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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. „Köstliche Musik, ein vortreffliches Buch, aus
gezeichnete scenische Anordnungen und darin das einzige
wirklich lachende Lied, das je componirt wurde!“ So schrieb
Charles Dickens im Jahre
kunst von spannender und rührender Gewalt, gehört die alte
Novelle noch heute zu den populärsten Büchern in
reich
der dämonische Zauber, mit welchem die schöne, ebenso leicht
fertige als gutmüthige
Grieux
lich auch das Anstandsgefühl des Edelmanns mit Füßen
tritt. Trotz ihrer unglaublichen moralischen Schwäche er
zwingen doch die beiden so furchtbar bestraften jungen Leute
unsere Sympathie. Alfred de
ist in
Das Stück beginnt mit der Scene im Posthaus zu
Bruder ins Kloster gebracht werden soll, Rast macht und dem
zwanzigjährigen
augenblicklicher Leidenschaft für
leicht, mit ihm nach
finden wir das Pärchen bereits in
richtet, im glücklichen Rausch der ersten Liebe. Dieser nimmt
jedoch ein jähes Ende: der
Versteck des
heben und in die Provinz entführen.
dem Gedanken, es geschehe zum Besten ihres Geliebten, zu
gleich aber mit dem Glanz und Reichthum, den ein vor
nehmer Verführer, de
eben ohne schöne Kleider und Juwelen, ohne Bälle und
Theater nicht leben. Drei Jahre später (im dritten Act)
sehen wir auf einem ländlichen Feste
feierteste Schönheit von
erfährt sie, daß
werden, und bereits seine Probepredigt gehalten habe. Sie
reißt sich vom Arme ihres reichen Anbeters los und eilt in
die Sacristei der Kirche St. Sulpice, um den
im Abbékleide entgegentritt, wieder für sich und die Welt zu
gewinnen. Lange widersteht er ihrem zärtlichen Flehen;
endlich überrennt die alte Leidenschaft alle guten Vor
sätze, und er flieht mit
Diese Scene, welche
gänzlich entgehen lassen, bildet bei
Höhepunkt der Oper.
sofort wieder in den Strudel des Vergnügens. Um ihre
kostspieligen Bedürfnisse zu befriedigen, ergibt sich
dem Hazardspiele. Wir sehen ihn im vierten Acte am Arme
fabelhafte Summen gewinnt, aber von einem rachsüchtigen
Nebenbuhler, dem Generalpächter
geklagt und sammt
buche findet sich nicht die geringste Andeutung einer Schuld
des
Uebrigen zu fliehen, im Bewußtsein seiner Schuldlosigkeit.
In
vom Anfang an immer und professionsmäßig falsch gespielt,
ist auch zweimal aus dem Gefängnisse ausgebrochen, um die
wegen Betrugs und Diebstahls verhaftete Geliebte zu be
freien.
Charaktere von den schmutzigsten Flecken zu reinigen, so weit
als möglich gegangen. Dadurch wird die Katastrophe unver
ständlich, und es begreift Niemand, weßhalb
ziges Vergehen hier in der Abwechslung von Liebhabern besteht, zu
lebenslänglicher Deportation nach den Colonien verurtheilt
wird. Das und vieles Andere bleibt uns freilich auch schwer
begreiflich in
Culturbild einer Zeit, deren sittliche und Rechtsbegriffe den
modernen grell widersprechen. Ueber
heißt es dort nur ganz lakonisch: „man begann zu dieser
Zeit eine Menge ausweisloser Leute (gens sans aveu) nach
dem
Unglückliche in Fesseln unter militärischer Escorte auf dem
Wege nach
Sträflingen nach
säglichen Mühen und Entbehrungen bis in die neue Welt;
mit aufopfernder Liebe pflegt er die rettungslos Hinsiechende
bis zu ihrem Tode und gräbt mit eigenen Händen ihr Grab.
Unsere Oper, welche Zeit und Raum doch nicht gar zu weit
ausdehnen wollte, läßt
Abschied und ihr Tod in
Das Textbuch ist mit der Gewandtheit und Theater
kenntniß gearbeitet, die wir an den Herren
dem
reihen; den leitenden Faden der psychologischen Entwicklung
und manches erklärende Motiv muß der Zuschauer aus der
Erinnerung hinzudenken. Die Scenen selbst sind lebendig
behandelt und bieten viel Abwechslung. Von den auftretenden
Personen absorbiren die beiden Liebesleute unsere ganze
Theilnahme; für die Anderen bleibt wenig übrig. Die
beiden relativ wichtigsten unter diesen Nebenpersonen, der
verlotterte Gardist
allerdings in den Händen bedeutender schauspielerischer
Talente zu originellen Charakterfiguren werden. Die Partitur
ist die Arbeit eines feinen, geistreichen Kopfes, der über den
vollständigen Musikapparat und über die modernsten Geheim
mittel des dramatischen Ausdruckes verfügt. „
scheint mir preiswürdiger als die großen lyrischen
Tragödien, welche
„
Cid
mit „
im
schien darauf hinzudeuten, daß
der Spieloper leisten werde, ganz wie sein Lehrer Ambroise
nisten. Die geringe Zugkraft des „
Componisten von dieser Bahn abgelenkt und der Großen
Oper zugeführt haben. Erst zehn Jahre nach jenem Jugend
werk schrieb er wieder eine komische Oper, eben „
welche meine damalige Diagnose zu rechtfertigen scheint. Aus
der Musik zu
Wangenroth des „
Raffinement noch immer natürlicher, maßvoller, einheitlicher,
als
nur den „
fieber, eine Spannung, ja Ueberspannung aller Empfindungen,
welche nur selten das Gefühl reiner Befriedigung aufkommen
lassen. In „
und ihre den Conversationsstyl bedingenden Charaktere dem
Componisten größere Mäßigung und Einfachheit auferlegen.
Die Musik schließt sich direct an Ambroise
und
durchklingen. Nur geht
musikalischen Form und in dem Zurückdrängen des Musi
kalischen hinter das dramatische Interesse noch viel weiter
und führt ganze Scenen durch, in welchen der Gesang eigent
lich nur declamatorisch über dem Orchester sich bewegt. Sei
nen Leitmotiven — sie fehlen natürlich nicht — ist Dreierlei
nachzurühmen: daß sie von geringer Anzahl, daß sie melo
diös und einpräglich sind und daß sie nicht jeden Augenblick
sich vordrängen. Das reizende syncopirte Motiv beim Auf
treten
den
lichtere oder dunklere Wolken über alle Erlebnisse der beiden
Liebenden. Ein hübsches Beispiel ist die erste Zwischenact
musik, wo das schwärmerische Violoncell-Motiv des
nach je drei Tacten von einer auf
spielenden hüpfenden Figur abgelöst wird. Im Ausdruck
leichter, auch schwärmerischer Sentimentalität ist
am natürlichsten und glücklichsten; in einzelnen Momenten
erreicht er vorübergehend auch die Höhe starker Leidenschaft.
Die zarten, anmuthigen Zwiegespräche
Grieux
stärker bewegtes Duett in der Sacristei enthalten die schönsten
Momente der Oper. Die Uebertreibung des Tempo rubato
in der
zu statten. Sie ist mir in dem ersten Duettsatze „Nous irons
à
lene
presse?“ Hier macht das fortwährende Beschleunigen, Ver
zögern und Stillhalten im Vortrage es dem Zuhörer ge
radezu unmöglich, sich im Rhythmus und Tact zu orien
tiren und ein richtiges Bild von der Melodie zu gewinnen.
Im dritten und vierten Acte fällt (abgesehen von der Kirchen
scene) die Musik entschieden ab. Der Ton natürlicher Fröh
lichkeit scheint dem Componisten versagt: oder fühlt er sich
zu vornehm, ihn herzhaft anzuschlagen? Zweimal hat
non
zustimmen: zuerst bei dem Volksfeste im dritten, dann in
dem Spielsaale im vierten Acte. Man sehe sich die
beiden Gesänge an; gibt es etwas Verzwickteres und
bei aller Verschrobenheit Farbloseres? Hier, wenn
irgendwo, war gesunde Natürlichkeit und feste Form un
entbehrlich.
Melodie und Rhythmus zu verkrüppeln, den Gesang stotternd,
den Frohsinn trübselig, den Wein sauer zu machen. Auch
wenn der Gardist
kleines Lied“ zum Besten zu geben, so kommt etwas zu
Stande, was keinem Lied, überhaupt keiner vernünftigen
Melodie ähnlich sieht. Feine, überraschende Wendungen in
der musikalischen Conversation, geistreiche, glänzende Details
im Orchester werden dem Musiker fast in jeder Scene auf
fallen. Eigentlich besteht diese ganze Musik aus Details; sie
bedeuten den Reiz und zugleich das Gebrechen von
Partitur. Fein und pikant erdacht, mit sorgsamer, erfahrener
Hand ausgeführt, ermangelt sie doch der reichlich strömenden
originellen Erfindung, sowie der schönen Plastik der Form.
Alles bleibt musivisch, zerrissen, will sich nicht zu übersichtlich
fester Form krystallisiren. Die reizendsten Motive schwimmen
wie einzelne in den Strom geworfene Rosen vor unseren
Augen davon. In einen richtigen blühenden Garten oder ein
Gärtchen, worin sich verweilen läßt, werden wir nicht ge
führt. Vor lauter dramatischen Pointen und Klangzauber
künsten kommt es in „
Componisten; ein feiner Geist, aber im Grunde ein trockener
Musiker. Die stete Besorgniß, gewöhnlich zu werden, ver
künstelt seine Musik, macht seinen Gesang widerhaarig, ner
vös, gereizt. Seiner Erfindung fehlt der gesunde lange
Athem, sie hüstelt.
Das Beste an
Bühne, wie unten im Orchester. Mit außerordentlicher Ge
schicklichkeit behandelt er die Conversation; wie meisterhaft
zeichnet er z. B. das Gespräch
herüberklingenden Menuetts! Virtuos ist seine Instrumen
tirung, insbesondere in zarten Stellen. Wo er energisch auf
treten will — und das thut er häufig auch an unpassendem
Ort — da wird er leicht brutal. Keine leidenschaftliche
Gesangsstelle ohne das Mitbrüllen der drei Posaunen sammt
Tuba und gewaltigem Paukenwirbel. Das Orchester über
schreit sich, und das arme Liebespaar muß es natürlich auch.
Und gar die Volksscenen! Hörte Jemand, mit dem Rücken
gegen die Bühne gewendet, den Chor der Reisenden, die
aus der Postkutsche steigen, er würde darauf schwören, es
sei der Ausbruch einer Revolution. Es ist traurig, daß selbst
in solchen harmlos heiteren Scenen die Tradition der
älteren Opéra Comique jetzt gänzlich verleugnet wird. Wie
discret und wirksam haben
bürgerliche Bildchen ausgeführt! Noch wäre eine von
eingeführte interessante Neuerung zu erwähnen: er läßt auch
zu dem gesprochenen Dialog das Orchester ununterbrochen
fortspielen. Das Princip des alten Melodrams, stellenweise
schon von
scheint in „
durchgeführt für alle Prosastellen. Mit rühmlichster Sorg
falt beachtet
man sich freilich nur aus der
zeugen kann. Die
ungefüg; der armen „
geworden, wie dem „
keinen Kalbeck gefunden. Merkwürdig ist, daß der Ueber
„
nahme gefunden. Sie verdankt dieselbe großentheils der
trefflichen Besetzung der beiden Hauptrollen mit Fräulein
Renard und Herrn
Künstler. Die Rolle der
geschrieben, liegt ziemlich hoch und stellt bedeutende Ansprüche
an die Zungen- und Kehlenfertigkeit der Sängerin. Für die
dunkle, etwas schwere Mezzosopran-Stimme der
war „
Aufgabe. Sie hat dieselbe trotzdem glänzend gelöst und mit
einigen unbedeutenden Erleichterungen und Punktirungen ge
treu und wirkungsvoll durchgeführt. Im ersten Act ist ihre
im zweiten weiß sie ihrer Zärtlichkeit für
den sie noch immer, aber schon mit der beginnenden Lang
weile der Verarmung liebt — eine kaum merkliche bezeich
nende Schattirung zu geben. In den rauschenden Scenen
des Volksfestes und der Spielgesellschaft hält sie ihre Fröh
lichkeit stets in den Grenzen feinen Anstandes, in dem Duett
mit dem jungen Abbé endlich siegt sie ebenso unfehlbar durch
ihre weiche Zärtlichkeit, wie durch die Energie der Leiden
schaft. Mit dieser Rolle hat Fräulein
Grenzen ihres Könnens erweitert und eine Leistung fertiggestellt,
zu welcher man ihr aufrichtig Glück wünschen muß. Aehn
liches Lob verdient Herr van Dyck, über welchen der an