Neue Bücher über Musik.
(Angezeigt von Ed. H.)
Charles Gounod: „Le Don Juan de Mozart“. (Paris
1890, chez Paul Ollendorff.)
Das erste Buch, mit welchem der 73jährige Gounod als
Schriftsteller auftritt. Nur in vereinzelten Journal-Artikeln hat
der berühmte Componist des „Faust“ von Zeit zu Zeit seine An
sicht über eine ihn besonders interessirende Frage veröffentlicht.
Wir haben von ihm einen Aufsatz über Dirigenten — worin er
den Componisten das in Frankreich ihnen vorenthaltene Recht vindicit,
ihre Werke selbst zu dirigiren — einen Artikel über „Kunst und
Natur“, eine Einleitung zu Berlioz’ „Lettres intimes“, eine
Vorrede zur Oper „Polyeuct“, eine Kritik über „Henri VII.“
von Saint-Saëns. In allen diesen Schriftstücken tritt uns Gounod
als lebhaft erregte Künstlernatur, als feiner Beobachter und tadel
loser Stylist entgegen. Sein vorliegendes Buch entwickelte er allmälig
aus einer Rede über Mozart’s „Don Juan“, welche er im October
1882 in der feierlichen Jahresitzung der Pariser Akademie gehalten
hatte. Trotz ihrer herzgewinnenden Begeisterung für Mozart hat
uns diese Rede seinerzeit etwas seltsam berührt, nicht durch ihren
unanfechtbaren Inhalt, aber durch ihre specielle Bestimmung.
Wir sind in Deutschland gewohnt, in einer gelehrten Akademie
nur solche Vorträge zu hören, die in wissenschaftlicher
Form irgend eine neue Forschung mittheilen, wenigstens
einen neuen Gesichtspunkt, ein bisher übersehenes Detail. Gounod’s
Vortrag enthielt aber nichts, gar nichts, was nicht jeder Musik
freund wüßte; das war ein persönliches Credo, eine Huldigung,
aber keine historische oder musikalisch-technische Bereicherung unserer
Mozart-Kenntniß. Gounod begann mit der Erzählung, wie er,
als dreizehnjähriger Junge von seiner Mutter ins Theater mit
genommen, zum erstenmale „Don Juan“ gehört und davon den
stärksten Eindruck für sein ganzes Leben empfangen habe. Hierauf
ging er auf die Oper selbst über, begleitete jedes einzelne Musik
stück mit Ausrufen der Bewunderung und gelangte zu dem Re
sultate, daß Mozart der größte Tondichter und „Don Juan“ der
Gipfel aller Opernmusik sei. So wohlthuend dieses Glaubens
bekenntniß eines hervorragenden französischen Componisten uns
berührte, es schien uns in dieser Form mehr für einen intimen
Freundeskreis, als in eine feierliche Sitzung der Akademie
zu passen. Jetzt hat Gounod diese Rede beträchtlich er
weitert, mit zahlreichem musikalischen Detail bereichert und
sein Buch nicht etwa für das „Institut de France“, son
dern ausdrücklich für junge Componisten und für Musiker be
stimmt, die im „Don Juan“ mitzuwirken haben. Damit
sind wir auf einen ganz anderen Standpunkt gestellt, von
welchem wir das Buch nur loben und herzlich begrüßen können.
Neues haben wir darin freilich auch nicht entdeckt, aber die ein
sichtsvolle Bewunderung, mit welcher Gounod die Schönheiten der
Oper aufweist und erklärt, dürfte gute Früchte tragen. Junge
Componisten werden die Partitur des Don Juan mit doppeltem
Nutzen und Genuß studiren, wenn sie dies an der Hand von
Gounod’s Analyse thun. Sein Buch vermeidet jegliche Polemik;
kein anderer Name als der Mozart’s kommt darin vor, und dieser
nur in Bezug auf „Don Juan“. Kein Wort fällt über die Ent
stehungsgeschichte dieser Oper, ihre Schicksale, ihre verschiedenen
Auslegungen. Gounod öffnet einfach die Partitur und geht sie vom
ersten bis zum letzten Tact mit uns durch, erklärend und preisend.
Nur hin und wieder wirft seine Bewunderung, fast unwillkürlich,
ein schwaches Reflexlicht auf die musikalische Gegenwart die so
weit von Mozart sich entfernt hat. So z. B. bei Betrachtung der
Register-Arie Leporello’s, deren Instrumentirung Gounod als das
unerreichte Vorbild des Orchesters in der Oper preist. „Hier
in bewunderungswürdigem Gleichgewicht zwischen dem Nothwendi
gen und dem Zureichenden, erfüllt es seine wahre Aufgabe, die Rolle
des Ergänzers und nicht des Zerstörers; hier vereinigt es ebenso
maßvoll wie genau die tausend Nuancen eines Charakters mit
der eigenen unerschütterlichen Einheit, ohne Ueberladung und ohne
Lücke; es sagt niemals zu viel und immer Alles. Ach, wie weit
davon entfernt sind wir heute mit unserer schwerfälligen und an
spruchsvollen Emphase, welche zu rühren glaubt, indem sie erdrückt;
Ueberfüllung für Reichthum hält und Pathos für Größe!“ Von
Mozart’s Zeichnung der verschiedenen Charaktere rühmt Gounod:
„Immer ist die musikalische Form das treue Abbild der Person;
sie reproducirt deren Charakter, Rang, edle oder gemeine Hal
tung; und dies nicht durch das bequeme und banale Mittel einer
künstlichen Einheit, welche darin besteht, jeder Person eine Formel
gleich einer Etiquette aufzukleben und mit lästiger Hartnäckigkeit
immer wieder vorzuführen. Mozart’s Einheit ist die Identität,
nicht die Monotonie; sie ist das Bleibende des Individuums unter
den Veränderungen des Zufälligen.“ An Zerline’s Arie „Batti
batti“, diesen „Zauber für das Ohr und zugleich für den
Geist des Zuhörers“, knüpft Gounod die Bemerkung: „Es
ist am allerhäufigsten der Mangel oder die Unzulänglich
keit der Idee, was in einer Menge moderner Compositionen
den so häufigen Mißbrauch mit Modulationen verursacht.“
In einem Anhange gibt Gounod sehr beherzigenswerthe Winke
und Regeln für die Sänger und Capellmeister. Den Dirigenten
nennt er „den Gesandten der Idee des Meisters; er ist für die
selbe verantwortlich, vor den Künstlern und vor dem Publicum;
er muß deren lebendiger Ausdruck und treuer Spiegel sein“.
Mit Recht besteht Gounod darauf, daß das Dirigiren Gegen
stand eines regelmäßigen Cursus in den Conservatorien sein sollte.
Die Zukunft werde hoffentlich diese Lücke ausfüllen. Damit wäre
ein neues Feld für eine Gruppe specieller, ebenso nothwendiger
wie seltener Fähigkeiten eröffnet und eine ernste Garantie gegeben
für die Autorität des Capellmeisters gegenüber seinen Künstlern.
— Gounod’s Buch über „Don Juan“ ist kürzlich auch in einer
deutschen Uebersetzung von Adolph Klages bei Reißner in
Leipzig) erschienen.
Dr. Hugo Goldschmidt: „Die italienische Gesangs
methode des siebzehnten Jahrhunderts und ihre Bedeutung für die
Gegenwart“. (Breslau, 1890, bei Schottlaender.)
Mit Ausnahme der Wagner-Partei ist heute jeder Kenner
und Schätzer des schönen Gesanges über die Vortrefflichkeit der
italienischen Gesangsschule im Reinen. Was versteht man aber
darunter? Welche Zeitperiode, welche Stadt, welche von den
vielen berühmten Gesangslehrern Italiens repräsentiren „die wahre
italienische Methode“? Heutzutage meint man fast allgemein die
des achtzehnten Jahrhunderts, wie sie uns durch Tradition
und durch einige Schriftsteller (wie Adam Hiller und Mancini)
überliefert ist. Nach dem Vorgange Stockhausen’s, des Ersten
der auf die ältesten Meister zurückgegangen ist, erklärt Dr. Gold
schmidt die altitalienische Gesangsschule, die des siebzehnten
Jahrhunderts, für die classische. Die Gesangschule des acht
zehnten Jahrhunderts begünstigte im Anschlusse an die Schreib
weise seiner Modecomponisten die Kehlfertigkeit auf Kosten des
schönen Tones und der correcten Aussprache. Man wollte mög
lichst glänzende, coloraturfähige Stimmen bilden. Von den Mei
stern des siebzehnten Jahrhunderts ward Kehlfertigkeit gleichfalls
[???], aber nur eine „gemessene Coloratur“ und nicht auf
[???] der Schönheit des Tones, sondern gerade als Förderin
und Erzeugerin edler Tonbildung. In dem vorliegenden Buche
soll dem Lehrer und Sänger gezeigt werden, wie die ältesten ita
lienischen Meister ihre Zöglinge heranbildeten. Damit hatte der
Verfasser sich keine leichte Aufgabe gestellt. Die Musik
geschichte des siebzehnten Jahrhunderts ist überhaupt noch ein
spärlich bebautes Feld; für die Erforschung der alten Gesangs
methode besteht obendrein das Hinderniß, daß vor Tosi, dessen
Anleitung zur Singkunst erst 1723 (in deutscher Uebersetzung von
Agricola1757) erschien, kein Italiener eine Gesangsschule veröffent
licht hat. Dr. Goldschmidt stützt sich vornehmlich auf Caccini’s
berühmte Einleitung zu den „Nuove Musiche“ (1601) und ähnliche
instructive Vorreden von Ottavio Durante und Anderen. Zu
jener Zeit waren die Componisten gleichzeitig Gesangslehrer und
pflegten ihren Compositionen Anweisungen für die Sänger voraus
zuschicken. Reiche Ausbeute fand der Verfasser in den praktischen
Werken der alten Gesangscomponisten. Seine auf gründlichem
Quellenstudium ruhende Darstellung ist vorerst von historischem
Interesse, sodann aber auch von praktischem Nutzen für
unsere modernen Sänger, welche im Anhang eine stattliche Anzahl
von Solfeggien und Uebungen finden. Diese Notenbeispiele sind
mit großer Sachkenntniß aus den schwer erreichbaren Original
drucken des siebzehnten Jahrhunderts ausgewählt und machen
uns die damalige Gesangspraxis anschaulich.
Victor Rokitansky: „Ueber Sänger und Singen.“
(Wien1891, bei A. Hartleben.)
Das interessante, schön ausgestattete Buch ist kein Gesang
schule — Gott sei Dank, möchten wir beifügen. Die Zahl der
Gesangschulen und Methoden, von denen fast jede ein neues
Arcanum gefunden zu haben glaubt, ist in den letzten 10 bis
20 Jahren beängstigend angewachsen und erinnert an den Aus
spruch Rousseau’s, daß die Zunahme der Gesetzbücher ein Beweis
für die zunehmende Verderbniß der Menschen sei. Rokitansky’s
Buch sollte ursprünglich nur als Unterrichtsbehelf dienen: die
Liebe zu dem Stoffe, in den er arbeitend sich immer mehr ver
tiefte, und der Wunsch, seine reichen Erfahrungen als Gesang
lehrer nutzbringend zu machen, ließen ihn den Plan erweitern.
„Der Bau meiner Sing- und Unterrichts-Methode,“ sagt Roki
tansky im Vorwort, „ruht auf den unvergänglichen Säulen der
alten italienischen Schule.“ Auf diesem festen Grunde
entwickelt der Verfasser werthvolle praktische Rathschläge über
methodisches Ueben, Diätetik, Körperhaltung, Erziehung der
Stimme, Aussprache, Herstellung verdorbener Stimmen (bekannt
lich eine Specialität Rokitansky’s) u. s. w. Das Buch vermeidet
alle blos speculativen, ästhetischen oder physiologischen Ausführungen
und beschränkt sich auf praktische Rathschläge. Dabei ist es keines
wegs trocken; Züge aus dem Leben berühmter Sänger, auch kleine
kritische, mitunter recht sarkastische Abstecher beleben den Vortrag. Sehr
überzeugend ist Rokitansky’s verwerfendes Urtheil über die moderne
Erfindung des „physiologischen Gesangsunterrichts“ und den neuesten
Unsinn der „Zungengymnastik“, seine Ansichten über das Virtuosen
thum, den Chorgesang u. s. w. Rokitansky’s Buch sei angehenden
Sängern und Gesanglehrern angelegentlichst empfohlen.
Edmond Evenepoel: „Le Wagnerisme hors d’Alle
magne. Bruxelles et la Belgique.“ (Paris. Fischbacher1891.)
Wen etwa die Sorge quält, ob der Wagner-Cultus auch in
Belgien gehörig gedeihe, der findet in diesem Buche einen Herzens
trost. Zwar hat Brüssel erst am 10. Januar 1880 (!) die
allererste Aufführung von Mozart’s „Zauber
flöte“ erlebt, um so häufiger hört es seit 20 Jahren die Opern
Richard Wagner’s. Mit Ausnahme von „Tristan“ und „Par
sifal“ kennt man dort seine sämmtlichen Werke. Der Verfasser ist
natürlich ein feuriger Wagnerianer, der jede Wagner-Aufführung
in Belgien als eine culturgeschichtliche That begrüßt. Er zählt
sie gewissenhaft auf, in der Hauptstadt wie in der Provinz, im
Theater wie im Concertsaale. Dazu werden Briefe, Kritiken,
Programme und was sonst an einschlägigem Materiale vorliegt,
abgedruckt. Auch ein Capitel über Bayreuth fehlt nicht, denn der
Verfasser ist stolz darauf, „que la Belgique avait fait quelque
bruit à Bayreuth“. Das Buch über den „Wagner-Cultus
außerhalb Deutschlands“ beschränkt sich thatsächlich nur auf Bel
gien, eigentlich auf Brüssel. Wir dürfen also weitere Bände er
warten, welche das Walten des göttlichen Fiebers etwa in Griechen
land und der Türkei, in Norwegen und Sibirien schildern werden.
Hoffentlich werden diese fernen Mitbrüder sich dem „Wagne
risme“ anschließen, sobald sie sehen, daß Jedem, der da Wagner
singt, geigt, dirigirt, erklärt oder vergöttert, ein Plätzchen Unsterb
lichkeit bei Herr Evenepoel sicher ist. Für das lustige Gedeihen
des „Wagnerisme“ in Belgien spricht auch das neueste in Brüssel
erschienene Buch von Ernest Closson, eine „Etude esthétique
et musicale“ über Wagner’s „Siegfried“, die zu den erstaunlichsten
Leistungen in der Wagner-Ekstase und Leimotiv-Fängerei gehört.
Camille Bellaigue: „Un siècle de musique fran
çaise“. (Paris, chez Dellagrave, 1887.)
Kein Brahmine des „Wagnerisme“, aber einer der geistreich
sten und bestunterrichteten Musikkritiker in Paris ist Camille
Bellaigue, der überlegene Nachfolger der Herrn Scudo und
Blaze de Bury in der Revue des deux Mondes. Einige seiner
größeren Aufsätze finden wir in dem vorliegenden Bändchen ge
sammelt; sie behandeln die komische Oper, Heine’s Gedichte, Ro
bert Schumann, die Musik der russischen Zigeuner und Gou
nod’s Oratorium „Mors et vita“. Der erste dieser Essays ist der
werthvollste. Man kann nicht geistreicher und zugleich natürlicher,
nicht liebevoller und zugleich unbefangener über die Componisten
der Opéra Comique, von Grétry bis auf Bizet, sprechen, als es
hier Bellaigue thut. Bei aller Zärtlichkeit für die Kunst und den
Ruhm Frankreichs verfällt er doch nicht in die üble Gewohnheit
seiner Collegen, von französischen Componisten nur in Superla
tiven zu sprechen. Ja, manchmal scheint er uns sogar echt franzö
sische Vorzüge etwas zu unterschätzen, z.B. die Auber’s, von dem
man in Paris wahrscheinlich übersättigt ist, während wir uns
heute in Deutschland ehrlich freuen, wenn eine gute Aufführung
des „Fra Diavolo“, der „Stummen von Portici“, des „Schwarzen
Domino“ in Aussicht steht. Bellaigue hat sogar die unerhörte Kühn
heit, Ernest Reyer’s komische Oper „La statue“, langweilig zu
finden. Freilich gibt er dem Textbuch die Schuld und findet die
Musik blos „zu fein“ für die Bühne — so viel Rücksicht für
seinen mächtigen Collegen vom Journal des Débats muß er
immerhin beobachten. Er beklagt es, daß man in Frankreich die
Opern Grétry’s, Hérold’s, Boieldieu’s nicht mehr
spielt, nicht mehr liebt, daß der Cultus der älteren Meister sich
täglich vermindere. Er hofft, es werde der einmal unausbleib
liche Ueberdruß an der Wagner’schen Richtung die Empfänglich
keit für die heiteren, melodiösen Opern der früheren Epoche neu
erwecken. Hier hatte Bellaigue in der Revue des deux Mondes
eine sehr charakteristische Stelle eingeschoben, die wir in dem Buche
vermissen. Sie lautete: „In Paris hat man in der verflossenen
Saison für den ersten Act aus „Tristan und Isolde“ geschwärmt
— es ist eine unserer schlimmsten Erinnerungen. Das ununter
brochene Recitativ, der Gesang ohne Rhythmus und Tonalität ver
folgten uns unerbittlich. Die Schwerfälligkeit, das Dunkel, die
Anstrengung und Arbeit, alle Fehler des deutschen Geistes waren
da aufgehäuft. Um einen Opernact zu erläutern, fünfzehn Seiten
Text; historische, ja prähistorische Auseinandersetzungen; geogra
phische Erklärungen; die Rechtfertigung einer jeden musika
lischen Phrase durch die streng correspondirenden Worte; ein
prätentiöses Künsteln des Details; die Ausschließung jeder
faßlichen Form; die barbarische Behandlung der Stimmen
ohne Sinn für ihre Schönheit, ohne Mitleid für ihre Schwäche;
ein gewaltthätiges Orchester ohne Ruhepause, überall Ermüdung
und Langweile. Wir mußten uns fragen, ob diese Musik, ehedem
Zukunftsmusik geheißen und leider jetzt die Musik der Gegenwart,
nicht in einiger Zeit Musik der Vergangenheit sein werde, einer
Vergangenheit, die man gern vergißt. Aber diese Zeit ist noch
nicht gekommen. Man hat unsere Zeit „trunken von Wissenschaft“
genannt, und die Kunst selbst ist diesem Rausche verfallen. Wir
sind die Ersten, den außerordentlichen Fortschritt der modernen
Musik anzuerkennen. Die neuesten Meister haben unser Ohr an
einen orchestralen und harmonischen Reichthum, an geistreiche oder
mächtige Combinationen gewöhnt, die es nicht mehr entbehren
möchte. Wenn die Musik ehedem schöner war, besser gearbeitet (mieux
fait) war sie niemals, und das ist schon etwas. Schon Grétry
sagte in seinen Essais, daß zu einem Componisten zwei Dinge
gehören: die Wissenschaft und das Genie. Heute haben wir nur
die eine Hälfte des Ganzen: die andere wird vielleicht eines Tages
wiederkommen.“ Ueberaus wohlthuend berührt die Wärme, mit
welchen Bellaigue über Robert Schumann spricht, speciell über
dessen Manfred- und Faust-Musik. Hoffentlich erfreut uns Bellaigue
bald mit einer neuen Sammlung seiner Kritiken.
Julius Schuberth’s Musikalisches Conver
sations-Lexikon. Herausgegeben von Professor Emil
Breslaur. Elfte, gänzlich umgearbeitete Auflage. (Bei Schu
berth in Leipzig.)
Jedes neue Lexikon hat unstreitig einen Vorzug vor allen
seinen Vorgängen: es bringt zum erstenmale Namen, die in den
älteren Nachschlagebüchern noch nicht enthalten sein konnten. Das
ist aber keineswegs der einzige Verzug der elften Auflage des
BreslauerSchuberth’schen Musik-Lexikons. Dasselbe gibt uns in
gedrängter Kürze Aufschluß über alle möglichen Namen und
Sachen, die mit Musik zusammenhängen. Der in dem handlichen,
schön ausgestatteten Bande aufgestapelte Reichthum ist erstaunlich.
Einige kleine Irrthümer können in keinem Lexikon fehlen;
Zum Beispiel: Der noch als lebend aufgeführte französische
Komponist Victor Massé ist bereits im Jahre 1884 gestorben;
Gluck, der sich als Ordensritter Chevalier Gluck unterzeichnete, hieß
niemals Ritter „von Gluck“; der berühmte Prager Componist und
Theoretiker hieß nicht „Tomaczek“, sondern Tomaschek, und hat
sich nie anders geschrieben; Pauline Lucca hat wol die Afrikanerin,
aber nicht die Carmen „creirt“; die gegenwärtige Verbesserung der
„Jankó-Claviatur“ rührt nicht von Bösendorfer her, sondern von
Friedrich Ehrbar.
sie
sind uns weniger empfindlich, als das Fehlen der Jahreszahl auf
dem Titelblatt. Auf jedem Buche wünschenswerth, ist die Jahres
zahl geradezu unentbehrlich auf dem Titelblatt eines Conversations-
Lexikons.
Friedrich Niecks: „Friedrich Chopin als Mensch und
als Musiker.“ Zwei Bände. Aus dem Englischen übertragen von
W. Langhans. (Leipzig, bei Leukart, 1890).
Die erste ausführliche Chopin-Biographie schrieb bekanntlich
M. Karasowski; sie erschien im Jahre 1877 und wurde in
diesen Blättern eingehend besprochen. Karasowski hat seine unbe
streitbaren Verdienste, insbesondere durch seine Aufklärungen über
Chopin’s Jugendzeit, die er, als ein Freund der Chopin’schen
Familie und auf Grund früher nie veröffentlichter intimer Briefe
des Componisten zum erstenmale zusammenhängend zu schildern
vermochte. Hingegen standen ihm über Chopin’s Pariser Periode
nicht genügende Quellen zu Gebote. Hier tritt nun Niecks
wesentlich ergänzend ein, der alle erreichbaren späteren Briefe
Chopin’s und die Auskünfte seiner überlebenden Freunde
mit außerordentlichem Fleiße gesammelt hat. Niecks’Buch
ist an Vollständigkeit des Materials, an Gewissenhaftig
keit der Forschung und Darstellung gar nicht zu über
treffen. In seiner scrupulösen Genauigkeit ist der Biograph
manchmal sogar etwas zu weit gegangen und hat zwischen dem
Nothwendigen und dem Unwichtigen nicht streng genug unter
schieden. Was soll uns z.B. die ausführliche, bis zu den Ahnen
hinauf verfolgte Biographie der Georg Sand? Nebenbei bemerkt,
macht die einseitig harte, fast gehässige Beurtheilung dieser Frau
die einzige Ausnahme von der sonst überall waltenden rühmlichen
Unparteilichkeit des Verfassers. Ueber die ganze Pariser Zeit
Chopin’s, über seinen Aufenthalt in Majorca, in Marienbad, in
Leipzig gibt uns Niecks zahlreiche neue Daten. Weniger als der
historische dürfte der musikalisch-kritische Theil des Buches befrie
digen. Worin gerade das Neue und Eigenartige der Chopin’schen
Musik liegt, weiß uns Niecks nicht klar zu machen, wir lernen
darüber weit mehr aus den Aufsätzen von Schumann, Liszt,
Ehlert u. A. Trotzdem bleibt Niecks’ Buch eine Arbeit von be
wunderungswürdiger Sorgfalt im Großen und Kleinen. Die
deutsche Uebersetzung von Langhans ist treu und fließend, die
Ausstattung überaus gefällig.
Franz M. Böhme: „Geschichte des Tanzes in Deutsch
land. 2 Bände. (Leipzig bei Breitkopf & Härtel, 1886.)
Der Verfasser, der sich bereits durch sein „Altdeutsches Lieder
buch“ einen geachteten Namen erworben, gibt uns in seiner, zum
erstenmal nach den Quellen bearbeiteten „Geschichte des Tanzes“
einen sehr werthvollen Beitrag zur deutschen Sitten-, Literatur- und
Musikgeschichte. Sein Werk zerfällt in einen darstellenden Theil,
welcher die Geschichte und Beschreibung der deutschen Tänze vom
germanischen Alterthum bis zur Gegenwart enthält, und in einen
Band Musikbeilagen mit den Tanzliedern und Tanzmelodien vom
13. bis zum 19. Jahrhundert. Die meisten Melodien vom 13.
bis 17. Jahrhundert sind von Herrn Böhme aus alten Notationen
entziffert und hier zum erstenmal veröffentlicht. Es bedarf keiner Aus
einandersetzung, von welcher Wichtigkeit das Werk für den Musiker
und für den Culturhistoriker ist. Uebrigens bringt das Buch mehr,
als sein Titel verspricht; es behandelt nicht blos die deutschen
Tänze, sondern auch die sehr zahlreichen, welche der Deutsche dem
Auslande entlehnt hat. Der Verfasser beklagt diese Entlehnun
gen, die Einführung wälscher und slavischer Tänze. „Hoffentlich,“
sagt er, „hat das Tanzen nach der Pfeife anderer Völker für das
große, geeinte Deutschland für immer ein Ende!“ Wir können
diese sehr chimärische Vermuthung nicht theilen. Abseits von den
deutschen Volkstänzen werden unsere Gesellschaftstänze immer mehr
oder weniger Modesache bleiben, also niemals vom tonangehenden
Auslande unabhängig sein. Ja, der internationale Charakter des
Tanzes dürfte mit der fortschreitenden Annäherung der europäischen
Völker sich in Hinkunft noch mehr ausprägen, einen noch leb
hafteren gegenseitigen Austausch der Tänze bewirken. Der uns zu
gemessene Raum erlaubt uns leider kein detaillirtes Eingehen auf
den Inhalt dieser überaus gründlichen und wertvollen Arbeit;
wir müssen uns damit begnügen, Böhme’s „Geschichte des Tanzes“
Musikern wie Sittenschilderern auf das wärmste zu empfehlen.