Concerte.
Ed. H. Hanns Richter, dem wir in dieser Saison
für manche musikalische Bekanntschaft verpflichtet sind, brachte
auch im siebenten Philharmonie-Concert eine interessante No
vität: die „Lustspiel-Ouvertüre“ von Friedrich Smetana.
Sie ist identisch mit der Ouvertüre zur komischen Oper
„Prodaná nevesta“ (die verkaufte Braut), welche in Prag
1866 ihre erste Aufführung, im Jahre 1886 schon ihre
150. erlebt hat. Neben Smetana’s „Kuß“ (Hubička), der
nicht, wie der Doczi’sche, an einem phantastisch spanischen
Hof, sondern auf einem böhmischen Dorfe spielt, behauptet
sich die „Verkaufte Braut“ als das beliebteste Stück des
national-czechischen Opern-Repertoires. Die Ouvertüre dürfte
ihre Popularität nicht auf eigene Faust, sondern erst mit
und durch die Oper selbst erworben haben, denn sie wendet
sich mehr an ein musikalisches Elitecorps, als an das
„große“ Publicum. Das pfeilschnell wie über ein Wehr herab
stürzende Violinthema wirkt ungemein belebend und wird
contrapunktisch trefflich verarbeitet. Ein leicht nationaler
Anflug streift nur das Seitenmotiv. Die Ouvertüre ist
ein breit ausgeführtes, organisch entwickeltes Musik
stück, kein Potpourri. Sie könnte mit Ehren jedes
Shakespeare’sche Lustspiel einleiten. Bei feiner, vornehmer
Haltung sprüht sie doch Leben und Lustigkeit. Allerdings
die Lustigkeit eines geistreichen Menschen... In der Bravour-
Arie „Martern aller Arten“ aus der „Entführung“ haben
wir mehr die Gesangsvirtuosität der Lilli Lehmann
bewundert, als die Composition Mozart’s. Darauf hatte er
selbst es ja abgesehen. Mit der ihm eigenen liebenswürdigen
Fügsamkeit in persönliche und locale Ansprüche sorgte er
hier für die Bravoursängerin Cavalieri, welche die süße
freundliche Gewohnheit des Glänzens auch an unpassender
Stelle nicht aufgeben konnte. Und unpassend, widersprechend
steht diese im pathetischen Prunkstyl der Opera seria
geschriebene Arie mitten in Mozart’s heiterem deutschen
Singspiel. Da zu diesem inneren Widerspruch sich oben
drein der Mangel an Sängerinnen gesellt, welche der
gleichen ohne Lebensgefahr ausführen können, so wird
die Marter-Arie fast überall in der Oper weggelassen.
Jetzt hat Frau Lehmann sie mit großem Erfolg in den
Concertsaal verpflanzt, wohin ein Bravourstück dieser Art
jedenfalls besser paßt. Auch noch andere Stücke in der
„Entführung“ verrathen, daß Mozart noch mit einem Fuß
in der italienischen Musik stand, als er das erste Kunstwerk
des deutschen Singspiels schuf. Diese Zwiespältigkeit im
Style der „Entführung“, die uns durch ihren deutschen
Humor entzückt, durch ihren veralteten wälschen Putz ab
stößt, kann man nur beklagen. Sie hat in den Bravour-
Arien der Königin der Nacht noch ein weiteres Seitenstück
bekommen und so mit doppeltem Gewicht die stylgemäße
Entwicklung der deutschen komischen Oper um Jahre zurück
gehalten... Eine außerordentliche Leistung des philharmo
nischen Orchesters ist die „Sinfonie fantastique“ von Ber
lioz. Jedesmal, wenn ich sie nach längerer Zeit wieder
höre, fühle ich mich einige Stufen oder Treppenabsätze
herabstürzen von meiner einstigen Jugendschwärmerei. Es
tröstet mich, daß es damit Anderen genau so geht. Den be
friedigendsten Eindruck machen noch immer durch ihre geschlossene
Form der „Ball“ und der „Hinrichtungsmarsch“. Im ersten
Satze, wie im Adagio wirken wie ehemals einzelne Stellen
von durchbohrendem Glanz oder wehmüthiger Innigkeit —
aber die haltlose Zerfahrenheit dieser Sätze, die dürftige Aus
führung ihrer nichts weniger als bedeutenden Themen bei
so unverhältnißmäßiger Ausdehnung fällt uns um so betrü
bender auf. Der letzte, fünfte Satz ist einfach häßlich, mit
einem starken Stich ins Lächerliche. Berlioz selbst hatte seine
Bedenken dagegen; er brachte in Wien und anfangs auch
in Prag nur die ersten vier Sätze der Symphonie zur Auf
führung. Erst als der hochgestiegene Enthusiasmus der Prager
ihn gegen jede Gefahr feite, gab Berlioz in einer späteren
Wiederholung auch das berüchtigte Finale. Auf einem Aus
fluge nach Wien begriffen, mußte ich jenes denkwürdige Con
cert opfern. Da war Berlioz so liebenswürdig, mich über
dieses Versäumniß mit einigen humoristischen Zeilen zu trösten.
Er schrieb mir aus Prag am 5. April 1846: „Henri IV
écrivait: Pends toi Crillon, nous avons vaincu à Arques
et tu n’y étais pas! Notre Sabbat a été exécuté mardi
dernier; cependant je ne vous engage pas à vous pendre,
car il peut allez beaucoup mieux. Mille amitiés, et revenez
nous vite!“ Die jüngste Aufführung unter Hanns Richter,
welche Berlioz gewiß nicht „beaucoup mieux“ gewünscht
hätte, rief mir schöne Jugendtage, aber auch die Ueberzeu
gung zurück, daß der „Hexensabbath“ am besten wirkt, wenn
man ihn — wegläßt.
Am 24. März hörten wir die „Johannes-Passion“ von
Bach. Die Charwoche ist die rechte Zeit für Aufführung
der Passionsmusiken, welche so eigen zwischen Kirche und
Concertsaal, zwischen Gottesdienst und Musikgenuß schwanken.
Die wunderbar großen Chöre, die frommen Choräle, endlich
die schlicht erzählenden Recitative machten auch diesmal
den tiefsten Eindruck. Wunderlich verschnörkelte und noch
wunderlicher instrumentirte Arien wie die in den „Laster
beulen“ förmlich schwelgende „Von den Stricken meiner
Sünden“, oder die nächste: „Ich folge dir gleichfalls“, ent
zücken wol nur solche Hörer, deren religiöse Andacht im
Augenblicke stark genug ist, die musikalische „zu ziehen,
zu schieben, zu bitten“. Fräulein Pia v. Sicherer und
Frau Gisela Körner bewältigten diese schwierigen Stücke,
ohne damit stärkere Wirkung zu erzielen. Glücklicher war
Herr Walter, der mit dem berühmten Recitativ vom wei
nenden Petrus und mit der darauffolgenden rührenden Arie
einen Sturm von Beifall entfesselte. Es ist bald dreißig
Jahre her, daß Walter zum erstenmale den Evangelisten in
der „Johannes-Passion“ sang. Und noch immer ist seine
Macht über die Gemüther dieselbe! Die Aufführung, um
die sich auch die Herren Grengg und Forster bemühten,
war vom Director Gericke sehr sorgfältig vorbereitet
und geleitet.
Ein anderes geistliches Concert gab am nächsten Abend
der Wiener Männergesang-Verein unter Krem
ser’s Leitung. Drei neue Männerchöre von Döring,
Joseph Schwartz und Patzelt-Norini fanden leb
haften Beifall. Eine neue angenehme Erscheinung begrüßte
das Publicum in Fräulein Paula Landau. Die junge
Sängerin besitzt eine wohlklingende, ziemlich kräftige Sopran
stimme, spricht deutlich aus und verräth die gute Schule
Victor Rokitansky’s. Einige Schwankungen in der Intona
tion mochten vielleicht von der Befangenheit Fräulein
Landau’s herrühren. Ganz vortrefflich spielte Frau Schuster-
Seydel zwei Sätze aus dem Violin-Concert (A-moll) von
Bach und mit gleichem Erfolge Herr Georg Valker eine
Orgelsonate von Mendelssohn.
Das letzte Concert des „Schubertbundes“ feierte
vornehmlich den verdienstvollen Chormeister des Vereines,
Herrn Franz Mair, der soeben mit seinem 70. Jahre
auch den Dirigentenstab zurückgelegt hat. Während des Con
certes selbst wurde der Jubilar durch eine Anrede und
Ueberreichung einer Dankadresse geehrt — Ovationen, in
welche das zahlreiche Publicum sehr herzlich einstimmte. Der
als Chormeister, Componist und Schuldirector rastlos thätige
wackere Mann hat diese Ehren redlich verdient. Er besitzt
die Achtung und Liebe Aller, die mit ihm gearbeitet und
verkehrt haben; der beste Schatz, den ein Jubilar in die
Beschaulichkeit des Ruhestandes mitnehmen kann. Ihn als
Tondichter zu feiern, brachte der „Schubertbund“ sein um
fangreiches neuestes Werk, „Der Beduine“, eine „Phanta
stische Wüstenscene“, zur Aufführung. Ein alter Beduine
betet in der Wüste, der Himmel möge ihn durch einen
Blitzstrahl tödten, was auch pünktlich geschieht. Aber nicht
so schnell, als der Leser vielleicht glaubt. Zwischen das Gebet
und dessen Erhörung schieben sich unabsehbare Gesänge der
„Wolkenstimme“, „Chöre der Luftgeister“, „Chöre der
Wüstengeister“, „Stimmen der Stürme“ und ähnliche
grandiose Offenbarungen, bei denen uns der Verstand stille
steht. Der Componist hat für die unglückliche Wahl dieses
Gedichtes zu büßen. Es zwingt ihn, sich krampfhaft über
sein natürliches Maß zu strecken, alles Dissonanzen-Gewürz,
Orchestergetöse und tonmalerischen Witz aufzubieten, um doch
schließlich im Gemüthe des Hörers nichts Anderes zu er
wecken, als — den Wunsch des alten Beduinen. Der
„Schubertbund“ würde den Componisten weit besser durch einen
der vielen nicht „phantastischen“, aber gemüthvollen und
musikalisch gesunden Chöre gefeiert haben, welche Franz
Mair so zahlreich und wirksam geschrieben hat. Gewiß koste
ten ihm diese nicht halb so viel Studium und Anstrengung,
wie dieser Blitzbeduine; aber die Menge der Schweißtropfen
entscheidet nimmermehr für den Werth eines Kunstwerkes. Ein
ähnliches Stück in handlicherem Formate ist die „Wetter
tanne“, ein Männerchor mit großem Orchester, von Joseph
Pembauer in Innsbruck. Das Gedicht (von Adolph
Pichler) ist Reflexions-Poesie, und in Musik schwer
auflösbar. Der Dichter sieht in der dem Sturme
trotzenden Tanne das Bild des eigenen stolzen Her
zens. Dieses kurze Gedicht wird mit einem unbe
greiflichen Aufwand von Orchestermalerei und Instru
mentallärm, von Wortwiederholungen und Unterabtheilungen
zu einer großen Opernscene auseinandergezerrt, welche sogar
der Ouvertüre („Ahnung des Sturmes“) nicht ermangelt.
Herr Pembauer ist ein begabter und tüchtig geschulter Mu
siker, aber die leidige Großmannssucht, das Beethoven- und
Wagnerspielen in der Liedertafel betrügt ihn um die Früchte
seines Talentes. Zwischen diesen beiden „Stürmen“, dem
egyptischen und dem tiroler, wirkte doppelt erfrischend ein
schlichter, warm empfundener a capella-Chor von Heu
berger („Volksweise“). Als ausübender Künstler hat sich
der „Schubertbund“ (unter Leitung des Herrn Ernst Schmid)
rühmlich bewährt und namentlich in dem fein schattirten
Vortrag der Chöre „Es muß ein Wunderbares sein“ von
Kirchl und „Sandmännchen“ ganz Ausgezeichnetes geleistet.
Willkommene Abwechslung bot der Kammervirtuose Herr
Alfred Grünfeld. Nach dem Vortrag von Beethoven’s
F-dur-Andante und einer Transscription von Saint-Saëns
ward er von stürmischem Applaus nochmals ans Clavier
genöthigt und mußte seine „Ungarischen Tänze“ zugeben.
Sie gehören zu Grünfeld’s glänzendsten Specialitäten und
überraschen insbesondere durch die täuschende Nachahmung
des Cymbaltones.
Unter den Pianistinnen haben zuletzt die Kammer
virtuosin Frau Frankl-Joël und Fräulein Anna Bau
meyer den lebhaftesten Zuspruch und Beifall gefunden.
Beide Damen sind ihrem heimischen Publicum längst nach
Verdienst bekannt. Fräulein Baumeyer erfreute ihre Hörer
besonders durch den klaren und kraftvollen Vortrag von
Brahms’ neu bearbeitetem H-moll-Trio. Ein neues, sehr
anregendes Intermezzo lieferte das „Oesterreichische Damen
quartett“. Die Damen (drei Schwestern Tschampa und
ein Fräulein Perner) singen mit richtiger Phrasirung,
gutem Vortrag und bewunderungswürdiger Reinheit. Aus
der Reihe der concertirenden Sänger brauchen wir das ver
dienstvolle Ehrenmitglied unserer Hofoper, L. v. Bignio,
und den sympathischen schwedischen Bariton, Filipp Forstén,
unseren Lesern nicht erst vorzustellen; Beide haben mit dem
günstigsten Erfolg sich wieder hören lassen. Zum erstenmale
hingegen erschien vor dem Wiener Publicum die Coloratur-
Sängerin Fräulein Louise Heymann aus Amsterdam,
eine Schwester des genialen Pianisten Karl Heymann.
Fräulein Heymann, eine der jüngsten und talentvollsten
Schülerinnen der Marchesi, hat sich bereits auf italienischen
Bühnen als Lucia, Rosina, Sonnambula mit Glück versucht.
Hier ist sie mit außerordentlichem Erfolg als Concertsängerin
aufgetreten. Ihre kleine Stimme, ein Sopran von seltener
Höhe und Geläufigkeit, ist vortrefflich geschult und glänzt in
allen Künsten der Virtuosität, ganz besonders im Staccato.
Diese Specialität triumphirte in den bekannten Proch’schen
Variationen; wir unterdrücken deßhalb jeden Vorwurf über
die Wahl dieser bösen Composition. Fräulein Heymann’s
Vortrag von Schubert’s „Haideröslein“ und Brahms’
„Wiegenlied“, klang uns nicht schlicht und natürlich genug,
während Taubert’s „Vogel im Walde“ eigens gemacht schien
für diese leicht bewegliche Vogelstimme. In Fräulein Hey
mann’s Concert spielte ein Herr Joseph Mayer mehrere
Clavierstücke. Bekanntlich gibt es außerordentlich viele
„Mayer“ und darunter wahrscheinlich nicht wenige, die
ebenso gut Clavier spielen, wie Herr Joseph Mayer.
Die Quartett-Abende der Herren Julius Winkler,
Finger, Wahle und Fimpel haben in dieser Saison
neuerdings ihr treues Stammpublicum vollzählig versammelt.
Diese Productionen werden mehr besucht, als öffentlich be
sprochen, was jedenfalls dem umgekehrten Verhältniß vor
zuziehen ist. Julius Winkler, ein ebenso bescheidener wie
tüchtiger und begeisterter Musiker, hat eine wahre Leiden
schaft, nicht von sich reden zu machen. Trotzdem ist er im
Laufe weniger Jahre dahin gelangt, sich inmitten zahlreicher,
zumeist älterer Quartettvereine eine sehr geachtete Stellung,
ja eine werthvolle Specialität zu schaffen. Diese besteht in
der vorzüglichen Pflege Haydn’s. Man weiß, daß die
wenigen hier öffentlich gespielten Quartette von Haydn stets
aus der kleinen Auswahl geschöpft sind, welche in der
Peters’schen Ausgabe als die „Quatuors célèbres“ figuriren.
Herr Winkler hat in den letzten Jahren etwa zwölf Haydn’sche
Quartette aufgeführt, die hier so gut wie verschollen gewesen
und doch durch irgend eine reizende Eigenthümlichkeit den be
rühmtesten des Meisters gleichstehen. Haydn behauptet den
Ehrenplatz in jedem Programme Winkler’s und wird mit
feinstem Verständniß gespielt. An ihn reihen sich zunächst
Mozart, Schubert, Mendelssohn, der jüngere und mittlere
Beethoven. Moderne Meister sind darum keineswegs ver
gessen; zählten doch Schumann’sG-moll-Trio und
Brahms’Clavierquartett in A-moll (beide unter Mit
wirkung des vorzüglichen Pianisten Hugo Reinhold) zu
den erfolgreichsten Stücken dieser Saison. Das Winkler’sche
Quartett verfolgt eine edle, ihm eigene Richtung und hat
ein Recht auf die Theilnahme des Publicums.