Maria Theresia und die Musik. II.
(Schlußartikel.)
Ed. H. Wir lassen nunmehr aus den Briefen Maria
Theresia’s eine Reihe von Aussprüchen über Opern und
Ballette, Musik und Musiker folgen. Zum besseren Ver
ständniß der darin berührten Sachen und Personen dürfte
es nicht überflüssig sein, eine kurze Skizze über den Bestand
der Hofcapelle, sowie der Oper unter der Regierung der
Kaiserin vorauszuschicken.
Die Hofmusik hatte unter dem Vater Maria Theresia’s,
Kaiser Karl VI., ihre höchste Blüthe erreicht. Nach dieser
Glanzperiode ging es rasch abwärts. Nach Karl’s VI. Tode
(1740) und dem bald darauf erfolgten Hinscheiden seines
letzten Hof-Capellmeisters J. J. Fux ließ Maria Theresia
diese Stelle durch mehrere Jahre unbesetzt; erst am 2. Sep
tember 1746 wurde der bisherige Vice-Capellmeister Pre
dieri zum ersten und der Hof-Compositor Georg Reutter
zum zweiten Capellmeister ernannt. Der erste Capellmeister
hatte die Opern, Serenaden und öffentlichen Tafelmusiken
zu dirigiren; der zweite alle Kirchenmusiken; dabei war jeder
unabhängig von dem andern. So blieb es bis zum Jahre
1752, wo die Administration beider Theater nächst der Burg
und dem Kärntnerthor von der Kaiserin der Stadt Wien
übertragen wurde. Damit hatte die Betheiligung der Hof
musik an der Oper aufgehört. Als der (nunmehr geadelte)
Georg vonReutter erster Capellmeister wurde, sank die
Hofcapelle von Jahr zu Jahr immer tiefer, man traf fast
lauter altersschwache Musiker aus früherer Zeit, und ihre
Zahl, die unter Karl VI. auf 134 gestiegen war, fiel auf
zwanzig, größtentheils Invaliden herab. Erst Florian Gaß
mann (1772 zum Hof-Capellmeister ernannt) brachte es
dahin, den Stand der Hofcapelle auf 40 Mitglieder zu er
höhen. Ihm dankt man auch die Gründung der segens
reichen Tonkünstler-Societät für Pensionirung ihrer Witwen
und Waisen, die unter dem Namen „Haydn“ noch heute blüht.
Die aufstrebende Oper hatte das überwiegende Interesse des
Hofes an sich gezogen, und die Kirchenmusik, auf welche die
Hofcapelle jetzt fast ausschließlich angewiesen war, wurde
zurückgestellt. Nur den dringenden Vorstellungen Gaßmann’s
bei der Kaiserin gelang es, die ernstlich geplante gänzliche
Auflösung der Hofcapelle zu verhindern. Die Leitung derselben
war zu allen Zeiten einem Capellmeister, mit einem Vice-
Capellmeister an der Seite, anvertraut. Unter Maria The
resia’s Regierung waren Hof-Capellmeister: Predieri
und Georg v. Reutter, im letzten Jahrzehnt Gaßmann
und Bonno. Ein anderes Musik-Amt war das der Hof-
Compositoren. Sie kamen unter Kaiser Leopold I. auf,
welcher Carlo Badia und J. J. Fux dazu berief. Ihre
Hauptbestimmung war, Compositionen zu Opern und Balletten
zu liefern, nebenbei auch für die Kirche. Mehrere von ihnen
schwangen sich zu Hof-Capellmeistern empor; einige blieben in
ihrer Anstellung, darunter auch Wagenseil, der Lehrer
Maria Theresia’s und ihrer Kinder. Nach Karl’s VI. Tode
hatte mit dem Aufhören der Hofoper auch die Hauptbestim
mung der Compositoren aufgehört; sie starben allmälig aus,
und wenn auch Männer wie Gluck und Mozart noch
in den Reihen der Hof-Compositoren glänzten, so war dies
nur eine vom Monarchen dem Talente dargebrachte Huldi
gung, ohne Verpflichtung zu wirklichen Leistungen. Hof-
Compositoren waren unter Maria Theresia: Georg Reutter,
Porsile, Palotta, Wagenseil, Bonno, Gluck und
Salieri. Letzterer, der Lehrer Beethoven’s und Schubert’s,
diente noch unter den drei folgenden österreichischen Mon
archen und starb erst 1825.
Die Oper (die italienische große Opera) war unter
den Kaisern Leopold I., Joseph I. und Karl VI. ausschließend
eine Angelegenheit des Hofes. Nur geladene Gäste hatten
Zutritt. Der Schauplatz war im Sommer die alte Favorita
(im Augarten) und die neue Favorita (das heutige There
sianum), damals zwei kaiserliche Lustschlösser. Im Winter
wurden die Opern in der Hofburg gegeben, und zwar
in dem vom Kaiser Joseph I. erbauten prachtvollen
Opernhause, dass sich zwischen der Hofbibliothek und der
kaiserlichen Reitschule befand. Es bestand aus zwei Sälen,
von denen der kleinere während des Carnevals zu den
italienischen Schauspielen, der große aber für die Opera
seria bestimmt war. Sie wurden in die jetzigen k. k. Re
doutensäle umgewandelt. Maria Theresia ließ 1741 ein neues
Theater auf dem Michaelerplatze erbauen, welches der Grund
zu dem jetzigen Burgtheater wurde. Man spielte darin
abwechselnd deutsche und französische Schauspiele und italie
nische Singspiele. Da Maria Theresia und ihr Gemal an
diesen abwechselnden Schauspielen Geschmack fanden, so ließen
sie die ehemaligen großen und kostspieligen italienischen Opern
ganz eingehen. Die letzte dieser großen Opern wurde noch
1744 zur Feier der Vermälung der Schwester Maria Theresia’s,
Erzherzogin Marianne, mit dem Prinzen Karl von Loth
ringen (in dem jetzigen großen Redoutensaale) gegeben:
„Ipermenestra“ von Metastasio mit Musik von Hasse.
An jedem Theaterabend (im Hofburgtheater) waren dem
französischen Schau- und Singspiele, sowie der italienischen
Oper auch Balletvorstellungen eingefügt. Unter dem Hof-
Balletmeister Franz Hilverding wurde das Ballet zuerst
selbständiger und geschmackvoller geregelt. Sein Nachfolger
war Angiolini aus Toscana, 1762 als Balletmeister
berufen, der unter Anderm das Ballet zu Gluck’s „Orfeo“
schuf. Er wurde weit übertroffen von dem 1769 angestellen
weltberühmten Noverre, der das serieuse Ballet auf die
höchste Stufe der Vollkommenheit brachte und von Maria
Theresia hochgeschätzt war.
Im Gegensatz zu dem Hoftheater nächst der Burg war
das Schauspielhaus nächst dem Kärntnerthor ein
Stadttheater, und war das erste stehende
deutsche Theater Wiens. Es wurde 1709 eröffnet,
erhielt aber das wirkliche Privilegium erst unter Karl VI.
Im Jahre 1748 bekam Joseph Sellier, welcher auch das
Burgtheater leitete, die Erlaubniß, das Comödienhaus nächst
dem Kärntnerthor „K. k. privil. Stadt-Wienerisches Theatro“
nennen zu dürfen. Die gemeinschaftliche Leitung beider Theater
wurde nun beibehalten. Maria Theresia übertrug die Auf
sicht über die Theaterleitung dem Stadtmagistrat, der
die Grafen Franz Eszterhazy und Durazzo zu Com
missären ernannte. Im Jahre 1753 wurde Graf Durazzo
zum alleinigen General-Spectakel-Director ernannt und be
hielt diesen Posten, bis er 1764 als Gesandter nach Vene
dig ging.
Nach diesen sehr trockenen Vorbemerkungen können wir
uns wieder dem Vergnügen hingeben, in den Briefen der
großen Kaiserin zu blättern. In dem Briefwechsel mit
Kaiser Joseph läßt die Kaiserin Theater- und Musik-
Angelegenheiten völlig beiseite. Hingegen spricht Joseph in
zwei Briefen vom Jahre 1761 über den Hof- und Kammer
musik- und General-Spectakel-Director Grafen Durazzo.
Dieser sage, daß er das Amt niederlegen, aber in Wien
bleiben wolle in einer andern Stellung. „Madame Durazzo
frohlockt bereits, in der Hoffnung, sie würden in Wien mit
ihrem Gehalt und comme Musikgraf bleiben. Aber sie
machen die Rechnung ohne den Wirth und ich glaube,
Ew. Majestät thäte gut, Durazzo und seine Frau zu entfer
nen, zwei immerhin gefährliche Personen, welche genug Con
fusionen angerichtet haben.“
„Briefe Maria Theresia’s an Joseph II.“ Herausgegeben
von A. v. Arneth. (Wien1867.)
Weit ergiebiger zeigt sich für unsern Zweck die bereits
erwähnte Correspondenz der Kaiserin mit ihrem Sohn, dem
Erzherzog Ferdinand und dessen Gemalin. Rührend ist darin
insbesondere die Sorgfalt und Anhänglichkeit der Kaiserin
für ihren ehemaligen Musiklehrer, den berühmten italienischen
Operncomponisten Johann Adolph Hasse (geb. 1699 bei
Hamburg, † 1783 in Venedig). Maria Theresia übergibt
ihm ein Schreiben an ihre Schwiegertochter, die Erzherzogin
Maria Beatrix, in Mailand, und empfiehlt ihr den Ueber
bringer mit dem Wunsche, er möge nicht auf der Reise die
Gicht bekommen. „Er ist alt, er war mein Musiklehrer vor
38 Jahren. Immer habe ich seine Compositionen vor allen
anderen geschätzt; er ist der Erste gewesen, der die Musik
fließender und angenehmer gemacht hat. Er hat viel
gearbeitet; möglich, daß er zur Stunde nicht mehr so gut
reussirt, aber ich weiß es ihm Dank, daß er mit so viel
Frische an dieses Werk gegangen ist und sich damit selbst
nach Mailand begibt.“ Und dem Erzherzog Ferdinand schreibt
sie: „Sage mir, wie dir die Oper gefiel und was das Publi
cum dazu gesagt hat? Man erzählt hier, die Musik habe nicht
gefallen; es thäte mir leid um den alten Hasse.“ Die Oper,
nach deren Erfolg sich die Kaiserin erkundigt, kann nur
„Ruggiero“ sein, Hasse’s letztes Werk, das er auf einen
Text von Metastasio zu den Vermälungs-Feierlichkeiten des
Erzherzogs Ferdinand componirt und in Mailand am
10. October 1771 zur Aufführung gebracht hat. Daß
Arneth darunter die Oper „Ascanio“ vermuthet, ist offen
bar nur ein Schreibfehler. „Ascanio in Alba“ war die thea
tralische Serenade Mozart’s, welche am selben Abend mit
Hasse’s „Ruggiero“, der eigentlichen Festoper, aufgeführt
wurde. „Mir ist leid,“ schreibt Leopold Mozart, „die Sere
nade des Wolfgang hat die Oper von Hasse so nieder
geschlagen, daß ich es nicht beschreiben kann.“ Der greise
Hasse aber war als Besiegter neidlos genug, um auszurufen:
„Dieser Jüngling wird uns Alle vergessen machen!“ Wie
man sieht, war die Besorgniß der Kaiserin, Hasse werde
vielleicht nicht mehr reussiren, sehr begründet. Nach Hasse’s
Rückkehr schreibt die Kaiserin an Maria Beatrix: „Ich bin
entzückt über Alles, was Hasse (der schon die Gicht hat) und
seine Tochter mir von dir erzählten, und danke vielmals für
alle die Aufmerksamkeiten, welche du ihnen erwiesen hast.“
In einem Brief an den Erzherzog Ferdinand (März
1772) beklagt die Kaiserin den Tod des Hof-Capellmeisters
Reutter.
Johann Georg v. Reutter (Sohn des 1738 verstorbenen
Hof-Organisten Georg Reutter) wurde 1731 Hof-Compositor, 1747
zweiter, 1769 erster Hof-Capellmeister. Als Kirchen-Componist war er
seinerzeit tonangebend. Er war es, der den Knaben Haydn nach
Wien gebracht und schlecht behandelt hat.
In einem andern ersucht sie ihn, ihr die
Musik und die Figuren zu zwei Contretänzen zu schicken.
Durch mehrere Briefe der Kaiserin (Juli—September 1772)
zieht sich die Verhandlung über eine vom Erzherzog Fer
dinand gewünschte Musikcapelle: „Es freut mich, daß du
mich um meine Zustimmung bittest, dir eine Musik zu ver
schaffen, wie die der Marie. Du kannst die Musiker von
Paar haben, welche die besten unter Allen sind. Der Erz
bischof von Colocza trägt sie dir an, sie sind in Preßburg.
Wenn man schon eine Musik haben will, so ist’s besser eine
gute als eine mittelmäßige zu nehmen; tausend Gulden mehr
oder weniger, das fällt da nicht ins Gewicht.“ „Deine
Musik,“ schreibt die Kaiserin einige Wochen später, „ist nach
Mantua beordert; ich hoffe, du wirst mit ihr zufrieden sein.
Den zwei ersten Spielern habe ich jedem 700 fl. bewilligt;
für jeden der drei übrigen 500 fl. nebst der Wohnung und
Kleidung, welche du ihnen außerdem gibt. Du kannst kaum
glauben, welches Vergnügen es den guten Deutschen macht,
daß du deutsche Musiker nach Italien kommen läßt; sie sind
darüber freudestrahlend!“ Auf eine weitere Anfrage des Erz
herzogs antwortet die Kaiserin: „Was die Musik betrifft,
so hängt es ganz von deinem Belieben ab, wem sie unter
stehen soll. Khevenhüller hat recht: wenn du sie be
handelst comme une Kammermusik, so gehören sie
zum Obersthofmeister. Da es aber nur fünf Personen sind,
kannst du sie recht wohl dem Oberst-Stallmeister zuweisen,
besonders wenn sie Uniform tragen.“
Höchst interessant und charakteristisch für die musikalische
Geschmacksrichtung Maria Theresia’s ist eine Stelle aus
ihrem Briefe an die Erzherzogin Maria Beatrix vom 12. No
vember 1772: „Was du mir über das Requiem von
Reutter sagst, hat mich gerührt. Das ist auch mein Lieb
lingsstück unter allen seinen Compositionen. Für die Kirche
hat er mehrere recht gute Sachen geschrieben. Man muß sich
nur an seine Stelle versetzen; es mußte Alles sehr kurz sein
und von Schülern, von Kindern ausgeführt werden. Er
mußte also das Fehlende durch Instrumente und Bässe
suppliren. Was das Theater betrifft, so gestehe ich, daß
ich den geringsten Italiener allen unseren Componisten vor
ziehe, auch dem Gaßmann, dem Salieri, dem Gluck
und Anderen. Sie vermögen manchmal zwei oder drei gute
Stücke zu machen, aber was das Ganze betrifft, ziehe ich
immer die Italiener vor. Für die Instrumente ist jetzt ein
gewisser Haydn, welcher originelle Ideen (idées
particulièrs) hat, aber das ist erst im Beginn.“ In ihrer
innersten Neigung für die italienische Musik, bei welcher sie
erzogen war, trifft die Kaiserin ohne Frage zusammen mit
dem Geschmack ihres Sohnes Joseph. Seine klare Einsicht,
sein national deutscher Sinn bewogen Joseph den Zweiten,
der deutschen Musik, insbesondere der deutschen Oper, jede
Förderung zuzuwenden; er wußte auch den hohen Flug eines
Gluck und Mozart zu schätzen: aber sympathischer blieb ihm
stets italienischer Gesang, italienische Melodie. Wie wir ge
sehen, hat auch Maria Theresia für die deutschen Hof-Capell
meister und Componisten Reutter, Gaßmann, Gluck
und Salieri (den sie trotz seiner italienischen Heimat ob
seines Styls und seiner Wiener Ansässigkeit zu den Deut
schen zählte), endlich für Haydn und Mozart es keines
wegs an Anerkennung und Auszeichnung fehlen lassen; aber
sie verhehlt nicht, daß in der Opernmusik der geringste Ita
liener ihr lieber sei, als alle Deutschen.
In ihren Briefen erwähnt Maria Theresia auch häufig
den Ballermeister Noverre, den man als Reformator
seines Kunstfaches ungefähr den Gluck des Balletes nennen
könnte. So schreibt sie im Jahre 1774 an ihren Sohn
Ferdinand in Mailand: „Angiolino hat uns hier mit zwei
sehr elenden Balletten regalirt; man hat sie ausgezischt. Ich
billige diese Impertinenz nicht; vielleicht wird man dann
dem Noverre in Mailand ein Gleiches anthun.“ Einige
Wochen später: „Ich bin sehr froh, daß Noverre in
Mailand Erfolg gehabt hat. Man sagt, daß Angiolino dort
ebenso schwer vermißt werde, wie Noverre hier. Ersterer gibt
hier abscheuliche Ballette, und Madame (Angiolino), brüstet
sich aufs äußerste. Ich sage nicht, daß Noverre im Uebrigen
ebenso vollkommen sei; er ist unhaltbar, besonders wenn er
etwas Wein im Kopfe hat, was ihm oft geschieht; aber ich
finde ihn ganz einzig in seiner Kunst und in der Geschick
lichkeit, selbst die geringsten Mitglieder vortheilhaft zu ver
wenden.“ Im Januar 1776 meldet die Kaiserin: „Die
Angelegenheiten Noverre’s sind hier in einer großen Krise;
ich zweifle, daß er von der Direction (l’entreprise) en
gagirt wird.“ Im nächsten Monat widerruft die Kaiserin
diese Nachricht: „Das Engagement soll doch stattfinden, aber
sie könne für die Gewißheit nicht einstehen; cela change à
tout moment.“ Der Erzherzogin Maria Beatrix schreibt die
Kaiserin im selben Jahre: „Noverre wird sehr erstaunt
sein, wenn er erfährt, daß Alles, was er als volkommen
abgemacht glaubte, wieder gänzlich vernichtet ist. Seine
Gläubiger wollen nicht doppelte Auslagen machen und haben
sich an die Gerichte gewendet gegen Keglevich und die Anderen.
Der Proceß muß erst beendigt sein. Ich bin froh, mich
ganz und gar nicht eingemischt zu haben; ich wollte nicht
einmal davon reden hören. Es ist ein großes Durcheinander
(un grand Galimatias).“ Ueber die Theater schreibt die
Kaiserin gleichfalls an Maria Beatrix im Januar 1776:
„Jetzt hören die Vorstellungen der komischen Oper im
deutschen Theater auf, und ich weiß nicht, ob Noverre im
Stande sein wird, für diesen Verlust vollständig zu ent
schädigen“. Und im Juni desselben Jahres: „Wir haben
gegenwärtig neundeutsche Theater, eine Opera buffa, drei
Feuerwerke, und die ganze Welt schreit, daß man sich lang
weile; nicht ohne Grund. Mir thut es leid, aber ich habe
versprochen, mich nicht hineinzumischen.“ Wir wissen heute
nicht, worüber wir uns mehr wundern sollen, ob über diesen
Reichthum an Unterhaltungen in der Sommersaison oder
über die Ungenügsamkeit der alten Wiener, die dabei über
Langweile schrieen!
Zu den schönsten, rührendsten Briefen, die wir kennen,
gehören die der Kaiserin an ihre Tochter Marie Antoi
nette, die Dauphine und nachmalige unglückliche Königin
von Frankreich.
„Briefe der Kaiserin Maria Theresia an Marie Antoinette.“
Herausgegeben von Alfred v. Arneth. 2 Bände. (Zweite vermehrte
Auflage. 1866.)
Mit 15 Jahren ward die liebreizende
Prinzessin in ein fremdes Land vermält, auf einen gefähr
lichen hohen Posten gestellt. Die Kaiserin fühlte, daß ihre
so junge, unerfahrene Tochter noch immer der mütterlichen
Ueberwachung und Leitung bedürfe, und wurde nicht müde,
ihr ausführliche, in alle Details eingehende Briefe nach
Paris zu schreiben. Wenn uns die Briefe Maria Theresia’s
an Joseph II. die unermüdliche, starke und weise Regentin
enthüllen, so gibt uns ihre Correspondenz mit Marie Antoi
nette ein unvergleichlich treues Bild der sorgenden und lie
benden Mutter. Ihre Briefe an die junge Königin von
Frankreich überströmen von Zärtlichkeit, aber nicht von jener
weichlichen Zärtlichkeit, welche, den Liebling umschmeichelnd,
jeden Fehler desselben übersieht und beschönigt. Im Gegen
theile wiederholt sie in der liebevollsten Weise unermüdlich
die Belehrungen und Ermahnungen, welche sie für ihr Kind
nothwendig erachtet. Sie warnt Antoinette vor Luxus und
Vergnügungssucht, vor Jagd- und Spielpartien, gibt ihr
Weisungen für ihr Benehmen, ihre Kleidung und Coiffüre,
am häufigsten aber den dringenden Rath, ernste Lectüre und
Musik nicht zu vernachlässigen. Namentlich in den Jahren
1776 und 1777 kommt sie immer wieder darauf zurück.
„Ich war so froh,“ schreibt die Kaiserin, „dich für Musik
eingenommen zu sehen; habe dich auch oft um Bericht über
deine Lectüre gequält. Seit einem Jahre höre ich nichts
mehr, weder von Lectüre, noch von Musik.“ Marie Antoi
nette antwortet sogleich darauf: „Mein Geschmack für Musik
hat nicht aufgehört, ich beschäftige mich damit ebenso oft
und mit gleichen Vergnügen. Ich hatte jede Woche ein Con
cert zu Hause und habe dabei mit mehreren Personen ge
sungen.“ Der nächste Brief der Kaiserin nimmt dies gleich
belebend zur Kenntniß: „Je suis bien aise, que vous
continuez la musique et la lecture, ressources né
cessaires, mais surtout pour vous!“ Diese
Bemerkung kehrt, wenig verändert, noch in mehreren Briefen
der Kaiserin wieder. Im October 1777 meldet Marie
Antoinette aus Fontainebleau. „Ich lese, ich arbeite, ich
habe zwei Musiklehrer, einen für Gesang, den andern für
die Harfe.“ Einmal schickt ihr die Kaiserin Musikstücke für
die Harfe und verlangt zu wissen, ob Antoinette „dieselben
zu spielen vermochte oder nicht“. So sorgt Maria Theresia,
nachdem wichtigere Angelegenheiten und schwerere Sorgen bei
ihr die Musik zurückgedrängt hatten, doch noch immer wach
samen Auges dafür, daß ihre fern von ihr lebenden Kinder
der Tonkunst nicht untreu werden.