Die Musik in
Amerika. II.
(Die Oper.)
Ed. H. Als erste Schwalben, die einen künftigen Opern
frühling in Amerika anzeigten, erschienen kleine Liederspiele
aus England. Die unbegrenzte Popularität, welche das erste
englische Singspiel „Die Bettler-Oper“ seit seinem Erscheinen
in London genoß, veranlaßte 1750 dessen erste Aufführung
in Newyork. Seitdem ist durch ein volles Jahrhundert kein
einziger Theater-Director oder Balladensänger nach Newyork
gekommen, ohne dieses Stück aufzuführen. So hat denn die
englische Oper in der eigenthümlichen Form als Lieder
spiel (ballad-opera) und mit der Musik der populärsten eng
lischen Componisten 75 Jahre früher als die italienische Oper
in Amerika Eingang gefunden. Die beliebtesten englischen
Liederspiele von der Art der „Bettler-Oper“ erschienen nun
mehr auf der Newyorker Bühne. Nach Beginn dieses Jahr
hunderts wurden auch einige der beliebtesten französischen
Spielopern, später noch Rossini’s „Barbier“ und Weber’s
„Freischütz“ (1825) in englischer Sprache gegeben, unvoll
ständig und mit ganz willkürlich arrangirter Musik. Im Jahre
1832 erschien zum erstenmal „Die Zauberflöte“, gleichfalls
englisch und „arrangirt“ von dem unermüdlichen Mr. Horn.
Ein deutscher Bericht aus dem Jahre 1828 führt aus, daß
eine richtige Opernaufführung in Newyork schon wegen der
geradezu unbeschreiblichen Schlechtigkeit und Unvollständigkeit
der Orchester unmöglich sei. Das wichtigste Instrument in
diesen Orchestern sei überall die Posaune, welche stets die
Violoncell-Partie mitbläst, manchmal auch, falls der Bläser
geschickt ist, eine Violin-Passage. Immerhin haben diese eng
lischen Sänger zuerst den Geschmack für Gesang in Amerika
erweckt, und ihre Singspiele, halb gesungen, halb gesprochen,
haben für die italienische Oper, in welcher nur der Gesang
herrscht, den Weg gebahnt. Im Jahre 1825 erschien Gar
cia mit einer guten Truppe in Newyork und gab den
Amerikanern zuerst eine Probe italienischer Opernmusik. Ita
lienische Musiker und Literaten hatten bereits zu Anfang
des Jahrhunderts, in Folge politischer und finanzieller
Mißgeschicke, Zuflucht in Newyork gesucht. Unter ihnen
finden wir zwei bekannte und angesehene Namen: Filippo
Trajetta und Lorenzo da Ponte. Beide Männer
waren durch höchst romanhafte Wechselfälle nach Amerika
verschlagen worden. Filippo Trajetta, geboren 1776 in
Venedig, war der Sohn des berühmten Operncomponisten
Tomaso Trajetta (oder Traëtta). Er hatte eine gute Er
ziehung genossen und zuletzt unter Picinni studirt. Zur Zeit
der französischen Revolution trat er in die patriotische ita
lienische Armee, wurde von den Royalisten gefangen, verlebte
acht Monate in einem schrecklichen Kerkerthurm und entkam
endlich an Bord eines amerikanischen Schiffes. Er ließ sich
zuerst als Gesanglehrer in Boston nieder, kam später nach
Newyork, wurde Theater-Director in den südlichen Staaten
und starb endlich im Jahre 1854 in Philadelphia. Trajetta,
thätig und einflußreich als Componist wie als Gesanglehrer,
sollte auch auf da Ponte’s Einladung für die Operntruppe
Garcia’s in Newyork arbeiten; als er daselbst eintraf, war
aber Garcia’s Gesellschaft schon aufgelöst. Den noch viel
bewegteren Lebenslauf da Ponte’s, des Librettisten von
Mozart’s „Don Juan“ und „Figaro“, haben wir gelegentlich des
Don Juan-Jubiläums ausführlich in diesen Blättern erzählt.
Da Ponte, der im Jahre 1838 hochbetagt in Newyork ge
storben ist, hat mit L. Trajetta und Garcia zuerst für die
italienische Oper in Amerika den Boden bereitet. Den
ersten Versuch machte, wie gesagt, Manuel Garcia im
Jahre 1825. Rossini’s „Barbier von Sevilla“, als Eröffnungs
oper, war fast gänzlich von der Familie Garcia dargestellt.
Vater Garcia sang den Almaviva, sein Sohn Manuel (der
später berühmte Gesanglehrer) den Figaro, seine Tochter
Maria (Malibran) die Rosina, Mama Garcia die Bertha.
Das Publicum war entzückt, die Kritik nicht minder. Die
nächsten Abende brachten „Don Giovanni“, „Otello“,
„Semiramide“, „Il Turco in Italia“ und zwei Opern von
Garcia’s Composition — im Ganzen 79 Vorstellungen.
Trotz des anfangs so günstigen Erfolges konnte Garcia
seine Gesellschaft nicht länger zusammenhalten und schloß im
September 1826 seine Vorstellungen. Er ging nach Mexico,
Maria, welche Herrn Malibran heiratete, blieb in Newyork,
sang Sonntags in der Kirche und gelegentlich in englischen
Operetten. Im September 1827 nahm sie Abschied von
Amerika und reiste nach Paris, das ihren Weltruhm be
gründet und verbreitet hat.
Während die oben erwähnten ersten englischen Operetten-
Vorstellungen in Newyork stattfanden, versuchten fran
zösische Schauspieler die französische Oper in der Haupt
stadt von Louisiana (Neworleans) einzuführen, welche ur
sprünglich von französischen Colonisten gegründet war. Ob
wol seit 1803 zu den Vereinigten Staaten geschlagen, blieb
doch die Mehrzahl der Bevölkerung französisch und führte fran
zösische Sitten und Theater ein. Schon 1791 erschien die
erste regelmäßige französische Truppe in Neworleans. Die
Mitglieder waren zugleich Schauspieler und Sänger. Paë
siello’s „Barbier von Sevilla“, Zingarelli’s
„Romeo und Julie“ wurden schon 1810 von ihnen gegeben.
Wöchentlich drei Opernabende in französischer Sprache bil
deten das Hauptvergnügen der rasch anwachsenden Bevölke
rung. Tüchtige Unternehmer wie Davis und Boudausquier
brachten zu Anfang jeder Saison treffliche Sänger und
Schauspieler aus Paris, welche bald die Meisterwerke von
Mozart, Méhul, Rossini und Spontini tadellos ausführten.
Neworleans hat den Ruhm, zuerst in den Vereinigten Staaten
regelmäßige Opernsaisons eingeführt und festgehalten zu
haben; ein Zeichen sehr vorgeschrittener Civilisation und Musik
liebe. Im December 1859 wurde ein neues glänzendes Theater
für die französische Oper errichtet und mit Rossini’s „Tell“
eröffnet. Aber die Tage der früheren übermüthig lustigen
creolischen Gesellschaft waren gezählt. Nach dem Secessions
kriege schimmerte die Oper noch manchmal in flüchtigem
Glanze, endete aber fast immer mit dem Ruin der Unter
nehmer. Zwei Brüder, Charles und MarcelinAlhaiza,
reisten nach Paris, um für die Saison 1866/67 eine voll
ständige französische Opern- und Schauspieltruppe nach New
orleans zu bringen. Ein schreckliches Schicksal zerstörte das
Unternehmen. Am Vorabend der Abreise starb der eine Bru
der, Marcelin. Charles brachte die ganze Gesellschaft nach
Newyork und schiffte sich mit ihr auf dem Dampfer „Eve
ning Star“ nach Neworleans ein. Am 3. October 1866
ging das Schiff bei einem furchtbaren Sturme unter, und
mehr als 300 Personen ertranken, darunter die französischen
Schauspieler und ihr Director Charles Alhaiza. Seither ist
die Laufbahn der Oper in Neworleans ganz ähnlich der in
Newyork. Sie hat eine feste Basis nicht wieder erlangen
können.
Dr. Ritter’s Ansicht über das Opernwesen in Amerika,
„dieses schwer zu lösende Problem“, ist sehr bemerkenswerth.
Sie lautet folgendermaßen: Die Existenz der italienischen
Oper in Amerika war stets eine unsichere, wechselvolle. Ein
Unternehmer nach dem andern hat damit sein Glück ver
sucht, fast jeder aber seinen Ruin gefunden. Die italienische
Oper, unter Verhältnissen entstanden und gewachsen, welche
der Natur und den Gewohnheiten des amerikanischen Volkes
gänzlich fremd sind, hat in diesem niemals Wurzel fassen
können. Der scenische Glanz, die Bravour der Sänger er
regten anfangs ein neugieriges Erstaunen. Aber das Wesen
dieser exotischen Kunst blieb der Natur des Amerikaners
durchaus fremd. Sein heller Verstand vermochte kei
nerlei Nützlichkeit daran zu entdecken. Es hieß, daß
es „fashionable“ sei, in die italienische Oper zu
gehen. So ging er denn hin, denn der richtige Amerikaner
würde sich lieber erdrosseln lassen, als für unfashionable
gelten. Es ist erheiternd, in älteren Jahrgängen der New
yorker Journale die zahlreichen Anfragen und Belehrungen
nachzulesen, wie man sich in der Oper nach europäischer
Mode zu kleiden und zu benehmen habe. Nach dem ersten
Strohfeuer der Neugierde wurde das Publicum gleichgiltig
gegen den Zauber der Marie Garcia und der Rossini’schen
Opern. Der Amerikaner fand in der italienischen Oper sehr
wenig für seinen Verstand, ja er fand sie lächerlich. Obgleich
der amerikanische Musikfreund allmälig den Gesang der Ita
liener bewundern lernte, er wollte doch zugleich wissen, „um
was es sich handelt“, und daran hinderte ihn seine Un
kenntniß der italienischen Sprache. Ein noch größeres
Hinderniß war durch lange Zeit die kirchliche Gesinnung des
amerikanischen Volkes, dessen große Mehrzahl „church-
people“ ist, d. h. puritanisch, streng festhaltend an den Vor
schriften der Secten, somit in Opposition gegen alle ästheti
schen Tendenzen, die sich nicht unbedingt der kirchlichen Macht
unterwerfen. Die Geistlichkeit warnte ihre Gemeinden vor
einem Vergnügen, das ihr unmoralisch und voll weltlicher
Versuchungen erschien. Das waren aber nicht die einzigen
und nicht die gefährlichsten Klippen. Unzulängliche Opern
häuser und Bühnen, mangelhafte Orchester, ungeschulte
Choristen, die Kostspieligkeit der Ueberfahrt einer ganzen
Truppe aus Europa! Der Unternehmer mußte, um sich zu
sichern, hohe Preise ansetzen. Sobald die erste Neugierde be
friedigt war, murrte das Publicum über die theuren Preise,
blieb allmälig aus und die Unternehmung machte Bankerott.
Alles nur erdenkbar Mögliche ist von erfinderischen Unter
nehmern versucht worden, um das amerikanische Publicum
für die Oper zu gewinnen: hohe Preise und billige Preise,
berühmte Sänger und Mittelgut, italienische, deutsche und
französische Oper — nichts wollte auf die Dauer verfangen.
Seit dem ersten ernsthaften Versuche Garcia’s bis auf den
heutigen Tag zeigt die Geschichte der italienischen Oper in
Amerika im Wesentlichen dieselbe Physiognomie; nur die
Gesichter der Unternehmer und der Künstler haben gewechselt.
Die Oper in Amerika lebt zuweilen üppig, zuweilen kümmer
lich, niemals aber in organischem Wachsthum. Der Opern
besuch ist heute noch nichts weiter als eine Modelaune (a
fashionable whim). Irgend ein kleines aufregendes Ereig
niß genügt, um die Leute ins Opernhaus zu treiben, und
eine ebenso geringfügige Ursache, sie davon abzuhalten. Der
amerikanische Opern-Unternehmer sitzt fortwährend auf einem
Pulverfasse, das er, der Explosion gewärtig, unablässig beob
achten und behüten muß. Der Verfasser führt nun sämmt
liche aufeinanderfolgende Opern-Unternehmungen in Newyork
auf, mit den Namen der Sänger, der Dirigenten, der Com
ponisten, endlich mit einer ziffermäßigen Uebersicht der Ein
nahmen und Unkosten. Ein Unternehmer nach dem andern
verliert sein Vermögen. Oft auch stehen die Mitglieder (bis
auf den „Stern“ der Truppe, der sich stets zu sichern weiß)
hilflos da nach dem Bankerott ihres Chefs. Allein die Sänger
und Virtuosen wendeten immer mehr ihre Blicke nach Amerika,
wo ihnen angeblich in kürzester Zeit ein Vermögen winkte.
Im Jahre 1843 baute Signor Palmo ein neues Theater
für die italienische Oper in Newyork. Er war ein sehr be
liebter Gastwirth; das Vermögen, das er mit seinem be
rühmten „Café des mille colonnes“ erworben, verlor er in
der Opern-Unternehmung. Im Jahre 1847 wurde abermals
ein neues, prächtiges Opernhaus gebaut, das nach fünf
Jahren mit großem Verluste geschlossen und in die „Clinton-
Bibliothek“ umgewandelt wurde. Man machte hierauf den
Vorschlag, ein dreimal so großes Opernhaus zu errichten;
der Bau begann im Mai 1853, und schon am 2. October
1854 fand die Eröffnungs-Vorstellung (mit Mario und
der Grisi) statt. So schnell baut man in Amerika! Die
„Academy of music“, so hieß das neue Theater, ver
sprach unter Anderm auch Preise auszusetzen für die beste
musikalische Composition. Großer Jubel und kühne Hoff
nungen der jungen amerikanischen Componisten! Ein ein
zigesmal wurde wirklich ein solcher Preis von 1000 Dollars
für die beste, von einem Amerikaner componirte Oper aus
geschrieben, aber niemals ausbezahlt. Trotz des neuen,
großen Hauses, der meist trefflichen Künstler und der
niedrigen Preise scheiterte ein Unternehmen nach dem
andern. Auch Ole Bull war leider darunter. Nun folgt
ein wirres Durcheinander von Ullmann, Strakosch,
Maretzek und anderen Impresarios, welche theils nach
einander, theils gleichzeitig und gegen einander italienische
Truppen ins Feld führten, eine wilde Jagd, daß einem
deutschen Leser der Kopf schwirrt. Eine interessante kurze
Episode war die deutsche Opernsaison des Karl Anschütz
im alten Wallack-Theater (1862). Die Gesellschaft besaß keinen
einzigen großen Sänger, der sich mit den italienischen Künst
lern der Academy of music vergleichen konnte, aber das
Ensemble war harmonisch gerundet, das Orchester vortreff
lich, der Chor gut geschult. Und welches Repertoire von aus
erlesenen deutschen Opern! Hier war mehr Intelligenz, mehr
echte Begeisterung und musikalische Bildung, als in irgend
einer anderen Opern-Unternehmung, die man in Newyork
erlebt hat. Leider ward Anschütz durch die ungünstigen Zeit
verhältnisse genöthigt, seine Oper bald aufzugeben. Nach
Beendigung des Krieges, der auf allen Gemüthern schwer
gelastet, drängte Alles nach seichter, sinnlicher Unterhaltung,
und die Offenbach’schen Operetten im französischen Theater
von Newyork hatten einen ungeheuren Zulauf. Offen
bach wurde so populär, daß seine Bewunderer ihn in
Person nach Amerika brachten. Er machte aber nicht den
gehofften Eindruck; die Neugierde, den Componisten der
„Schönen Helena“ gesehen zu haben, war bald gestillt und
die von ihm dirigirten Sommernachts-Concerte verloren ihr
Publicum. Wenn in Amerika ein Ding populär wird, so
entfesselt es eine zeitlang eine wahre Raserei, fällt aber dann
meistens ebenso schnell wieder in Vergessenheit. Das gleiche
Schicksal hatten später die harmlosen Operetten von Gilbert
und Sullivan; das Publicum war von ihnen ebenso
schnell entzückt, als übersättigt. Was noch hie und da an
Interesse dafür verblieb, dürfte bald verjagt sein durch den
Schwarm neuer „komischer Opern“, an denen der Titel
meistens das einzig Komische ist.
Einige glänzende italienische Saisons hatte Newyork in
den Siebziger-Jahren: Max Strakosch brachte die
Sängerinnen Nilsson, Tietjens, Kellogg, Marie
Roze und den Tenor Campanini, „dieses Ideal eines
Lohengrin“. Nach einigen Jahren verschlimmerten sich wie
der die Aussichten der italienischen Oper und wuchsen die
Verluste der Unternehmer. Bald waren die Maretzeks, die
Graus, die Strakosch fertig und abgethan. Da tauchte der
„Colonel“ Mapleson vom Londoner Majesty’s Theater
auf und gab der italienischen Oper einen neuen Ruck. Er
eröffnete die Saison 1878/79 mit Etelka Gerster,
Minnie Hauck, Campanini u. A. Die höchste Ein
nahme, wenn die Gerster sang, betrug 4800 Dollars;
nicht viel weniger erzielte „Carmen“ mit Minni
Hauck. Trotz der Vortrefflichkeit einzelner Künstler
und des Capellmeisters Arditi waren die meisten
Vorstellungen sehr unvollkommen. Das Star-System,
das in der Theaterwelt jedes gesunde Ensemble zerstört und
dem Unternehmer enorme Opfer für seinen „Star“ auf
nöthigt, macht auch die Aufführung großer musikalischer
Meisterwerke unmöglich. Immer müssen die alten, abge
spielten Opern wiederholt werden, denn der „Star“ macht
das Repertoire; bringt man doch einmal eine neue Oper,
so wird sie überstürzt und schleuderisch aufgeführt. In der
Regel trägt das Publicum die Schuld, wenn so ein „Stern“
allmächtig wird; der Stern ist die Schöpfung des Publi
cums, kennt dessen Schwächen und nützt sie aus. Während
Mapleson die italienische Oper in der „Academy of
music“ zu galvanisiren bemüht war, erwuchs dieser ein gefähr
licher Rivale in dem neu erbauten großen „Metropolitan-
Opera-House“. Es wurde von dem Unternehmer Henry
Abbey im Jahre 1883 mit der Nilsson, Sembrich, Tre
belli und den Sängern Campanini, Capoul, Stagno eröffnet.
Diese Saison, eine der glänzendsten, die Newyork erlebt hat,
ward doch verhängnißvoll für Mr. Abbey und ließ ihn ein
so gefährliches Unternehmen unverzüglich aufgeben. Wie in
Wien, Paris und anderen europäischen Hauptstädten, so be
gann auch in Newyork die italienische Oper ihren Halt im
Publicum zu verlieren. Damit stiegen einigermaßen wieder
die Aussichten einer deutschen Oper, obwol diese niemals
in Amerika „fashionable“ zu werden vermochte. Die
Directoren des Metropolitan-Theaters beauftragten den tüch
tigen Capellmeister und Violinspieler Leopold Damrosch
(geboren 1832 in Posen), eine deutsche Gesellschaft zu enga
giren. Im November 1884 gab diese ihre Eröffnungs-Vor
stellung „Tannhäuser“, mit der Materna, Marianne
Brandt, den Herren Schott und Robinson. Diese
erste Saison hatte einen großen künstlerischen Erfolg und
finanziell „einen ziemlich befriedigenden“, d. h. das Deficit
betrug nur 40,000 Dollars. Dieses „unerwartet günstige“
Resultat bestimmte die Directoren, die Fortsetzung der
deutschen Vorstellungen für die folgenden drei Jahre zu
beschließen. Die Oper erhielt sich auf ihrer künstlerischen
Höhe, aber die Auslagen überstiegen sehr bedeutend die Ein
nahmen. Zahlreiche Stimmen ließen sich vernehmen gegen
das zu starke Uebergewicht der von Damrosch bevorzugten
Wagner’schen Opern im Repertoire. Dr. Ritter, der sich
als thätiger Wagner-Apostel bekennt, gibt dieser Opposition
natürlich Unrecht. Darüber haben das Newyorker Publicum
und die stark in Mitleidenschaft gezogenen „Stockholders“
zu entscheiden.
In Amerika ist Richard Wagner zuerst in Boston
bekannt geworden, wo 1853 zum erstenmale die Tannhäuser-
Ouvertüre von dem „Germania-Orchester“ unter Karl
Bergmann’s Leitung gespielt wurde. Den erfolgreichen
Bemühungen der fortschrittlichen Deutschen in Boston
folgte später das conservative Newyork, insbesondere die
deutschen Liedertafeln daselbst. Die erste Aufführung des
„Tannhäuser“ fand 1859 in Newyork statt, deutsch,
unter Leitung von Karl Bergmann, einem begeisterten
Anhänger der Liszt-Wagner’schen Richtung. Im Jahre
1870 erst folgte „Lohengrin“, und zwar in dem alten
deutschen Stadttheater unter der Leitung von A. Neuen
dorf. Bisher hatte nur die deutsche Bevölkerung sich um
Wagner gekümmert. Die amerikanischen Musikfreunde blieben
dieser Bewegung gänzlich fern. Erst als die italienische
Operngesellschaft von Strakosch im Jahre 1873 den „Lohen
grin“ aufführte, begann der Erfolg Wagner’s bei dem amerika
nischen Publicum. Die von Thomas1884 unternommenen
Wagner-Concerte mit der Materna, Winkelmann
und Scaria förderten außerordentlich das Anwachsen des
Wagner-Cultus in Amerika, und die bereits erwähnten
deutschen Vorstellungen im Metropolitan-Opera-House thaten
das Uebrige.
Indem der Verfasser seine Erfahrungen in einer Schluß
betrachtung zusammenfaßt, gelangt er abermals zu demselben
Refrain, daß die Oper (italienisch, deutsch oder französisch)
in Amerika ein künstlich aufgezogenes Gewächs und nur für
einen ganz kleinen Bruchtheil der Bevölkerung ein Bedürfniß
ist. Eine stehende, regelmäßig spielende Oper, wie sie in
Deutschland, Frankreich und Italien als ein Theil und eine
Ehrensache der nationalen Cultur besteht, vermag in Amerika
nicht zu existiren. Newyork besitzt mehr als dreißig
Theater, die alle gute Geschäfte machen, aber keine stabile
Oper. Wenn Newyork im selben Verhältniß eine musi
kalische Stadt wäre, so würde Ein Opernhaus nicht
genügen, um das Bedürfniß aller Opernfreunde zu be
friedigen; es gäbe da hinlänglichen Raum für eine italienische,
französische und deutsche Oper. „Aber“ — schließt Dr. Ritter
— „wir sind noch kein eigentlich musikalisches Volk; wir
haben die intellectuelle Fähigkeit, singen und spielen zu
lernen, allein wir können ein unmusikalisches Volk nicht
zwingen, uns zuzuhören, wenn es nicht die Neigung dazu
hat, und die Erfahrung lehrt, daß die unermeßliche Mehr
heit der Amerikaner diese Neigung nicht hat. Dem Ameri
kaner ist die Oper noch immer ein Gegenstand vorüber
gehender Neugierde; ein bleibendes Kunstinstitut kann aber
nicht auf vorübergehende Neugierde gegründet werden.“