Concerte.
Ed. H. Die „Gesellschaft der Musikfreunde“ machte am
Abend des 28. März abermals die Erfahrung, daß das
Publicum ihren Außerordentlichen Concerten aus dem Wege
geht, wenn Außerordentliches darin nicht geboten wird.
Diesem Concert haben nur wenige Hörer gelauscht und noch
weniger Zahler. Oft genug wurde darauf hingewiesen, daß
die zwei „Außerordentlichen Concerte“, diese beiden ein
zigen Abendproductionen der Gesellschaft der
Musikfreunde, nur bedeutenden größeren Tonwerken gehören
sollten. Für ein Oratorium, dem zur Mittagszeit die Aus
dauer des Publicums selten bis zu Ende Stich hält, findet sich
Abends stets die rechte Andacht und Theilnahme. Wie ganz
anders hätte Händel’s „Theodora“ an diesem Abend gewirkt,
als in jener Mittagsaufführung der gegenwärtigen Saison! Man
darf nicht vergessen, daß große Abendconcerte — in ganz Deutsch
land die Regel — bei uns seltenste Ausnahmen sind und schon
deßhalb nicht mit Kleinigkeiten verzettelt werden sollten. Wie drängt
man sich alljährlich zu den Abendaufführungen der Bach’
schen Passionsmusiken oder Festmesse! Aehnlichen Erfolg
vermöchte die Direction auch ihrem andern Abendconcert zu
bereiten durch ähnliche Tonwerke. Diesmal kam noch dazu,
daß das ursprüngliche Programm Tags vorher mehrerer an
ziehender Nummern beraubt wurde: Ellen’s Gesang von
Schubert, für Frauenchor und Orchester bearbeitet von
Brahms; Schumann’s Chor „Talismane“, Liedervorträge
des Sängers Reichmann. In erstmaliger Aufführung er
schien blos ein motettenartig ausgeführter Choral von Bach:
„O Jesu Christ, meines Lebens Licht“, für Chor und Blas
instrumente. Das kurze Stück ist für eine Begräbnißfeier
componirt, höchst wahrscheinlich zur Aufführung auf dem
Friedhof selbst. Man kann sich dabei ausgezeichnet begraben
lassen. Einem lebendigen Concert-Publicum macht es
weniger Vergnügen. Unter Bach’s zahlreichen Cantatensätzen
ist dieser allerdings, wie Spitta hervorhebt, „eine Merk
würdigkeit“ durch die eigenartige Zusammenstellung der Blas
instrumente; im Verhältniß zu Bach’s Gesammtschöpfung
scheint er mir doch kaum in Betracht zu kommen. Aus früheren
Aufführungen bekannt ist der „23. Psalm“ von Brahms,
eine bei streng kirchlicher Haltung warme und innige Com
position von großer Einfachheit. Was sollten uns aber in
diesem „Außerordentlichen Concert“ die Productionen einer
sehr jugendlichen Pianistin? Fräulein Melanie Wienzkowska,
so heißt die junge Dame, spielte mit großer Sicherheit und
Bravour Stücke von Bach, Scarlatti und eine variirte
kleine „Giga“ (beinahe Gigerl) von Raff. Ihr sehr gefeilter
Vortrag gehört zu jener französisch-polnischen Schule, welche
hauptsächlich auf „Esprit“ hinarbeitet und mit kühler Ueber
legenheit die einzelnen Noten herauspickt. Für junge Fräu
lein, die ohnehin zu übertriebenem Detailliren neigen, eine
bedenkliche Richtung. Sehr gefällig wirkten einige Nummern
aus R. Heuberger’s „Liederreigen“ für Soli, Chor und
Clavier — poetische Stücke, die wir bereits vor mehreren
Jahren besprochen haben und welche auch diesmal in der
sorgfältigen Ausführung durch Frau Neuda-Bernstein,
Fräulein Standhartner und Herrn Schrödter leb
haften Beifall fanden.
Auch das Concert des „Akademischen Gesang
vereins“ am 31. März läßt sich charakterisiren als die
gelungene Ausführung eines nicht gelungenen Programms.
Herr Grädener, der begabte und eifrige Chormeister
dieses Vereins, hat die Stücke jedenfalls besser dirigirt, als
ausgewählt. Auffallen mußte schon die überwiegend düstere
Färbung des Programms für einen Verein von lebens
frischen, kräftigen Jünglingen. Fast lauter schwermüthige
oder doch gekünstelte, reflectirte Musik. Der kleinste Chor von
Schubert wäre wie eine Sonne aufgegangen in dieser
Umgebung. Brahms’ „Begräbnißgesang“ für gemischten
Chor und Blasinstrumente (op. 13) weist zwar, wie jener
Bach’sche, mehr nach der Kirche als nach dem Concertsaal;
er klingt jedoch weit milder und uns näher verwandt durch
seine an das alte geistliche Volkslied erinnernde schlichte
Empfindung. Strenge Fortschreitung in den Harmonien,
einfaches Mitklingen der Blasinstrumente erhöhen den ernsten,
scheinbar so kunstlos erzeugten Charakter dieses edlen, viel
zu wenig bekannten Gesanges. Die mit so einfachen Mitteln
bewirkte Steigerung bei den Worten: „wenn Gottes Posaun’
wird angeh’n“ ist musikalisch und poetisch ebenso schön, wie
die Wendung, daß Frauenstimmen den ersten Vers: „die
Seele lebt ohn’ alle Klag’“ intoniren und die tiefen Männer
stimmen antworten: „Der Leib schläft bis zum letzten Tag“.
Dieser Begräbnißchor aus Brahms’ erster Periode hat
für uns noch die besondere Bedeutung einer vor
bereitenden Studie zu seinem „Deutschen Requiem“.
Bruch’s „Römischer Triumphgesang“ für Männerchor und
großes Orchester ist in Wien schon mehrmals laut geworden,
ohne uns nach seiner Wiederholung begierig zu machen. Die
Gewandtheit des effectkundigen Componisten versagt gegen
diese musikalisch widerhaarige Dichtung; Bruch wußte ihr
nur durch geräuschvollen Pomp beizukommen. Ein kurzes
lyrisches Gedicht: „Die Meere“, mit der Pointe, daß die
Stürme des Meeres, aber nicht die des Herzens sich beruhi
gen, hat Hermann Grädener für fünfstimmigen Männer
chor, Solo-Quintett und großes Orchester componirt. Weder
dieses Aufgebot von Mitteln, noch die Breite der Ausfüh
rung stehen im richtigen Verhältnisse zu dem Gedichtchen.
Grädener zeigt sich hier wie anderwärts als ein Musiker von
Geist und vornehmer Haltung, dem aber die Gefahr droht,
sein Talent zu forciren und die Seele der Musik in drang
vollen „Intentionen“ einzubüßen. Sowol der Chor, als auch
das bekannte Orchester-Capriccio von Grädener wurden mit
großem Beifalle aufgenommen. Zum Schlusse des Concerts
kam eine musikalische Riesenschlange dahergewälzt: Willem
de Haan’sComposition der Uhland’schen Ballade „Der Königs
sohn“, für Soli, Männerchor und Orchester. Die Gemächlichkeit,
mit welcher diese zähe Masse sich in langsamem Tempo, mono
tonem Rhythmus und abgegriffenen Redensarten fortschleppt, ist
nicht zu beschreiben. Die unersättliche Wiederholung von
Sätzchen wie „Die Blitze zucken aus der Nacht“ oder „Ver
schlungen ist der Königssohn“ stellten schon im Anfange die
Geduld des Hörers auf eine harte Probe. Der Fehlgriff,
den ein genialer Tondichter wie Robert Schumann mit dem
dramatischen Durch- oder Auseinander-Componiren dieser
oder anderer Uhland’scher Balladen gemacht, sollte füglich
jeden Nachfolger abmahnen. Wer erzählende Gedichte derge
stalt an einzelne dramatische Personen vertheilt, daß Epos
und Drama sich fortwährend in den Haaren liegen, wird
schwerlich etwas Anderes hervorbringen, als verkrüppelte
Opern, denn das dramatische Leben und die sinnliche An
schaulichkeit fehlen. So unglücklich die Schumann’sche
Composition des „Königssohnes“ uns auch erscheint: in
Einem Punkt konnte sie Herrn W. v. Haan noch immer
zum Muster dienen. Für die einleitenden vier Verse braucht
Schumann nur zehn Tacte, für die Antwort des Königs
sohnes: „Gib mir von allen Schätzen“ u. s. w. sieben
Tacte. Bei Haan dauern sie eine Ewigkeit. Herr
v. Haan, Capellmeister in Darmstadt, wird uns als
ein vortrefflicher Dirigent und höchst liebenswürdiger
junger Mann geschildert. Wenn diese Vorzüge hinreichen,
um eine die Hörer einschläfernde, die Sänger aufreibende
Composition zur Aufführung zu wählen, dann hat Herr
Grädener Recht gehabt, diesen Königssohn gegen uns loszu
lassen. Die Solosänger, Winkelmann, Weiglein und
Schachner, lösten ihre Aufgabe vorzüglich: ebenso die aus
lauter jungen frischen Stimmen bestehenden Chöre.
Unter den Virtuosen ragten wiederum Sarasate,
Grünfeld und die Essipoff empor. Was ließe sich Neues
über diese seit Jahren wohlbekannten und hochgeschätzten
Künstler sagen? Sie sind in Eleganz und allerfeinster Technik
nicht hinter ihren früheren Leistungen zurückgeblieben. Auch
der Beifall ist nicht zurückgeblieben, wenngleich ein wenig das
materielle Erträgniß der Concerte. Wien befindet sich nach den
traurigen Ereignissen der jüngsten Zeit noch immer in ge
drückter Stimmung, wol auch in momentaner Abstumpfung
gegen Concerte. Joachim und — als neue Erscheinungen
— die Barbi und Stavenhagen haben noch ein
enthusiastisches Interesse erregt, aber für die Späterkommen
den nicht mehr viel übrig gelassen. Das merkte man ins
besondere an dem zweiten Concerte des sonst so ver
hätschelten Sarasate. Es war schwach besucht, und die
Künstler ließen mit dem Anfange ihrer Vorträge so lange
warten, daß es aussah, als überlegten sie noch, ob sie dem
kleinen Publicum überhaupt etwas vorspielen sollten. Das
Weber’sche „Duo concertant“, op. 48, das den Anfang
machte, ist für Clarinette und Clavier geschrieben und auf
den Zusammenklang dieser Instrumente durchaus berechnet.
Fällt dieser weg, dann wird das Stück, auch wenn Sara
sate seine Geige dazu in die Hand nimmt, mager und
dürftig. Die zwei Instrumente gehen neben einander statt
mit einander, und es hat im besten Falle der Clavierspieler
Gelegenheit, hie und da zu glänzen. Das war auch in
Sarasate’s Concert der Fall, wo Frau Bertha Marx
nicht nur dieses eine, sondern alle Stücke ganz vortrefflich
spielte. Rund und voll ist ihr Ton, gesund und sicher ihre
Rhythmik. Sie besitzt eine vollendete Technik und mißhandelt
ihr Instrument niemals. Die „Grande Sonate“ von
Raff, op. 78, welche Frau Marx mit Sarasate vor
trug, ist mehr eine lange und schwere, als eine
große Sonate, und die Wirkung, die sie hervor
brachte, war nicht ihre eigene, sondern die ihrer
ausgezeichneten Interpreten. Sehr lebendig wirkten vier
Nummern aus den „Neuen slavischen Tänzen“ von Dvořak,
obgleich das Arrangement für Violine und Clavier nicht ent
fernt das Orchester ersetzt, das gerade in diesen Stücken in
den prächtigsten Farben schimmert. Ein Fremder, ein Spa
nier mußte also kommen, um Wien mit einer im Ausland
längst bekannten und beliebten Composition eines Oester
reichers bekannt zu machen. Alle deutschen Hauptstädte, Berlin
und Dresden voran, haben in diesem Winter Orchester- und
Kammer-Compositionen von Dvořak aufgeführt, noch häufiger
London, am häufigsten Boston und Newyork. In Wien ist
während dieser ganzen Saison nicht Eine Note von Dvořak
öffentlich gespielt worden. Von unseren Orchester-Gesellschaften
gar nicht zu reden, deren Novitätenscheu noch immer zuzu
nehmen scheint, es haben unsere ständigen Quartettvereine —
vier an der Zahl! — nicht das kleinste Stück von Dvořak ge
spielt. Die eben angekündigten Kammermusik-Abende von Door,
welche gastlichen Raum haben für Novitäten von Gernsheim,
Schütt und Kaufmann, hätten wol auch auf das neue
(vor Jahr und Tag erschienene) Clavier-Quintett in G-dur
von Dvořak verfallen können. Daß die Werke dieses
Componisten mit all ihren Mängeln zu dem Originellsten
und Anziehendsten gehören, was heute überhaupt producirt
wird, ist anerkannt. Unsere Wiener Musiker wissen das so
gut wie wir und klagen noch lauter als wir über den
Mangel an interessanten Novitäten. Was kann also der
Grund sein für diese Zurückweisung eines österreichischen
Componisten, der sonst überall gern aufgeführt wird? Viel
leicht der nationale Antagonismus gegen die Czechen. Eine
politisch begründete und geforderte Opposition auch in das
Gebiet der Kunst hinüberzuschleppen, dünkt uns ein bedauer
licher, ja kaum begreiflicher Einfall. Was hat die Musik,
was hat insbesondere die reine Instrumentalmusik mit der
Partei-Politik zu schaffen? Wir müssen constatiren, daß die
Czechen, so feindselig und eigensinnig sie gegen alles Deutsche
vorgehen, doch auf künstlerischem Felde sich vorurtheilsfreier
zeigen, als die Wiener Musiker. Nicht nur finden in den
Prager Concertsälen viele deutsche Novitäten Zutritt, auch
das czechische National-Theater hat außer den Wagner’schen
Opern auch neuere deutsche, z. B. Goldmark’s „Königin von
Saba“, auf dem Repertoire und kündigt soeben dessen
„Merlin“ an. Also nicht einmal mit Repressalien, so thöricht
auch diese wären, können wir uns rechtfertigen. Wien hat
sich sonst in der Musik stets frei von nationalen und poli
tischen Vorurtheilen erhalten. Zur Zeit der napoleonischen
Kriege und noch während des Wiener Congresses beherrschten
hier die französischen Opern von Méhul, Cherubini, Dalayrac,
Isouard, Boyeldieu das Repertoire. Und ganz mit Recht,
denn abgesehen von „Fidelio“, und allenfalls der populären
„Schweizerfamilie“ gab es damals unter den deutschen
Opern-Novitäten nichts, was sich künstlerisch mit jenen franzö
sischen Werken messen konnte.
Das Programm des nächsten „Philharmonischen
Concertes“ überrascht uns mit einer Merkwürdigkeit: der aller
ersten Aufführung eines bisher unbekannt gebliebenen Clavier
concertes (erster Satz) von Beethoven. Der Hörer dürfte
diesem Werk wahrscheinlich mit größerem Interesse entgegen
kommen, wenn er weiß, wie es damit zugegangen; man ge
statte uns deßhalb einige vorbereitende Worte. Die Auf
findung des Beethoven’schen Concertsatzes ist das Verdienst
des Professors an der Prager deutschen Universität, Dr.
Guido Adler, der auch im letzten Heft der von ihm
mitredigirten „Vierteljahrsschrift für Musikwissenschaft“ aus
führlich darüber berichtet hat. Professor Adler entdeckte im
Besitze eines Studirenden, Herrn Emil Bezecny in Prag, ein
Convolut geschriebener Orchesterstimmen mit der Aufschrift:
Concerto in D-dur für Pianoforte mit Orchester von
L. v. Beethoven. Die Clavierstimme dazu fand sich bei
dem Stiefbruder des Genannten, Freiherrn Joseph v. Bezecny
in Wien, nach dessen Aussage Orchester- wie Clavierstimmen
von der Hand seines Vaters, eines eifrigen und ver
ständigen Musikers, herrühren, welcher seinem Sohne Clavier
unterricht ertheilt und mit ihm wiederholt auch das
Clavierconcert, vielmehr den einen Satz, gespielt hatte.
Es ist nämlich nur ein Satz „Allegro“ erhalten, der erste
Satz eines Clavierconcerts. Wo die anderen Sätze sich be
finden, falls solche, wie zu vermuthen ist, überhaupt existirt
haben, konnte trotz emsigster Nachforschung nicht ermittelt
werden. Daß das Werk wirklich von Beethoven, und zwar
zwischen den Jahren 1788 und 1793 (also um sein
zwanzigstes Lebensjahr herum) componirt ist, hat Professor
Adler überzeugend dargethan. Wir haben also ein Jugend
werk des Meisters vor uns, und gleich die ersten Tacte, das
direct an eine Mozart’sche Sonate erinnernde Thema, die
noch recht magere Durchführung und das altmodische Passagen
werk sagen uns das deutlicher, als jede philologische Unter
suchung. Wie es geschehen konnte, daß diese Composition fast
ein Jahrhundert lang gänzlich verborgen blieb, ja keinem
von allen Beethoven-Biographen auch nur als neckende Ver
muthung vorschwebte? Sehr wahrscheinlich, weil Beethoven,
dieser strengste Richter über seine eigenen Arbeiten, das Clavier
concert später gar nicht mehr hervorsuchen, geschweige denn
veröffentlichen wollte. Noch von zwei später componirten Clavier
concerten — dem in C-dur, op. 15, und in B-dur, op. 19 —
schreibt Beethoven selbst im Jahre 1801 an Breitkopf & Härtel:
„Ich merke dabei blos an, daß bei Hofmeister eines von
meinen ersten Concerten herauskommt und folglich nicht zu
den besten von meinen Arbeiten gehört, bei Mollo eben
falls ein zwar später verfertigtes Concert, aber ebenfalls
noch nicht unter meine besten von der Art gehört:
dies sei blos ein Wink für Ihre Musikalische Zeitung in
Rücksicht der Beurtheilung dieser Werke, obschon, wenn man
sie hören kann, nämlich gut, man sie am besten beurtheilen
wird.“ Dieser „Wink“ Beethoven’s gilt auch dem verständ
nißvollen Publicum der Philharmonischen Concerte. Herr
Labor wird das Concert in D so schön spielen, als es
gespielt werden kann, und ein Ereigniß bleibt das erste Auf
tauchen eines verschollenen größeren Stückes von Beethoven
auf alle Fälle.