Concerte.
Ed. H. Den Damen Marianne Brandt und
Alice Barbi verdanken wir je einen erhebenden musi
kalischen Abend; wir verdanken ihnen das lang entbehrte
Frohgefühl, daß es noch Sängerinnen gibt, die Poesie, Geist
und Empfindung mit vollendeter Technik vereinigen. Freilich
sind die wenigen also geschulten Stimmen theils im Abwelken,
theils weit in der Fremde und nur als Zugvögel Wien be
rührend. Um so schöner brachte der Zufall zwei Meisterinnen
hier zusammen, die bei aller Verschiedenheit doch das Eine
gemeinsam haben, daß sie den Gesang als ernste Kunst be
handeln und ihr Instrument so meisterlich beherrschen, wie
irgend ein großer Virtuose das seinige. Je üppiger auf der
Opernbühne der Naturalismus wuchert, die Herrschaft un
geschulter hübscher Stimmen und der bloße Instinct styl
losen Vortrags, desto freudiger begrüßen wir das Beispiel
von Künstlerinnen wie die Brandt und die Barbi. Möchten
doch alle unsere jüngeren Sängerinnen an ihnen studiren
und von ihnen lernen — was eben gelernt wer
den kann. Den Funken, welcher die todte Technik erst
zur göttlichen Flamme entfacht, den müßten sie aller
dings zur Lection schon mitbringen. Fräulein Brandt,
die man bei der Raschlebigkeit unserer Opernmenschen wol
schon zu den Veteraninnen zählen darf — sie hat eine fünf
undzwanzigjährige ruhmvolle Bühnen-Carrière hinter sich —
wird heute weder durch ihre Stimme, noch durch ihr Aeußeres
einen Hörer bestechen, und dennoch lauschten wir ihren Vor
trägen mit nicht ermüdender Hingabe und Bewunderung.
Unvergeßlich bleiben uns ihre dramatischen Schöpfungen:
ihr Fidelio, ihr Sextus, ihre nie wieder erreichte Fides.
Anstatt die vordringlichen Stacheln dieser an Caricatur
streifenden Partie noch herauszukehren, wie das um des
Effectes willen meist geschieht, hat sie dieselben überall ge
mildert, verhüllt, um desto kräftiger hervorzuheben, was
irgend gut und echt ist in dieser Musik. Zum erstenmale
begegneten wir jetzt Fräulein Brandt im Concertsaal, als
Liedersängerin. Da erwies sie sich jedem Styl, jeder Empfin
dung gerecht; überall hatte sie die Bedeutung des Gedichtes
tief in sich aufgenommen, bis ins einzelne Wort studirt,
ohne das einzelne Wort mit theatralischem Nachdruck zu
unterstreichen. Am vollendetsten erschien mir ihr Vortrag in
der von Schubert componirten Klopstock’schen Ode „Dem
Unendlichen“. Wie plastisch trat da jeder Satz, jede Periode
heraus, welche Weihe ruhiger Begeisterung lag über dem
Ganzen! Mit starker Leidenschaft faßte sie das wild aufstür
mende Lied von Brahms „Weit über das Feld“. Dieses sehr selten
gehörte Lied steht in ein und demselben Heft (op. 3) mit dem so
populär gewordenen „Liebestreu“ und — auffallend genug —
in derselben Tonart, Es-moll. Der neudeutschen Schule
brachte Fräulein Brandt eine dreifache Huldigung: mit
Lassen’s „In der Nacht“, Wagner’s „Treibhaus“ (Studie
zu Tristan und Isolde) und Liszt’s „Loreley“. Drei finstere
Parzen, von denen die dritte zwar nicht unserem Leben, aber
doch unserer Geduld den Faden abschnitt. Mehrere kleinere
melodiöse Lieder brachten das Publicum wieder in gemüth
lichere Stimmung; darunter das zur Wiederholung verlangte
„Weißt du noch“ von Fischhof, welches auf dem besten
Wege ist, der beliebten „Nachtigall“ dieses Autors Concurrenz
zu machen.
Ueber Alice Barbi vermöchte ich nur zu wiederholen,
was ich im vorigen Jahre Rühmendes von dieser liebens
würdigen und eigenartigen Gesangskünstlerin gemeldet habe.
Ihr Concert vom 14. d. M. war das glänzendste der
ganzen Saison; die beste Gesellschaft Wiens füllte den weiten
Raum des großen Musikvereinssaales. Vortheilhaft für die
Sängerin war dieser Saal wol nur in finanziellem Sinne;
für intimen Liedervortrag, dem wir auch räumlich näher
gerückt sein wollen, ist er ungeeignet und nöthigt
die Sängerin leicht zu größerer Anstrengung. Die
sympathische, keineswegs starke Stimme der Barbi
und ihre Vortragsweise fühlen sich heimischer in kleinerem
Raume. Demungeachtet entzückte Fräulein Barbi auch hier
die Zuhörer, am meisten wieder mit den italienischen Ge
sangsstücken von Caldara, Gluck, Salvator Rosa
und der „Zingarella“ von Jomelli. Ihre ruhige, schöne
Tonbildung, ihr unvergleichliches Portamento, ihr edles
Pathos hoben auch die Beethoven’sche Arie „Ah
perfido“ zu einer Wirkung, welche dieses Stück nur bei ganz
vollendeter Vortragskunst zu erreichen pflegt. Wie die
Brandt in den ersten Tacten der Schubert’schen Hymne,
so entfaltete Alice Barbi gleich in dem Recitativ der Per
fido-Arie den ganzen Adel ihrer Gesangskunst. Es ist ein
vielverbreiteter Irrthum, die „große Gesangskünstlerin“ nur
in der virtuosen Coloratur zu suchen und zu erkennen. Weder
die Brandt noch die Barbi hatten in ihrem Programm eine
Bravour-Arie, Beide wirkten durch die vollendete Tonbildung
und den großen Styl, womit sie die einfachste getra
gene Melodie vortrugen. Ein paar Anfangstacte, wie
die früher erwähnten von Schubert und Beethoven
— und wir wissen, mit wem wir es zu thun
haben, und ziehen den Hut. Gegen Fräulein Brandt
steht die Barbi übrigens im Vortheil durch den noch un
verkümmerten Reiz ihrer Stimme und ihrer Erscheinung.
Man hört eine Sängerin nicht blos mit dem Verstande
und der nachhelfenden Phantasie; die lebendigen Sinne er
heben ihre Ansprüche in jeder Kunst, und darum bleibt immer
noch ein Unterschied zwischen bewunderndem Anerkennen und
vollem, reinem Genießen. Die Kunst des Sängers vermag
die Linie, bis zu welcher wir auf den sinnlichen Wohlklang
der Stimme verzichten können, oft erheblich auszudehnen,
aber schließlich kommt sie doch an einer Grenze an, wo die
Grausamkeit der Natur nicht weiter mit sich unterhandeln
läßt. Unter den deutschen Liedern, die Fräulein Barbi mit
einer für eine Italienerin ungewöhnlichen Beherrschung der
Sprache vortrug, machten die Brahms’schen („Mädchen
lied“, „Meine Lieb’ ist grün“, „Vergebliches Ständchen“) die
beste Wirkung. Den Schubert’schen Liedern haftete für
uns doch etwas Fremdartiges an. Ein so lang verhallendes
Pianissimo, so fein ausgesparte Tonschattirungen, wie
Fräulein Barbi sie in der „Lieben Farbe“ anbringt, über
malen gerade die uns liebe Farbe dieses Liedes, mischen ihr
etwas Verfeinertes, Künstliches bei, das weder in falscher
Auffassung, noch in eitler Schönthuerei seinen Grund
hat, sondern einzig in dem fremden Nationalgeist. Der
Deutsche sieht im Liede mehr auf die einheitliche Wärme und
Natürlichkeit des Vortrages, als auf feinste Nuancen; er
dürfte deßhalb für Schubert den schlichteren Ausdruck eines
Gustav Walter oder einer Hermine Spies vorziehen. Das
Publicum, das sonst alle „Zwischennummern“ mehr über
steht, als genießt, fühlte sich diesmal durch die trefflichen
Leistungen der Brüder Thern und des Violoncellisten
Ferdinand Hellmesberger aufrichtig erfreut. Brauchen
wir zu erwähnen, daß Fräulein Brandt wie Fräulein Barbi
mit Blumen und Kränzen überschüttet wurden? Der Lorbeer,
der seit Beginn der Concertsaison vielfach vergeudet worden
ist — hier war er verdient.
Nicht blos zwei Meistersängerinnen, auch einen ganzen
wohlgeschulten Chor von Männern, Frauen und Kindern hat
uns die verflossene Woche gebracht: die russische National-
Capelle des Herrn Slaviansky d’Agreneff. Diese
Sänger fesseln Auge und Ohr mit dem Zauber einer frem
den Welt. Wie hübsch ist schon ihr Eintreten! Paarweise
marschiren sie herein, die Kinder voran, alle in ihrem kleid
samen Nationalcostüm, am reichsten geschmückt der Herr und
Meister mit seiner Gattin. Ein sympathisches, inter
essantes Paar. Herr d’Agreneff, dessen Aeußeres leb
haft an den unvergeßlichen Roger erinnert, betritt
ein niedriges Postament und singt mit angenehmer, weicher
Tenorstimme die erzählenden Strophen einer Riesen-Ballade,
in deren Refrain der Chor jedesmal einfällt. Die eigentlichen
Lieder werden ohne Vorsänger vom ganzen Chor vorgetragen,
Alles vollkommen exact und Alles auswendig, was uns ins
besondere von den herzigen kleinen Kindern überrascht, die,
ganz vorne stehend, so sicher und rein die Oberstimme singen.
Von dem Dirigenten nur mittelst leicht andeutender Hand
bewegung geleitet, bewahren die Sänger, etwa fünfzig an der
Zahl, die schönste Uebereinstimmung in dem häufigen Wechsel
des Zeitmaßes wie in allen Schattirungen der Tonstärke.
Letztere wissen sie zu einem überraschenden Pianissimo abzu
schwächen, wie wir es so zart, echoartig, noch von keinem
Chore gehört. Eine Specialität der Russen sind bekanntlich
ihre tiefen Baßstimmen, der Stolz der Petersburger und
Moskauer Kirchenmusik. Auch in Agreneff’s Chor tauchten
die Bässe wiederholt bis ins tiefe a und g, also noch fünf
bis sechs Töne unter das berühmte und gefürchtete „Doch“
Sarastro’s. Die Tenore und die Frauenstimmen klingen
nicht besonders schön, am besten die Kinderstimmen. Sowol die
Leistungen dieser Sänger, wie ihre Nationallieder selbst geben
Zeugniß von dem ungewöhnlichen musikalischen Talent des
russischen Volkes. Herr d’Agreneff, ebenso begeisterter
Patriot wie Musiker, hat sich die Propaganda der russischen
Volksmusik mit schönem Erfolge zur Lebensaufgabe gemacht.
Welch großes, noch unverbrauchtes Kapital steckt in diesen
originellen, träumerisch weichen, selbst die Fröhlichkeit
schwermüthig anhauchenden Nationalgesängen! Rubinstein
hat daraus mit kunstverständiger und glücklicher Hand ge
schöpft in vielen seiner Lieder und Clavierstücke, in seinen
Opern: „Die Kinder der Haide“, „Feramors“, „Dämon“.
Hingegen an dem krankhaften Raffinement, dem Häßlichkeits
cultus, der die jüngeren russischen Componisten kennzeichnet,
haben die Volksmelodien keine Schuld; diese sind immer
wahr und natürlich. Der große Erfolg der russischen Vocal-
Capelle in Wien ist begreiflich und verdient. Eine Wohlthat
nennen wir’s, wenn einmal zwischen die abwelkenden Haide
felder unserer civilisirten Concerte sich plötzlich ein Strom
ursprünglicher Volksmusik ergießt. Wir haben uns daran
gelabt und erfrischt.
Herr Hofcapellmeister Richter ist zur Freude aller
Musikliebhaber von seiner Influenza glücklich genesen; nur
einige Schwäche und Mattigkeit waren noch zurückgeblieben —
im Programm des Philharmonischen Concerts. Meister von der
beispiellosen Fruchtbarkeit Haydn’s und Mozart’s hatten
auch bisweilen ihr schwächeres Stündchen, sie schrieben auch
keineswegs Alles für die Nachwelt, sondern gar Manches für
bestimmte Gelegenheiten und gesellige Kreise. Solche Stücke
sind die D-moll-Symphonie von Haydn und das Notturno
für vier Orchester von Mozart, Compositionen, welche uns
bis über den Kopf in eine unwiederbringlich verlorene Un
schuldswelt tauchen. Wir haben beide Stücke im letzten
Philharmonie-Concert gehört — beide, und darin steckte der
Fehler. Jedes für sich würde ein entgegenkommendes Pu
blicum gefunden haben, das dem unmittelbaren Eindruck
mit einem kleinen Nachschub von Pietät und historischem
Interesse gern beigesprungen wäre. Aber zwei hundert
jährige, schwächere Werke großer Meister, sieben himmel
blaue Sätze, in welchen gar nichts Unerwartetes, nicht das
geringste Unglück geschieht — das ist für unsere verderbte
Zeit zu viel auf einmal. Die Haydn’sche Symphonie
war im Vortheil, denn sie kam zuerst an die Reihe und
fand im Publicum noch eine unverbrauchte, günstige Stim
mung. Obendrein ist sie in Wien niemals gegeben, je nie
mals in Partitur gedruckt worden. Herrn Eusebius Man
dyczewski, von dem wir auch die Fortsetzung von
Pohl’sHaydn-Biographie erwarten, gebührt das Verdienst,
die geschriebene Partitur aus dem Archiv der Gesellschaft
der Musikfreunde zu Tage gefördert zu haben. Ihr bester
Satz ist das Presto-Finale mit seinem leise anpochenden
synkopirten Thema und unterschiedlichen Instrumentalwitzen.
Der erste Satz bietet wenig Neues, desgleichen der Menuett,
man glaubt beide schon gehört zu haben. Das Adagio ist
ein Zopf, und keiner von den kurzen. Interessant durch seine
ungewöhnliche Form ist das Mozart’sche „Notturno“
(Nr. 286 in Köchel’s Katalog). Seine drei Sätze — An
dante, Allegretto grazioso und Menuett, alle drei in
D-dur — sind für vier Orchester geschrieben, deren jedes
aus dem Streichquartett und zwei Hörnern besteht. Am
Schlusse einer zusammenhängenden Phrase wird jedes dieser
Orchester immer von dem nächsten abgelöst. Dadurch ent
steht ein dreifaches Echo, eines immer schwächer als das an
dere; gewiß ein allerliebster Scherz. Wenn aber Otto Jahn als
besonders anerkennenswerth hervorhebt, „daß der Spaß nicht
allzu lange dauert“, so möchten wir gerade dieses Lob
nicht unterschreiben. Freilich darf man nicht vergessen, daß
diese Nachtmusik offenbar für einen großen Park bestimmt
war und ihre eigenthümlichsten Effecte im Concertsaal ver
sagen. Es herrscht eine liebliche Mozart-Stimmung in dem
Ganzen, Alles athmet Wohllaut und sanfte Fröhlichkeit. Für
so gleichartigen Inhalt scheint mir das Notturno doch zu
weit ausgesponnen. Es ermüdete das Publicum, welches, wie
gesagt, mit heiterer Lebensweisheit bereits von Haydn voll
auf gesättigt war. Nach diesen beiden classischen Schäfer
gedichten brachte Liszt’s zweite Rhapsodie eine nicht uner
wünschte moderne Aufrüttelung. In diesem wild dahinfluthen
den Stück arbeitet ein hinreißender sinnlicher Zauber. In
strumentirt ist es mit blendender Farbenpracht; schade nur,
daß es in der Coda zu viel und zu lange des Guten thut.
Auch das Clavier kam diesmal zu Wort: eine junge Polin,
Fräulein Melanie v. Wienzkowska, spielte mit bedeuten
der Fertigkeit und lohnendem Erfolg Rubinstein’s
D-moll-Concert, das allerdings unter des Componisten
eigenen Händen noch ganz anders wirkt. Es hat
sich geziemt, daß auch die Philharmoniker durch diese Auf
führung ihren Antheil bezeigten an Rubinstein’s fünfzig
jährigem Künstler-Jubiläum. In allen Städten Europas
erklangen musikalische Huldigungen für den vielgesungenen,
vielgespielten und vielgeliebten Componisten; auch in Jour
nalen und Broschüren wurde die Pauke seines Ruhmes
tapfer geschlagen. Kaum aber hat ein Journalist so begeisterte
Worte über Rubinstein gefunden, wie die Sängerin Marianne
Brandt, welche ihn in einem Wiener Blatt abwechselnd
mit der Sonne, mit dem Eiffelthurm und dem Demant ver
gleicht. Am höchsten aber preist sie das Herz dieses „gott
begnadeten Menschen“, „das gediegene Gold seines Ge
müths“. Dafür erbringt sie aus ihrem eigenen Leben einen
merkwürdigen Beweis. Fräulein Brandt hatte als Leah
nach der sechsten Wiederholung von Rubinstein’s „Makkabäern“
in Berlin einige erleichternde Striche in ihrer überaus an
strengenden Rolle gemacht. „Verzeihen Sie,“ bat sie den
erzürnten Componisten, „aber es mußte sein, ich war schon
ganz hin!“ — „Besser, die Sängerin ist hin, als
die Oper,“ erwiderte Rubinstein. Ganz das goldene Ge
müth Friedrich’s des Großen, der bei Kolin seinen ermatten
den Soldaten zuruft: „Ihr Hunde, wollt ihr denn ewig
leben?!“