iphigenia in Aulis“, welche wir zuletzt
vor sieben Jahren im alten Kärntnerthor-Theater gehört,
schritt Samstag zum erstenmal über die Bretter des neuen
Opernhauses. Es verdient alle Anerkennung, daß endlich
eine Abwechslung in das stagnirende Repertoire gebracht
worden ist, aber lange wird diese Abwechslung gerade durch
„Iphigenia in Aulis“ nicht vorhalten. Ich habe bereits
vor Jahren an dieser Stelle versucht, nicht blos die histo
rische und ästhetische Bedeutung der Gluck’schen Oper, son
dern auch die Gründe darzulegen, warum sie heutzutage
auf eine allgemeine und nachhaltige Wirkung nicht hoffen
kann. Wir sind durch Mozart — um von Beethoven,
Weber und den Neueren gar nicht zu sprechen — an so
lebensvolle, kräftige Farben in der Oper gewöhnt, daß der
Anblick des weißen Marmors uns nur als höchst seltene
Ausnahme und unter starker Mithilfe historischen Interesses
zu befriedigen vermag. Zwischen der „Iphigenia in Aulis“
und dem dreizehn Jahre später componirten „Don Juan“
liegt eine Kluft, über die wir kaum mehr hinweg können.
Die Musik Gluck’s ist so dramatisch, als sie mit den be
scheidenen Mitteln der vor-mozart’schen Technik und einer
ziemlich spröden melodischen Erfindungskraft, wie die Gluck’s,
nur sein kann. Sie ist wahr, vornehm, erhaben, aber für
unsere Zeit zu reizlos, zu monoton. Selbst in der einsichts
voll nachhelfenden Bearbeitung von Richard Wagner
(von dem zwei der schönsten Stellen herrühren: der Abschied
Iphigenia’s im zweiten Act und der Schluß der Oper) ver
mochte das Werk am 21. d. M. keine lebhafte Theilnahme zu
wecken. Nur nach der großen Scene und Arie Beck’s (Aga
memnon) ging eine wärmere Bewegung durch das Haus. Die
meisterhafte Leistung Beck’s haben wir seinerzeit eingehend
gewürdigt; sie hat nicht nachgedunkelt und nur so viel an
Wirkung verloren, als überhaupt Einzelleistungen durch das
neue Haus und die weitere Entfernung des Sängers vom
Zuhörer im Vergleich mit dem alten Operntheater einbüßen.
Wie günstig die räumliche Nähe der Darsteller wirkt, konnte
man an der letzten „Don Juan“-Vorstellung in der Komischen
Oper studiren. Aus der früheren Besetzung der „Iphigenia“
war außer Beck nur Frau Dustmann (Klytämnestra)
verblieben, deren dramatisches Feuer noch mächtig fortreißt,
obgleich die Stimm-Mittel nicht mehr gleichen Schritt halten
mit ihren künstlerischen Intentionen. Fräulein Dillner
bringt für die Iphigenia eine vornehme Bühnen-Erscheinung
und angeborenen Sinn für das künstlerisch Wohlanständige,
Harmonische mit; großen Effect konnte die geschätzte Sän
gerin mit der Rolle ebensowenig erzielen, wie Herr Labatt
mit dem Achill, eine Aufgabe, die er übrigens mit rühm
lichen Angebot alle Kräfte durchführte. Die kleineren Rollen
waren von den Herrn Scaria, Hablawetz, Lay und
Frau Pastet sorgfältig gegeben. Auch die würdige Sceni
rung, welche namentlich in der Opferscene des letzten Actes
ein malerisches Bild darbot, verdient alle Anerkennung.
Eine neue Sitte macht sich jetzt vortheilhaft geltend im
Hofoperntheater, eigentlich die Aufhebung einer alten Un
sitte: des Hervorrufes der Darsteller bei offener Scene.
Dieses noch unter Salvi und Esser streng gehandhabte weise
Verbot war niemals ausdrücklich aufgehoben, aber Dingel
stedt, ließ es gleich bei seinem Amtsantritte einschlafen.
Damit hat dieser Director, dem das Hofoperntheater zahl
reiche treffliche Scenirungen und eine lebhafte geistige
Anregung verdankte, zwar den Sängern geschmeichelt,
aber der Kunst selbst einen schlechten Dienst erwiesen.
Jene alte Theatervorschrift, welche den Hervorruf bei offener
Scene, das Wiederholen von Musikstücken u. dgl. untersagt,
kann nur demjenigen unwichtig vorkommen, der keinen Sinn
und keine Pietät für den Zusammenhang eines dramatischen
Kunstwerkes hat. Gibt es etwas Störenderes, als wenn die
tragische Heldin, die im Wahnsinn davonstürzt oder gar
todt weggeschleppt wird, sofort bei offener Scene, also mitten
in der Handlung, auf den Applaus des Publicums lächelnd
und kniend wieder aus der Coulisse tritt, in zahllosen Ver
beugungen alle mimischen Kunststücke eitler Bescheidenheit
abspielt und zum Ueberfluß auch noch eine Schicht Blumen
und Kränze vom Boden aussammelt? Noch schlimmer, wenn
der Jubel nach einem Duett oder Terzett losgeht. Da er
scheint der eine Sänger, bedankt sich, sucht mit bescheidenen
Blicken den andern, winkt, geht in die Coulisse und bringt
endlich den andern, noch bescheideneren Zauderer an der
Hand heraus. Nun bedanken sich Beide; das Publicum
klatscht von neuem, der Capellmeister läßt den erhobenen
Tactirstab von neuem fallen, und der Zusammenhang des
Stückes wie die Stimmung des aufmerksamen Hörers sind
geopfert. Bei Sontheim’s Gastspiel erschallte mitunter von
den Galerien auch ein enthusiastisches: „Bis, bis, da capo!“
Seit mehr als einem Decennium hatte man diesen hungeri
gen Ruf gottlob nicht gehört. Nachdem aber die Zuschauer
wahrgenommen hatten, daß dem Hervorrufe bei offener
Scene trotz des Verbotes ungenirt Folge geleistet werde,
usurpirten sie sofort auch das Recht, beliebige Stücke da capo
zu verlangen. Man sieht an diesem Beispiel, in wie kurzer
Zeit eine laxe Handhabung der Theater-Disciplin den fatalsten
Einfluß ausübt; nicht blos auf die Sänger, deren mühsam
eingedämmte „Erscheinungssucht“ gleich außer Rand und
Band geräth, sondern noch mehr auf das Publicum, das
ohnehin so geneigt ist, das Kunstwerk über dem Künstler zu
vergessen. Director Herbeck hat die alten Verordnungen
wieder in Kraft gesetzt, durch eine Anzahl neuer Paragraphe
vermehrt und bereits vor längerer Zeit der General-Inten
danz zur hohen Genehmigung vorgelegt. Dort lagen sie so
lange, bis der General-Intendant in Pension ging, aus dessen
Schreibtisch sie nunmehr eine fröhliche Auferstehung feiern.
Es ist keine Pedanterie, Gewicht zu legen auf eine Theater-
Disciplin, welche nicht der Ausdruck einer willkürlichen
Etikette, sondern der Achtung vor der Integrität des Kunst
werkes ist. Das Wiener Burgtheater ist ein wahres Muster
in dieser Hinsicht; es geht in seiner strengen Decenz sogar
zu weit, indem es den Schauspielern nicht einmal nach dem
Actschluß erlaubt, vor dem Publicum zu erscheinen. Laube
folgte anfangs diesem Beispiele im Wiener Stadttheater,
ließ aber später doch von diesem drakonischen Verbot ab,
welches den Schauspieler verdrießlich macht und vollends für
Tenoristen und Primadonnen leicht tödtliche Folgen haben
könnte. Im Burgtheater herrscht eine eigenthümlich wohl
thuende Atmosphäre von Anstand und Mäßigung, Zuschauer
und Künstler sind durch eine lange Lehrzeit dazu erzogen
worden und bedürfen nicht lärmender Demonstrationen.
Man weiß dort auch ohne Hervorruf, wer die Lieblinge des
Publicums sind, und ein herzlicher, leicht vorüberrauschender
Applaus wiegt dort schwerer als der schwerste Kranz im
Operntheater. „Es gibt doch kein besseres Zeichen eines
tüchtigen Kopfes, als eine schwere Hand!“ so sagt bei
Shakspeare ein — Lohgärber.