Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 3706. Wien, Samstag, den 19. December 1874 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Sanz-Lázaro, Fernando Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2025

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 3706. Wien, Samstag, den 19. December 1874 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Wien 19.12.1874
font-style:italic; font-weight:bold; Deutsch Transkribus OCR und Lektorat. Transformierung der Daten des Transkribus TEI-Export mit "editions.xsl". Formatierung und Referenzen eingefügt. Letztkorrektur für Zwischenrelease.
Musik. (Hofoperntheater. — Concerte. — Musikalische Literatur.)

Ed. H. Pauline Lucca ist von der Komischen Oper mit einem kurzen Gastspiel in das Hofoperntheater über siedelt. Sie hat daselbst die Margarethe von Gounod und die Afrikanerin von Meyerbeer gesungen, zwei Rollen, deren überaus glänzende Aufnahme wir bereits in Kürze gemeldet haben. Es waren bedeutende Leistungen, groß angelegt, geist reich ausgeführt, Alles bis in den kleinsten Zug durchdacht und vortrefflich gemacht. Manchmal schien mir das Durch dachte und Gemachte sogar allzu stark vorzuschlagen. Ich kann nicht leugnen, daß mich Frau Lucca in dem kleineren Rahmen der Komischen Oper noch vollständiger befriedigte, in hei teren Rollen herzlicher erfreute. Noch unbekannt mit ihren tragischen Partien, sprach ich bei Gelegenheit der „Lustigen Weiber“ die Vermuthung aus, Frau Fluth repräsentire allem Anscheine nach die frischeste und eigenthümlichste Seite des Talentes von Frau Lucca. Ihre Zerline und Angela leuchteten als Strahlenbrechungen desselben Lichtes. Im tragischen Fach entfaltet Pauline Lucca mehr ihre Kunst, im heiteren mehr ihre Natur. Letztere begegnet in der Großen Oper doch einigen kleinen Hemmungen. Ganz abge sehen von ihrer nur mittelgroßen Gestalt, welche eine Zerline getreuer repräsentirt als eine Selica, hat das Organ der Lucca in Rollen wie diese einen großen Kraftaufwand zu bestreiten. Die Stimme dringt zwar überall kräftig durch, mit ihr aber zugleich ein Zug von Anstrengung, welcher die hohen Töne von G aufwärts im Forte häufig schrill er scheinen läßt. In der Komischen Oper theilten sich das kleine Haus und die heitere Gattung in das Verdienst, solche Anstrengung nicht zu veranlassen. Ferner findet die Neigung der Frau Lucca zu breiter, nachdrücklicher Behand lung der Phrase und Verzögerung des Zeitmaßes ein weites Feld gerade in den Aufgaben der seriösen Oper.

Dadurch geräth manche Stelle ins Schleppende und Forcirt- Pathetische. Man erinnere sich an ihre auffallend langsamen Tempi in dem Duett mit Faust, in den sentimentalen Melodien der Selica, namentlich im fünften Act. Die Auf fassung der Selica durch Frau Lucca gilt freilich für eine Art authentischer Interpretation, da sie die Partie mit Meyerbeer selbst studirte, trotzdem darf und muß die Kritik auf den Urtext zurückgehen. Interessant und anregend wirken alle Scenen dieser geistvollen Künstlerin in der Afrikanerin“, wie im „Faust“. Jedes Detail ist bis zur Beugung des kleinen Fingers durchdacht, studirt, unab änderlich festgestellt; etwas von dieser absoluten Sicherheit gäbe man mitunter gerne hin für eine kleine Inspiration des Zufalls, für den Reiz des Unbewußten. Ob ihre Selica, ob ihr Gretchen den Vorzug verdiene? Die Meinungen dürften getheilt sein. Gretchen wirkt insofern stärker und ge fälliger, als die Rolle seelenvoller, überzeugender, musikalisch reiner ist, als die Afrikanerin. Die Gretchen-Rolle ist so dankbar, daß sie es im höheren Sinne bereits zu sein auf hört; es besitzt nämlich jede Stadt und jedes Städtchen seine Lieblings-Margarethe, welche dort für unübertrefflich gilt. Kommt nun eine fremde berühmte Künstlerin, so findet sie gerade als Margarethe die größte Schwierigkeit, den ein heimischen Liebling zu verdunkeln. Auch auf mich hat Frau Ehnn mit ihrer üppigen, warmen Stimme und ihrer lei denschaftlichen Innigkeit in den Liebesscenen des dritten Actes tieferen Eindruck hervorgebracht, als die Lucca, deren Vor trag hier, bei aller Kunst, durch eine gewisse Kühle und Ueberlegenheit befremdete. Hingegen intonirt Frau Lucca, zur besonderen Freude des Musikers, immer rein und richtig, was man bekanntlich von Frau Ehnn nicht behaupten kann.

Unübertrefflich wahr und einfach gibt die Lucca die erste Begegnung mit Faust, die so häufig zu gezierten Minau derien mit endlosem Sitzenbleiben auf „ungeleitet“, u. s. w. mißbraucht wird. Ebenso schlicht und schön klingt aus ihrem Munde das Lied vom König von Thule. Den Glanzpunkt dramatischer Wirkung erreicht die Lucca in

der Domscene; die folternde Seelenqual des betenden Gretchen kann nicht ergreifender gemalt werden. Nur den schneidenden Aufschrei, mit dem die Lucca plötzlich niederstürzt, hätte ich lieber weggewünscht. Er ist allerdings in der Rolle vorgeschrieben (nicht bei Goethe, aber bei Gounod) und soll wol das Anbrechen des Wahnsinnes be zeichnen; der Eindruck bleibt trotzdem nur der eines grellen Theater-Effectes. Meisterhaft spielt sie die Wahnsinnsscene im Kerker. Die dramatischen Funken und Blitze der Selica können gar nicht aufgezählt werden; häufig gab es auch ein Leuchten ohne die rechte innere Wärme. Am hervor ragendsten war das Spiel der Lucca mit Nelusco im Kerker und mit Vasco im vierten Act. Zu Anfang des fünften Actes hat Frau Lucca die schöne Cantilene in C-dur: „Du Tempel, reich und herrlich“, wieder restituirt, welche hier in der Regel weggelassen wird. — Wir freuen uns der Nach richt, daß Frau Lucca nach Neujahr ihr Gastspiel am Hof operntheater fortsetzen will.

Das erste Concert des Wiener Männergesang- Vereins begann mit der Schiller’schen „Dithyrambevon Julius Rietz. Sie ist oder wird allmälig ein Armuths zeugniß für diesen Zweig der Musik-Literatur. Denn es muß an einem empfindlichen Mangel neuer größerer Chorwerke liegen, daß diese mit geschickter Hand, aber lahmer Phan tasie gemachte Capellmeister-Seeschlange, ein Dithyrambus der bürgerlichen Correctheit, immer wieder hervorgesucht wird. Neu war darin das Auftreten des tüchtigen Violin spielers und Orchestermitgliedes W. Junk als Solo-Tenor. Zu seinem hübschen blonden Tenoristenkopf paßt vollständig diese empfindsame, angenehme Stimme, welche nur mit Kraftäußerungen in hoher Lage haushälterisch vorgehen muß. Das Baßsolo sang anstatt des erkrankten Herrn Krauß Herr Dr. v. Raindl mit würdigem Ausdruck. Zur ersten Aufführung gelangte F. Hiller’s93. Psalm. Die erste Abtheilung klingt ziemlich salbungsvoll im herkömmlichen Mendelssohn’schen Psalmenstyl; in der zweiten jedoch geben die „brausenden Wasserströme“ dem Componisten

Anlaß zu einer grandiosen Tonmalerei, welche den geistreichen Tondichter im effectvollsten Lichte zeigt. Als posthume Novität erschienen schließlich drei Chöre mit Or chester-Begleitung aus dem Melodram „Die Zauberharfevon Franz Schubert. Die 1820 für das Theater an der Wien componirte „Zauberharfe“ gehört zu den vielen rasch verschollenen Bühnenmusiken, welche Schubert mit so beneidenswerther Frische und Leichtigkeit aufs Papier warf. Echt Schubert’scher, durchaus lyrischer Ton herrscht darin, jugendliches Blut, sinnlicher Klangreiz, bequeme Sorglosig keit. Aber für Schubert wollen diese Chöre nicht viel be deuten; er hat nur geringen Aufwand an Kunst und Er findungskraft darauf verwendet und in populärem Ausdruck sich allzu gefällig zum großen Theater-Publicum herabgelassen. Das gilt besonders von den beiden Chören der (offenbar in Niederösterreich, nicht in der Provence geborenen) Trou badours; die kleinen Coloraturen, welche der Tenor in dem Vers: „Die verdiente Lorbeerkrone reicht ihm der Schönheit Hand“ auf „Lorbeerkrone“ und „ihm“ ausführt, klingen doch gar zu zopfig. Weit poetischer wirkt der für Frauen stimmen gesetzte „Chor der Genien“, eine süße Schlummer melodie, welche sich auf breiten Harfen-Arpeggien tonselig wiegt. Aus gastlicher Gefälligkeit trug Fräulein Gabriele Krauß (früher Mitglied der Wiener, jetzt der Pariser Oper) drei Solonummern vor: zwei Lieder von Schu mann und Kirchner, von deren Text es schlechterdings unmöglich war, ein Wort zu verstehen, dann die große E-dur-Arie aus „Fidelio“, in welcher sich wenigstens die routinirte und musikalisch feste Bühnensängerin erproben konnte. Leider ist die Stimme von Fräulein Krauß seit ihrem Abgang von Wien noch klangloser und zitternder gewor den. Ihr fortwährendes heftiges Tremoliren wirkt geradezu un angenehm, und wir können einem unserer Collegen nicht Unrecht geben, wenn er die Töne der Krauß „Klanggespenster“ nennt. Daß man übrigens in Fräulein Krauß die Wienerin und den Gast ehrte und mit Beifall überschüttete, versteht sich von fest. Nur sollen die Herrn von Männergesang-

Verein, welche die stärkste Klatscherlegion bildeten, nicht ver gessen, daß sie Concertgeber sind und keineswegs Publicum; wenn Chor und Orchester einmal anfangen, ihre mitwirken den Collegen, gut oder übel, öffentlich zu censuriren, dann wird das Publicum auf das Durchsetzen seiner Meinung verzichten müssen.

Die von Herrn Friedrich Heßler geleiteten Produc tionen des Orchestervereines bewahren auch heuer ihren streng privaten Charakter und erfreuen sich dadurch aller Vortheile häuslicher Unterhaltungen. Das letzte Con cert dieses eifrigen Dilettanten-Vereines schien die Zuhörer besonders zu befriedigen; es hatte an Volkmann’s C-dur-Serenade und an Cherubini’s Balletmusik aus Anakreon“ zwei interessante Programm-Nummern aufzu weisen. In Hellmesberger’s dritter Quartett-Soirée hat das vor mehreren Jahren zuerst aufgeführte Streich quartett von J. Herbeck neuerdings sehr angesprochen; auch wurde der Pianist Herr W. Schenner nach dem Vortrage des B-dur-Trios von Beethoven lebhaft ausge zeichnet.

Benützen wir den Raum, der uns ausnahmsweise heute bleibt, um neben der ausübenden Kunst auch einige Novi täten der Musik-Literatur zu erwähnen. Da ist zuerst die neue Gesammt-Ausgabe von F. Mendels sohn-Bartholdy’s Compositionen, ein wahres Natio nalwerk. Breitkopf und Härtel, eine Verlegerfirma vom ältesten musikalischen Adel, liefert in dieser Mendelssohn- Gesammt-Ausgabe ein würdiges Seitenstück zu ihrer nicht genug zu preisenden großen Beethoven-Edition. Julius Rietz, der Freund Mendelssohn’s und genaueste Kenner seiner Werke, besorgt die kritische Durchsicht dieser Ausgabe, von welcher bereits vier Bände (sämmtliche Clavier-Compo sitionen, Lieder und Streichquartette) erschienen sind. Das Ganze erscheint auf Subscription in neunzehn Serien, von denen jedoch auch jede einzeln zu haben ist. — Zu den „Thematischen Katalogen“, dieser so dankenswerthen, uns jetzt unentbehrlich dünkenden Erfindung unser Zeit, hat sich

nunmehr auch ein vollständiger Schubert-Katalog ge sellt, nach welchem längst die Wünsche der Musikfreunde standen. Dieser thematische Katalog sämmtlicher Compositio nen von Franz Schubert ist bei F. Schreiber in Wien er schienen und von G. Nottebohm mit jener Sachkennt niß und philologischen Genauigkeit redigirt, welche alle Ar beiten dieses Musikgelehrten auszeichnen.

Eine interessante Wiener Publication führt den Titel Aus dem Schwarzspanierhause“ und hat Herrn Dr. v. Breuning zum Verfasser. Dr. Breuning, bekanntlich ein Sohn von Beethoven’s intimsten Freunde Stephan v. Breuning, bewahrt aus seiner Jugendzeit leb hafte persönliche Erinnerungen an Beethoven. Diese Erin nerungen, nebst zahlreichen Mittheilungen seines Vaters, einer genauen Beschreibung von Beethoven’s Wohnung und Haushalt im „Schwarzspanierhaus“ und gar Vieles sonst, was aus den letzten Lebensjahren des Meisters neu und in teressant ist, hat Breuning in diesem Büchlein gesammelt, das sich durch reichhaltigen Stoff und schlichten sachgemäßen Vortrag empfiehlt. — Unter der lateinischen Aufschrift Opuscula“ empfangen wir eine kleine Reliquie eines echt deutschen Musikers, des verstorbenen Thomas-Cantors in Leipzig, Moriz Hauptmann. Der größte Theil dieser von Hauptmann’s Sohn herausgegebenen Aufsätze ist streng fachmännischen Inhalts und behandelt theils Gegenstände der Akustik und Physik (Klang, Temperatur), theils Fragen aus dem Gebiet der Harmonielehre, Metrik und Contra punktik. Die wenigen kleinen Aufsätze allgemeineren, insbe sondere ästhetischen Inhalts lassen bedauern, daß nicht mehr von den trefflichen Studien Hauptmann’s, welche in alten Musikzeitungen vergraben liegen, hier aufgenommen wurden. Bei diesem Anlaß wiederholen wir auch eine frühere Inter pellation: Was ist’s mit dem Briefwechsel zwischen Moriz Hauptmann und Otto Jahn? Ist doch die Veröffentli chung dieser interessanten Correspondenz schon vor drei Jah ren als „bevorstehend“ angekündigt worden. — Von dem reich haltigen „Musikalischen Conversations-Lexi

kon“, das unter H. Mendel’s Redaction bei R. Oppen heim in Berlin herauskommt, ist jetzt der vierte Band (F bis H) erschienen; er wird dem verdienstvollen Unternehmen neue Anhänger werben. — Der zweibändige „Beethoven“, von A. B. Marx, dessen redseliger, aber warmer und an regender Vortrag sich viele Freunde gemacht hat, erschien soeben bei Otto Janke in Berlin in dritter Auflage. Diese besitzt das besondere Verdienst, daß ihr Herausgeber, Dr. G. Behncke, den historischen Theil, welchen Marx neben dem rein musikalischen und ästhetischen stiefmütterlich behan delt hatte, bereichert und dabei Rücksicht auf die neuesten Beethoven-Forschungen von Thayer und Nottebohm genom men hat.

Die Poesie in der Musik“ — das ist ein Titel, der ohne Zweifel zahlreiche Musikfreunde und -Freun dinnen anlocken wird. Herr Franz Hüffer, ein in Lon don ansässiger Deutscher, hat das Büchlein verfaßt, und zwar ursprünglich in englischer Sprache, nur für englische Leser. Die (bei Leuckart in Leipzig erschienene) autorisirte Uebersetzung bringt biographisch-kritische Aufsätze über Richard Wagner, Schubert, Schumann, Robert Franz und Liszt, worin sich manche anregende Stelle, wenngleich wenig Neues für einigermaßen bewanderte deutsche Leser findet. Der größte Raum in dem Büchlein und der höchste Enthusias mus gehört Richard Wagner. Diese „Poesie in der Musikheißt auch wirklich im englischen Original: „Richard Wagner and the music of the Future.“ Das Inter essanteste sind einige bisher ungedruckte Briefe von Robert Schumann an A. Zuccalmaglio, der unter der Maske eines „Dorfküsters Gottschalk Wedel“ manchen originellen Beitrag für Schumann’s Musikzeitung geliefert hat. Für die Wiener, welche freilich dabei nicht am besten wegkom men, haben namentlich mehrere Briefe Schumann’s aus Wien Interesse. Bekanntlich trug sich Schumann mit dem Plane, seine „Neue Zeitschrift für Musik“ in Wien heraus zugeben, und die Ausführung stand sogar näher in Aus sicht, als man vermuthete. Schumann meldet dem Gott schalk Wedel im August 1838 aus Leipzig, daß er nach

Wien gehe und die Zeitschrift vom 1. Januar 1839 an in Wien erscheint. „Manches Gute hoffe ich von dieser Uebersiedlung; neue Lebenskreise, neue Thätigkeit, andere Gedanken; Vieles glaube ich da wirken zu können, wo sie, mit Jetter zu sprechen, in der Con fusion schwimmen, wie Fliegen in der Buttermilch.“ Am 19. October 1838 bittet Schumann, schon von Wien aus, der Freund möchte ihm für die ersten Nummern, die schon in Wien erscheinen sollten, einen Beitrag senden. „Etwas Heiteres, Novellenartiges für die Wiener, ja nichts Catilinarisches, was hier nicht verstanden wird. Zwar ist das Erscheinen der Zeitschrift in Wien noch nicht kundge macht. Sie glauben kaum, was für Schwierigkeiten die Cen sur macht, und die Verleger auch, die für ihren Strauß, Proch etc. fürchten. Ueber Wien selbst hab’ ich meine eigenen Gedanken; ich passe nicht unter diesen Schlag Menschen; die Fadheit ist denn doch zu Zeiten zu mächtig. Indeß wird genauere Bekanntschaft mit den Einzelnen von diesem Ur theil Manches löschen.“ Am 10. März 1839 meldet Schu mann aus Wien dem Freunde bereits das Scheitern des Planes. „Weder die Zeitung noch ich bleiben hier, wir passen im Grunde auch nicht hieher. Die Sache hat sich nach ge nauer Erwägung als nicht vortheilhaft herausgestellt. Das Haupthinderniß ist die Censur.“ Von der Tyrannei der letz teren gerade gegen eine Musikzeitung hatte Schumann offen bar übertriebene Vorstellungen, aber sein Zutrauen auf das Gedeihen einer Zeitschrift seiner Färbung unter den vor märzlichen Musikzuständen in Wien war jedenfalls zu sangui nisch gewesen. Als ich Schumann bei seinem letzten Besuche in Wien an jenen Uebersiedlungsplan erinnerte, gestand er, daß die Lust, sich in Wien niederzulassen, neuerdings in ihm erwacht sei. Nur wisse er sich hier keinen rechten Wirkungs kreis. „Als Schriftsteller oder Redacteur kann man in Wien nichts Rechtes für Musik leisten,“ lautete seine neue Ansicht, „nur ein einflußreicher, praktischer Musiker vermöchte als Dirigent eines großen Musik-Institutes in Wien refor matorisch zu wirken — ein Mann wie Mendelssohn!“