Concerte.
Ed. H. Unmittelbar nacheinander haben zwei unserer
größeren Gesangvereine ihre öffentlichen Productionen be
gonnen: der „Wiener Männergesang-Verein“ und
die „Sing-Akademie“. Im Männergesang-Verein kann
man nicht blos auf vortreffliche Ausführung, sondern jeder
zeit auch auf einige Novitäten zählen. Es gab deren am letz
ten Mittwoch nicht weniger als sechs. Rubinstein’s
„Kriegslied“ (ohne Begleitung) fiel gänzlich ab; es ist schlecht
declamirt und erzielt, trotz des dreimaligen „Hurrah!“, die
sem Spirituszusatz zu dem Geibel’schen Wein, nicht die ge
ringste Kampflust. Die berühmte Scene, wie in Paris bei
einem Gluck’schen Chor die Officiere in kriegerischem En
thusiasmus an den Degen griffen, wird sich bei Rubinstein
schwerlich wiederholen. Ungleich ansprechender wirkten drei
kleinere, volksthümlich gehaltene Chöre: „Scheiden ohne Leiden“
von Robert Fuchs, „Amor und Fortuna“ von Reinecke
und „Gretelein“ von unserem talentvollen Landsmanne Albert
Hermann. „Meeresstille und glückliche Fahrt“ gehört nicht zu
den hervorragendsten Compositionen Goldmark’s. Der lang
same erste Theil in H-moll findet für die beklemmende Windstille ein
gutes Ausdrucksmittel in der festgehaltenen tiefsten Lage der
Baßstimmen. Zur „Glücklichen Fahrt“ überleitend, hat Gold
mark den sehr glücklichen Einfall, einzelne Hornrufe erst in
langsameren, dann immer kürzeren Intervallen ertönen zu
lassen. Nach dem schwermüthigen unbegleiteten Gesang tiefer
Männerstimmen fallen diese Hornklänge wie Sonnenstrahlen
auf die Landschaft. Sie geben der Situation Farbe; die
Zeichnung des bewegten Meeres und des fröhlichen
Schiffertreibens können sie nicht liefern. Das vermag nur
ein Orchester, und darum verblaßt jede Vocal-Composition
des Goethe’schen Gedichtes, wenn wir an Mendelssohn’s hin
reißende Concert-Ouvertüre denken. Ueberdies ist die melo
dische Phrase, mit welcher Goldmark die „Glückliche Fahrt“
geleitet, von ziemlich billigem Stoff. Die einzige Nummer,
welche das sonst so da capo-durstige Publicum des Männer
gesang-Vereins zur Wiederholung begehrte, war Pache’s
„Waldeinsamkeit“, ein Stück, das durch die Klangfülle effect
vollen Chorsatzes wirkt. Wie sinnig, wenn die „Waldeinsam
keit“, in die ein friedensbedürftiges Gemüth sich rettet, von
zweihundert Männerstimmen im Fortissimo der höchsten
Brusttöne angedonnert wird! Die umfangreichste und
bedeutendste Novität des Abends war ein Liedercyklus,
„Frühlingskränze“, für Tenor- und Sopran-Solo mit
Männerchor und Clavierbegleitung von Richard Heuber
ger. Von allen Liedercyklen; die nicht (wie die „Schöne
Müllerin“ und „Winterreise“) schon vom Dichter als Ganzes
gestaltet, sondern erst vom Componisten frei zusammengestellt
sind, scheinen mir Brahms’ „Zigeunerlieder“ und En
gelsberg’s „Italienisches Liederspiel“ die einheitlichsten zu
sein. Da stimmt jedes Stück zum andern, keines ist unver
ständlich oder überflüssig, und alle zusammen lassen in ihrer
Aufeinanderfolge etwas wie eine verschleierte, einfache Hand
lung durchschimmern. Heuberger hat sich im Gegentheile
durch seine poetische Auswahl, die Einheit des Stoffes, der
Stimmung und der Localfarbe fast unmöglich gemacht.
Seine „Frühlingskränze“ sind aus italienischen, illirischen,
krainerischen, böhmischen, persischen Volkspoesien und deut
schen Original-Gedichten zusammengeflochten. Zwischen dem
slavischen Scherzgedichte „Der Scheintodte“ und dem persischen
Derwisch-Chor mit dem unverständlichen Refrain „Allah hu!“,
zwischen Allah-hu und dem sich anschließenden Duett aus
Rückert’s Liebesfrühling suchen wir vergebens nach einem Zu
sammenhang. Anfang und Ende des Werkes — der Galgen
humor des ersten Chors „Liebestafel“ und der ekstatische
Sonnencultus des letzten — wollen sich durchaus zu keinem
Ring zusammenschließen. Die Unklarheit über die leitenden
Ideen des Componisten und die Anstrengung, sich selber den
rettenden Faden zu suchen, werfen den Hörer aus der Stim
mung. So kam es auch, daß das Publicum, von einzelnen
Nummern lebhaft angesprochen, schließlich dem Ganzen doch
fremd gegenüberstand. Die mit aufrichtigem Beifall begrüßten
Stücke waren durchwegs diejenigen, in welchen der Componist
einfach und natürlich bleibt. Vor Allem das reizende Lied
„Der Scheintodte“, dann der zärtlich melodiöse Anfang des
Duettes „Lehre“, das leider gegen den Schluß hin immer
verkünstelter und undurchsichtiger wird. Heuberger liebt es,
klar und anmuthig anhebende Melodien alsbald im Rhyth
mus zu verrenken, in der Harmonisirung zu überladen, in
ruheloser Modulation zu verwirren. In dem As-dur-Chor
„Leuchte Sonne“ hört man die Haupttonart nur zu An
fang und zu Ende des Stückes, dazwischen wogt Alles un
ruhig modulirend hin und her; ebenso in dem Tenor-
Solo „Der Liebsten Herz ist aufgewacht“, das dem Publicum
nicht einmal durch Walter’s Vortrag einleuchten wollte.
Auch scheint der sonst so scharfblickende Componist sich über
die Wirkung manches Stückes getäuscht zu haben, das sich
auf dem Papier viel besser ausnimmt, wie z. B. der erste
Chor, in welchem stellenweise zwei und zwei, häufig auch
alle vier Stimmen gleichzeitig ganz andere Textworte
singen, woraus ein unverständliches Gebrumme entsteht. Des
gleichen werden die canonischen Verschlingungen in dem
Duett „Da ich einmal dich gefunden“ in der Aufführung
kraus und undeutlich. Endlich feiert der Schlußchor den Früh
ling in so schwülstigem Pathos, daß leider auch das gehoffte
„Ende gut, Alles gut“ nicht eintrifft. Heuberger ist ein
talentvoller, gründlich gebildeter Musiker und ein Mann von
Geist. Er beweist das auch als musikalischer Kritiker, in
welcher Eigenschaft wir ihn neuestens auf einem früher arg
vernachlässigten Posten mit Vergnügen schalten sehen. Heu
berger schreibt geistreich, witzig und dabei natürlich. Er com
ponirt geistreich, witzig und am liebsten unnatürlich. Zu viel
sinnreich Combinirtes, Unerwartetes, Ungewohntes möchte er dem
einfachsten Gedicht einimpfen, und vor lauter Besorgniß, etwas
Selbstverständliches zu sagen, muß er am Ende zusehen, wie die
gehoffte Wirkung auf das Publicum ausbleibt. Heuberger’s
erstes „Liederspiel“ (1884), das gewiß nicht der Pikanterien
entbehrte, klang viel frischer, natürlicher und erzielte auch
einen ungleich glänzenderen Erfolg. Wir hoffen bald auf einen
ähnlichen. Die nichts weniger als leicht auszuführende Novität
wurde unter Kremser’s Leitung vortrefflich gesungen. Die
Soli waren in den Händen von Fräulein Leonore Bach
und Herrn Gustav Walter, die auch einige Lieder unter
stürmischem Applaus vortrugen. Eine willkommene Abwechs
lung bot Fräulein Marie Baumayer mit dem feinen,
geschmackvollen Vortrag dreier Clavierstücke von Schubert und
Mendelssohn.
Die „Wiener Sing-Akademie“, der wir
manchen angenehmen Abend verdanken, würde noch viel er
sprießlicher wirken, wenn sie, ihren bescheidenen Mitteln ent
sprechend, sich auch bescheidenere Ziele steckte. Mit einer
systematischen, zielbewußten Pflege des Volksliedes könnte
sie sich ein dankbares Gebiet und ihren Freunden
einen reineren Genuß bereiten. In ihrem letzten
Concerte vom 17. December brachte die Sing-Akademie
die volksthümlichen Sachen vortrefflich zu Gehör; schade, daß
deren nicht mehr waren. Brahms muß auch unserer An
sicht gewesen sein, als er zur Zeit, da er noch Dirigent
dieses Vereins war, eine Reihe von Volksliedern für den
selben harmonisirte. Das vergißt ein Verein, der aus einer
Hand in die andere geht, leider nur zu leicht. Auch Instru
mental-Nummern, zwischen die Chorstücke eingestreut, müssen
mit Vorsicht gewählt sein. Mit der H-moll-Sonate von
Liszt kann, wer die nöthige Geduld dazu hat, sich zu
Hause am eigenen Clavier vielleicht gut unterhalten. Ein
Publicum, das unter dem unmittelbaren Eindrucke frischer
naiver Volkslieder steht, dafür erwärmen zu wollen, ist ein
Unterfangen, das nicht jedem Löwen gelingt. Die größeren
Chornummern dieses Concertes wären schon wegen der
Unzulänglichkeit der Solosänger besser unaufgeführt geblieben.
Für Glinka’s Mädchenchor und Romanze aus der Oper
„Das Leben für den Czar“ braucht man einen sehr weichen
hohen Sopran und einen Dirigenten, der das „dolcissimo
e comodo“ des Componisten beachtet und nicht das Stück
durch ein doppelt so schnelles Tempo verunstaltet. Noch
schwieriger ist für die Sing-Akademie die Besetzung des
42. Psalms von Mendelssohn, der auch ein gutes Männer
quartett verlangt. Daß die Sing-Akademie wieder in den
kleinen Musikvereinssaal gezogen ist, zeugt von Tact und
Geschmack; hoffentlich zeugen das Programm und die Aus
führung des nächsten Concerts auch davon.
Das letzte außerordentliche Gesellschaftsconcert bescheerte
uns die „Schöpfung“ von Haydn, seit deren erster
Aufführung im Schwarzenberg-Palais gerade neunzig Jahre
verstrichen sind. Wie jung noch heute! Man sah kein leeres
Plätzchen im Saal und auf allen Gesichtern den Ausdruck dank
barer Freude. In früheren Decennien, als man in Wien die bei
den Haydn’schen Oratorien ausschließlich und recht schleuderisch
aufführte, ist man ihrer schließlich überdrüssig geworden. Jetzt
hören wir die „Schöpfung“ und die „Jahreszeiten“ viel seltener und
viel besser; das Publicum hat sich ihnen mit verdoppelter Wärme
wieder zugewendet. Die jüngste vortreffliche Aufführung dirigirte
Hofcapellmeister Hanns Richter. Man muß es ihm nach
rühmen, daß er keineswegs, wie die jüngeren Wagner-
Dirigenten, einen Ruhm darein setzt, Alles, was nicht von
Wagner, Liszt, Berlioz herrührt, mit souveräner Nachlässig
keit zu behandeln. Richter nimmt sich jeder Partitur, die
einmal auf seinem Pulte liegt, mit gleichem Eifer an, und
der älteren classischen Werke ganz besonders. Wie an dem
Orchester und dem bewährten Chor des „Singvereins“ konnte
man sich diesmal auch an den Leistungen der Solosänger
erfreuen. Herr Walter, im Oratoriengesang noch immer
der Erste unter seinen Tenor-Collegen, war durchwegs
tüchtig und wo er mit seinem Mezzavoce wirken konnte,
sogar bezaubernd. Herr v. Reichenberg, welcher nach
aufeinanderfolgenden Absagen der Herren Grengg und
Weiglein die Baßpartie im letzten Augenblicke über
nommen hatte, verdient nicht blos für diese ent
scheidende Gefälligkeit, sondern auch für seine Leistung
aufrichtigen Dank. Mit besonderer Genugthuung be
merkten wir, daß er seiner kraftstrotzenden Stimme auch einige
Pianos abzuschmeicheln bemüht war. Die Sopranpartie sang
Frau Schuch-Proska, königlich sächsische Kammersängerin,
entzückend schön. Die beiden Arien: „Nun beut die Flur“
und „Auf starkem Fittige“ haben wir seit der Jenny Lind
nicht besser gehört. Technische Meisterschaft und natürliche
Anmuth — diese beiden Cardinalvorzüge der Frau Schuch-
Proska — bewährte sie als Concertgeberin am 16. d. M. auch
im Liedervortrag. Ihr Programm enthielt leider kein Stück,
worin ihre Hauptstärke, der colorirte Gesang, hätte vortreten
können. Eine einzige Nummer gab ihr wenigstens Gelegen
heit, ihre treffliche Methode des bel canto zur Geltung zu
bringen: eine „Canzonetta con variazione“ von Guillaume
de Fesch, einem niederländischen Componisten, der zu An
fang des achtzehnten Jahrhunderts als Organist in Ant
werpen wirkte. Es folgten deutsche Lieder von Mozart,
Beethoven, Schubert, Weber, Schumann u. A. Vortrefflich
gelangen ihr alle Lieder heiteren, naiven Charakters; in
richtiger Erkenntniß ihrer Mittel hatte die Künstlerin
auch meistens solche gewählt. Für den vollen Aus
druck des Leidenschaftlichen oder Erhabenen bietet ihre
kleine, flötende Stimme nicht die nöthige Resonanz.
Aber Gesänge, in welchen heitere Laune, Gemüthlichkeit und
zierliche Anmuth das Wort führen, Lieder wie C. M. Weber’s
„Unbefangenheit“ und vor Allem „Mein Schatzerl ist hübsch“
können reizender kaum vorgetragen werden. Nicht die starke
Ursprünglichkeit, die Energie des Tones und des Gefühls, wie
bei der Spieß, bilden hier das siegreiche Element; in Frau
Schuch entzückt uns die musterhafte Gesangskünstlerin, die
ihre kleine Stimme auf das feinste ausgebildet und sich im
Ausdruck die volle Natürlichkeit bewahrt hat. Das Ver
gnügen des Publicums, Frau Schuch zu hören, erfuhr eine
unverhältnißmäßig lange Unterbrechung durch eine Sonate
für Clavier und Violine, welche der Componist, Herr Emanuel
Moor, mit Herrn Concertmeister Rosé vortrug. Herr
Moor scheint es für die wichtigste Aufgabe eines Componisten
zu erachten, uns so weitschweifig als möglich von seiner
Schwermuth und seiner Verzweiflung zu erzählen. Diese
betrübenden Gemüthszustände werden bei den näheren
Freunden des Tondichters gewiß Theilnahme finden; das
Publicum aber erwartet musikalische Gedanken, bedeutende oder
reizvolle Gedanken in künstlerisch abgeklärter Form. Eigene
Ideen dürften in Moor’s Sonate wol nur mit dem Mikroskop
zu entdecken sein; hingegen werden die stellvertretenden Phrasen
mit solcher Hartnäckigkeit immer und immer wiederholt, daß
schließlich das Ganze ebenso langweilig wird, als es lang ist.
Sehr vortheilhaft hebt sich aus diesem Haideland nur der
erste Theil des Scherzos heraus, dessen hübsches Thema an
allerlei Nordisches von Gade oder Grieg anklingt; leider
wird dieser günstige Eindruck durch die redselig verschwom
mene Sentimentalität des Mittelsatzes so gründlich verwischt,
daß man an der Repetition des ersten auch kein Vergnügen
mehr hat.
Unter den Virtuosen-Concerten der letzten Wochen nennen
wir zuerst das der brillanten Frau Essipoff, über die
kaum etwas Neues mehr zu sagen ist. Ihr dürfte in nicht
ferner Zeit eine Nebenbuhlerin in Fräulein Olga Segel
erwachsen, deren Concert einen glänzenden Erfolg hatte. Die
hochgesteigerte Technik der jungen Russin wollen wir gar
nicht besonders betonen — ist doch „ungewöhnliche Virtuo
sität“ heute schon etwas recht Gewöhnliches geworden — aber
der Esprit, die feine nervöse Empfindung und Grazie, die
ihr Spiel beseelen, machen sie zu einer interessanten musikali
schen Erscheinung. Wer, wie Fräulein Segel, die Es-dur-
Polonaise von Chopin und die davon himmelweit ver
schiedene Toccate in D-moll von Lachner gleich
vortrefflich zum Ausdruck bringt, der ist gewiß nicht
Pianist von Dressur, sondern Musiker von Beruf. In
Fräulein Segel’s Concert hat auch die Sängerin Frau
Mathilde Jacobi ausnehmend gefallen. Herr Professor
Door hat seinen vielfältigen Verdiensten um das Wiener
Musikleben ein neues hinzugefügt durch die drei Abende,
welche er der chronologischen Vorführung sämmtlicher
Beethoven’schen Sonaten für Clavier und Violine
widmete. Er und sein ausgezeichneter Partner, Concertmeister
Hugo Heermann aus Frankfurt, ernteten den dankbaren
Beifall eines aufmerksamen, ernsthaften Publicums. Ver
gessen wir über die Künstler „von Fach“ nicht Madame
Caroline de Serres, welche mehreren Concertgebern
ihre freundliche Mitwirkung gegönnt hat. Sie erfreute ihre
Zuhörer nicht minder durch den echt französischen, prickeln
den Geist und die graziöse Lebendigkeit, mit der sie Saint-
Saëns und Delibes spielt, als mit der glänzenden
Wiedergabe von Hummel’s effectvollem Septett. Mit dem
selben Stücke hat Madame de Serres vorher in Preßburg
nicht blos Furore, sondern auch eine Einnahme gemacht,
welche der Errichtung des von Meister Tilgner so un
übertrefflich modellirten Hummel-Denkmals zu statten kam.
Das Wiener Publicum erkennt es dankbar, daß Madame
de Serres sich durch ihre gegenwärtige sociale Stellung nicht
der Kunst entfremdet fühlt.
Längst schulden wir ein Wort der Anerkennung dem
Winkler’schen Quartett. Wer den zwei ersten Soiréen
beigewohnt hat, dem werden die großen Fortschritte dieses
jungen Quartettvereins gegen das vorige Jahr aufgefallen
sein. Mit diesen Fortschritten halten der Besuch und der Beifall
des Publicums gleiches Tempo. Das Winkler’sche Quar
tett pflegt vornehmlich Haydn, Mozart und den früheren
Beethoven; es hat diese Vortragssphäre zu seiner Specia
lität ausgebildet. Das Clavier kam nur am ersten Abend
zu Wort, in Beethoven’s D-dur-Trio, dessen Clavierpart
Herr Hugo Reinhold mit eindringendem Verständniß
und schön abgerundeter Technik spielte. Am zweiten Abend
gab der lebensvolle und fein abgestufte Vortrag des
Beethoven’schen A-dur-Quartetts (op. 18) und des
D-dur-Quartetts von Haydn (op. 20) Zeugniß von sorg
fältigstem Studium. Eine schwierigere Aufgabe hatten die
Herren in dem F-dur-Quintett von Brahms zu bewäl
tigen: es wurde mit Feuer und Hingebung gespielt, aber
nicht immer mit der nöthigen Reinheit, am wenigsten im
Finale. Schönheit des Tons und makellose Reinheit sind
die Eigenschaften, welche das Winkler’sche Quartett (vor
nehmlich die zweite Violine) noch zu vervollkommnen bedacht
sein sollte. An dem trefflichen Primarius, Herrn Julius
Winkler, fiel uns auf, daß sein Ton, der früher zu sehr
vorgeherrscht, diesmal fast allzu bescheiden zurücktrat. Schließ
lich hat die erste Geige doch in jedem Quartett das Wich
tigste zu sagen; sie beherrscht in der Composition das Quar
tett, sie muß es in demselben Maße auch in der Ausführung
thun. Das schöne Programm und die Liebe, mit der es aus
geführt wurde, hielten das zahlreich versammelte Publicum
an beiden Abenden bis zum Schlusse fest; es gab keine An
wanderung vor dem letzten Ton.