Concerte.
Ed. H. Ein wahres Buß- und Fastenprogramm das
des letzten Gesellschaftsconcertes! Zu Anfang heißt uns
Mendelssohn den Gott der Juden anflehen um Segen
für das Haus Israel und das Haus Aaron, dann zer
schmettern uns in Brahms’ „Parzenlied“ die grausamen
Götter der Heiden, zuletzt wird uns in Bach’s Motette
„Komm’ Jesu, komm’“ das protestantische Lieblingsthema,
das Vergnügen am Sterben, eingeprägt und die Sehnsucht,
aus dieser Sündenwelt so bald als möglich fortzukommen.
Nach diesen drei unmittelbar auf einander folgenden Chor
werken waren die Gemüther der Zuhörer so erweicht und
zerschlagen, daß Einige auf der Stelle beichten gehen wollten,
Andere wieder nach irgend einem Begräbniß ausspähten,
dem sie als Leidtragende auf den Kirchhof folgen könnten.
Jedes dieser drei Meisterwerke für sich würde man andächtig
und dankbar aufgenommen haben, ihre ununterbrochene
Reihenfolge brachte aber eine solche Summe niederdrückender
Empfindungen zuwege, daß uns gar fromm und elend
zu Muth wurde. Für den Concertsaal heißt es nicht
blos: die rechten Werke finden, sondern auch ihnen den
rechten Platz bereiten. Mendelssohn’s115. Psalm war
seltsamerweise in Wien nie zuvor aufgeführt. Zwischen einem
kräftigen, lebhaft figurirten Eingangschor und einem mächtigen
Schlußchor, welcher das erste Thema in veränderter Tactart
wieder aufnimmt, hören wir ein Duett und ein Arioso für
Bariton — wohlklingende, doch etwas weichliche Gesänge.
An musikalischer Kunst steht dieser Psalm hinter den übrigen
des Meisters kaum zurück, wol aber an Originalität und
Frische der Farben. Die so oft gehörten Mendelssohn’schen
Melodien- und Harmoniefolgen klingen heute den Hörern
schon allzu bekannt, auch erweckt der Text nicht so lebhafte
Theilnahme, wie die übrigen von Mendelssohn componirten
Psalmen. So ließ denn das Stück im Ganzen kühl, und nur
das von Herrn Grienauer mit klangvoller Stimme vor
getragene Es-dur-Arioso fand stärkeren Anklang. Brahms’
„Gesang der Parzen“ bewundern wir als ein Kunstwerk von
großartiger Conception und einschneidender Gewalt des Aus
drucks. Vollkommen verständlich wird es einem größeren
Publicum selten, geschweige denn sympathisch. Das Gedicht
will in Musik nicht rein aufgehen und blickt uns, aus dem
Goethe’schen Drama herausgerissen, mit den räthselhaft
drohenden Augen einer Sphinx an. Bach’s zweichörige
Motette „Komm’ Jesu, komm’“ (mit dem Choral am Ende)
bietet dem Musiker ein unerschöpfliches Studium und den von
keiner Begleitung unterstützten Sängern eine dreifache Feuerprobe
für die reine Intonation, den präcisen Einsatz und die
Kehlenfertigkeit. Ganz anders als im Concertsaale müßte die
Motette in der Kirche wirken, wo eine zerknirschte Gemeinde
in dem wonnevollen Gedanken an ein baldiges Ableben über
einstimmt. Als Gegensatz zu dem vielgetadelten „Leben und
Lebenlassen“ unserer katholischen Componisten könnte man
über Bach’s Kirchenmusiken das Motto setzen: Sterben und
Sterbenlassen. Die Motette „Komm’ Jesu“ gehört zu den
bewundernswürdigsten Meisterstücken harmonischer und contra
punktischer Kunst. Eine glücklichere Wahl wäre jedoch
Bach’s Kirchencantate „Du wahrer Gott und David’s
Sohn“ gewesen, jene herrliche, jedes Gemüth ergreifende
Tondichtung, welche wir in Wien nur in der sehr unge
nügenden Production eines andern Vereins kennen gelernt
haben. Beethoven’s „Ruinen von Athen“ beschlossen das
Concert. Dieses Gelegenheits-Festspiel enthält bekanntlich
zwei herrliche Nummern: den Derwisch-Chor und den Fest
marsch; wir hören sie lieber allein, als in minderwerthiger
Nachbarschaft und als Bestandtheile eines Ganzen, das uns
ja stofflich kaum mehr interessiren kann.
Das Quartett Rosé hat uns in seiner letzten Pro
duction mit einer ganz merkwürdigen Novität überrascht:
einer alten Composition von Brahms, die doch ganz und
gar eine neue geworden. Ich meine das Claviertrio op. 8,
das den Componisten nun an die dreißig Jahre lang wie ein
boshafter Kobold verfolgte, ihm zuraunend: Lieber Papa, du
hättest was Besseres aus mir machen können! Das Publi
cum war niemals so schlecht darauf zu sprechen, wie Brahms
selbst; es hat das Trio bei der ersten Aufführung durch
Door (1870) außerordentlich warm aufgenommen. „Brahms,“
so schrieb ich nach jener Première, „hat seither sein Talent
geklärt, seine Kunst verfeinert, vielleicht urtheilt er jetzt selbst
strenge über dieses Product unausgereifter Künstlerschaft —
es bleibt trotzdem ein lebensvolles, durch und durch poetisches
Tonwerk.“ Es steckte eben Jugend darin, und Jugend ist
ein schönes Ding. Nun hat Brahms, den Inspirationen seiner
Jünglingszeit liebevoll anhängend und doch gleichzeitig ge
ärgert von deren technischen Mängeln, das Trio mit Bei
behalt der Themen so vollständig umgearbeitet, daß es als
ein einheitliches neues Werk dasteht. Auch das schärfste Auge
wird keine Spur von Flickarbeit daran bemerken. Nach
dem der erste Satz sein leuchtendes Hauptthema hinge
stellt, bringt er ein ganz neues Seitenthema, breitet sich
in großartiger Durchführung aus und nimmt erst in
den allerletzten Tacten den Rückweg zum Original.
Das Fugato, von dem ich damals sagte, es wirke wie ein
lateinisches Schulcitat in einem Liebesgedicht, ist verschwun
den, und manche leere Stelle dazu. Am wenigsten Ver
änderung hat das Scherzo erfahren, dessen einheitlicher knapper
Bau einer Nachhilfe nicht bedurfte. Doch auch hier über
rascht uns ein neuer Schluß von glänzenderer Wirkung. Vom
Adagio sind nur die ersten Tacte geblieben, nichts weiter.
Das ursprüngliche zweite Thema, das an Schubert’s „Am
Meere“ erinnerte, hat einem andern Motiv Platz gemacht;
kein Allegro unterbricht mehr den edlen Fluß dieses Satzes,
der nun ebenso weihevoll schließt, als er angefangen. Das
Finale hat ein ganz neues, energisches Seitenthema in D-dur
erhalten, von dessen Eintritt alles Folgende neu erfunden ist
bis zum Schluß. Wie viel Feuer und Leidenschaft braust jetzt
in diesem Finale! Von den kleinen Details, die Brahms
geändert oder zugefügt hat, kann hier nicht erzählt werden;
sie sind für den Musiker kaum minder interessant,
als die Neubildungen im Großen. Junge Com
ponisten mögen eine Vergleichung des Original-Trios
op. 8 mit der neuen Redaction nicht versäumen.
Man lernt daraus, wie ein Meister niemals aufhört, zu
lernen. Das Trio hat außerordentlichen Beifall gefunden.
Brahms, der den Clavierpart entzückend spielte, wurde bei
seinem Erscheinen stürmisch begrüßt. Noch sei die treffliche
Aufführung von Mendelssohn’sOctett erwähnt, worin
der Rosé’sche Quartettverein mit dem Kreuzinger’schen
zusammenwirkte. Wie haben wir uns wieder an diesem
jugendfrischen, dabei so klaren und formvollendeten Werk er
freut, dessen erster Satz mit seinem weitausgreifenden präch
tigen Thema zu Mendelssohn’s genialsten Eingebungen ge
hört. Und das hat ein Zwanzigjähriger gemacht! Das
Rosé’sche Quartett darf den Abend zu seinen erfolgreichsten
zählen. Es folgt nur einem allgemein geäußerten Wunsche,
indem es noch eine Extra-Production für den 20. März an
kündigt, in welcher nur Beethoven’sche Compositionen, dar
unter das unverwüstliche Septett, zur Aufführung kommen.
Das sechste Philharmonische Concert brachte
uns eine Wiederholung von Brahms’C-moll-Symphonie,
dieser großartigen, von tragischer Leidenschaft erglühenden
Tondichtung, deren mächtige Wirkung nur durch ihre Länge,
insbesondere der Coda des letzten Satzes abgeschwächt wird.
Außerdem erschien als Novität ein „Variirtes Originalthema“
von Johann Hager. Das Originalthema ist so dürftig,
daß die Variationen, um dafür zu entschädigen, ganz außer
ordentlich interessant sein müßten. Sie sind es aber gar nicht.
Große Wirkung machte hingegen eine zweite Novität, Sme
tana’s symphonische Dichtung „Vltava“. So nennt sie
der Anschlagzettel. Ich hatte geglaubt, daß wir in Wien noch
Deutsch sprechen und hier Niemand verpflichtet sei, zu wissen,
daß „Vltava“ die Moldau bedeutet. Wahrscheinlich war Hof
capellmeister Richter gleich vielen seiner Zuhörer der Mei
nung, „Vltava“ sei der Name irgend eines unbekannten großen
Helden czechischer Nation. Die erste Schuld trifft den Musik
verleger, der auf der Partitur zwar den Gesammttitel und sogar
alle Vortragsbezeichnungen in deutscher Uebersetzung beifügt,
nur die für das Verständniß entscheidende Aufschrift „Vltava“
nicht. Und doch wollen die Czechen Smetana’s Werke auch
in ganz Deutschland verbreitet wissen. Warum also auf dem
Titelblatte den Namen „Moldau“ verschweigen, den ebenso
viele Millionen Menschen kennen, als etwa Hunderte das
Wort „Vltava“. Mit solchen „patriotischen“ Kindereien haben
czechische Verleger ihren Musik-Heroen schon mehr, als sie
glauben, geschadet.
Das von den Philharmonikern gespielte Stück ist die zweite
von sechs Symphonischen Dichtungen, welche Smetana unter dem Ge
sammttitel „Mein Vaterland“ veröffentlicht hat. Ihre Auf
schriften lauten: 1. Wyschehrad. 2. Die Moldau. 3. Scharka (Name
der Amazonen-Führerin und eines Thales bei Prag). 4. Aus Böhmens
Flur und Hain. 5. Tabor 6. Blanik.
Die Composition selbst ist das Werk
eines echten und glänzenden Talentes. In erster Linie Natur
schilderung, gehört sie zu jenen Programm-Musiken, welche
im Grunde keiner gedruckten Gebrauchsanweisung bedürfen
und nirgends über die Grenzen des musikalisch Verständlichen
oder Zulässigen hinausgehen. Von Liszt’s Symphonischen
Dichtungen angeregt und beeinflußt, ist Smetana’s „Moldau“
doch viel einheitlicher gedacht und natürlicher entwickelt.
Ein Hauptgedanke, Eine Grundstimmung, beinahe Eine Be
gleitungsfigur beherrscht das ganze Stück. Der Anfang ist
reizend. Wir stehen am Ursprung der Moldau, die im
Böhmerwald aus zwei Quellen entspringt. Eine einzelne
Flöte meldet sich mit einer raschen, schüchternen Wellenfigur;
versprengte Pizzicato-Töne der Geige und Harfe blitzen wie
Sonnenstrahlen darein. Das Wässerchen schwillt an: zwei
Flöten bringen das Wellenmotiv in Sexten, die Clarinetten
in Terzen, endlich nimmt auch das Streichquartett es auf.
Auf dieser gleichmäßig auf- und niederwogenden Begleitung
erhebt sich in den Holzbläsern das eigentliche Thema, eine
volksthümliche, ruhige Liedweise in E-moll. Da ertönen
Waldhörner; eine Jagd zieht vorüber, während die Wellen
begleitung unter glitzernden Triangelklängen ruhig weiter
fluthet. Allmälig verhallen die Hörner, die Jagd ent
fernt sich; ihr folgt, zwischen Marsch und Polka schwebend,
eine ländliche Hochzeitsmusik. Nach dem Verschwinden der
Bauernhochzeit taucht die wogende Begleitungsfigur wieder
auf, diesmal blos in den Flöten und Clarinetten.
Die Geigen, mit Sordinen, führen dazu eine sanfte,
getragene Melodie, deren Abschnitte kurze Harfen-Arpeggien
markiren. „Mondschein, Nymphenreigen“ heißt es in der
Partitur — ein gleichmäßig die Malerei wie die Poesie strei
fender Vorwurf, der hier mit echt musikalischen Mitteln rei
zend ausgeführt ist. Allmälig beschleunigt sich der Wogentanz,
immer lauter und wilder schäumen die Wässer: wir sind
in die „St. Johannis-Stromschnellen“ gerathen. Das ganze
Orchester mit Becken und großer Trommel geräth in Auf
ruhr und vollführt ein patriotisch übertreibendes Getöse, das
den Moldau-Wirbel für einen zweiten Niagarafall ausgeben
möchte. Durch die Stromschnellen gelangen wir in die brei
teste Strömung des Moldauflusses, der nun majestätisch am
Fuße des Wyschehrad dahinfließt. Das erste Thema ertönt
nun in hellem E-dur, die Begleitungsfigur wird ruhiger,
mächtiger, und das Ganze schließt in stolzer, vielleicht nur
zu lärmender Pracht. Smetana’s „Moldau“ wurde von den
Philharmonikern mit vollendeter Virtuosität gespielt und vom
Publicum überaus günstig aufgenommen. Es ist ein schön
gedachtes, einheitlich und doch ohne Monotonie durchgeführtes
Stück, das ein originelles Talent und in der Instrumen
tirung einen der eminentesten Schüler Liszt’s und Berlioz’
verräth. Auf einen tiefen musikalischen Ideengehalt, auf
polyphone und contrapunktische Kunst in Verarbeitung der
Motive macht es keinen Anspruch; es wirkt durch liedmäßige
(nicht „unendliche“) Melodie, durch klare, symmetrische Form
und reizvollen Klang. Als Naturschilderung hat Smetana’s
„Moldau“ den Vorzug, der Phantasie nur ganz typische
Bilder vorzuzaubern, die keines detaillirten Programms be
dürfen und den Componisten nirgends zu geschmackloser
Grenzüberschreitung nöthigen.
Friedrich Smetana ist 1824 in Leitomischl geboren. Er
leitete anfangs eine Musikschule in Prag, folgte dann einem
Ruf nach Gothenburg in Schweden als Musikdirector, kehrte
nach zehn Jahren in seine Heimat zurück und übernahm
daselbst 1866 die Capellmeisterstelle am czechischen National-
Theater. Er hatte das Unglück, die letzten zehn Jahre seines
Lebens in vollständiger Taubheit zu verbringen und schließlich
in Wahnsinn zu verfallen. Smetana ist 1884 im Prager
Irrenhause gestorben. Näheres über seine Werke und die
aller übrigen großen und kleinen Sterne des Prager Musik
himmels erfahren wir aus einer bei Urbanek in Prag er
schienenen Broschüre: „Ein Vierteljahrhundert böhmischer
Musik.“ Verfasser derselben ist der geschätzte Prager
Musik-Kritiker Emanuel Chvala. Nachdem derselbe
mit liebenswürdiger Aufrichtigkeit selbst gesteht, daß
„unter dem Eindruck der frischen Thaten ein oder das an
dere Ergebniß überschätzt werden konnte“, so erscheint es
rathsam, Chvala’s enthusiastische Urtheile wie den Part
einer S-Clarinette, nämlich um einen ganzen Ton tiefer, zu
lesen. Chvala datirt die böhmische Musik erst „von dem
raschen Aufblühen des nationalen Geistes nach dem Erscheinen
des October-Diploms“. Nach dieser, aber auch nur dieser
Zeitrechnung darf er allerdings Smetana den „erstenböh
mischen Tonkünstler und Begründer der böhmischen Musik“
nennen. Ein Bewunderer von Smetana’s Symphonischen
Dichtungen, stellt Chvala doch zuhöchst dessen Opern und
bezeichnet überhaupt die dramatische Musik als dasjenige
Gebiet, in welchem seine Landsleute „auf der Höhe der zeit
genössischen Kunst“ stehen. Meinestheils finde ich die besten
Erzeugnisse der czechischen Musik weit mehr in der Instru
mental-Musik, als in der Oper. Allerdings verrathen zwei
kleinere komische Opern aus Smetana’s früherer Zeit —
„Der Kuß“ und „Die verkaufte Braut“ — ein echtes, melo
diöses und charakteristisches Talent, das sich glücklich mit
dem Geist der Volksweisen befruchtet hat. In diesen
Singspielen war Smetana noch naiv, melodiös und national.
Sie entzücken heute noch die czechische Bevölkerung Prags.
Auf fremden Bühnen dürften sie aber ebenso wenig heimisch
werden, als Dvořak’s in ähnlichem Styl gehaltene
komische Singspiele „Der Bauer als Schelm“ und „Dick
schädel“. Später hat Smetana als Operncomponist Richard
Wagner nachgestrebt. In seiner großen tragischen Oper
„Libussa“ (die ich in Prag gehört) vermißte ich die frühere
Naivetät und Natürlichkeit Smetana’s und fand ihn, seiner
besten Eigenart beraubt, als Adepten des spätwagnerischen
Styls. Die gerühmten dramatischen und declamatorischen
Feinheiten in der „Libussa“ vermag natürlich nur ein ge
nauer Kenner des czechischen Idioms zu würdigen; rein
musikalisch machte mir die Oper, wie alle Wagner-Nachbil
dungen, den Eindruck des Ungesunden, Ergrübelten und
peinlich Ermüdenden. Sie reicht, meines Erachtens, an
Smetana’s „Moldau“, an sein Streichquartett und seine
„Lustspiel-Ouvertüre“ ebensowenig hinan, als Dvořak’s
große Opern „Dmitri“ und „Jakobin“, an dessen Orchester- und
Kammer-Compositionen. Aus Smetana und Dvořak können
unsere Philharmoniker noch manches sehr wirksame und interessante
Stück für ihr Repertoire gewinnen. In Bezug auf die
Titel wünschen wir dann nicht schlechter behandelt zu sein,
als die Ober-Landesgerichtsräthe in Prag, die nach dem
neuesten Ausgleich auch nicht mehr alle Czechisch zu ver
stehen brauchen.