Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 9033. Wien, Donnerstag, den 17. October 1889 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2024

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 9033. Wien, Donnerstag, den 17. October 1889 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Etienne, Michael Friedländer, Max Wien 17.10.1889
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Die beiden Schützen“ von Lortzing. (Erste Aufführung im Hofoperntheater am 15. October 1889.)

Ed. H. Unsere Freunde im deutschen Reich dürften es mit einigem Erstaunen lesen, daß Lortzing’s komische Oper Die beiden Schützen“ jetzt im Wiener Hofoperntheater zum ersten-, zum allererstenmal gegeben wurde — volle 52 Jahre nach ihrer Première in Leipzig! Dort hatte das lustige Stück, mit welchem sich Lortzing als Operncomponist ein geführt, glänzende Aufnahme gefunden und bald darauf einen sicheren Platz auf allen deutschen Opernbühnen. Die Haupt rollen waren den beliebtesten Leipziger Darstellern genau an gepaßt, Lortzing selbst gab den dummen Peter. Was hat der vielseitig begabte Mann, der nebenbei Operncomponist, Text dichter, Capellmeister gewesen, nicht Alles gesungen und ge spielt während seines Engagements in Leipzig! Heute sang er den Masetto oder Papageno, morgen spielte er den Fritz Hurlebusch oder den Tischler im „Lumpazivagabundus“, am nächsten Abend den Valentin im „Verschwenderoder den Peter Ivanow in seiner eigenen Oper „Czar und Zimmermann“. Und das Alles gleich liebenswürdig, gleich lebendig in Spiel und Gesang. Lortzing war damals bildhübsch, mit dunklen Locken und ausdrucksvollen braunen Augen, stets gut gelaunt und voll lustiger Einfälle. Wie sehr verändert, früh gealtert erschien er uns, als er im Februar 1849 seine letzte Oper „Zum Großadmiral“ im Josephstädter Theater dirigirte! Nur die leuchtenden Augen unter den grauen Locken und der gefurchten Stirne ließen den einst so lebensfrohen Mann wiedererkennen. Die thea tralischen Mißjahre, welche der Revolution von 1848 folgten, hatten Lortzing in sorgenvolle Lage versetzt; hier in Wien, als Capellmeister des Josephstädter Theaters, durchlebte er den unheilverkündenden vorletzten Act seines Lebensdramas,

dem in Berlin schnell der letzte folgen solle. Der Aermste hat die Zeit der Tantièmen nicht erlebt. Das Josephstädter Theater, das Lortzing’s letztes Werk ins Leben rief, hat auch die meisten seiner früheren Opern in Wien zuerst gebracht: im August 1842 den „Czar und Zimmermann“, im folgen den Jahr den „Wildschütz“ und „Die beiden Schützen“. Mit dem „Waffenschmied“ und „Undine“ war 1846 das Theater an der Wien dem Hofoperntheater weit vorangegangen. Die Wiener Hofoper hat sich eigentlich um Lortzing sehr wenig gekümmert; sie gab zwar den „Czarschon im Jahre 1842, ließ aber dann volle achtzehn Jahre verstreichen, ehe sie den „Wildschütz“, und weitere fünf Jahre, bevor sie den „Waffenschmied“ zum erstenmal aufführte. Undine“ erschien auf dieser Bühne erst 1881, und jetzt erst, ganz zuletzt, Lortzing’s erste Oper „Die beiden Schützen“. Zunächst erklärt sich diese Verspätung wol aus der rasch vor greifenden Concurrenz der beiden genannten Vorstadttheater, ebensosehr aber aus dem reichen Zufluß von Novitäten, die in dem Jahrzehnt 18371847 unserer Großen Oper sich darboten. Neue Werke von Donizetti und Verdi, von Meyerbeer, Auber, Adam, A. Thomas erschienen in rascher Folge, und da bei dem Publicum des Kärntner thor-Theaters italienische und französische Musik in höherer Gunst stand, als die deutsche, so glaubte die Direction, den anspruchslosen Lortzing leicht entbehren zu können. Hatte sie doch sogar Spohr und Marschner auffallend ignorirt. Heute ist das Verhältniß fast umgekehrt, im Guten wie im Schlimmen. Sinn und Werthschätzung deutscher Musik haben sich in Wien ungemein erhöht und verbreitet, das ist die gute Seite. Das Uebel hingegen, welches jetzt der Wieder aufnahme Lortzing’s zu statten kommt, ist die außerordent liche Armuth an wirksamen neuen Opern, sowol aus Deutsch land wie aus Frankreich und Italien. Jede Opernbühne sieht sich heute genöthigt, ältere Werke wieder aufzufrischen, um einige Abwechslung in das Repertoire zu bringen. Director Jahn hat diesen Weg von Anfang an eingeschlagen und consequent fortgesetzt; ihm verdanken wir die zweite

Neubelebung der bereits halbvergessenen Opern „Wildschützund „Waffenschmied“, die erste Aufführung der „Undineund jetzt der „Beiden Schützen“.

Lortzing hat die Handlung einem französischen Vaude ville: „Les deux grenadiers“, entnommen, den Schauplatz und die Personen jedoch in sein geliebtes kleinbürgerliches Deutsch übertragen. Der Gastwirth Busch erwartet seinen Sohn Gustav, der nach zehnjähriger Abwesenheit aus einem langen Feldzug heimkehren soll. Aber vor dem Erwarteten trifft ein anderer Soldat desselben Schützenregiments in dem Städtchen ein, ein übermüthiger Geselle, Namens Wilhelm. Er hat sich augenblicklich in Suschen, die Tochter des Gast wirths, verliebt und läßt es sich gefallen, für Gustav Busch gehalten und von seinem vermeintlichen Vater ins Quartier genommen zu werden. Im zweiten Act kommt der wirkliche Gustav Busch. Da der Vater ihn durchaus nicht erkennen will und nach der Polizei schickt, beruft sich Gustav auf seine im Tornister aufbewahrten Legitimations-Papiere. Man finde aber in dem zufällig verwechselten Tornister nur eine Anzahl Liebesbriefe und einen auf ganz andern Namen lautenden Militärpaß. Dadurch in seinem Verdacht bestärkt, läßt Busch seinen Sohn als Betrüger einsperren. Glücklicherweise hat dieser das Herz Carolinens, der Tochter des Amtmannes Wall, erobert, mit deren Hilfe er aus dem Arrest ent kommt. Nun tritt auch Wilhelm dazu, bekennt die von ihm verübte Mystification und löst die ganze Ver wirrung. Das Stück endet lustig zu allgemeiner Zu friedenheit mit einer Doppelheirat. Wie man sieht, bewegt sich Lortzing hier auf seinem eigensten Boden. Ein kleines deutsches Städtchen mit seinen gutmüthigen Spieß bürgern, welche durch allerlei Verwechslungen und Miß verständnisse in ungewohnte Aufregung und in einen Wirrwarr gerathen, bei dem es natürlich ohne Prügel und Arretirungen nicht abgeht. Ein eingebildeter Amtmann, ein bornirter Gastwirth, ein fluchender Dragoner, ein furcht samer dummer Junge — das sind die komischen Figuren, zwischen denen zwei Liebespärchen, ein muthwilliges und

ein mehr empfindsames, ihre harmlose Intrigue spinnen. Lauter Typen, mit deren Charakteristik unser Componist gründlich vertraut ist und die in leicht veränderter Form uns auch sonst bei ihm begegnen. Die gut geführte Handlung ergibt Scenen von unwiderstehlicher Komik, ohne dem Ver stande Zeit zu lassen, über Unwahrscheinliches tiefer nach zudenken. Die Hand des Textdichters Lortzing ist in dem geschickten Ausbau der komischen Ensemble-Nummern nicht zu verkennen, leider auch nicht in der Trivialität des Dialogs und der Liedertexte.

Die neue alte Oper besitzt alle Vorzüge und Schwächen Lortzing’scher Musik — wer könnte über diese noch etwas Neues sagen! Mit dem „Wildschütz“ und dem „Waffen schmied“ stehen die „Beiden Schützen“ nicht auf gleicher Höhe der musikalischen Erfindung und formellen Ausfüh rung; noch weniger erreichen sie den in seiner Weise classi schen „Czar und Zimmermann“. Sie klingen veralteter durch allerlei zopfige Passagen, durch ihre Gesangstücke in Polonaisenform, ihre häufigen Rosalien und langen Wieder holungen. Aber wir begegnen darin manchem Musikstück, das wir zu den gelungensten des so liebenswürdigen Lortzing zählen müssen. Da ist vor Allem die drollige große Solo scene des dummen Peter, der, zugleich tanzend und meist auf Einem Tone singend, seine Abenteuer erzählt. Sie ist voll Leben, voll gesunder, natürlicher Komik; dieses einzige Stück, das originellste in der ganzen Oper, würde hinreichen, Lortzing zum Meister seines Fachs zu stempeln. Die übrigen Einzelgesänge sind weit schwächer; die beiden Strophenlieder Peter’s und Schwarzbart’s mit ihren Possen-Refrains wollen uns heute nicht mehr in den Rahmen einer Oper passen. Ungleich wirksamer sind die Ensemblestücke, namentlich das erste Finale, in welchem Busch irrigerweise den Wilhelm als seinen Sohn begrüßt, dann das Quartett („Ihm Trost zu bereiten“) und das Septett im dritten Acte („Stille Nacht“), in welchem die „Comödie der Irrungen“ der im Dunklen einander suchen den, findenden und wieder verfehlenden Personen ihren er götzlichen Höhepunkt erreicht. Auch das mit der Verhaftung Gustav’s endende zweite Finale wirkt durch dramatische Lebendigkeit bei schön abgerundeter Form. Diese Nummern ragen siegreich aus der Partitur hervor. Dennoch legen wir

nicht geringen Nachdruck auf den einheitlichen, stets heiteren und natürlichen Ton, welcher das Ganze beherrscht. Selbst die sentimentalen Stellen Gustav’s und Carolinens treten niemals durch übertriebenen Ausdruck aus dem Rahmen des Lustspiels. In ernsten Momenten ist Lortzing’s Musik warm und herzlich, aber niemals pathetisch. Es ist etwas Anderes, ob Liebessehnen und Abschiedsschmerz in einer heroischen großen Oper oder in einer kleinen komischen zu schildern sind. Ein Genrebild darf nicht mit den Mitteln und For men des Historienbildes wirken. Das Hauptmotiv kann das gleiche, der Styl muß ein anderer sein. Und diesen Grundsatz hat Lortzing stets festgehalten. Seine durchwegs anspruchslose Haltung und gesunde Natürlichkeit können allen seinen Nach folgern in der deutschen komischen Oper und vollends in der Operette zum Muster dienen. Diese Eigenschaften wirken auf den Hörer mit einer einschmeichelnd überzeugenden Kraft selbst dort, wo sie unbedeutenderen Musikstücken anhaften, die ja in keiner Lortzing’schen Oper ganz fehlen. Bei mancher gar zu selbstverständlichen Melodie oder allzu kindlichen Scene überfliegt uns wol ein Lächeln, das ungefähr sagen will: Unbegreifliche Zeiten, welche sich an dergleichen ergötzen konnten! Aber in dieses moderne Selbstbewußtsein mischt sich doch ein bischen Neid auf unsere Voreltern, denen „Die bei den Schützen“ einen genußreichen, frohen Abend bedeuteten. Sind jene „unbegreiflichen“ Zeiten nicht auch glücklichere ge wesen? Etwas wie ein Hauch aus jenen Tagen naiver Genüg samkeit schleicht sich doch in unser eigenes Herz, und wir leihen den einfachen Melodien und harmlosen Spässen ein freundliches Ohr, weil sie naiv und anspruchslos sind. Wir sitzen vor der Bühne fast wie vor einem trauten Kaminfeuer und wärmen uns, früherer Zeiten gedenkend, an dem derben Humor der Handlung und der gemüthvollen Fröhlichkeit der Musik.

Aber nicht blos den Zuhörern, auch den Opernsängern von heute ist die bürgerliche gesunde Heiterkeit und Unbe fangenheit der Vorfahren abhanden gekommen; sie müssen schon eine kleine Anstrengung machen, aus Eigenem dazu thun, durch den Reiz ihrer Persönlichkeit und die Kraft ihres Talents nachhelfen, wo die Farben des Bildes verblaßt sind. In diesem Sinne hat insbesondere Fräulein Renard, für welche die „Beiden Schützen“ leider keine geeignete Rolle

darboten, die Wirkung von Lortzing’s „Waffenschmied“ und Wildschütz“ erheblich gesteigert. Die Aufführung der „Beiden Schützen“, im Hofoperntheater war in allen Rollen tüchtig, in einigen ganz vortrefflich. Zu diesen gehört vor Allem der Peter“, des Herrn Stoll, der das Publicum außer ordentlich ergötzte. Herr Stoll producirte die auf einer großen Bühne doppelt anstrengende Tanz-Arie mit Vir tuosität und bewährte sich in der ganzen Rolle als ausgezeichneter Komiker. Herr Schrödter singt und spielt den Gustav Busch mit der ihm eigenen herz gewinnenden Natürlichkeit und Frische. Schwarzbart, der lustige Kamerad, ist Herr v. Reichenberg — „einen besseren find’st du nicht“. In der Rolle des feurigen Mädchen jägers Wilhelm bewährte Herr Horwitz neuerdings das schauspielerische Talent und die Vielseitigkeit, die ihn zu einer der werthvollsten Stützen des Repertoires machen. Leider for dert diese Liebhaberrolle eine jugendlich frischere Stimme. Auch von Suschen, die an allen Ensemble-Nummern wichtigen An theil hat, erwartet selbst der Bescheidenste etwas mehr Ton, als Frau Anna Baier zu bieten vermag. Die bedeutendere von den beiden Mädchenrollen gibt Fräulein Forster, die als Caroline reizend aussieht und stets mit musika lischer Empfindung, rein und maßvoll singt. Ihr Spiel würde durch eine ruhigere, natürlichere Haltung noch gewinnen. Diese gutgemeinte Beflissenheit, mit Kopf, Schultern und Armen lebhaft zu agiren, macht gerade bei Fräulein Forster den Eindruck des Gekünstelten. Ihre ruhelosen Bewegungen strömen nicht von Innen heraus, nicht aus einem übersprudelnden Temperament, sondern er scheinen als ein äußerlich Angeheftetes. Warum wirkte ihr Duett mit Gustav so besonders erfreulich? Weil die Hal tung Fräulein Forster’s da im schönsten Einklange stand mit den ruhigen sanften Linien ihres Gesanges und ihrer ganzen Persönlichkeit. Fräulein Ida Baier hat als Jungfer Lieblich ihre berühmte Galerie alter Jungfern mit einem neuen werthvollen Exemplar bereichert. Der Wirth, der Amtmann und der Unterofficier werden von den Herren Felix, Frey und Hablawetz mit guter Charakteristik wiedergegeben. Uneingeschränktes Lob verdienen das exacte, rasche Zusammenspiel und die discrete Begleitung des von Herrn J. N. Fuchs dirigirten Orchesters.