Concerte.
(
Requiem von
Berlioz. Concerte von Frau
Frankl-Joël, Fräulein
M.
Weiß, den Herrn
Labor,
Prohaska und
Rosenthal.)
Ed. H. Einer der ersten und feurigsten Anhänger von
Berlioz war der unglückliche Dr. Alfred Becher in Wien.
In einem langen Essay verherrlichte er (1846) Berlioz als
das musikalische Genie, welches alle Geistes- und Gemüths
kräfte in höchster Fülle vereinige. Nur ein einziger Mangel
sei ihm an Berlioz aufgefallen. „Ich glaube,“ sagt Becher,
„es fehlt ihm das religiöse Gefühl. Zwar vermag
Berlioz die Frömmigkeit in Anderen täuschend wiederzugeben,
aber sie klingt nicht wie selbstempfunden. Auch weicht er ihr
oft aus, wo doch der poetische Gedankenzwang sie fast noth
wendig bedingte.“ Dieses von Becher zuerst und allein er
hobene Bedenken, „der Mangel an religiösem Gefühl“, ist
sehr bemerkenswerth. Hätte Dr. Becher das Requiem ge
kannt und die Veröffentlichung der Memoiren erlebt, es
würden ihm aus beiden Quellen neue Beweisgründe
für seine Ansicht zugeflossen sein. In den Me
moiren erzählt Berlioz selbst, daß er trüben Jugend
erlebnissen einen bleibenden tiefen Widerwillen gegen
alles Kirchliche verdanke. Sein Requiem aber zeigt unter
allen bekannten Tonwerken dieses Namens die allergeringste
Spur von religiösem Sinn. Mit souveräner Willkür und
Weltlichkeit verarbeitet Berlioz den altehrwürdigen Kirchentext
zu einer Art phantastischem Drama. Was er darin nicht
zu unerhörten Klangeffecten verwenden kann, das läßt ihn
gleichgiltig und gelangweilt; er behandelt es auch gleichgiltig
und langweilig. Lassen wir jedoch die religiöse Frage völlig
beiseite und stellen uns ganz auf den Standpunkt des freien
Künstlers. Mag ihn in der „Todtenmesse“ immerhin nur
die starke, allgemein menschliche Lyrik und vor Allem das
dramatische Element angelockt haben. Aber gerade vom musika
lischen Standpunkt erscheint mir dieses angebliche Meisterwerk
des Franzosen als dessen unzulänglichste und bedenklichste Arbeit.
Der Leser kennt meine Bewunderung für die zahlreichen
hohen Schönheiten der „Sinfonie fantastique“, der „Romeo“-
und der „Harald“-Symphonie; habe ich doch das Publicum
schon in jener Urzeit dafür zu gewinnen versucht, als man
noch häufig Berlioz mit Bériot verwechselte. An eine
Kritik des Requiems jedoch gehe ich nur mit peinvollen
Empfindungen. Es gähnt darin eine trostlose Leere und
Ideenarmuth, welche durch eine Armee von Lärminstrumenten
ebensowenig verdeckt werden kann, wie die große technische
Unbeholfenheit des Componisten. Das Requiem gehört zu
Berlioz’ Jugendwerken; die Kunst des musikalischen Satzes
im weitesten Sinn, die zeitlebens seine schwache Seite ge
blieben — sie steckt hier noch in den Kinderschuhen. Schwer
lich stößt man in irgend einer großen geistlichen Composition
auf ähnliche Unfähigkeit, ein Thema zu entwickeln, einen vier
stimmigen Chorsatz zu führen, ein Motiv contrapunktisch zu ver
werthen und was sonst noch den Musiker macht. Jeden Augen
blick muß, wie in einer italienischen Oper, der Nothbehelf des
Unisono-Singens herhalten; jeden Augenblick zerbröckelt die
Form, stolpert und überschlägt sich der melodische Fortgang.
Berlioz muß nie zuvor ein Chorwerk von Bach studirt haben,
geschweige denn von Palestrina, dessen Ruhm er ja einen
schlechten Spaß nennt. Das sind aber die ehernen Funda
mente aller geistlichen Musik. Wo nicht seine oft blendend
geistreichen, oft auch nur wunderlich barocken Klangeffecte
unser Interesse erregen, erschlafft dieses; denn nirgends ent
zückt, nirgends erhebt uns die Schönheit eines ausgereiften
musikalischen Gedankens. Wie matt und stockend beginnt
nicht das „Dies irae“, wo der Componist doch mit ganzer,
erschütternder Kraft einzusetzen hat! Dieser „Tag des Zornes“
scheint für Berlioz ein Tag wie jeder andere zu sein. Aber
das ist nur eine diplomatische Finte. Berlioz will sich den
Contrast einer urplötzlich hereinbrechenden gewaltigen Erup
tion für das „Tuba mirum“ offen halten, und dieser
colossale Schalleffect ist’s im Grunde, was sein Requiem
berühmt gemacht hat. Vierundzwanzig Posaunen, zwölf
Hörner und zwölf Trompeten stürzen sich gleichzeitig mit
dröhnendem Fortissimo auf uns, dazu lärmen Becken, Tam
tam, große Trommel und sechzehn Pauken! Ist es ein
Wunder, daß der Zuhörer förmlich niedergeworfen wird?
Ist es eine Kunst, mit so brutalen Mitteln eine
beängstigend erschütternde Wirkung zu erzielen? Zur
Zeit freilich, als Berlioz diesen musikalischen Massenmord
ausführte, gehörte der Muth eines Titanen dazu; heute
macht das ein geschickter Regiments-Capellmeister. Berlioz hat
bekanntlich über Mozart gespottet, der das „Tuba mirum“
von Einer (!) Posaune intoniren läßt. Das war fürs erste
ganz correct, da der kirchliche Text nur von Einer „tuba“
spricht; sodann aber gab Mozart dieser Einen ein großartig
einfaches Motiv, das uns zwar nicht im buchstäblichen Sinne
zu Boden schleudert, wie Berlioz’ Posaunenchor, aber un
vergleichlich tiefer ergreift. Bei Mozart: ästhetische Wirkung,
bei Berlioz: physische Gewalt. Der Klang der Posaune ist
an sich schauerlich, markerschütternd, wie kein anderer; der
junge Mozart fiel dabei in Ohnmacht. Unsere Zuhörer be
wiesen stärkere Nerven; sie brachen nach dem ersten Schreck
in nicht endenwollenden Jubel aus. Wahrscheinlich waren
keine Mozarts unter ihnen. Mit dem „Tuba mirum“
und dem „Rex tremendae majestatis“ sind bei Berlioz
gleichsam alle Feuergarben des Vulcans ausgeschüttet; es
folgt wieder musikalische Asche und Dunkelheit. Gibt
es etwas Kläglicheres, als den Chor „Quid sum
miser“ oder das Offertorium in D-moll, wo die Stimmen
der Verdammten im Fegefeuer von Anfang bis zu Ende auf
zwei Tönen, a und b, winseln? Und der Chor „Quaerens
me“ mit seiner abschreckenden Stimmführung — ist er
nicht ein Musterbeispiel für angehende Componisten, wie
man nicht „a capella“ schreiben soll? Schließlich die zum
Ueberdruß wiederholte Melodie „Lacrymosa“, im Unisono
von Sopran und Tenor — wirkt sie nicht erheiternd? Sie
erinnert so hübsch an italienische Opern, speciell an die Stelle
aus Donizetti’s „Lucia“, wo der (zum Ausgelachtwerden)
„bestimmte Bräutigam“ sich den Cavalieren und Damen des
Schlosses vorstellt. Wenn man diese Trivialität hört, so
möchte man Rossini gleich Alles abbitten, was man je
gegen seine Kirchenmusik eingewendet hat. Rossini’s Welt
lichkeit war doch stets in Schönheit getaucht, aus seinem
Schönheitsbedürfniß geboren. Wo findet man aber in Berlioz’
Requiem eine sangbare Melodie, die nicht ganz ordinär
wäre?
Befremdend wie das ganze Requiem war mir auch
die jubelnde Bereitwilligkeit, mit welcher das Wiener Publi
cum sich diesem Blendwerke hingab. Dasselbe Publicum,
das so oft erhoben, entzückt dem „Requiem“ von Mozart,
von Cherubini, von Brahms gelauscht hat! Selbst
Verdi’sRequiem wächst, gegen das Berlioz’sche gehalten,
zu einem musikalischen Meisterstück. Und noch an ein an
deres, bescheideneres Werk dieser Gattung möchte ich erin
nern: an Schumann’sRequiem. Aus dem Spätherbste
des Meisters stammend, steht es ziemlich unbeachtet im
Schatten seiner früheren Werke. Und trotzdem, wie wahr
und gesammelt, wie menschlich schön spricht es zu uns!
Daß ein Werk von der Berühmtheit des Berlioz’schen Re
quiems den Wienern nicht vorenthalten bleiben durfte, steht
außer Frage. Daß seine geistreichen Einzelheiten den Hörer
interessiren, seine unerhörten Klangcombinationen überraschen
und blenden müssen, ist ebenso begreiflich. Aber die Ernüch
terung, dachten wir, würde schnell auf den Rausch folgen,
so schnell, daß ein allgemeines Bedürfniß nach einer zweiten
und dritten Aufführung kaum zur Sprache käme. Und doch
lesen wir, daß bereits eine vierte, obendrein mit noch ver
stärktem Orchester, geplant sei. Es wäre traurig, wenn die
„Gesellschaft der Musikfreunde“, dieses einzige Asyl großer
classischer Musik in Wien, das Berlioz’sche Spectakelstück in
ihre regelmäßig wiederkehrenden Aufführungen einreihen
wollte. Der Concertcyklus der „Gesellschaft“ ist eng begrenzt
und jeder Fußbreit dieser schmalen Area kostbar. Wir haben
Berlioz’ Requiem vor seiner ersten Aufführung als einen
interessanten berühmten Fremdling gastfreundlich begrüßt,
daß aber dieser „todte Gast“ sich bleibend hier ansiedle,
können wir im Interesse des ästhetischen Geschmacks und
des musikalisch guten Rufes der Wiener unmöglich wünschen.
Die Aufführung des Requiems, ein gar mühsames und
schwieriges Unternehmen, ist am 9. d. M. überraschend gut
geglückt. Dem Componisten konnten wir kein Loblied singen,
aber auf den Dirigenten Hanns Richter wenden wir mit
voller Ueberzeugung die Worte des Requiems an: Te decet
hymnus!
Wir stecken mitten in den Aequinoctialstürmen der
Saison, die Tag für Tag ein Concert ans Land werfen.
Obenauf schwimmen natürlich die Pianistinnen. Sie sind
längst in der Majorität gegen ihre männlichen Collegen.
Auf Fräulein Hopekirk und Fräulein Pancera — um
nur die Besten zu nennen — folgte Frau Frankl-Joël,
deren ehrenvoller Platz im Wiener Concertleben längst ge
sichert ist. In ihrem Programm glänzte die selten gehörte
und selten gut gespielte G-moll-Sonate von Schumann.
Frau Frankl erwies sich den starken technischen Anforderungen
dieses Stückes vollkommen gewachsen und blieb auch dem
Vortrag weder Kraft noch Zartheit schuldig. Von Brahms
spielte sie merkwürdigerweise ein „Intermezzo“ aus Op. 76 und
nicht die G-moll-Rhapsodie! Oft genug haben wir Brahms
gebeten, endlich einmal neue Clavierstücke zu schreiben; es
muß ihn doch selbst langweilen, zwanzigmal in jeder Saison
immer nur seine G-moll-Rhapsodie wenn auch nicht zu
hören, doch auf den Anschlagszetteln zu lesen. Auch daß Frau
Frankl die F-dur-Variationen von Beethoven und mehrere der
weniger abgedroschenen Präludien von Chopin gespielt und
gut gespielt hat, gereicht ihr zum Lobe. Nicht der leiseste
Zweifel an ihrem guten Geschmack wäre aufgekommen, hätte
sie nicht selbst ihr Concert mit einer Improvisation (?) über
Strauß’Methusalem-Walzer beschlossen. Es wäre die
schlimmste Pedanterie, heitere Musik aus den Virtuosen-
Concerten ausschließen zu wollen; im Gegentheil, wir brauchen
lustige Stücke für unsere täglich gelehrter und tragischer aus
sehenden Programme — nur muß es gute Musik sein. Wie
manches reizende Tanzstück findet sich in Schubert, Weber,
Chopin, Liszt („Soirées de Vienne“), Dvořak und Anderen!
Und was unsern Johann Strauß betrifft, so wäre uns sein
Methusalem-Walzer pur et simple noch immer viel lieber
gewesen, als eingewickelt in einen Wust wohlfeiler Passagen.
Neben Frau Frankl wurde auch Frau Bertha Gut
mann nach dem Vortrage der Fidelio-Arie und mehrerer
Lieder mit Beifall überschüttet. — Mit günstigstem Erfolg
ist eine junge Sängerin, Fräulein Malvine Weiß, zum
erstenmale vor das Publicum getreten. In der großen Arie
der „Sonnambula“ überraschte sie durch das Metall ihrer
hohen Töne, durch eine schon bemerkenswerth entwickelte
Coloratur und die geschmackvolle Vortragsweise, welche
sie der Schule Victor Rokitansky’s verdankt. —
Am 11. März gab Herr Joseph Labor ein Orgelconcert
im großen Musikvereinsaal. Labor gehört zu den wenigen
Auserwählten, welche die Orgel wirklich künstlerisch zu be
handeln verstehen. Er ist nicht blos Virtuose auf diesem
Instrument, er ist auch ein Künstler von tiefem Verständniß
und gesunder musikalischer Empfindung. Als solcher hat er
sich namentlich in seinem unablässigen Bemühen um die
Verbreitung der Kenntniß Bach’scher Orgelwerke stets ge
zeigt. Zum Unterschiede von den meisten Orgelvirtuosen ist
Labor auch ein vortrefflicher Clavierspieler von schönem,
seelenvollem Anschlag. — Der Pianist Herr Karl Pro
haska hat uns schon im vorigen Jahr durch seinen fein
empfundenen Vortrag, namentlich classischer Compositionen,
aufrichtig befriedigt. In seinem diesjährigen Concert zeigte
sich sein Anschlag gekräftigt und seine Technik fort
geschritten. Daß er unter Anderem die „Davidsbündler-
Tänze“ von Schumann vorzüglich gespielt hat, bietet einen
Maßstab zur Beurtheilung seines Könnens. — Schließlich
hat Herr Moriz Rosenthal nach seinem glücklich
beendigten Triumphzug in Amerika hier ein Concert unter
stürmischem Andrang des Publicums gegeben. Herr Rosen
thal, den wir schon bei seinem ersten Auftreten (1884) einen
Virtuosen ersten Ranges nennen mußten, dürfte gegenwärtig
an technischem Können die meisten seiner berühmten Collegen
übertreffen. Damit soll keineswegs gesagt sein, daß er die
Besten auch in allen übrigen Vorzügen erreiche und an
Tiefe der musikalischen Empfindung, an Wärme und
Adel des Vortrages nichts zu wünschen lasse. Rosen
thal’s Spiel hat bisher seine blendendste und voll
ständigste Wirkung im Vortrag Liszt’scher Compo
sitionen gefunden. Wahrscheinlich wollte er sich dies
mal von einer neuen Seite zeigen, indem er seinem
langen Programm ein einziges Stück von Liszt, obendrein
ein Arrangement, einfügte: die Wilhelm Tell-Ouvertüre.
Sie war der Glanzpunkt des ganzen Abends und bis auf
den sehr unsauber gespielten Schluß eine erstaunliche Bravour
leistung. Die Ueberwindung technischer Schwierigkeiten scheint
Herrn Rosenthal auch in solchen Tondichtungen zumeist an
zulocken, die neben der Bravour noch etwas ganz Anderes,
Höheres verlangen. Wo die Finger nicht vollauf zu thun
finden, da wird Rosenthal entweder gleichgiltig, kühl, oder er
sucht die innere Theilnahmslosigkeit durch Häufung senti
mentaler Ausdrucksmittel, wo sie nicht hingehören, zu ver
decken. Das virtuose Element, wo es ihm dankbar entgegen
kommt, übertreibt er wiederum gern in Zeitmaß und Kraft
aufwand. Die A-moll-Orgelfuge von Bach war gut be
gonnen, gerieth aber gegen den Schluß in Tobsucht. Die
Scarlatti’sche Gigue in G-dur und die (in Terzen
gespielte) Gis-moll-Etude von Chopin flogen fast
ohne rhythmische Accentuirung so blitzschnell dahin, daß
man die Stücke genau kennen mußte, um daraus klug
zu werden. Rosenthal’s Vortrag der kindlich einfachen
A-moll-Mazurka (op. 67) und der schwärmerischen
Des-dur-Nocturne (op. 27) von Chopin zeigten uns
die fatalsten Manieren der Lisztschule wie im Hohlspiegel:
hysterisches Tempo rubato, grelles Beleuchten einzelner
Tacte, neben welchen das Uebrige nebelhaft verschwamm,
willkürliches Verzerren des Rhythmus, Zertrennen der ge
bundenen Melodie in einzelne Noten — und was solcher
Wundersalben mehr sind. Der Mangel an seelischer
Wärme und eminent musikalischem Geist berührte uns am
empfindlichsten in Schumann’sC-dur-Phantasie, einer
der höchsten — nicht blos der schwierigsten — Aufgaben für
den reproducirenden Künstler. Der breit hinfluthende große
Zug des ersten Satzes zerbröckelte unter Rosenthal’s Händen
in virtuosenhaftes Stückwerk; weggewischt war der unbe
schreiblich zarte, träumerische Hauch über den langsamen
Sätzen, verhetzt und verpaukt der energische Mittelsatz in
Es-dur. Uns ward zu Muthe, als sähen wir Schumann’s
Geist auf der Flucht vor dem ihn verfolgenden Virtuosen.
Schumann wird nur von Jenen gut gespielt, die, auf ihre
Virtuosenglorie vergessend, sich mit Liebe und reifem Ver
ständniß in ihn eingelebt haben. Ich weiß nicht, ob das,
was Herrn Rosenthal dazu fehlt, sich nachträglich noch er
werben lasse. Glücklicherweise hat Herr Rosenthal ein Feld,
auf dem er souverän waltet: das große Gebiet der Vir
tuosität par excellence. Insbesondere als Lisztspieler wird
Rosenthal überall ehrliche Triumphe feiern und jedes Pu
blicum entzücken.