Concerte.
Ed. H. Werthvoll und anziehend war jedes der vier
Musikstücke des letzten Gesellschaftsconcertes; zusammen
gaben sie aber doch kein zweckmäßiges Programm. Keine
dieser vier Nummern — Bach, Mozart, Brahms, Händel
— fand einen natürlichen Uebergang, eine innere Beziehung
zur nächstfolgenden, und so mochte es kommen, daß die Zu
hörer nur an der ersten sich wirklich erwärmten. Dieses Er
öffnungs- und Hauptstück war Bach’s Kirchen-Cantate „Ich
hatte viel Bekümmerniß“, eine der kostbarsten Perlen aus
dem uns nur unvollständig erhaltenen und trotzdem fast un
übersehbaren Schatz von Kirchen-Cantaten, welche der arbeits
frohe und gottesfürchtige Meister im Laufe der Jahre auf
gethürmt hat. Die Anfangsworte: „Ich hatte viel Bekümmer
niß in meinem Herzen, aber deine Tröstungen erquickten
meine Seele“, pressen den ganzen Inhalt des Werkes wie
in eine Thesis zusammen, welche dann in jeder ihrer beiden
Hälften, der betrübten und der getrösteten, mit dem mächtig
sten Herzensantheil ausgeführt wird. Die Cantate besteht aus
einer Orchester-Einleitung (Sinfonia) und acht Vocalsätzen.
Von den Sologesängen gebührt wol die Palme der von
einer Oboë umrankten Sopran-Arie in C-moll. Sie hat
(wie auch die zweite Tenor-Arie in F-dur) eine Süße und
Jugendlichkeit der Melodie, wie wir sie bei Bach selten an
treffen; wir möchten, so unerheblich sonst die Jahresringe
gerade bei Bach sind, der frühen Entstehungszeit (1714)
etwas von diesem Reize zuschreiben. Die Tenor-Arie in
F-moll, „Bäche von gesalzenen Zähren“, mit ihrem so er
greifenden begleiteten Recitativ ist ein merkwürdiges Bild
rastlos wühlenden Schmerzes. Ungleich schwächeren, fast be
fremdenden Eindruck macht das breit ausgesponnene Duett
zwischen Sopran und Baß. Die „gläubige Seele“, eine
stereotype Erscheinung in der älteren protestantischen Kirchen
musik, tritt hier in unmittelbaren Wechselgesang mit dem
Heiland. Die pietistische Süßlichkeit dieses Stückes verstimmt
uns und die unersättlich wiederholten Gegenreden: „Komm’
mein Jesu und erquicke — Ja, ich komme und erquicke “ —
„Nein, ach nein, du hassest mich — Ja, ach ja, ich
liebe dich!“ versetzen uns aus der Kirche in die Oper.
Als ich vor etwa dreißig Jahren dieses Bedenken gegen das
Duett aussprach, wurde ich von einem der Generalpächter
des Bach-Cultus gehörig abgekanzelt. Es erreicht mich jetzt
die besondere Genugthuung, daß der gelehrteste und unbe
dingteste Bach-Verehrer, Philipp Spitta, in seiner classi
schen Biographie das Duett „einen geradezu wunden Punkt“
der Cantate nennt, „ein Stück, das überall den Eindruck
eines reizenden Liebesduettes machen muß“. „Alle Kirchen
musik,“ sagt Spitta, „hört auf, sobald zwei Persönlichkeiten
dermaßen sich in Aufforderung und Gewährung, in Wider
spruch und Zustimmung mit einander zu thun machen, wie
es hier geschieht. Das Duett ist, was Kirchenmusik niemals
sein darf, dramatisch. Bach hat, es muß leider gesagt wer
den, nicht nur nichts gethan, um das Verfehlte der Dichtung
zu mildern, sondern es durch seine Behandlung noch gestei
gert.“ Solche Unbefangenheit des Urtheils ist Spitta hoch
anzurechnen; sie hat ihn gewiß einige Ueberwindung ge
kostet. Wer mit der ganzen Energie seiner Liebe und Be
wunderung an Einem Tondichter hängt, in aufopfernder, jahre
langer Arbeit dessen Leben erforscht und darstellt, dem ge
schieht es unversehens, daß der Held seines Buches ihm
schlechtweg als das Ideal erscheint, ihm das Maß aller
Dinge wird. Ich glaube, unsere beiden berühmten Musik
forscher Spitta und Chrysander würden aufrichtige
Liebe für Bach und Händel noch viel mehr gefördert und
gefestigt haben, wenn sie hin und wieder, wie in vorliegen
dem Fall, wirklich gesagt hätten, „was leider gesagt werden
muß“. Unter Anderm auch über die schrecklichen pietistischen
Poesien von Salomon Franck und ähnlicher Dichter, die
Bach mit Vorliebe „und nicht blos auf höheren Wunsch“
in Musik setzte. Die allzu milde Beurtheilung dieser „singen
den evangelischen Schwanen“ macht uns verdrießlich, wie
diese Poesien selbst. Von den Chören der Cantate wird
man bald diesen, bald jenen als den schönsten bewundern,
je nachdem man abwechselnd sich darein vertieft. Auf dem
Boden, den der erste Chor schlicht und kräftig vorbereitet,
erhebt sich der Chor: „Was betrübst du dich, meine Seele“
zu riesiger Höhe, starrend im Reichthum polyphoner Kunst,
unerschöpflich in immer neuen Wendungen. Mendelssohn’s
Composition derselben Psalmworte steht in ihrer modernen
Sanftmuth wie ein Kind daneben. Im zweiten Theil ist der
Chor: „Sei nur wieder zufrieden“ (Choral mit Fuge) von
überwältigender Kraft und Erhabenheit; die Polyphonie wirkt
hier in ihrem eigensten Element, mit einer nur Bach er
reichbaren Freiheit der Bewegung. Es war eine vortreffliche
Idee Gericke’s, die Choral-Melodie („Wer nur den lieben
Gott läßt walten“) von zehn oben auf der Orgelgalerie
postirten Knaben singen zu lassen, wodurch dieser stimmen
umflochtene Cantus firmus gleichsam für Aug’ und Ohr
plastisch hervortrat. Mit einer bei Bach seltenen, desto mehr
an Händel mahnenden Sonnenklarheit intonirt der Schluß
chor unter Trompeten-Geschmetter ein auf den Intervallen
des C-dur-Dreiklanges machtvoll aufsteigendes Thema, das
im Verlauf den Schmuck reichster Figuration siegreich durch
dringt. Die Cantate, welche hier zum erstenmale 1863 von
der „Wiener Sing-Akademie“, unter Brahms’ Leitung auf
geführt, aber sehr selten wiederholt worden ist, war für einen
großen Theil des Publicums neu. Hoffentlich läßt man sie
nicht wieder so lange ruhen; das ist in Wahrheit eine Ton
dichtung „per ogni tempore“, wie Bach auf den Titel
schrieb — eine Musik für alle Zeiten!
Neben der Bach’schen Cantate nahm sich das liebliche A-dur-
Andante aus Mozart’s „Haffner-Serenade“ ungefähr aus
wie ein kleines Lusthäuschen neben einem gothischen Dom.
In Salzburg kann ich nie die „Sigmund Haffner-Gasse“
passiren, ohne an diese Mozartisch liebenswürdige Hochzeits-
Serenade zu denken, welche da 1776 vor dem Hause des
Bürgermeisters Haffner, des Vaters der Braut, gespielt
worden ist. Für einen großen Concertsaal war sie niemals
bestimmt. Auch das romantische Dämmerlicht der beiden
Brahms’schen Frauenchöre mit Harfe und Hörnern
(Nr. 1 und 4 aus op. 17) leuchtete fremdartig in diese
Umgebung und wirkte schwächer als sonst. War man ein
mal mit Siebenmeilenstiefeln von Bach zu Mozart und
zu Brahms vorgeschritten, so hätte es sich empfoh
len, uns für den Schluß des Concertes im neun
zehnten Jahrhundert zu belassen. Statt dessen wurden
wir wieder mit einem starken Ruck um anderthalb Jahr
hunderte zurückgeschnellt und mußten unser Ohr neuerdings
für eine Hochzeits-Cantate von Händel umstimmen. Es war
eigentlich eine Combination aus den beiden „Wedding-
Anthems“, die sich im 36. Band der großen Händel-Aus
gabe befinden. Wer die wichtigsten Sachen von Händel
kennt, der wird in diesen beiden Hochzeits-Cantaten nicht viel
Neues erlebt haben. Freilich, wenn Händel einen jubelnden
Chor in D-dur mit Trompeten und Pauken entfesselt, dann
ist die Wirkung jedesmal sicher und stark, mag sie auch noch
so sehr an Aehnliches von diesem Meister erinnern. In den
drei Arien („Selig ist der Mann, der fand ein treues Weib“,
„Ein gut’ Weib ist eine gute Gabe“ und „Kraft und Ehre
sind ihre Schützer“) herrscht ein biederer Gratulationston
und etwas nüchterne Feststimmung. Wie viel hat doch
Händel angenommen vom englischen Volkscharakter! In
diesen Hochzeitsmusiken duften die „Wedding-cakes“ und
schallen die englischen Toaste-Reden, etwa von der Beredt
samkeit der Tenor-Arie, in welcher die Worte „sie wird
sich freu’n, sich freu’n“ achtunddreißigmal wiederholt werden.
In den beiden Cantaten von Bach und Händel wirkten zwei
namhafte auswärtige Künstler: Fräulein Pia v. Sicherer
und Herr Staudigl. Erstere ist den Lesern von Musik
zeitungen seit Jahren bekannt; es gibt wenig Oratorien-
Aufführungen und Musikfeste in Deutschland, in welchen
nicht Fräulein v. Sicherer mit gewohntem Erfolge den
ersten Sopranpart singt. Ihre, wie es scheint, etwas aus
gesungene Stimme hat nichts Bestechendes; sie entbehrt der
Fülle und des Glanzes. Nur in hoher Lage vermochte sie
den großen Musikvereinssaal zu beherrschen. Ungetheiltes Lob
gebührt hingegen dem verständigen, unaffectirten Vortrage
und der vortrefflichen Gesangstechnik dieser Künstlerin, welche
die schwierigen Aufgaben der Bach’schen und Händel’schen
Arien mühelos überwand. Herrn Staudigl kennen wir
bereits als musterhaften Oratorien-Sänger; er hat sich als
solcher neuerdings vollständig bewährt. Den größten
Erfolg hatte Herr Gustav Walter. Wir hatten es
kaum für möglich gehalten, daß heutzutage ein Tenorist
mit der absonderlich schwierigen F-moll-Arie von den „gesal
zenen Zähren“ eine vollkommene Wirkung erzielen, mehr
als seinen guten Willen zeigen könne. Walter hat nicht blos
mit einer meisterhaften Oekonomie des Athems diese krausen
Figurationen mühelos und schön bewältigt, er erfüllte sie
auch durchaus mit edler, warmer Empfindung. Nach jeder
von Walter’s Arien, ja selbst nach einem wundervoll vor
getragenen kleinen Recitativ erhob sich ein Sturm von Bei
fall. Wenn solche Kunst sich doch auf Andere übertragen
ließe! Walter will es wenigstens versuchen und das Seinige
dazu thun. Verläßlicher Mittheilung zufolge ist er geneigt,
die Ausbildung junger Sänger und Sängerinnen zu leiten,
deren Stimme und Talent hinreichende Garantie bieten, daß
aus ihnen etwas wird. Die musikalische Jugend kann Herrn
Walter für diesen schönen Entschluß nur dankbar sein. Er
wähnen wir noch, daß Frau Gisela Körner im Vortrag
der kleineren Alt-Soli sich hervorgethan hat und daß die Chöre
unter Gericke’s Leitung ihr Bestes leisteten, so können
wir von dem „Gesellschaftsconcert“ zu einigen Virtuosen-
Productionen übergehen.
Frau Therese Carreño, die schöne Mexicanerin, die
nicht einmal zu spielen braucht, um zu gefallen, hat unter
großen Beifallsstürmen ein eigenes Concert gegeben. Ihre
erstaunliche Kraft und Bravour haben wir bereits im Phil
harmonischen Concert kennen gelernt. Dieselben Vorzüge
einer brillanten Technik und eines feurigen Temperamentes
bewährte die talentvolle Frau auch im Solospiel. Dagegen
gebrach es ihr manchmal an gesundem musikalischem Gefühl
und geläutertem Geschmack. Bald gerieth sie in ein Ueber
hetzen des Tempos, wie im Finale der „Sonata appassio
nata“, bald in unschöne Ueberkraft und Gewaltsamkeit,
wie in Chopin’s As-dur-Polonaise. Frau Carreño bestritt
das ganze Programm, das sie durch viele Zugaben noch er
heblich ausdehnte, ganz allein. Ehemals galt es für selbst
verständlich, daß die Musicirenden musikalisch waren. Heute
muß man es lobend hervorheben, wenn es vorkommt. Dies
ist der Fall bei Fräulein Marie v. Timoni, einer jungen
Pianistin, die mit gediegener Technik einen natürlichen,
anmuthig beseelten Vortrag verbindet. Ihr Concert hatte
den besten Erfolg, und wir wünschen ihr Glück dazu.
Die Pianistin Frau Susanne Rée brauchen wir den Lesern
nicht erst vorzustellen; sie hat sich als „Fräulein Pilz“ längst
einen geachteten Namen erspielt. Jetzt verleiht sie ihren Con
certen einen neuen Schmuck, indem sie mit ihrem Gatten,
dem Componisten Louis Rée, Stücke auf zwei Clavieren
vorträgt. Beide spielen sehr musikalisch, warm und unge
zwungen, mit Freude an der Sache. Die Frau ist mehr die
Clavierspielerin, der Mann mehr der Musiker. Seine Compo
sitionen sind nicht von hervorragender Originalität, aber von
ernster musikalischer Tüchtigkeit; sie flunkern nicht mit hohlem
Aufputz. Rée’s Variationen für zwei Claviere enthalten einzelne
sehr feine, interessante Züge. Das treffliche Zusammenwirken
beider Ehegatten fand den verdienten allgemeinen Beifall.
Leider befand sich unter ihren Productionen auf zwei
Clavieren auch eine der „Bearbeitungen“, welche E. Grieg
vier Mozart’schen Sonaten angethan hat. Er fügt zu dem
unveränderten Original eine „frei hinzucomponirte Beglei
tung“ eines zweiten Claviers. Eine künstlerische Verirrung,
denn eine Mozart’sche Sonate bedarf keines zweiten Stock
werkes von fremder Hand, noch verträgt sie eines. Die Sache
liegt nicht so plan, wie bei dem C-dur-Präludium von Bach,
über welches Gounod eine getragene Melodie wölben konnte,
denn gerade dieses Präludium kann ohne Frage aus dem
Gesichtspunkte einer Begleitungsfigur betrachtet werden. Wie
derb und mozartwidrig aber Grieg verfährt, beweist gleich
der Anfang der bekannten herrlichen C-moll-Phantasie, zu
deren ersten fünf Tacten unser Norweger einen Orgelpunkt
auf C fortwirbeln läßt! Wo so crasse Verdrehungen von
Mozart’s Willen nicht angehen, muß sich Grieg mit über
flüssigen Verdopplungen, eingestreuten Imitationen und ähn
lichem wohlfeilen Behelf begnügen. Grieg’s eigene Composi
tionen könnten durch einige Mozart’sche Harmonien häufig
gewinnen, aber nicht umgekehrt... Das Concert der Pianistin
Fräulein Gisela Gulyas im Saale Ehrbar soll großen
Zuspruch und rühmlichsten Erfolg gehabt haben. Ich war
leider nicht dabei, kenne aber die ausgezeichneten Leistungen
der Gulyas seit lange und weiß, daß sie dazu nicht einmal
der neuesten Mode, der „Janko-Claviatur“, bedarf. Mit ihrem
Talent spielt man ebenso gut auf der „alten“ Claviatur, die
nicht nur wir gewöhnlichen Leute, sondern vorläufig noch
alle großen Componisten und Virtuosen benützen.
Das G-dur-Quartett (op. 27) von Ed. Grieg, das
wir bei Rosé zu hören bekamen, hat sehr ungünstig von
seiner im Philharmonischen Concert aufgeführten Orchester-
Suite „Peer Gynt“ abgestochen. Bedeutend waren zwar auch
die Ideen dieser Suite nicht; wol aber anmuthig, charakte
ristisch und von bezaubernder Klangwirkung. Das G-dur-
Quartett gefällt sich dagegen in gierigem Haschen nach
melodisch und harmonisch Bizarrem, nach verrenkten Rhythmen
und falschen Contrasten. Der Componist verräth ein wahr
haft kindisches Vergnügen an Allem, was häßlich klingt, und
hat er einmal einen recht saftigen Mißklang ausgeheckt, so
läßt er ihn nicht so bald los. Was aber scheußlich klingt,
das wird nicht besser, indem man es uns für „norwegisch“
ausgibt. Das gesunde menschliche Ohr ist wol auch in
Skandinavien nicht anders organisirt; nur gibt es dort
mehr als anderswo Dichter und Tonsetzer, deren Kunst im
Krankhaften nistet. Schade um ein Talent wie Grieg. Jeder
Satz seines Quartetts ist voll Leben und Bewegung, die im
lieblichsten Volkston gehaltene „Romanze“ sogar so reizend,
daß wir selbst ihren unförmlich wilden Mittelsatz mit in den
Kauf nehmen. Aber das Ganze (überdies ein Muster von
unquartettmäßigem Satz) bleibt ein unerfreuliches Werk.
Gespielt wurde es mit glänzender Virtuosität. Herr
Rosé hatte starke Kürzungen darin vorgenommen, ein
Verfahren, das grundsätzlich nicht zu billigen ist. Einen
Componisten, der kein Anfänger mehr ist, muß man für
das, was er schreibt, selber einstehen lassen, wenn man es
überhaupt aufführt. Im vorliegenden Falle mögen freilich
die Amputationen dem allgemeinen Eindruck nützlich gewesen
sein. Es folgten drei Liedervorträge von Fräulein Pia
v. Sicherer. Die Einmischung von Gesangs-Productionen
ist eine nicht empfehlenswerthe Neuerung; sie stört den ein
heitlichen Charakter der Quartett-Abende, zerstreut die Zu
hörer und macht sie ungeduldig ob der längeren Dauer des
Concerts. Die Stimme des Fräuleins v. Sicherer klang im
Bösendorfer-Saal und bei Clavierbegleitung weit stärker, als
jüngst im Gesellschaftsconcert; ja beinahe zu stark in den
beiden sehr bewegten Liedern von Jensen („Murmelndes
Lüftchen“) und von Brahms („Frühlingslied“). Die
Sängerin spannte ihr Organ hier zu einer stürmischen Leiden
schaftlichkeit an, die ihr nicht natürlich zu sein scheint und
in eine Art monotonen Lamentirens überschlug. Ganz vor
züglich gelang ihr dagegen Brahms’ tiefempfundene „Feld
einsamkeit“, die ihr keinen Anlaß bot, Stimme und Aus
druck zu forciren. Sie sang das Lied fast durchaus mezza
voce, ruhig und schön und mußte es auf allgemeinen Wunsch
wiederholen. Die sächsische Kammer-Virtuosin Frau Krebs-
Brenning, welche den Clavierpart in Schumann’s Es-dur-
Quartett ausführte, hat bereits vor 25 Jahren als Fräulein
Mary Krebs erfolgreich in Wien concertirt. Das schlanke
fünfzehnjährige Mädchen von damals tritt uns jetzt als eine
gereifte blonde Schönheit entgegen, das personificirte Ideal
Georg des Vierten: „fair, fat and forthy.“ Ihr Spiel ist
heute noch ebenso geläufig, sicher und peinlich gewissenhaft
wie vor 25 Jahren; seelenvoller und interessanter ist es
nicht geworden. Mary Krebs ist noch immer die richtige
Capellmeisters-Tochter. Ihre Vorzüge in Ehren, aber das
talentvolle Ungestüm der Carreño mögen wir doch lieber.