Neue Werke über Musik.
Angezeigt von Ed. H.
„Führer durch den Concertsaal“ von Hermann
Kretzschmar (II. Abtheilung, 1. Theil). Leipzig, bei A. G.
Liebeskind, 1888. Den ersten, 1887 erschienenen Band („Sym
phonie und Suite“) haben wir seinerzeit mit der gebührenden An
erkennung besprochen und empfohlen. Die zweite Abtheilung ist
ausschließlich „kirchlichen Werken“ gewidmet. Es liegt von dieser
Abtheilung derzeit nur der erste Band vor, welcher auf mehr
als vierhalbhundert Seiten die Passionsmusiken, Messen, Hymnen,
Psalmen und Cantaten behandelt; erst der noch ausstehende zweite
Band wird sich mit den Oratorien beschäftigen. Man sieht, wie
sehr dem geehrten Verfasser der Stoff unter den Händen gewachsen,
ja angeschwollen ist. Zwei Bände dieses Umfanges, blos für
geistliche Compositionen, die im Concertsaale aufgeführt
werden — das ist zum mindesten überraschend. Ernste Musikfreunde
werden diese Ausdehnung nicht als einen Uebelstand empfinden,
vielmehr dem Verfasser danken, daß er sein Führeramt auch auf
wenig bekannte Kirchenmusiken ausdehnt, ja, über die Kritik der
einzelnen Werke hinausgehend, eine Art gedrängter Geschichte der
Kirchenmusik liefert. Aber zu dem Titel „Führer durch den
Concertsaal“ scheint uns so umgangreiche Behandlung der
Kirchenmusik nicht mehr recht zu stimmen. Wir müssen
auf Grund von Kretzschmar’s Buch wol annehmen, daß es in
Norddeutschland einige besonders bevorzugte Concertsäle (etwa in
Berlin und Leipzig) gibt, in welchen alle von dem Verfasser be
sprochenen Kirchenmusiken wirklich vorkommen — aber das werden
immer nur seltene Ausnahmen sein. Für Wien hätte ein viel
schmächtigerer „Führer“ durch die Musica sacra ausgereicht; wenig
stens die Hälfte der von Kretzschmar beurtheilten Kirchen-Compo
sitionen sind unseren Concertsälen vollständig fremd geblieben. Es
wäre schön, wenn gerade die Kretzschmar’schen Analysen zur Auf
führung mancher bedeutenden Kirchen-Composition bei uns die
Anregung bieten würden. Wie im ersten, so auch im zweiten
Bande hat der Verfasser die schwierige Aufgabe vorzüglich gelöst,
den Bau und Inhalt der einzelnen Tondichtungen dem Leser, stets
an der Hand zahlreicher Notenbeispiele, klar auseinanderzusetzen.
Neben diesen analytischen und kritischen Ausführungen erhalten wir
auch interessante Erzählungen von den Schicksalen berühmter
Meisterwerke in früherer Zeit, z. B. der Matthäus-Passion von
S. Bach der Festmesse von Beethoven u. A. Daß wir nicht
überall mit der Kritik des Verfassers übereinstimmen können, haben
wir bereits bei Gelegenheit des ersten Bandes gestanden. Auch
in der vorliegenden zweiten Abtheilung befremdet mitunter das
zu weit getriebene Wohlwollen gegen eine gewisse Classe von Musik,
welche zwar von den Concertvereinen nicht schlechtweg abgelehnt
werden kann, die aber doch von einem so classisch gebildeten Kenner
wie Kretzschmar in die Grenzen ihrer wahren Bedeutung zurück
gewiesen werden sollte. Die Hochstellung der Kirchen-Compo
sitionen von Liszt und Berlioz muß bei einem Autor auffallen,
der mit so echter Erkenntniß und Begeisterung von den geistlichen
Werken eines Bach, Händel, Beethoven, Cherubini, Mendelssohn
und Brahms spricht. Wir sehen der Fortsetzung des so verdienst
vollen „Führers“ mit Spannung entgegen — möge sie bald er
scheinen!
Adolph Prosniz: „Compendium der Musik
geschichte für Schule und Conservatorien“. (Wien,
bei Wetzler-Engelmann, 1889.) Herr Prosniz, Professor am Wiener
Conservatorium, kommt dem vielfach empfundenen Bedürfnisse nach
einem kurzgefaßten und doch wissenschaftlich stichhältigen Handbuche
der Musikgeschichte entgegen. Zu bedauern bleibt nur, daß er mit
der Herausgabe nicht gewartet hat bis zum wirklichen Abschlusse
seiner Aufgabe, sondern es vorzog (ganz wie bei seinem „Handbuch
der Clavier-Literatur“), nur die bis zum Ende des 16. Jahrhunderts
reichende erste Hälfte zu veröffentlichen. Solche Theilung, die
bei umfangreichen, auf selbstständiger Forschung beruhenden Ge
schichtswerken, wie das Ambros’sche, sehr natürlich ist, empfiehlt
sich nicht auch für ein kurzgefaßtes Handbuch zum Schulgebrauch;
dieses will der Schüler complet in Händen haben. Nun werden
Leser und Käufer wahrscheinlich auf das abschließende zweite Heft
warten. Den schwierigsten Theil seiner Aufgabe hatte der Verfasser
jedenfalls in der ersten Abtheilung zu lösen, und er hat sie sehr
geschickt gelöst. Dornige Partien, wie die altgriechische Musik, die
Lehre von den Kirchentönen, die Erklärung der Neumen, Mensur,
Solmisation sind ausreichend und deutlich behandelt, für den be
stimmten praktischen Schulzweck vielleicht etwas zu eingehend. Möge
der geschätzte Verfasser sein „Compendium“ recht bald zum Ab
schluß bringen; der Erfolg wird nicht ausbleiben.
Dr. Adolph Kohut: „Johannes Miksch, der größte
deutsche Singemeister, und sein System.“ (Leipzig, bei Karl Rühle,
1890.) Johannes Miksch, geboren 1765 zu Georgenthal in Böh
men, kam bereits mit zwölf Jahren an das katholische Cavell
knaben-Institut nach Dresden, um hier zum Tonkünstler ausge
bildet zu werden. Er wurde Mitglied der kurfürstlichen italienischen
Oper in Dresden, dann Kammersänger und entzückte mit seiner
wohlgeschulten Baritonstimme Kenner und Laien. Die berühmten
Sängerinnen Agnese Schebest und Schröder-Devrient,
die Sänger Mitterwurzer, Sieber u. A. verdanken ihm
ihre Ausbildung. Es spricht für die pädagogische Bedeutung und
den trefflichen Charakter des Mannes, daß alle seine Schüler zeit
lebens mit größter Liebe und Dankbarkeit an ihm hingen. Sein
System war das der classischen italienischen Gesangschule, wie sie
von dem berühmten Tenoristen Anton Raff, einem Schüler
Bernacchi’s, und dem Castraten Caselli ihm überliefert war.
Ueber seine Lehrmethode gibt die Kohut’sche Broschüre ziemlich
genaue Auskunft in ungedruckten Briefen und Aufsätzen von Miksch,
dann in Tagebuchblättern seines Schülers G. W. Teschner. Diese
Mittheilungen sind durchaus interessant, für Sänger und Gesang
lehrer belehrend. Ohne an den anerkannten hohen Verdiensten
Miksch’s im mindesten mäkeln zu wollen, glaube ich doch, es wäre
passender gewesen, ihn auf dem Titelblatte lieber den „großen“
als den „größten“ Singemeister zu nennen. Das hat einen etwas
prahlerischen Beigeschmack und reizt zu Rangstreiten, die für alle
Theile unangenehm und von keinem Gerichtshofe zu entscheiden
sind. War nicht z. B. der verstorbene Conservatoriums-Director
in München, Franz Hauser, ein gleich vortrefflicher Gesang
lehrer, der die gefeierte Henriette Sontag, Frau Vogl in
München, den Kammersänger v. Milde in Weimar u. A. zu
seinen Schülern zählte? Andere werden Andere nennen. Die
Mittheilung, Miksch habe C. M. Weber zur Aenderung der
(ursprünglich beim Eremiten spielenden) Exposition des „Freischütz“
bewogen, wird durch Max v. Weber (II., 70) widerlegt, nach
welchem Weber’s Frau diese wichtige Umstaltung bewirkt hat.
In dieser Weber-Biographie findet sich (II., 89) folgendes etwas
abweichendes Urtheil über Miksch: „Miksch war kein Meister
für die Kunst der psychologischen Durchdringung der Musikwerke,
das Temperament des Gesanges ging ihm ab; das Gemüth, den
Ausdruck der Leidenschaft, cultivirte er nicht bei seinem Unterricht,
aber er war groß im systematischen Gesangsunterricht, im Gehor
sammachen der Kehle, im Geschmack des Vortrages und in der
Bildung des Ohren. Weber pflegte daher zu sagen, daß Miksch
unter Aufsicht der größte Chorlehrmeister der Welt, ohne Aufsicht
der Ruin aller Stimmen sei.“
Dr. Alfred Kalisch: „Gotthold Ephraim Lessing als Musik-
Aesthetiker.“ (Dresden, bei F. Oehlmann, 1889.) Alles, was sich in
Lessing’s Werken über Musik vorfindet, ist von dem Verfasser mit
großem Fleiße übersichtlich zusammengestellt. Die Ernte ist nicht
ergiebig, ja wenn man den Umfang und die Bedeutung der ge
sammten philosophischen und kritischen Thätigkeit Lessing’s ins Auge
faßt, auffallend dürftig. Daß ein Mann wie Lessing die Musik
im Allgemeinen nicht ganz seines Nachdenkens unwerth fand, daß
insbesondere ihr Verhältniß zum Drama den Hamburger Dama
turgen interessiren mußte, versteht sich von selbst. Aber eine lebhafte
Neigung zur Musik hat er niemals empfunden, was je aus der
ganzen Natur dieses durchaus verstandesmäßig angelegten, stahl
blanken und stahlharten Geistes sehr erklärlich ist. Daß Lessing’s
musikalische Kenntnisse ebenso nebensächlich waren, wie seine Liebe
zur Musik, dürfte trotz der Bemühungen des übrigens vorurtheils
freien Verfassers feststehen. Von irgend welchem Musikunterricht,
den Lessing in der Jugend erhalten habe, wissen seine Biographen
gar nichts. „Vielleicht,“ sagt Kalisch (S. 2), „vielleicht darf
die Vermuthung ausgesprochen werden, daß Lessing’s Vater
mit dem Religions-Unterricht auch die Anweisung im Choral
gesang und in Allem, was damit zusammenhängt, verbunden habe.“
Diese Vermuthung ist ebenso vage wie die weiter folgende: „Ob
wol die Biographen Lessing’s nichts davon verlauten lassen, ist
man doch wol zu der Annahme berechtigt, daß ein persönlicher
Verkehr zwischen Lessing und Marpurg stattgefunden habe.“
(S. 5.) Das satirische Gedicht, das der zwanzigjährige Lessing
gegenMarpurg losgelassen und das eine förmliche Verachtung
aller Kunstregeln in der Musik predigt, spricht eher dawider. Die
großen Meister Bach und Händel erwähnt Lessing gar nicht: die
Oper nur, um sich über ihren Unsinn lustig zu machen. Kalisch
citirt ein Jugendgedicht, worin Lessing verschiedene Menschenclassen
aufzählt, denen er nicht zu gefallen wünscht: „Allen Narren, die
sich isten — zum Exempel Pietisten — zum Exempel Rabulisten
— und nicht weniger Linguisten — und nicht weniger Stylisten —
und nicht wenig Componisten“ etc. In diesem harmlosen Reim
spiele erblickt Kalisch einen Beweiß, „daß Lessing Werke vieler
Componisten gehört und in sich aufgenommen hat“! Es stehen im
Lessing, wie ich glaube, nur zwei längere zusammenhängende
Erörterungen, die für den Musik-Aesthetiker von Wichtigkeit sind:
das bekannte Fragment zum Laokoon über die Verbindung der
Musik und der Poesie, welches wie eine Prophezeiung Wagner’
scher Grundsätze klingt; sodann der Aufsatz über Zwischenactmusik
im 26. und 27. Stück der Hamburgischen Dramaturgie. In
diesem Excurs, der neben geistvollen, treffenden Bemerkungen auch
höchst anfechtbare vorbringt,
Vgl. den Aufsatz „Zwischenactmusik“ in meinem Büchlein
„Suite“ (Wien, bei Karl Prochaska, 1884).
kritisirt Lessing eine von Agri
cola componirte Zwischenactmusik zu Voltaire’s „Semiramis“.
Die musikalisch-technische Analyse, mit welcher uns Lessing hier
überrascht und welche sich in die kleinsten Details der Instru
mentirung einläßt, scheint dem Verfasser besonders imponirt und
ihn von den gründlichen Musikkenntnissen Lessing’s vollends über
zeugt zu haben. Mich macht gerade dieses musikalische Detail
stutzig. Wenn ein Schriftsteller von der Productivität Lessing’s zum
ersten- und letztenmale in seinem Leben ein Musikwerk ausführlich
beurtheilt und gleich mit so verdächtig genauen, rein technischen
Details, dann darf man wol annehmen, daß der befreundete Com
ponist ihm diese Details geliefert hat. Wäre Lessing wirklich hin
reichend musikalisch gewesen, um zu unterscheiden, wann in dem
Stücke „G-Hörner mit E-Hörnern abwechseln“, wann „die
Fagotte mit dem Grundbaß gehen“ und „verstärkende Hoboën und
Flöten hinzutreten“, dann hätte er gewiß noch einmal in seinem
Leben Anlaß genommen, sich über irgend eine Composition auszu
sprechen. Lessing’s Biograph G. E. Guhrauer, dem es gewiß
an Bewunderung für seinen Helden nicht fehlte, sagt über das
früher erwähnte Laokoon-Fragment, Lessing habe darin auf das
Verhältniß zwischen Poesie und Musik ebenso scharfe Blicke ge
worfen, als über das Verhältniß der Poesie und Malerei, „wenn
er gleich von der Musik noch weniger Kenntnisse gehabt zu haben
scheint, als von den bildenden Künsten“. Ueber letztere maße ich
mir kein Urtheil an; über die musikalischen Kenntnisse
Lessing’s scheint mir Guhrauer richtiger zu urtheilen, als Dr. Kalisch.
Hanns v. Wolzogen: „Wagner und die Thier
welt.“ (Leipzig, bei H. Hartung, 1890.) In dieser Broschüre
schildert und verherrlicht Herr v. Wolzogen in seinem bekannten
schwärmerischen Pathos die Beziehungen Wagner’s zur Thierwelt.
Er betrachtet die Rolle, welche die Thiere sowol in Wagner’s
Bühnenwerken als in seinem Privatleben spielten. Was den ersten
Punkt betrifft, so scheint mir der Verfasser mit einiger Gewalt
samkeit vorzugehen. Der Schwan im „Lohengrin“, die Taube im
„Parsifal“, der Lindwurm im „Siegfried“ werden citirt, sogar
„die reizenden Elementarwesen der Rheintöchter“, welche doch
keine Thiere sind! „Mit dem Rienzi“ brachte Wagner das
erste Thier, das edle Roß, als Symbol des kriegerischen Sieges,
auf die Bühne.“ (S. 18.) Hat Herr v. Wolzogen niemals den
Masaniello zu Pferde gesehen, desgleichen die Königin in den
„Hugenotten“, den deutschen Kaiser in der „Jüdin“ u. s. w.?
Das war natürlich bloßer Bühnenschmuck; bedeutend ist Alles nur
bei Wagner. Im ersten Acte des „Tannhäuser“ findet der Ver
fasser wieder den Schwan der Leda und den Stier der Europa
(bekanntlich erst viel später für die Pariser Aufführung einge
fügt) sehr bedeutungsvoll, ebenso wie die Rosse, Hunde und
Falken am Schlusse des Actes. Wolzogen erblickt darin „zugleich
eine mahnende Andeutung, daß in einer solchen Welt übermüthig
lustiger Jagdfreuden der leidenschaftlich tiefe und menschlich wahr
haft empfindende Ritter aus dem Venusberge ebensowenig seinen
Platz finden werde, als wie die keusche Jungfrau, die heilige
Elisabeth“. Wunderbar, was sich Alles in die „Rosse, Hunde und
Falken“ hineingeheimnissen läßt! Im „Fliegenden Holländer“, in
den „Meistersingern“ und — wie alle Welt glaubt — auch im
„Tristan“ kommen keine Thiere vor. Aber Wolzogen’s Auge sieht
schärfer; sagt nicht am Schlusse des dritten Actes Kurvenal zu
Tristan: „Am Hügel ob weidet er (der Hirt) deine Heerde“?
Die Emsigkeit, mit welcher in diesem Buche alle Thierspuren in
Wagner’s Leben aufgeschnüffelt werden, grenzt oft ans Komische.
Als „mannigfach bedeutungsvoll“ wird hervorgehoben, daß das
Geburtshaus Wagner’s ehedem „zum rothen und weißen Löwen“
hieß und Wagner’s Stiefvater „Ludwig Geyer“! Noch beredter
wird Wolzogen, wenn er von Wagner’s Liebe zu seinen Haus
thieren spricht. Mit der rührenden Genauigkeit des berufsmäßigen
Wagnerianers citirt er jede Stelle aus Wagner’s Briefwechsel mit
Liszt, Ulrich etc., worin der Hund Peps und der Papagei Papo
erwähnt werden. Auch Schopenhauer hat seinen Hund,
Friedrich Hebbel sein Eichhörnchen zärtlich geliebt — gegen die
Menschen waren Beide nicht eben weichherzig — aber man hat
kein solches Aufhebens davon gemacht, geschweige denn eine Bro
schüre. Charakteristisch ist allerdings Wagner’s Geständnis, er habe
„noch nie so viel geweint“, als um seinen Papagei. Als
eine kleine persönliche Erinnerung darf ich hier einschalten, daß ich
selbst noch so glücklich war, diesen berühmten Papagei kennen zu
lernen. Es war in Marienbad im Sommer 1846. Der prächtig
schillernde majestätische Vogel schrie so entsetzlich, daß ich meine
Verwunderung nicht unterdrücken konnte, wie es Wagner möglich
sei, bei diesem wüthenden Gekrächze ein zusammenhängendes Ge
spräch zu führen oder gar zu componiren. „O, das genirt mich
gar nicht,“ erwiderte Wagner; „habe ich doch andererseits das
Glück, eine Frau zu besitzen, die nicht Clavier spielt!“ Ueber die
Hunde Wagner’s erhalten wir von Wolzogen die genauesten genea
logischen Nachrichten: „Peps starb im Jahre 1855, dem Wal
küren- und Schopenhauer-Jahre. Zwar erhielt Peps mit der Zeit
einen freundlichen Nachfolger, doch konnte er diesen nicht vergessen
machen, wie er denn auch zu seinem Andenken den Namen
Fips empfing.“ Der große Hund, den Wagner in Penzing bei
Wien gehabt, hieß Pol, dessen Nachfolger in LuzernRuß.
An die Stelle des in Bayreuth bestatteten Ruß trat bald eine
Familie prächtiger Bernhardiner. „Da war der gewaltige ur
wüchsige schwarze Marke und seine Gemalin, die wild
dämonische und doch so liebevolle weiße Brange (Brangäne),
welche der heftige Herzschlag ihrer so feurigen Natur zu rasch da
hinraffte! Ihren Platz nahm dann Kunde (Kundry) ein, die
elegante nordische Preishündin, leider auch nur auf kurze Zeit!
Von den Kindern dieser Paare nenne ich noch Fasolt und
Fafner.“ Und so geht es fort, bis der Verfasser schließlich bei
den Enkeln dieser geweihten Dynastie, Frisch und Fricko,
Froh und Freya glücklich anlangt. Nach diesem genealogischen
Kalender bringt Wolzogen nicht mehr viel Neues. Wir kennen
die Schopenhauer’sche Lehre vom „Mitleiden“ und die darauf be
züglichen Aussprüche Richard Wagner’s, der ja, nach Wolzogen’s
Versicherung, „Schopenhauer’s Lehre selbstständig auf dem Ge
biete der Kunst verkörpert und auf dem Gebiete der
Religion vervollständigt hat“! Wir kennen auch seine Abhand
lung über „Kunst und Religion“, worin er die sittliche Depra
vation des Menschengeschlechts von der „Verzehrung der lebenden
Mitwesen“ herschreibt und von dem Fluch spricht, „den wir, den
reißenden Thieren selbst und gleichstellend, durch den Genuß ani
malischer Nahrung auf uns geladen“. Leider hat es
Wagner verschmäht, durch sein allmächtiges persönliches Beispiel
die Verbreitung seiner „Mitleidslehre“ zu unterstützen. Er hat
den Beitritt zum Thierschutzverein abgelehnt und ist an seinem
Mittagstisch zeitlebens dem Genuß animalischer Nahrung treu
geblieben, welchen er in seinen Schriften als fluchwürdige Ver
sündigung an der Natur brandmarkt.
Otto Neitzel: „Der Führer durch die Oper des Theaters
der Gegenwart.“ (Erster Band: Deutsche Opern. Leipzig, bei
Liebeskind, 1890.) Das Buch gibt sich als ein Seitenstück zu
Kretzschmar’s so günstig aufgenommenem „Führer durch den
Concertsaal“, welchen es aber in keiner Hinsicht erreicht. Der
Verfasser stellt sich eine sehr umfangreiche Aufgabe: er will uns
„eine klare Anschauung von der ganzen Handlung, den Charakteren
und der Musik in allen auf dem Repertoire befindlichen Opern
vermitteln“. Nachdem der uns vorliegende erste Band auf nahezu
300 Seiten nur zehn Opern (vier von Gluck, fünf von Mo
zart und die eine von Beethoven) erledigt, so dürfte der
Neitzel’sche „Führer“ zu einer großartigen Bibliothek angewachsen
sein, bevor er „alle auf dem Repertoire befindlichen Opern“
erläutert hat. Da seine Analysen die dramatische, musikalische und
scenische Beschaffenheit der einzelnen Opern umfassen, muß jede
dieser Kategorien sich mit recht unzulänglicher Ausführung be
gnügen. Schon mit dem Inhaltsverzeichnisse müssen wir rechten.
Wie kommt der Verfasser dazu, die „Entführung aus dem Serail“
zu den komischen Opern zu zählen und „Figaro’s Hochzeit“ zu den
ernsten? Beide sind komische Opern und wurden niemals für
etwas Anderes gehalten. Gluck’s „Armida“ und Mozart’s „Così
fan tutte“ registrirt er gleichmäßig unter „Deutsche Opern“, ob
wol erstere eine französische, letztere eine italienische Oper ist; un
beschadet der deutschen Herkunft ihrer Componisten. Am weitläufig
sten wird die Handlung jeder Oper erzählt, Scene für Scene,
was bei so allbekannten Textbüchern wie „Die Zauberflöte“,
„Fidelio“, „Figaro’s Hochzeit“ oder „Don Juan“ uns mehr er
müdet als belehrt. Am ungenügendsten ist alles Historische behan
delt. An dem Libretto von „Figaro’s Hochzeit“ ist doch das Ver
hältniß desselben zu Beaumarchais’ epochemachendem Lust
spiel das Allerwichtigste und Interessanteste. Herr Neitzel begnügt
sich zu sagen, daß Da Ponte’s Libretto „ein Meisterstück“ und
„geschickt aus Beaumarchais geschöpft“ sei. Ueber die Entstehung
und die ganz einzige Stellung von Mozart’s „Entführung“, als der
ersten classischen Oper in deutscher Sprache, verliert der Verfasser
kein Wort. Herr Otto Neitzel ist Musiker, Componist einer kürz
lich in Köln mit Beifall aufgeführten Oper: „Der alte Dessauer“;
das Musikalische nimmt daher seine Aufmerksamkeit vorwiegend in
Anspruch. Fast von jeder einzelnen Nummer der betreffenden Oper
bringt er ein oder mehrere Notenbeispiele und begleitet sie mit
erläuternden Worten. Es sind Umschreibungen, die uns mit großer
Redseligkeit meistens recht Selbstverständliches sagen. Wir nehmen
aufs Gerathewohl eines der kürzeren Beispiele heraus, die Erzäh
lung der ersten Scene in „Fidelio“:
Die Bühne stellt den Hof des Staatsgefängnisses dar. Mar
celline, die Tochter Rocco’s, ist mit Plätten beschäftigt; Jacquino, der
Pförtner des Gefängnisses, benützt die Gelegenheit, um ihr nicht ohne
Verlegenheit, doch auch nicht ohne Selbstbewußtsein von Liebe und
Ehe zu sprechen. Marcelline, die ihn früher begünstigt hat, weist ihn
zurück: „Ich weiß, daß der Arme sich quälet, es thut mir so leid auch
um ihn! Fidelio hab’ ich gewählet.“ Die Musik entspricht dem schlich
ten, harmlosen Empfindungskreise des bürgerlichen Lebens. Sehr be
zeichnend ist das Stocken Jacquino’s, bevor er sich zu seinem Werbe-
Antrage entschließt, wiedergegeben, so in der dreimal wiederholten
Figur im Anfang (Notenbeispiel), welche später vor den Worten: „Ich
habe dich zum Weib gewählet“, etwas mehr in Fluß kommt. Die
Musik drückt hier das aus, was man mit der Redensart „um den
heißen Brei gehen“ bezeichnet. Das Pochen an der Pforte, welches
Jacquino’s Herzensergießungen zweimal unterbricht, ist genau in der
Musik wiedergegeben (Notenbeispiel), und es ist selbstverständlich, daß
das Pochen auf der Bühne mit diesen Noten zusammenfallen muß.
Nur sobald MarcellineFidelio’s Erwähnung thut, wird die Musik
zarter und inniger. Nachdem Jacquino den letzten der pochenden
Störenfriede schon etwas unwirsch angefahren hat, erschallt aus dem
Schloßgarten rechts immer befehlerischer Rocco’s Stimme, und der arme
Bursche muß diesmal endgiltig auf seine Liebeswerbung verzichten
Jetzt ist Marcelline endlich allein, nichts hält ihre Gedanken mehr ab
sich dem Gegenstande ihrer Liebe zu weihen. Sie wünscht mit ihm
vereint zu sein; bei allen Verrichtungen ihres stillen häuslichen Lebens
empfindet sie seine beseligende Nähe: die Hoffnung schon erfüllt ihre
Brust mit unaussprechlich süßer Lust. (Notenbeispiel.) Die Musik ist,
so sehnsuchtsvoll sie ist, so harmlos und treuherzig. Sehr feinsinnig be
zeichnet der Uebergang vom Moll zum Dur mit seinem mächtig an
schwellenden Fis und den nachfolgenden Triolen (Notenbeispiel) das
Nahen der Hoffnung, die alle Sorgen, alle Mißhelligkeiten in süße
Liebeswonne auflöst.
Ich denke mir es einfacher, nützlicher und anziehender, sich
den Clavierauszug der Oper selbst aufs Pult zu legen, anstatt
diese langen Beschreibungen zu lesen. Denn für musikkundige Leser
ist Neitzel’s „Führer“ doch jedenfalls bestimmt, da nur solche beim
Lesen der zahlreichen Notenbeispiele sich dieselbeen gleich zu ver
gegenwärtigen wissen. Herrn Neitzel’s „Führer“ ist mit großem
Fleiße zusammengestellt; neue, geistreiche Bemerkungen oder auch
nur stylistisch reizvolle Wendungen sind uns jedoch darin nicht
aufgefallen. Die citirte Stelle über „Fidelio“ kann zugleich als
Stylprobe gelten.