Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Nr. 9069. Wien, Freitag, den 22. November 1889 Hanslick, Eduard Wilfing, Alexander FWF Der Wissenschaftsfond.
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Hanslick Edition: Hanslick in Neue Freie Presse Herausgegeben von Wilfing, Alexander Projektmitarbeiterinnen Bamer, Katharina Pfiel, Anna-Maria Elsner, Daniel Austrian Centre for Digital Humanities and Cultural Heritage Wien 2024

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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.

Nr. 9069. Wien, Freitag, den 22. November 1889 Hanslick, Eduard Neue Freie Presse Morgenblatt Herausgegeben von Bacher,Eduard Benedikt, Moriz Wien 22.11.1889
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Hofoperntheater. („Sonne und Erde“, Ballet in vier Bildern von F. Gaul und J. Haß reiter. Musik von J. Bayer.)

Ed. H. Die vier Jahreszeiten! Aus ihnen haben, seit es eine Kunst gibt, die Poeten, Maler und Musiker ihre holdesten Dichtungen geschöpft und werden es weiter thun, so lange sich das Wunder dieser viersätzigen Himmelssympho nie wiederholt. Welch reicher, klarer Quell auch für den Tanzpoeten, wenn er ein offenes Auge, Phantasie und vollends einigen Humor besitzt! Das neue Ballet, für wel ches der Titel „Die vier Jahreszeiten“ uns besser gefiele, als der steifere „Sonne und Erde“, bietet dem Zuschauer einen bunten Wechsel von Landschaftsbildern, heiteren Scenen und glänzendem Schaugepränge. Die Herren Gaul und Haßreiter haben von ihren guten Einfällen mit freigebi ger, wenn auch nicht gleichmäßiger Hand gespendet. Die Wunder des Frühlings ließen sich etwas dürftig an; weder die sentimentale Aussaat, noch die komische wollte recht gedeihen. Der pedantische Naturforscher, der schwärmerische Dichterling, das empfindsame Mäd chen — sie sind schon stark verbrauchte Figuren. Weit effectvoller führt sich der Sommer ein: in einem eleganten Seebad der Riviera, dessen Badegäste in koketten Schwimmkleidern durcheinander wimmeln und sich von spanischen Zigeunern etwas vortanzen lassen. Mit hinreißender, fast ausgelassener Leidenschaft tanzen Fräulein Rathner, Herr Thieme und das Ballet personal dieses wirbelnde Bacchanale. Die poetische Signatur des Herbstes, Jagd und Weinlese, bestimmt den Charakter des dritten Landschaftsbildes. Ein vom Pferd gefallener nervöser Baron und ein zutäppischer Wirth dienen als komische Staffage. In dem Tanz der Winzer hüpft und springt die ganze urwüchsige Lustigkeit des Volkes. Ein Gewitterregen mit rasch nachfolgenden Donnerschlägen macht

die Gesellschaft eilends zerstieben und den Vorhang fallen. Nun kommt der Winter an die Reihe, der bekanntlich auch seine Freuden hat. Wenn wir nur im Hofoperntheater nicht gar so lange auf diese Freuden warten müßten! Für das neue Ballet ist es ein Unglück — wir glauben kein unverbesserliches — daß jeder der vier Jahreszeiten eine „allegorische Erklärung“ vorausgeschickt ist, die mit geringen Abänderungen immer dasselbe bringt und, obwol nur wenige Secunden dauernd, doch eine übermäßig lange Vorbereitung braucht. Wenn zu Anfang des Ballets Fräu lein Abel als „Sonne“ plötzlich in einem Meer von goldenen Strahlen erglänzt, ihr zu Füßen Saturnus auf die Weltkugel gebückt, da leuchtet eine freudige Ueberraschung auf allen Gesichtern auf und macht sich in dröhnendem Applaus Luft. Aber dabei sollte man es lieber bewenden lassen. Sich viermal durch eine endlose Zwischenactmusik (vor dem „Winter“ eine wahre Leichensymphonie) durchlang weilen zu müssen, um endlich den Teppichvorhang und dann den Wolkenvorhang sich wieder öffnen zu sehen und aber mals die Sonne mit dem melancholischen Saturn anzu schauen, das ist ein bischen hart. Wie lästig und ernüch ternd, wenn die bei geschlossener Courtine vorgenommenen Zu rüstungen vor jeder Scene länger dauern, als die Scene selbst! Dem ließe sich, wie uns dünkt, abhelfen. Der „Winter“ selbst bringt den schönsten Moment des ganzen Ballets, ja das überraschendste, herrlichste Bild, das wir überhaupt in einem Ballet gesehen: die plötzliche, gleichzeitige Entzündung eines mit Kerzen übersäeten riesigen Christbaums und zahl loser kleiner Christbäumchen in den Händen goldgelockter Genien. Ein Zauber und zugleich der augenfälligste Triumph des elektrischen Lichts. Haben uns die wunder baren Forschritte unserer modernen Beleuchtungstechnik auch das Staunen beinahe abgewöhnt — in dieser wahrhaft poetisch gedachten und ausgeführten Weihnachtsfeier ist ihre Wirkung geradezu unbeschreiblich.

Sonne und Erde“ hat selbstverständlich einen Beifalls sturm erregt, der noch lange wirksam nachhalten wird. Wenn

dennoch etwas diesen Erfolg beeinträchtigt hat, so war es — abgesehen von den erwähnten scenischen Verzögerungen — die überspannte Erwartung des Publicums. Mit dem Vorrecht der Unersättlichkeit erwartete man, „Sonne und Erde“ werde die Wiener Walzer sammt der Puppenfee tief in den Schatten stellen. Das aber thut „Sonne und Erde“ keines wegs. Die „Wiener Walzer“ sind als ein nationales Genre bild von urwüchsigem Humor geradezu einzig. Ihre Musik ist classisch, denn sie schöpft nur aus dem Allerbesten, was die Tanzmusik besitzt: aus Franz Schubert, Lanner und den beiden Johann Strauß. „Die Puppenfee— man hat sie unklugerweise am selben Abend aufgeführt — ist wiederum die reizendste kleine Schöpfung phantastisch- komischer Tanzpoesie. Herrn Bayer’s Musik zur „Puppenfeedarf man nachrühmen, daß sie immer graziös, manchmal fein charakteristisch und — was die Hauptsache — niemals langweilig ist. Im Vergleiche mit den beiden genannten Divertissements erscheint „Sonne und Erde“ nicht so con sequent aus Einem Mittelpunkte heraus gestaltet, als Ganzes nicht so originell und im Detail weniger neu, weniger witzig. Auch Herr Bayer hat diesmal seine Puppenfee-Musik nicht entfernt erreicht. Zwar verleugnet er nirgends den gewandten, erfahrenen Balletcomponisten, allein die Erfindung hat ihn, wie das ja mitunter passirt, stark im Stich gelassen; auch die Musik zum „Frühling“ und „Sommer“ scheint er im Winter seines Mißvergnügens componirt zu haben. Wenn es gelingt, die langen Zwischenacte, in welchen Herrn Bayer’s Muse sich am bedauerlichsten abplagt, erheblich zu kürzen, dürfte auch alles Uebrige frischer klingen und stärker an sprechen. Was die Mitwirkenden betrifft, so müßten wir, um Jedermann nach Verdienst gerecht zu werden, den ganzen sehr langwierigen Theaterzettel abschreiben. Begnügen wir uns darum mit den bekannten Namen der Tänzerinnen: Fräulein Abel, Pagliero, Rathner, L. Balbo und der Herren Frappart, Price, Thieme und van Hamme.

Das neue Ballet, im Styl den „Wiener Walzern“ und der „Puppenfee“ verwandt, dürfte auch gleich diesen einen

trefflichen Schwimmgürtel abgeben, um altersschwache Opern, wie den „Betrogenen Kadi“, oder lahme, wie den „Vasall von Szigeth“, über dem Wasser zu erhalten. „Sonne und Erde“ wird das enorme Uebergewicht verstärken, welches das heitere, fast zur Pantomime zurückgreifende Divertissement bei uns thatsächlich über das stylmäßige große Ballet errun gen hat. Es dünkt mir dies ein erfreulicher Fortschritt des gesunden Geschmacks, so sehr die erste Solotänzerin darüber wehklagen wird. In Sachen des seriösen Ballets vollständig Laie, ein undankbarer, gelangweilter Laie, würde ich mir so verwegenen Ausspruch schwerlich erlauben, wenn die Erfah rungen der letzten Jahre nicht unzweifelhaft darlegten, daß unser Publicum ebenso denkt. Gibt es etwas Ermüdenderes, als einen ganzen Abend hindurch einem ernsthaften Ballet d’action zu folgen, dessen ganze „Action“ blos in der Ge legenheitsmacherei für virtuose Tanzproductionen besteht? Welche Geduldprobe, diese umständlichen getanzten Adagios, diese endlosen „Variationen“, diese Riesenschlangen-Pas de deux! Nur dem kleinen Areopag der ernsthaften Kenner und Enthu siasten gilt für das Entscheidendste, wie lange eine Tänzerin auf den Fußspitzen vorwärts zu trippeln oder wie oft sie sich um sich selbst zu drehen vermag. Für diese Balletgelehrten braucht die kreiselnde Virtuosin nicht einmal dasjenige zu be sitzen, was uns zwar nicht als die wichtigste Eigenschaft, wol aber als die erste Voraussetzung gilt: Jugend und Schönheit.

Von den einst vielbewunderten mythologischen, grie chischen und römischen Balletten, in welchen Noverre das Höchste der dramatischen Kunst überhaupt erblickte, hat man sich längst abgewendet. Noverre, der sich selbst den „Shakespeare des Ballets“ nannte, erklärt das Tragische für das eigentliche Feld des Ballets. Jetzt scheint man auch die großen romantischen Ballette, wenn sie den ganzen Abend füllen, ab zulehnen und kleinere, heitere Genrebilder vorzuziehen. Wie man der älteren italienischen Oper überdrüssig geworden ist, in welcher die Bravour der Solosänger Alles und der Chor Nichts war, so widerfährt es auch ähnlich dem Ballet: der

natürlichere, realistischere Geschmack von Heute ergötzt sich mehr an den lebensvollen Chorwirkungen, als an den Fußspitzentrillern der prima Ballerina. In den drei Divertissements, welche neuestens die drei größten Erfolge des Hofoperntheaters bezeichnen, hat die erste Solotänzerin gar nichts zu thun; hingegen erfreut uns ein Reichthum an lebensvollen, meist charakteristisch nationalen Ensemble-Tänzen, zwischen welchen sich zwanglos eine possenhafte Handlung schlängelt. Wie gesagt, nähern sich die wirksamsten Partien der „Wiener Walzer“, „Puppen fee“, „Sonne und Erde“ der alten komischen Pantomime. Wenn nicht Alles trügt, wird der nächste Fortschritt im Balletwesen sich noch weiter in dieser Richtung bewegen. Aus der fortbildungsfähigen Form der Pantomime wird ein erfinderischer Balletmeister wirksame, noch unverbrauchte Kräfte gewinnen, ohne auf die Reize des eigentlichen Tanzes zu verzichten.

Die jetzt im Hofoperntheater herrschende Sitte, ein kur zes Ballet am Schlusse einer mehractigen Oper zu geben, erweist sich als durchaus praktisch. Die größere Hälfte des Abends ist der Oper, die kleinere dem Ballet gewidmet. In früheren Jahren herrschte die umgekehrte Ordnung: man begann mit einer einactigen Oper und ließ ein längeres Ballet folgen. Das gesungene Vorspiel, meist mit zweiten oder dritten Kräften besetzt, ward wenig beachtet, ja, von einem großen Theile des Publicums, das erst zum Ballet erschien, gänzlich übersprungen. Da gelangte das lustige Singspiel „Der Dorfbarbier“ ins Kärntnerthor-Theater, und das Verhältniß anderte sich mit Einem Schlage. Castelli erzählt in seinen Memoiren, wie unvergleichlich die beiden Komiker Baumann und Weinmüller diese unverwüst liche Posse spielten, ohne Souffleur, beinahe improvisirend. Alle Welt besuchte nun an solchen Abenden das Kärntner thor-Theater, blos wegen des Singspiels, nicht wegen des Ballets. Heute erleben wir in Wien das Umgekehrte: die kleinen Ballette „Wiener Walzer“, „Puppenfee“, „Sonne und Erde“ locken das Publicum ins Theater und verschaffen den an sie geketteten großen Opern ein volles Haus.