Concerte.
Ed. H. In früherer Zeit, wenn der Versucher an ge
feierte Clavier-Virtuosen herantrat und, sie zum Compo
niren verlockend, auf die Lorbeerhaine Mozart’s und Beetho
ven’s deutete, da pflegten jene Herren keineswegs „Apage
Satanas“ zu rufen. Aber sie zogen die Versuchung gleichsam
zu sich herüber, auf ihr eigenstes Grundstück und compo
nirten bescheidentlich Clavier-Etüden, Opern-Phantasien,
Transcriptionen. Also thaten Dreyschock, Thalberg, Döhler,
Willmers, selbst Liszt durch volle zwanzig Jahre. Der junge
d’Albert, heute wol der gefeierteste und glänzendste Clavier-
Virtuose, trachtet, ungenügsam an diesem Ruhm, gleichfalls
nach der höheren Geltung des schaffenden Tonkünstlers; doch
läßt er dabei sein ihm so williges und dankbares Instrument
gänzlich beiseite und wendet sich gleich an das Orchester. Auf
eine Symphonie, die wir mit mäßigem Vergnügen in London
gehört, läßt er rasch eine große Ouvertüre folgen, deren
Wirkung im letzten „Philharmonischen Concert“ auch nicht
viel berückender war. Ursprünglich nannte sie der Componist
„Dramatische Ouvertüre“; jetzt hat er sie „Ouvertüre zu
Grillparzer’s Esther“ umgetauft. Sein erster Einfall
war der klügere. Da konnte sich der Hörer als verschwiegenes
Sujet ein beliebiges Drama denken — Wallenstein oder
Sappho, Egmont oder Coriolan — die Musik paßte zur
Noth auf Alles, und der Componist behielt immer Recht.
Jetzt hat er Unrecht, denn die ausdrückliche Beziehung auf
Grillparzer’s „Esther“ vermag kein Mensch herauszufinden,
und doch nöthigt uns d’Albert zu dieser Anstrengung. Ein
Fragment wie „Esther“, das nach der sinnigsten, lieblichsten
Exposition ausgangslos abbricht und uns mit einem großen
Fragezeichen entläßt, ergibt sich am wenigsten der Umdichtung
in ein abgeschlossenes großes Orchesterstück. Will d’Albert
etwa mit seinem triumphirenden Schluß, mit seinen Trom
peten und Pauken, Becken und Triangeln das Grillparzer’sche
Fragment auslegen und ergänzen? Zerbrechen wir uns nicht
den Kopf; hat doch der Componist, als er die Ouvertüre
schrieb, selber nicht an Esther gedacht. Das Entscheidende für
uns bleibt, daß die Ouvertüre, mit oder ohne Aufschrift, als
musikalisches Kunstwerk unbefriedigt läßt. Die Motive sind
weder bedeutend oder reizend, noch originell; ihrer Entwick
lung fehlt die organische Triebkraft, jene innere musikalische
Nothwendigkeit, welche uns überzeugt und mit sich fortreißt.
Die Methode d’Albert’s schmeckt nach Flickschneiderei: fort
während wird gestückelt, ein neuer Lappen aufgesetzt, ein
alter abgerissen. Unruhiges Wechseln der Tempi, Tact- und
Tonarten, contrastirende Klangeffecte, dazu einige (vielleicht
unbewußte) Anklänge an Wagner und Berlioz — das be
deutet offenbar das „Dramatische“ in diesem Stücke. An
der Dürftigkeit der Ideen, an der Zerfahrenheit der Durch
führung scheitern aber all die Effecte, scheitert die große
technische Gewandtheit des Componisten in Nebendingen.
Was uns an d’Albert’s Ouvertüre (wie auch an seiner
Symphonie) erfreulich auffiel, ist ein ernsteres musikalisches
Bestreben, ein Zug von Solidität im Vergleiche zu anderen
jungen Adepten der neuesten Schule, welche sich berufen glau
ben, Berlioz, Liszt und Wagner „fortzusetzen“, d. h. ohne
deren Talent die Extravaganzen dieser Tondichter noch zu
überbieten. D’Albert geht nicht prahlerisch darauf aus, uns
durch Unerhörtes niederzuwerfen, und schon dieser, heutzutage
an einem Zwanzigjährigen seltene Charakterzug läßt uns
hoffen, er werde uns mit der Zeit noch manches viel Er
freulichere bringen. Das Publicum ließ die Esther-Ouvertüre
schweigend fallen, erwies sich aber desto freundlicher gegen
das jedenfalls reizendere und effectvollere Orchesterstück von
Saint-Saëns, „Le rouet d’Omphale“. Wir haben es
schon früher einmal in Wien gehört, wenngleich nicht in so
vollendeter Aufführung wie diesmal unter Hanns Richter.
Es ist ein auserlesenes Stück Tonmalerei, ein Triumph der
geistreichen, in Berlioz’ Schule herangebildeten Orchestrirungs
kunst. Saint-Saëns will sich allerdings an diesem Lobe nicht
genügen; er versichert in dem Vorwort seiner Partitur, das
Spinnrad sei ihm nur „un prétexte“ und lediglich wegen
des Rhythmus und der allgemeinen Haltung seiner Compo
sition gewählt. Seite 19 der Partitur werde man den an
seinen Banden verzweifelt zerrenden Herkules und Seite 32
die ihn verspottende Omphale leibhaft erkennen. Lassen wir uns,
nach Bismarck’s Rath, nicht verblüffen. Das Spinnrad mit
seinem unvergleichlich nachgeahmten Schnurren ist die Haupt
sache in Saint-Saëns’ Genrebild und Omphale nur der Vor
wand. Wenn der Componist wirklich die höhere Absicht ver
folgte, ein Seelengemälde zu liefern, so hat er sie nicht er
reicht. Die beiden von ihm angestrichenen Beweisstellen über
zeugen uns am besten, daß mit dem Stillstehen des Spinn
rades ihm auch sofort der Faden ausgeht.
Herrn Winkelmann danken wir für die Wahl und
den sehr wirksamen Vortrag einer wenig bekannten Tenor-
Arie von Mozart aus dem Jahre 1783. („Misero!
o sogno, o son desto?“ Nr. 431 bei Köchel.) Die Arie —
großes, ausgeführtes Recitativ, Andante und Allegro —
scheint, ihrem bewegt dramatischen Inhalt nach, einem Opern
text entnommen: ein Gefangener sucht vergebens nach Ret
tung aus seinem dunklen Kerker und nimmt im Geiste
Abschied von der Geliebten und vom Leben. Mozart hat
diesen ergreifenden Monolog in einem groß gedachten, jeden
Zierrath verschmähenden Gesang von edelster Schönheit
wiedergegeben.
In dem vorhergegangenen vierten Philharmonie-Concert
war eine neue Symphonie in Es-dur von Robert Fuchs
mit entschiedenem Erfolg zur ersten Aufführung gelangt. An
dem Besuch dieses Concertes leider verhindert, habe ich einen
unserer competentesten Musiker um einen Bericht ersucht, den
er so freundlich war, mir mit Nachstehendem zu liefern:
„Ihren großen Erfolg verdankt die neue Fuchs’sche Sym
phonie nicht so sehr gewaltigen, unbedingt mit sich fortreißen
den Themen, deren sie eigentlich entbehrt, als der ursprüng
lichen naiven Sprache, die sie spricht, und dem prächtigen
Gewande, in welchem sie erscheint. Fuchs ist kein Himmels
stürmer und unterscheidet sich dadurch vortheilhaft von vielen
modernen Componisten. Sein Mund ist nicht voller, als sein
Herz; er sagt nur das, was er empfindet, und Alles, was
er sagt, ist Musik. Seine neue Symphonie ist ein Fortschritt
allen seinen früheren Werken gegenüber. Sie ist reifer und
reicher als Alles, was er uns bisher geboten. Man kann
zwar nicht leugnen, daß sie unter Brahms’schem Einflusse
entstanden sei, aber sie ist weit entfernt von jeder Nach
ahmung und durchaus geistiges Eigenthum ihres Schöpfers.
Namentlich die Art und Weise, wie Fuchs vorhandene Motive
und Themen zu größeren Gebilden erweitert und wie er aus
diesen Durchführungs- oder Ueberleitungs-Partien entwickelt,
ist ihm ganz eigenthümlich und zeigt sich schon in manchen
seiner frühesten Clavierstücke. Dieser Kunstfertigkeit verdankt
auch die neue Symphonie ihren schönen, wohlthuenden Fluß
und ihr festes Gefüge. Dabei ist sie eine echte und rechte
Symphonie, durchaus für Orchester gedacht; überall sieht
man dem Componisten die lebendige Freude am Orchester
an. Er behandelt dasselbe aber auch mit der Sicherheit eines
Meisters. Bald sind es die Geigen, die seelenvoll zu uns
sprechen, bald die Hörner, die eine kecke Fanfare blasen, oder
die Holz-Blasinstrumente, die eine einfache, klagende Weise
anheben — und jedesmal hat man den Eindruck, daß es
nicht anders sein könne. Man kann sich ohne Reflexion dem
Genusse des Werkes hingeben. Bescheiden wie im Leben ist
der Componist auch in der Kunst; er will nichts Anderes,
als Musik machen, auch wenn er eine Symphonie schreibt.
Sonst hätte er mit Leichtigkeit und Berechtigung sein Werk
„Frühlings-Symphonie“ benennen und demselben ein poeti
sches Programm unterlegen können.
Unter den Virtuosen dieser Concertsaison behaupten die
Geiger entschieden die Oberherrschaft. Kaum haben Sara
sate, Marteau, Kreisler einander abgelöst, kaum
hat Ondriček (unter beifälligster Mitwirkung der an
muthigen Coloratur-Sängerin Pepina d’Alberi) sein Ab
schiedsconcert gegeben, und schon schwingt Marie Soldat
siegesgewiß ihren Bogen. Der weiche, stets reine Ton, der
warme, prunklos musikalische Vortrag, die hoch ausgebildete
Technik dieser würdigen Schülerin Joachim’s sind unserem
Publicum vom vorigen Jahre her in bestem Andenken. Ihr
diesjähriges Concert konnte Fräulein Soldat nicht willkom
mener eröffnen, als mit Brahms’Violinsonate op. 100,
die sie im Verein mit der gleichfalls rühmlich bekannten
Pianistin Fräulein Baumayer vortrug. Das Clavier
hat eine bedeutende Schaar meist junger, noch unerprobter
Kämpfer oder besser Amazonen ins Feld geführt. Die
wenigen Pianisten vom starken Geschlecht verschwanden hinter
dem Aufgebot concertirender Damen. Wenn wir die Herren
Rosenthal und Sliwinsky als die bedeutendsten
dieser Pianisten und nach ihnen die Herren Stradal und
Thoman nennen, so sind wir, wie ich glaube, fertig. Und
wie groß war dagegen die Zahl der clavierspielenden Concert
geberinnen in den letzten drei Monaten? Hier die Liste:
Adele Mandlik, Olga Segel, Lilli v. Neumann, Emilie
Goldberger, Olga Rosinger, Ella Pancera, Ida Reich, Caro
line v. Radio, Gisela Frankl, Leontine Winkler, Ella Kerndl.
Außerdem haben in anderen Concerten nachstehende Wiener
Pianistinnen mitgewirkt: Gisela Bergl, Gisela v. Pasthory,
Georgine Hundhammer, Paula Dürnberger, Rosa Fleisch
mann, Lilli Michalek, Susanne Pilz, Marie Baumayer.
Sollte die Liste, wie ich fürchte, unvollständig sein, so mögen
die Vergessenen mich nachsichtig entschuldigen — noch mehr
die Ungehörten, Unbesprochenen! Katholische Missionäre in
China sind zwar auf das Auskunftsmittel verfallen, eine
große Menge von Heiden zugleich mittelst Feuerspritzen zu
taufen — die musikalische Kritik verfügt leider über nichts
Aehnliches. Eine kritische Würdigung aller obengenannten
Damen ist weder möglich noch auch dringend nothwendig.
Sie spielen ja — mehr oder weniger — Alle gut, das steht
ganz außer Zweifel. Nur daß gar so Viele gut spielen
und deßhalb Concerte geben, die sich schlecht lohnen, macht
uns ängstlich und mit jedem Jahre ängstlicher. Möchte
unsere Liste wenigstens den Nutzen stiften, ein oder das an
dere Mädchen abzuhalten von der Wahl eines Berufes, der
in so erschreckendem Maße überfüllt und dadurch im prakti
schen Leben entwerthet ist.
Gerne gehen wir von diesem rührigen Tastengewim
mel wieder zu einem der großen Chor- und Orchester-Con
certe über, an denen Wien leider ebenso arm ist, wie überladen
mit Solo-Productionen. Die Gesellschaft der Musikfreunde
erfreute uns mit einer sehr gelungenen Aufführung von
Schumann’s „Paradies und Peri“ unter Hanns Rich
ter’s anfeuernder Leitung. Die Peri sang Frau Materna,
eine auf das Große, Leidenschaftliche angelegte Künstlerin,
deren Naturell und Vortragsweise man unwillkürlich mit
ihren Glanzrollen zu identificiren pflegt. Wie wird sie sich in
die zarte Märchengestalt der leidenden Peri finden? Schon
die ersten Tacte zerstreuten jeden Zweifel. Frau Materna
löste ihre schwierige Aufgabe mit bewunderungswürdiger De
licatesse und Weichheit und hielt diese Grundstimmung bis
zu Ende so einheitlich fest, daß selbst die Momente des Auf
schwunges bei aller Energie nicht an Theatralisches, Opern
mäßiges streiften. Es ist erstaunlich, was Frau Materna in
den letzten Jahren zugelernt hat, ohne darüber von ihren
ursprünglichen Wirkungen einzubüßen. Ein gleiches Lob ge
bührt Herrn Walter, der die Tenorpartie ebenso schön,
ja noch weit ausdrucksvoller sang, als am ersten Peri-Abend
vor dreißig Jahren. Es werden ihn Wenige darin erreichen.
Die minder umfangreichen, aber kaum leichter wiegenden
Partien des Engels und der Jungfrau wurden von Frau
Neuda-Bernstein und Fräulein Minna Walter
mit Sorgfalt und schönstem Gelingen ausgeführt, die Vocal
quartette und einige kürzere Soli recht befriedigend von
Frau Parger, Fräulein Bach und zwei talentvollen
Eleven Gänsbacher’s, der Herren Pogačnik und Schweg
ler. Das Publicum lauschte den Klängen Schumann’s mit
einer Andacht, welche beinahe die Sänger um ihren wohl
verdienten Beifallslohn verkürzte. Niemand wagte die
strenge Einheit der Composition zu unterbrechen;
erst am Schlusse jeder Abtheilung entlud sich der
lange aufgesparte Applaus. Mit ungetheilter Freude wur
den die beiden ersten Abtheilungen gehört; Zeichen
von Ermüdung verriethen sich erst in der dritten
— eine natürliche, immer und überall eintretende Folge
des Sinkens der Composition selbst. Eine persönliche Er
innerung veranlaßt mich jedesmal, die Wirkung dieses dritten
Theils auf das Publicum und auf mich selbst von neuem
zu studiren. Es war einer meiner frühesten kritischen Versuche
(über die erste Peri-Aufführung in Prag), dem ich einen
freundlichen Brief von Schumann und hierauf dessen per
sönliche Bekanntschaft verdankte. Nachdem der verehrte Mann
mich eine Weile lang wohlwollend angeschwiegen hatte — das
Reden spielte bei ihm ungefähr die Rolle der Pausen in einer
Sonate — benützte er gleich die erste dieser Pausen zu einem
gutmüthigen Vorwurf. „Sie haben, mein junger Freund,
den dritten Theil meiner Peri sehr mit Unrecht schwächer
als die beiden ersten genannt. Wahrscheinlich haben Sie ihn
schlecht gehört. Mir ist er der liebste und vielleicht meine beste
Musik.“ Voll inniger Verehrung für Schumann und miß
trausch gegen mich selbst, widmete ich fortan dieser dritten
Abtheilung eine gesteigerte Aufmerksamkeit. Und jedesmal
mußte ich schweren Herzens dem Meister Unrecht geben.
Kann es wirklich Jemandem entgehen, daß Schumann’s
Phantasie, so zarten, überirdischen Fluges in den beiden ersten
Theilen, im dritten „mit ermattendem Gefieder“ niedersinkt,
sich stockend, schwer und mühselig fortbewegt? Einzelne bezau
bernde Oasen erblühen auch diesem dürren Boden. Der ein
leitende Chor der Houris, das Quartett: „Peri, ist’s wahr?“,
auch manches bescheidenere, duftige Blümchen. Das hält aber
nimmermehr Stand gegen die erdrückende Monotonie des
Ganzen. Nicht nur die Inspiration, auch der unent
behrliche praktische Blick verließ den Meister, indem er auf
eine Belebung des in halben und Viertelnoten gleichförmig
fortpendelnden Rhythmus, auf eine Steigerung der formlos
zerfließenden Melodik, auf eine Abwechslung zweitheiliger mit
dreitheiligen Tactarten nicht Rücksicht nahm. Im Gegensatz
zu Schumann’s Faust-Musik, die mit schwachen Nummern
anhebt, im zweiten Theile merklich wächst, um im dritten sich
zu strahlendem Glanz zu erheben, nimmt die „Peri“ den um
gekehrten Verlauf. Und dennoch — wer möchte trotz dieser
Schwächen die Peri in unserem Concertleben vermissen? Wer
vermöchte aus den neueren Compositionen dieser Gattung auch
nur Eine zu nennen, gegen welche die „Peri“ nicht ein „Pa
radies“ wäre?