Concerte.
Ed. H. „Liederabende“ und kein Ende! Während es
noch zu Beethoven’s und Schubert’s Lebzeiten für unschicklich
galt, in einem Concert auch nur ein einziges Lied mit Clavier
begleitung vorzutragen, bilden heute die Liederabende, an
zwanzig Nummern stark, die Majorität unserer Concerte.
Hingegen ist die Arie, welche ehedem allein für concertfähig
galt, völlig von dem Programm verschwunden. Wol mit Un
recht, denn gerade jetzt, zur Zeit der Alleinherrschaft des
Liedes, würde eine Arie die Monotonie des Programms
glücklich unterbrechen. Wir besitzen aus halbvergessenen Opern
der classischen wie der romantischen Epoche deutsche, fran
zösische, italienische Arien genug, welche, von der Scene nicht
schlechthin abhängig, heute ein neues Interesse erregen wür
den. Freilich, wie wenige Sänger verstehen heute eine leidlich
verzierte Arie zu singen! Die Liederabende beginnen bereits,
wie alles Einseitige und Allzuhäufige, dem Publicum un
bequem zu werden. Natürlich dann nicht, wenn Gesangs
künstler wie Alice Barbi, Scheidemantel und
Gura die Vortragenden sind. Diese drei Namen ver
liehen der letzten Woche ihre musikalische Signatur.
Alice Barbi gab uns in ihrem zweiten Concert
Schumann’s Liederkreis „Dichterliebe“, hatte jedoch den
guten Geschmack, ihn nicht vollständig, sondern mit Hinweg
lassung von acht Nummern vorzutragen. Das unverkürzte
Durchsingen eines sogenannten „Liedercyklus“, hat auch dann
sein Bedenkliches, wenn es sich um einen wirklichen Cyklus,
ein vom Dichter selbst als zusammenhängend gedachtes Ganze
handelt, wie die „Schöne Müllerin“ oder die „Winterreise“.
Wo dies nicht der Fall, da steigert sich die Bedenklichkeit
und entfällt jede innere Nöthigung. Schumann hat aus
Heine’s „Buch der Lieder“ sechzehn von Liebe handelnde
Gedichte ausgewählt und unter dem Titel „Dichterliebe“ zu
einem Strauß gebunden, dem einen untrennbaren Zusammen
hang zu vindiciren dem Dichter nicht beigefallen wäre. Das
selbe gilt von Schumann’s Liedersammlung „Myrthen“,
seinem „Eichendorff’schen Liederkreis“ u. A. Sie zeigen
ebensowenig eine epische oder dramatische Entwicklung, sind
ebensowenig „Cyklen“ im Sinne nothwendigen Zusammen
hangs, wie die „Magellonen-Lieder“ von Brahms, deren
vollständiges Durchsingen auch bereits in Deutschland Mode
wird, eine falsche, mißverständliche Mode. Unmittelbar nach
der Barbi hat Herr Gura und gleich nach diesem Herr
Thiele die „Dichterliebe“ vollständig gesungen. Warum
nicht lieber jene Lieder ausscheiden, die musikalisch unbedeuten
der sind und durch die Gleichartigkeit der Stimmung sich
fast wie Doubletten ausnehmen? Diese leidige Vollständigkeit
macht den Sänger und den Zuhörer zu Thränenweiden.
Sechzehn liebeskranke Gedichte nach einander, und gerade
diese Gedichte! Für meine Empfindung sind sie peinlich
durch ihr unersättliches Heraushängen des zerrissenen Herzens,
des übergroßen Wehs, der bitteren Thränen, kurz des ganzen
Schmerzen-Apparates, an den man bei Heine, der so gerne
mit sich selbst Tragödie spielte, nie recht glauben kann. Der
Herausgeber der Hebbel-Correspondenz, Felix Bamberg,
erwähnt darin, Heine habe ihm wiederholt versichert, „daß
das innere Leben des Dichters mit seiner Poesie durch
aus nichts zu schaffen hat“. Die lyrischen Gedichte
Goethe’s, Schiller’s, Uhland’s stehen als lebendiger Protest
gegen diese Theorie — auf Heine selbst paßt sie vortrefflich.
Der witzige, ironische, satirische Heine ist ebenso wahr, über
zeugend und unwiderstehlich, wie der „schmerzzerrissene mit
dem großen Herzen“ kokett und verlogen. Alice Barbi ver
rieth ein feines Verständniß in dem, was sie aus der „Dichter
liebe“ ausließ. Darunter war freilich eines der allerbesten
Lieder: „Ich grolle nicht“; aber die Sängerin fühlte ganz
richtig, daß ihre Individualität dagegen reagirt. Aus demselben
Grunde hätte sie füglich auch das letzte Lied — von dem Heidel
berger Faß, das Heine für seine großen Schmerzen benöthigt —
weglassen können; für den burschikosen Humor desselben
paßt nur eine Männerstimme, und eine recht „aufbe
gehrende“ obendrein. Braucht noch gesagt zu werden, daß
die Barbi die Schumann’schen Lieder mit Zartheit und
Wärme vortrug? Welch echter Schmerz klang aus den
Schlußversen: „Doch wenn du sprichst: ich liebe dich! so
muß ich weinen bitterlich.“ Wenn man sich erinnert, daß
Heine zuerst „freudiglich“ geschrieben hatte, bevor ihm
das bitterlich besser gefiel, so darf man wol sagen, die
Barbi habe in diesen Liedern mehr wahre Empfindung ge
zeigt, als Heine selbst. Zu ihren schönsten Vorträgen ge
hörten auch vier Schubert’sche Lieder. Zwei fast unmerk
liche feine Züge fielen mir auf. Im „Neugierigen“ der
Vers: „das andre heißet Nein“, dann in der Ungeduld:
„und sie merkt nichts von all dem bangen Treiben“ — da
zog eine leichte Wolke ängstlich über ihren Ton, über ihr
Gesicht, um schnell wieder zu verschwinden. Im ersten Con
cert der Barbi hat die Kammervirtuosin Frau Frankl-
Joël mit mehreren Chopin’schen Stücken lebhaften Bei
fall erzielt. Die Namen der beiden fleißigen jungen Mädchen,
welche im zweiten Concert die Zwischennummern besorgten,
mögen lieber unerwähnt bleiben. Dergleichen unreife Pro
ductionen gehören nicht vor die Oeffentlichkeit, wenigstens
nicht in Wien, wo wir an guten Pianistinnen und Geige
rinnen wahrlich keine Noth haben.
Herr Scheidemantel errang als Liedersänger einen
großen und verdienten Erfolg. Wir kennen diesen Künstler,
bei dem ein wohlgeschultes jugendliches Organ sich mit Ver
stand und Empfindung zu schönem Einklang verbinden,
bereits vom Hofoperntheater her. Dort schien er mir noch
unmittelbarer zu wirken, vielleicht weil die berückende
Romantik eines Heiling oder Zampa den Sänger mit einem
starken Hauch von Poesie umgibt, der im Concertsaal ver
schwindet. Scheidemantel’s Liedervorträge stehen auf der Höhe
seiner vortrefflichen Gesangstechnik, bei stets richtiger Auf
fassung und warmem Ausdruck. Hinreißend möchte ich sie
kaum nennen. Das mag an dem etwas trockenen Klang
seiner tieferen und mittleren Töne liegen, welche ja im
deutschen Liede vor den hochliegenden Glanzstellen vorwiegen.
Auch schien mir die feinste Blüthe der Poesie, ein letzter
belebender Hauch von Temperament zu fehlen. Scheide
mantel’s Vortrag hat, entsprechend seiner Persönlichkeit, etwas
solid Verständiges, ruhig Gefaßtes. Das sehr selten gehörte
Beethoven’sche Lied „Der Kuß“, das ein scherzhaftes
Gedichtlein zu einer altmodischen Arie ausdehnt, interpretirte
Herr Scheidemantel mit guter Laune. Das köstliche, so oft pathetisch
mißverstandene Lied „Geheimes“ von Schubert sang er, wie
es sein soll, mit leichtbewegter schallhafter Anmuth. „Sei
mir gegrüßt“ verliert in tieferer Stimmlage den ursprüng
lichen unersetzlichen Schmelz. Dennoch konnte Scheidemantel
damit Jedermann vollauf befriedigen, dem nicht, wie mir,
der Vortrag Walter’s tief in Ohr und Herz eingeprägt
ist. An Walter’s „Sei mir gegrüßt“, reicht für meine
Empfindung kein zweiter Sänger heran. Zwischen den Ge
sangsnummern hörten wir ein von Frau Schuster-
Seydel geläufig und elegant gespieltes Violinstück „Sarabande
et Tambourin“ von Leclair. Man glaubt es aus dieser
zierlichen altfränkischen Tanzmusik fast herauszulesen, daß der
Componist, Jean Marie Leclair, ursprünglich Tänzer und
Balletmeister war. Der brave Mann starb durch Mörder
hand in Paris, im selben Jahre wie Rameau (1764). Nicht
so glücklich wie Frau Seydel als Violinspielerin, pro
ducirte sich Herr Fritz v. Bose als Pianist. Unter seinen
höflichen Leipziger Händen ereignete sich das Unglaubliche,
daß Chopin’s geniale F-moll-Phantasie langweilig ward
von einem Ende bis zum andern.
Dem ersten Bariton der Dresdener Oper folgte schnell
als Concertgeber sein College vom Münchener Hoftheater,
Herr Eugen Gura. Seltsam, daß dieser seit einem
Vierteljahrhundert in ganz Deutschland bekannte und hoch
geschätzte Künstler — ein Deutschböhme von Geburt — nie
mals in Wien gesungen hat. Als Jüngling lebte er eine
zeitlang hier, um sich an der Akademie zum Maler auszu
bilden. Dann zog er nach München an die Malerschule, wo
er bereits Aufmerksamkeit zu erregen begann, als seine schöne
Stimme plötzlich bei Künstlerfesten entdeckt wurde. Es ist
nicht undenkbar, daß sein malerisches Talent ihm für den
musikalischen Farbenreichthum zu statten kam, den er im
Vortrag der Löwe’schen Balladen entfaltet. Auf diesem Ge
biet ist Gura Meister, ja der größte, den wir kennen. Das
hat er gleich in seiner ersten Vortragsnummer „Edward“
bewiesen, einer der schönsten Balladen Löwe’s, zugleich einer
der schwierigsten Aufgaben für den Sänger. Abgesehen von
dem ungewöhnlichen Stimmumfang und der Ausdauer, die
sie verlangt, erfordert das scharfe Auseinanderhalten der
beiden Rollen (Mutter und Sohn), dann die reißend an
schwellende dramatische Steigerung einen Sänger ersten Ranges.
Mit gleicher Kunst der Auffassung, der Darstellung, der
Aussprache ließ Gura „Der Wirthin Töchterlein“, den „Erl
könig“ und das Goethe’sche „Hochzeitslied“ von Karl Löwe
folgen. Der epische Gesang, der Balladenvortrag, bildet ohne
Frage in dem weiten Ring der Liederkunst dasjenige Gebiet,
welches vorzugsweise der Baß- und Baritonstimme zufällt.
Auch im Vortrag der Schumann’schen „Dichterliebe“ —
Herr Gura sang in einem Zug alle sechzehn Lieder — er
wies er sich als denkender und warmfühlender Künstler; die
Wirkung war aber lange nicht so unmittelbar und hinreißend,
wie die der Balladen. Die Zeit raubt den Baß- und Bariton
stimmen viel früher den Timbre als die Kraft — und Gura
ist kein Jüngling mehr. Seine Stimme klingt stark und voll,
läßt aber im Piano, in anhaltend sentimentalem Gesang,
Weichheit und Schmelz vermissen. Darum singt auch Gura
meistens stark, nicht zum Vortheil der eigenthümlich dämmern
den, halbverschleierten Empfindung der Schumann’
schen Heine-Lieder. Dazu tritt noch der früher be
rührte Uebelstand, daß die meisten für Tenor oder
Sopran geschriebenen Liebeslieder durch Transponirung für
tiefe Männerstimmen an Reiz verlieren. Von unbeschreib
licher Wirkung war Gura’s Vortrag des „Archibald Douglas“
und „Prinz Eugen“, diesen Perlen aus Löwe’s Balladen
schatz. Die Leute riefen und applaudirten wie toll, bis Gura
den „Prinz Eugen“ wiederholte, und er hätte bald dasselbe
mit dem „Douglas“ thun müssen. Er wurde zum Schlusse
wol gegen zwanzigmal herausgerufen. Allgemein wurde der
Wunsch laut, Gura möchte diese beiden Balladen in seinem
zweiten Concerte wiederholen und womöglich diesem zweiten
ein drittes folgen lassen. Herrn Gura’s Vorträge wurden
von Herrn Professor Giehrl sehr sorgfältig begleitet. Herr
Giehrl gilt in München für einen der vorzüglichsten Clavier
lehrer. Hoffentlich beginnt er seinen Unterricht mit dem Rath,
die Schüler mögen ja nicht so viel Pedal nehmen, wie er
selbst. Rheinberger’s „Toccata“ und Rubinstein’s
C-dur-Etüde (op. 23) spielte er mit ausreichender Kraft und
Geläufigkeit, wenngleich mit etwas hartem Anschlag — aber
was da Alles mit- und durcheinander klang bei stets ge
hobener Dämpfung! An Beifall hat es Herrn Giehrl nicht
gefehlt, ebensowenig wie jüngst Herrn v. Bose — wir sind
nur leider etwas verwöhnt.
Nach den Liederabenden bleibt noch das vierte „Ge
sellschafts-Concert“ vom vorigen Sonntag zu be
sprechen. Es war, ganz im Vertrauen gesagt, eigentlich lang
weilig. Ist es möglich? Werke von Haydn, Schubert, Wag
ner nebst einer Novität von Herrn Arnold Krug? Ja, es
gibt eben Langweile von verschiedenartiger Farbe, Stärke
und Ausdehnung. Man kann sich pietätvoll oder rücksichts
los langweilen, bußfertig oder wüthend, vorübergehend oder
unvergeßlich. Die B-dur-Symphonie des 19jährigen Schu
bert, das war die gemüthliche Langweile; man konnte da
bei nicht bös werden. Sie spielt sich ohne jegliche Ueber
raschung und Aufregung, so bürgerlich bequem und
selbstverständlich ab, daß wir den Schöpfer der späteren
großen C-dur-Symphonie kaum erkennen. Freilich liegen
zwölf Jahre zwischen beiden — für Schubert’s wunderbar
schnelles Wachsthum ein halbes Jahrhundert. Nur das
Scherzo in G-moll verräth unsern Franz Schubert, in
dem es an spätere, bessere Scherzos von ihm an
klingt; vorübergehend auch das Andante, wo es nach
dem Abschluß des Hauptsatzes in Es-dur unver
mittelt den E-dur-Accord packt und einige schüchterne
romantische Klänge anschlägt. Alles Uebrige, zumal der ganze
erste und letzte Satz, schmeckt wie ein schwacher Abguß von
Haydn und Mozart. Man weiß immer je vier Tacte voraus,
ohne den vier vorhergegangenen gerade nachzuweinen. Das
Geheimniß der musikalischen Wirkung besteht aber im Grunde
darin, daß in der Composition Alles so kommt, wie es kom
men muß, und doch ganz anders, als wir erwarteten ...
„Der Sturm“ von Haydn, ein bekanntes Chorstück, das
ehedem im Wiener Concertleben eine große Rolle gespielt
hat, ist für London im Jahre 1792 componirt. Seit diesen
99 Jahren haben wir ganz andere „Stürme“ erlebt, in
der Musik, in der Poesie, in der Weltgeschichte, im
eigenen Seelenleben. Wenn Haydn nach dem kurzen Ge
witter die Bitte „Komm’ doch wieder, sanfte Ruh’“ unzäh
ligemale lang ausdehnend wiederholt, dann beginnt ganz
sanft die „sanfte Ruh’“ in sanfte Langweile zu gerinnen.
... Der „Symphonische Prolog zu Shakespeare’s Othello“
von Arnold Krug ist durchaus modern und demgemäß
auch unsere Langweile eine moderne, gereizte, nervöse.
Weder die finster brütende Einleitung, noch das ausgebrütete
C-moll-Allegro, mit Othello’s Eifersucht und dem contrastiren
den Desdemona-Motiv — einem auf Harfen-Arpeggien
schwimmenden Oboë-Solo — gewinnen überzeugende Macht
über den Hörer. Daß der Componist schließlich zum Er
drosseln der armen Desdemona dreimal so viel Zeit und
Anstrengung verbraucht, als Othello selbst, das mag ihm
das gequälte Opfer verzeihen — wir können’s nicht. Vor
drei Jahren brachten die Gesellschafts-Concerte eine kleine
Cantate von Krug: „Die Maien-Königin“, der man zwar
keine originellen Ideen, aber doch gute Klangwirkung und
eine gewisse gefällige Lyrik nachrühmen konnte. Der „Sym
phonische Prolog zu Othello“ (sonst nannte man das
einfach eine Ouvertüre) scheitert an der gewaltigen tragi
schen Aufgabe, welche die Kraft des Componisten übersteigt
und mit aufgeregten Phrasen und billigen Orchester-Effecten
nicht zu erledigen ist. Es lag keine Nöthigung vor, zu diesem
erfindungsarmen Werke zu greifen, während in Wien so viele
interessante Orchester-Compositionen von Saint-Saëns,
Svendsen, Tschaikowsky, Richard Strauß u. A. unbekannt
sind. ... Zum Schlusse: die „Gralsfeier“ aus Wagner’s
„Parsifal“. Im Bayreuther Theater hat sie gewiß noch
Niemanden gelangweilt, im Concertsaale nimmt sie sich diese
Freiheit. Dort bewundern wir an dem Stücke die unerschöpf
liche malerische Phantasie, die theatralische Inspiration
Wagner’s, welche in jedem Bühnenwerke immer neue
fesselnde Bilder zu schaffen weiß. Der ganz eigenartige, im
posante Eindruck dieser Gralsfeier haftet aber unablösbar
an dem scenischen Vorgange. Indem man diese Scene in
den Concertsaal überträgt, wo sie farblos, sinnlos, unver
ständlich und ermüdend ist, leistet man weder dem Werke
noch dessen Urheber einen Dienst, sondern höchstens der Neu
gierde des Publicums. Diese hat bereits durch ein Gral-
Concert unter H. Richter (1887) ihr Opfer erhalten; jede
Wiederholung kann den Irrthum dieser Verpflanzung und
Verkrüpplung des Originals nur noch auffälliger machen.