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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Während das Sängerfest sich in
spielte, geschah es, daß ein
von Bekannten in einem Gebirgsdorf aufgestöbert wurde.
Man sieht ihm erstaunt und etwas vorwurfsvoll ins Gesicht.
„Wie? Sie sind nicht beim Sängerfest? Sie schreiben nicht
darüber? Freuen Sie sich denn etwa nicht des jubelnden
Empfanges unserer singenden
Flüchtling ungefähr Folgendes antwortete: Gewiß freue ich
mich von ganzem Herzen und juble mit, wo immer das
treue Zusammenstehen
lande in tausendstimmigem Rufe sich kundgibt. Ich gestehe
sogar, daß jede begeisterte Kundgebung einer großen Volks
menge, ja die bloße Lectüre der Zeitungsberichte mich aufs
tiefste ergreift und rührt. Aber, meine werthen Freunde, Sie
interpelliren mich ja nicht als Menschen, nicht als Deutsch-
Oesterreicher, sondern als Musikkritiker. Und in dieser Eigen
schaft kostet es mich wirklich einige Anstrengung, herauszu
finden, was denn eigentlich an so einem Sängerfest musi
kalisch wichtig und bedeutend sei? Verfolgen wir den Her
druck des Festes. Und doch hat die Musik nichts dazugethan.
Die moralische Wirkung, die wichtigste dieses Sängerbesuches,
stand am ersten Tage auf ihrer Höhe; das tausendstimmige
Hoch- und Hurrah-Rufen ersetzte und übertraf jede
andere Musik.
„Aber die Gesangsproductionen am zweiten und dritten
Tag! — diese lieferten doch reiche Ausbeute für die musi
kalische Kritik ?“ Ich glaube nicht. Was ist denn in diesen
Concerten gesungen worden, das wir nicht schon oft und
vortrefflich gehört? Die Literatur des vierstimmigen Männer
gesangs ist ja arm an werthvollen Compositionen. Die
schlichten Chorlieder, welche die Stifter der ersten Lieder
tafeln — Zelter in
keit von jenen bombastischen Stücken mit großem Orchester,
welche die bescheidenen Vorzüge des vierstimmigen Männer
chors unnatürlichen und unerreichbaren Aspirationen opfern.
Eine Quelle, aus welcher die Männergesang-Vereine
noch reichlich schöpfen könnten, sind die Volkslieder —
die
Wie viel Köstliches läßt sich da, am besten in dreistimmigem
Satz, noch bearbeiten!
In den
tionen der verschiedenen Vereine mit Gesammtvorträgen der
ganzen Sängermasse. Beide hatten gegen die akustischen
Hindernisse des riesigen Locals zu kämpfen. Unmöglich, daß
in einer luftigen, zwanzigtausend Personen fassenden Halle
Pianostellen und zarte Details überall vernehmlich, geschweige
denn wirksam herauskommen. Ebensowenig erreicht in der
Regel das Forte der zusammenwirkenden großen Masse den
erwarteten außerordentlichen Effect. Wir konnten in
diese Erfahrung machen, als
Jahren sämmtliche Männergesang-Vereine
hundert Mann stark, in der kaiserlichen Winter-Reitschule zu
einer Monstre-Production vereinigte. Die Steigerung der
Tonstärke hat ihre akustische und ästhetische Grenze; das heißt
die Wirkung wächst mit der Quantität der ausführenden
Kräfte nur bis zu einem gewissen Punkt, der ungefähr dem
chemischen Begriff der „Sättigung“ entspricht: über diesen
hinaus bleibt die akustische Wirkung stehen und geht die
ästhetische sogar zurück. „Was ungeheuer, ist darum nicht
groß,“ heißt es bei
stellungsfest, das
Industriepalast stattfand, wirkten 6000 Sänger und ein
Riesen-Orchester zusammen; trotzdem verpuffte die Musik
ohnmächtig wie ein Löffel voll Wasser auf einer glühenden
Platte. Musikproductionen in einem übergroßen Raum
bieten niemals einen musikalisch reinen, ungetrübten Genuß.
Meistentheils ist der überwältigende Eindruck, den das
Publicum von so einem Monstre-Festconcert empfängt, mehr
eine Wirkung auf das Auge, als auf das Ohr.
Anfangs eine rein gesellige Unterhaltung, hat das Lieder
tafelwesen mit der Zeit eine höhere Vollendung angestrebt
und ist mit Erfolg aus dem Club in die Oeffentlichkeit auf
gestiegen. So lange der Männergesang irgendwo mit dem
Reiz der Neuheit auftritt, übt er, auch auf das Concert-
Publicum, einen eigenthümlichen Zauber. Man glaubt, an dem
reinen, scharfen Zusammenklang frischer Männerstimmen sich
nicht satthören zu können und gibt sich anfangs mit der Dutzend
waare von Trink-, Scherz- und Liebesliedern zufrieden. Später
macht sich allmälig das Enge und Dürftige des Männergesanges
immer fühlbarer, und selbst die virtuoseste Ausführung will nicht
mehr recht über die Spärlichkeit des geistigen Gehalts hinweg
helfen. Chormeister von besserer Bildung und stärkerem Ehr
geiz, wie unser Herbeck, waren mit Erfolg bemüht, die
Dem Liedertafelwesen eignen viele unbestreitbare Vor
züge, die nicht mit dem eigentlich musikalischen Kunstgewinn
zusammenfallen. Seine erfrischende und veredelnde gesellige
Bedeutung brauche ich kaum hervorzuheben. Nur ist dabei
der eine Nachtheil nicht ganz zu übersehen, daß diese Vereine
den
Bildung von „gemischten“ Chören sehr erschweren. In
bald sie zur Vervollständigung ihrer musikalischen Leistungen
Frauen herbeizogen. Und doch bleibt der aus Männer- und
Frauenstimmen gebildete — der ganze — Chor die un
gleich vollkommenere künstlerische Form, zu welcher sich der
Männerchor verhält wie der Theil zum Ganzen. Noch
möchte ich eine andere, höchst werthvolle Wirkung des Männer
gesangs hervorheben: seinen sittlich bildenden Einfluß auf
die arbeitenden Classen. In
kann man sich davon überzeugen. Die
vereine (orphéons) recrutiren sich (in
lich, in der Provinz größtentheils) aus den arbeitenden
Classen; bei uns bestehen sie überwiegend aus musikalisch
geschulten Dilettanten des Mittelstandes. Daraus erklärt sich
der ungleich höhere künstlerische Werth der
Gesangvereine, andererseits die weit größere sociale
Wichtigkeit der
oft herzlich schlecht — kennen doch viele keine Noten —
aber die regelmäßige, liebevolle Beschäftigung mit der Musik
haucht unfehlbar ein Element der Veredlung und Ver
feinerung in ihr Leben und vermittelt ihnen zugleich ein
wohlthuendes Bewußtsein der Zusammengehörigkeit. Die Re
gierung hat an der Gründung dieser Gesangvereine und
Gesangschulen ein außerordentliches Verdienst; die meisten
sind geradezu ihre Schöpfung. Sie sorgt für den Gesang
unterricht, überwacht die Prüfungen, schreibt Concurse aus,
vertheilt Preise. Auch die Soldaten verdanken der
Regierung die Einführung des Chorgesangs; vor 20 Jahren
zählte die
Gesangschulen, und die allgemeine Einführung des Chor
gesangs in der ganzen Armee ist dort längst beschlossen. Von
diesen wohlthätigen Einrichtungen zur Pflege des Chorgesangs
weiß man leider nichts in
Punkt, an dem ein mächtiger Hebel zur Volksbildung und
Veredlung einzusetzen wäre.
Die politische Macht der Männergesang-Vereine,
wovon jetzt auch häufig gesprochen wird, kann ich nicht hoch
anschlagen. Es war etwas Anderes in vormärzlicher Zeit,
wo diese Vereine als ein „aus
von
bureaukratische Unterdrückung machte sie thatsächlich zu
Trägern des liberalen Geistes, obgleich sie sich nicht unter
fingen, einen liberalen Text zu singen. Seitdem die Männer
gesang-Vereine nicht mehr unter die Gifte classificirt werden,
sind sie politisch Milch geworden. In den Freiheitskriegen
entflammten noch die Lieder von
Das dritte Bataillon
Sängerchor, von dem der alte
diese Rolle ist ausgespielt.
Mit dem „politischen“ Einfluß wolle man aber die
nationale Bedeutung des
verwechseln. Letztere ist unbezweifelt und von starkem mora
lischen Werth. Wie ein schwarz-roth-goldenes Band verbindet
das heimatliche Lied alle die über ganz
Deutschen. Männer aus
die weite Meerfahrt nicht gescheut, um in
sie begrüßt, sie und die Sänger aus
sich doch sofort verwandt und treu verbunden — durch das
unvergänglicher Kraft. Aber Gefühle sind nicht Kunst, natio
nale Sympathien sind nicht Musik. Das Sängerfest in
war allen Berichten zufolge fleckenlos herrlich, eine Freude
für alle Mitwirkenden und Mitgenießenden, ein reicher Stoff
für die schildernde Feder — aber kein Ereigniß von eminent
musikalischem Interesse. Jede neue Oper, jede neue Cantate
oder Symphonie ist uns musikalisch wichtiger, als das ganze
dreitägige Sängerfest im
der aus der Sommerfrische aufgescheuchte Kritiker — darum
glaube ich durch mein Fernbleiben wol ein erhebendes
Schauspiel, nicht aber eine Pflicht versäumt zu haben.