Concerte.
Ed. H. Sonntag Mittags sind im Gesellschaftsconcert
Schumann’s „Scenen aus Goethe’s Faust“ vollständig
gegeben worden. Nachdem unser Publicum das ganze Werk
in mehreren Wiederholungen bereits kennen gelernt, würde
es sich empfohlen haben, von den drei Abtheilungen, die ja
kein nothwendiger Zusammenhang verbindet, blos die dritte
aufzuführen. Sie ist nicht nur die weitaus schönste, sie ist
die einzige, welche unverkümmerten Genuß gewährt und uns
dem echten Schumann entgegenführt, wie wir ihn verehren
und lieben. Die Ouvertüre und die erste Abtheilung machen
einen geradezu betrübenden Eindruck; die zweite einen nur
stellenweise befriedigenden, in den Scenen nämlich, wo die
schöpferische Kraft des Meisters sich vorübergehend aus
schwerer Ermattung erhebt. (Die vier grauen Weiber, Faust’s
Tod.) In dieser ersten Hälfte seiner Faust-Musik waltet nicht
Schumann’s blühende Phantasie, sondern seine spätere Ma
nier, jene Manier, die nicht weniger stereotyp und noch
verschwommener, unsinnlicher ist, als die Spohr’sche. Also
ermüdet und beinahe voreingenommen gelangt der Hörer an die
dritte Abtheilung, welche (bekanntlich mehrere Jahre früher,
in Schumann’s bester Zeit concipirt) von Anfang bis zu
Ende in hehrer, eigenartiger Schönheit strahlt. Uebereinstim
mend mit unserem bereits vor mehreren Jahren gemachten
Vorschlag hatte Herr Hofcapellmeister Hanns Richter ur
sprünglich nur den dritten Theil, „Faust’s Verklärung“, auf
das Programm gesetzt. Liszt’s „Sieben Seligkeiten“, welche
vorangehen sollten, hätten wir allerdings nicht als Einleitung
dazu verlangt; wozu uns durch sieben magere Jahre zu dem
einen fruchtbaren durcharbeiten? Die vollständige Faust-Auf
führung, zu welcher man aus mir unbekannten Gründen
dennoch zurückgekehrt war, hat meine Ansicht nur bestätigt.
Durch lauter trübe, declamatorisch verschwommene Halbmusik
durch lauter Andantes und Adagios, die merkwürdigerweise
erst beim Eintritt der Lemuren, also gespenstischer Leichen,
einem Allegro Platz machen, gelangten wir gar spät zu dem
Schlußtheil, welcher nicht blos die Krone, sondern der Kern,
das Wesentliche und Ewige des ganzen Werkes ist. Die Auf
führung gelang tadellos von Seite des Orchesters und des „Sing
vereins“; hingegen entsprach das sehr wichtige Frauenquartett
nur mäßigen Anforderungen an Klangschönheit, wie an Reinheit
der Intonation. Das scharfe, spitze Stimmchen des ersten
Soprans war hier gar nicht am rechten Platz und contra
stirte schlimm gegen die voll und kräftig vortretende Alt
stimme der Frau Gisela Körner. Das Soloquartett stand
übrigens viel zu weit, nämlich hinter das Orchester postirt,
während es doch unmittelbar hinter die Solosänger gehört.
Unter den Letzteren ragte Herr Peron vom Leipziger
Stadttheater hervor. Seine Stimme, ein Bariton von
mäßiger Kraft und schwacher Tiefe, wirkt sympathisch durch
jugendliche Frische und feine Schulung. Herr Peron dürfte
aus Stockhausen’s Schule stammen, jedenfalls nahm er
sich dessen unvergeßlichen Faust-Vortrag bis ins Kleinste zum
Vorbild. Sein durchdachter und warmer Vortrag gipfelte in
dem Monolog des sterbenden Faust. Auch als Doctor Ma
rianus in der dritten Abtheilung erinnerte er an Stockhausen;
nur blieb dieser auch im Tone verklärten Entzückens männ
licher, während Herr Peron hier den Ausdruck überfeinerte
und verweichlichte. Ohne Frage haben wir in Herrn Peron
einen gebildeten, vornehm gearteten Sänger kennen gelernt,
einen Künstler, dessen Erfolg wohlverdient heißen muß. Die
übrigen Partien wurden von Fräulein v. Ehrenstein,
den Herren v. Reichenberg und Schittenhelm mit
aller Sorgfalt ausgeführt.
Fräulein Hermine Spies ist wieder in Wien erschienen,
um das Publicum mit Liedern zu erfreuen und die Kritiker
in Verlegenheit zu setzen. Was könnten wir denn Neues über
diese Lieblingssängerin des deutschen Reiches sagen, die sich
in den Vorzügen ihrer Stimme und ihrer Kunst gleich
geblieben ist? Ueberdies waren gerade ihre köstlichsten Gaben
uns bereits aus den früheren Concerten der Künstlerin be
kannt; das von ihr so leidenschaftlich dramatisirte „Waldes
gespräch“ und die „Widmung“ von Schumann, die schön
sten Lieder von Brahms: „Mainacht“, „Feldeinsamkeit“,
„Minnelied“, „Vergebliches Ständchen“, Schubert’s „Ein
samer“, „Wohin?“, „Ungeduld“ — Alles mit prächtiger
Stimme und deutlichster Aussprache gesungen, voll natür
licher Laune in den lustigen, voll Empfindung in den ernsten
Gesängen. Nur bei den langsamen, pathetischen Stücken
glaubten wir zu bemerken, daß Fräulein Spies mehr als
früher ihre Tiefe anstrenge, sie durch starke, breite Tonbil
dung gleichsam aufbausche, wie dies vornehmlich in Schubert’s
„Kreuzzug“ auffiel. Zum erstenmal hörten wir zwei volks
thümlich anklingende schöne Lieder von Brahms: „Der
Ueberläufer“ und „Des Liebsten Schwur“, dann ein aus
drucksvolles Liebeslied, „O Sonne“, von R. Heuberger.
„Die Uhr“ von Dr. Karl Loewe, dem Balladen-Com
ponisten, und nicht von „Ferdinand Loewe“, wie das Pro
gramm angibt, ist musikalisch unbedeutend, wird aber wegen
ihres frommen allegorischen Textes gern in gemüthlichen
Kreisen von älteren Bassisten gesungen. In dem ersten
Programm von Fräulein Spies schien mir die tändelnde
Liebeslyrik doch etwas stark bevorzugt. Ich weiß nicht, wie
oft das Liebchen, das herzige Liebchen, der Schatz, der Liebste,
dann der Mondenschein, das Veilchen, die Nachtigall, der
Fink, die Drossel und ähnliche lyrische Requisiten vorkamen.
Den überschwänglichsten Gebrauch davon machen die beiden
nicht eben werthvollen neuen Lieder von d’Albert und
B. Scholz. Aus ersterem erfahren wir zu unserer Ueber
raschung und Rührung, wie schön die Blumen tanzen
und wie der Fink diese Blumen „so gern hat“! In Scholz’
„Abendreihen“ beauftragt der Dichter zuerst den Mond mit
Grüßen an das Liebchen, nimmt ihm aber die Commission
wieder ab, „denn thät’ der Mond ihr zu tief in’s Auge
seh’n, so könnt’ er ja nimmermehr untergeh’n“!
Dergleichen zierlicher Unsinn will sehr mäßig ge
nossen sein. In ihrem zweiten Concert, das eine
vorwiegend ernstere Physiognomie zeigte, mußte Fräulein
Spies nicht weniger als fünf Lieder wiederholen. Darunter
waren „Die Kartenlegerin“ von Schumann und „Wohin?“
von Schubert, zwei Lieder, welche besonders dadurch so
reizend wirkten, daß Fräulein Spies die Fülle ihres Organs
bändigte und fast durchwegs mezza voce sang. Fräulein
Spies wurde am ersten Abend von Herrn Rottenberg
vortrefflich begleitet und von Herrn Anton Rückauf mit
Claviervorträgen abgelöst. Herr Rückauf spielte drei Nummern
aus Schumann’s „Kreisleriana“ und drei charakteristische
Stücke eigener Composition. Letztere, theils träumerisch
sinnend, wie das „Albumblatt“, theils leidenschaftlich auf
geregt, wie die „Novellette“, zählen zu jener Gattung
sehr subjectiv gefärbter Stimmungsbilder, die weit
eindringlicher auf einen kleinen, gewählten Hörer
kreis wirken, als auf ein großes Concert-Publicum.
Dahin gehören im Grunde auch Schumann’s „Kreis
leriana“ und „Davidsbündlertänze“, die genialen Vorläufer
fast aller späteren, so zahlreichen Genrebilder, Charakterstücke
und dergleichen. Diese Schumann’schen Stücke sind auch that
sächlich erst zwanzig Jahre nach ihrem Entstehen allmälig in
den Concertsaal gedrungen. Jetzt, da sie durch den Zeit
verlauf und den Ruhm ihres Autors als classisch geprägt
sind, hört man sie in allen Concerten, meist von jungen
Mädchen, die keine Ahnung von dem Wesen dieser Musik
haben und nur äußerlich, virtuosenhaft daran herumfingern.
Aehnlich verhält es sich auch mit einer ganzen Classe
Chopin’scher Clavierstücke. Herr Rückauf, der sich in
Schumann und Chopin tief eingelebt hat, fand als Spieler
wie als Componist verdiente Anerkennung. Das zweite
Concert von Fräulein Spies vermittelte uns die Bekannt
schaft des Clavierprofessors am Frankfurter Conservatorium,
Herrn James Kwast. Als Schwiegersohn Ferdinand Hiller’s
und Gatte der geistreichen Toni Hiller, die unter Laube eine
Zierde unseres Stadttheaters gewesen, erschien Herr Kwast
unter doppelt günstiger Vorbedeutung. Er bewährte sich im
Vortrage mehrerer kleiner Stücke von Scarlatti, Brahms,
Hiller etc. als ein correcter und fertiger Spieler.
Den reinsten und höchsten Genuß in dieser musikalisch
überreichen Woche hat uns Joseph Joachim bereitet. Ein
mal als Interpret des Beethoven’schen Concerts, das von
ihm ebenso meisterhaft gespielt, als vom Orchester schlecht
begleitet war, sodann an zwei Abenden als Quartettspieler.
Die drei Partner seines berühmten Quartetts waren aus
Berlin mitgekommen: die Herren de Ahna, Wirth und
Hausmann. Wenn das Ideal eines Quartettvereins
darin besteht, daß alle vier Spieler vortreffliche Künstler
und in ihrem Zusammenspiel von Einem Geiste, Einem
Gefühl, Einer Technik sind, dann kommt Joachim’s
Quartett diesem Ideal so nahe, als es auf Erden möglich
ist. Von Joachim selbst braucht hier kaum mehr gesprochen
zu werden; sein Quartettvortrag athmet dieselbe künstlerische
Weihe und erquickende Gesundheit, dieselbe prunklose, durch
und durch musikalische Natur, wie sein Solospiel. Es wurde
vor Jahren einmal die Frage gestreift, ob Joachim, der große
Virtuose, der geborene Solist, sich auch vollständig für das
Quartett eignen werde? Gewiß ist seine musikalische Persön
lichkeit eine so mächtige, daß er selbst am zweiten Pult die
allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zöge. Allein er fühlt
sich im Quartett immer nur als der Erste unter seines
gleichen und tritt nicht um Haaresbreite aus dem Rahmen
des Ganzen. An mancher Stelle hatte ich sogar eine größere
Kraftentfaltung erwartet, als wir zu hören bekamen; sei es,
daß Joachim sich im Interesse des Ganzen besondere Mäßi
gung auferlegte, sei es, daß die von ihm gewählte Geige
mehr durch Süßigkeit des Klanges, als durch mächtigen Ton
wirkt. Von seinen drei Mitspielern hat sich längst ein Jeder
selbstständig einen Namen gemacht. Den trefflichen Violon
cellisten Robert Hausmann kennt Wien als einen der
ersten Meister seines Instruments; im Quartett ist er
Wurzel und Stamm des ganzen Baumes, wie Joachim dessen
Krone ist. Herr Emanuel Wirth entlockt der Bratsche jenen
resonanzvollen, dabei halbverschleierten Ton, der ihren Zauber
ausmacht. Herr de Ahna, früher der anerkannte Prim
spieler eines eigenen Quartettvereins, weiß sich jetzt der ersten
Geige unterordnend, aber doch innerlich beziehungsvoll anzu
schließen. Es muß eine ungewöhnliche Autorität sein, welcher
solche Männer sich willig unterordnen. Doch ist dies nicht
mehr das rechte Wort; anfangs mochte „Unterordnung“
sein, was jetzt, nach längerem Bestande des Quartetts, ein
vollkommenes Sicherstehen, ein musikalisches Ineinander
leben geworden ist — vier Herzen und Ein Schlag. Unbe
schadet der eigenen unschwer erkennbaren Individualität jedes
Einzelnen, wirken sie doch Alle im Sinne Joachim’s zu
sammen zu einer bewunderungswürdig treuen, objectiven
Verkörperung der Ideen des Componisten.
Jedes von den sechs vorgetragenen Quartetten war im
Styl und Geist des Tondichters aufgefaßt und ausgeführt.
Mit hinreißender jugendlicher Frische wurde Haydn’s
G-dur-Quartett gespielt, das in seiner köstlichen Einfachheit
genial genannt werden muß. Ein schärferer Gegensatz dazu
läßt sich kaum denken, als Beethoven’sCis-moll-Quartett
op. 131, und doch war dessen Ausführung ebenso styl- und
charaktervoll, wie der Vortrag des Haydn’schen. Nicht an der
Aufführung, sondern an der Composition lag es, daß mich
Joachim mit Beethoven’s E-moll-Quartett noch weit inniger
faßte. Die Rasumowsky’sche Trilogie, welcher das E-moll-
Quartett angehört, bildet bereits einen Uebergang, eine Brücke
zu den letzten Quartetten Beethoven’s; für mein Theil ge
stehe ich unumwunden, daß mir der Weg lieber ist, als das
Ziel. So oft ich auch seit vierzig Jahren das Cis-moll-
Quartett gehört und gespielt habe, es ist mir noch immer
Studium und nicht Genuß, ein musikalisch-pathologisches
Phänomen und nicht ein beglückendes Kunstwerk. Um so
beseligender klang mir Schumann’sA-moll-Quartett;
das Adagio ward Sphärenmusik unter Joachim’s Bogen.
Ebenso vollendet wie diese blaue Blume der Romantik trat
Mozart’s classisches C-dur-Quartett (Nr. 6 der Haydn
dedicirten) in die Erscheinung. Wenn ich eine von den
Quartettleistungen Joachim’s als die relativ werthvollste be
zeichnen sollte, ich würde die Aufführung von Brahms’
B-dur-Quartett nennen. Ein Werk voll Geist, Originalität
und höchster Kunst des Quartettsatzes, ist es durch seine häu
figen rhythmischen Verschiebungen und Complicationen, durch
sein feines polyphones Geäder, wie durch seine wechselnden
Stimmungen sehr schwierig zu vollkommener Klarheit heraus
zuarbeiten. Man wird mir einwenden, Beethoven’s Cis-
moll-Quartett sei noch schwieriger aufzufassen und darzu
stellen. Zugestanden; aber es ist doch seit 40 Jahren all
mälig von allen besseren Quartettvereinen aufgenommen,
wird heute bereits von der zweiten Generation gespielt und
häufig gespielt. Beethoven’s letzte Quartette sind unseren
jüngeren Geigern schon von den Vätern her bekannt und, so
weit sie überhaupt assimilirbar, in Fleisch und Blut über
gegangen. Anders verhält es sich mit dem Brahms’schen
B-dur-Quartett, welchem Hörer und Spieler noch
sehr neu gegenüberstehen. Erst das Joachim’sche Quartett
hat diesem Werk jenes liebevolle, fleißige Studium
gewidmet, das nothwendig daran gewendet werden muß. Der
Vortrag war von einer Klarheit der Phrasirung, von einem
feinen Auseinanderhalten und wieder energischen Zusammen
fassen der Stimmen, dabei von einer einheitlichen Wärme,
daß allen Verehrern dieser Composition der Ausruf ent
schlüpfte: Heute haben wir das Brahms’sche B-dur-Quartett
eigentlich zum erstenmale gehört! Diesen seltenen Genuß in
seine Einzelheiten zu zerlegen, muß ich mir versagen. Das
Joachim’sche Quartett wehrt sich gegen lange Recensionen.
Als das ältere Quartett der Gebrüder Müller in den
Dreißiger-Jahren Deutschland entzückte, schrieb ein Bewun
derer desselben: „Wären unsere Kunstzustände im Allgemeinen
von der Vollkommenheit, wie die Leistungen jener vier
Männer waren, dann brauchte die Kritik einfach nicht zu
existiren; denn wo Einer der Vollendung in ihrer schönsten
Lichtgestalt entgegentritt, da hört die Reflexion auf. Kunst
kennerschaft, Kritik, Lob, Tadel u. dgl. ist unnützer Wort
ballast beim Genießen solcher Schönheit, die nur glückliche
Menschen schafft.“