Jenny
Lind. II.
Ed. H. Es kann uns nicht beifallen, den Kunstreisen
Jenny Lind’s auch nur entfernt mit der peinlichen Gewissen
haftigkeit ihrer Biographen zu folgen. Die Triumphe, welche
diese schildern, sind im Grunde überall dieselben und die
zahlreichen Journal-Artikel, die sie abdrucken, gleichfalls. Mit
Recht geben die Verfasser einem sachkundigen und liebens
würdigen Kritiker wie L. Rellstab wiederholt das Wort;
seine Berliner Urtheile über die Lind sind schon dadurch
wichtig, daß sie die ersten in Deutschland erschienenen waren
und wie eine stark angeschlagene Stimmgabel den Ton an
gaben, der nun fort und fort weiterklingt. Aber viele hier
aufgenommene Zeitungsartikel von unbekannten oder unbe
deutenden Berichterstattern würden wir leicht entbehrt haben.
Ueber die ersten Wiener Opern und Concerte der Jenny Lind
im Jahre 1847 citirt das Buch ausschließlich Kritiken aus
der kaiserlichen Wiener Zeitung. Ich weiß nicht, wer deren
Verfasser war, wol aber, daß Wien zu jener Zeit einen ein
zigen bedeutenden Musik-Kritiker besaß, den Dr. Alfred
Becher, der sogar eine eigene Broschüre über die Lind ver
öffentlichte. Und gerade von diesem nimmt das Buch keine
Notiz. Neben den verschwenderisch ausgestreuten Journal
citaten geben uns die Verfasser natürlich auch ihr eigenes,
sehr eingehendes Urtheil über Jenny Lind’s Gesang. Die
Schwierigkeit, den ganz eigenen Zauber der Lind mit
Worten zu schildern, habe ich nur zu sehr an mir
selbst erfahren. Nach ihren Wiener Concerten im Jahre
1854 meinte ich, es müßte dem Kritiker eigentlich ge
stattet sein, über Erscheinungen von vollendeter Schönheit,
wie sie günstigenfalls in hundert Jahren einmal kommen,
nichts Anderes auszusprechen, als die Freude, sie mit erlebt
zu haben. Die bedeutendsten Sängerinnen, die man damals
in Wien hörte, machten uns den Eindruck, daß die Lind
nicht nur mehr war, als jede andere, sondern geradezu
anders; wir fühlten nicht blos eine Größendifferenz, son
dern etwas wie einen Gattungsunterschied. Diese Durchgeisti
gung und Durchfühlung jedes einzelnen Tones wie der
ganzen Grundstimmung einer Composition waren weder nach
zuahmen noch zu beschreiben. Auf eine fast räthselhafte Art
offenbarte uns Jenny Lind die absolute Schönheit des Singens
an sich. Wie jener alte König verwandelte sie Alles, was sie
berührte, in Gold. Wenn sie eine Arie aus „Beatrice di
Tenda“ oder aus den „Puritanern“ sang — war das noch
dieselbe Musik, die wir stets matt und süßlich gefunden?
Wie warmer, duftiger Athem legte sie sich uns um Brust
und Wangen. Wie ganz anders, wenn große Gesangs
virtuosinnen wie die Viardot, Tadolini, La Grange der
gleichen vortrugen! Jenny Lind’s Zaubereien erweckten in uns
das Gefühl des Staunens nicht anders, als bereits getränkt
von der Süßigkeit ruhigen Genießen. Wer hat ihre schwe
dischen Volkslieder, wer ihren Vortrag des Taubert’schen
Liedes: „Ich muß nun einmal singen“, je vergessen? Als
beiläufige Nachahmung des Vogelgesangs hart an der Grenze
der Musik stehend, wurden diese flötenden und schmetternden
Solfeggien in Jenny’s Mund zur entzückenden Schönheit.
Der ganze waldfrische Naturreiz jubelnden Vogelgesangs kam
uns hier auf dem unbegreiflichen Wege der äußersten tech
nischen Bravour entgegen. Ja wer könnte überhaupt irgend
eine Gesangsleistung der Lind je vergessen, der so glücklich
war, sie zu erleben! Es ist ein schönes Wort von Brahms,
der einmal als Jüngling die Lind in der „Schöpfung“ ge
hört hatte, daß ihm heute noch, wenn er die Partitur dieses
Werkes aufschlage, die von Jenny Lind gesungenen Stellen
wie in Goldglanz erscheinen. Ich selbst habe vor 45 Jahren
Schumann’s „Nußbaum“ und Mendelssohn’s „Auf Flügeln
des Gesanges“ von der Jenny Lind (mit Clavierbegleitung
von Clara Schumann) gehört und kann seither keines dieser
Lieder hören oder spielen, ohne daß nicht jeder Ton der
Lind deutlich wie eine Vision vor mir auflebt. Damals war
ich auch zum erstenmal Augenzeuge von dem Lampenfieber
zweier großer Künstlerinnen. Clara Schumann, die im
December 1846 mit ihrem Gatten in Wien verweilte, hatte
ein Concert im großen Redoutensaal unter Mitwirkung von
Jenny Lind angezeigt. Am Morgen des Concertes ersuchte
sie mich, ins Künstlerzimmer zu kommen, um ihr nöthigen
falls, wenn sie Angst bekäme, die Noten umzuwenden. Wirk
lich wagte sie, im Moment des Heraustretens, nicht, ein
hundertmal gespieltes Stück von Bach auswendig vorzu
tragen — „es könnte ihr doch was passiren.“ Ich war ein
junger Student, nicht wenig stolz auf diese Mission, und wir
Beide machten unsere Sache gut. Nun kam die Reihe an
Jenny Lind mit den genannten zwei Liedern. Unruhig, auf
geregt schritt sie das Zimmer auf und ab, voll Besorgniß,
ob sie auch gut singen würde. Ich konnte ein Wort fragender
Verwunderung nicht unterdrücken. „Da ist nichts zu ver
wundern,“ lautete ihre Antwort — „nur ein Chorist
hat keine Angst.“ Dieses Angstgefühl vor jeder Produc
tion hat sie zeitlebens nicht verlassen; ihre Briefe und die
Erzählungen intimer Freunde geben Zeugniß davon durch
das ganze Buch.
Merkwürdig übereinstimmend sind alle die in der Bio
graphie abgedruckten privaten und öffentlichen Urtheile darin,
daß sie in den eigenartigen großen Wirkungen der Lind die
sittliche Grundlage hervorheben oder doch herausfühlen, die
veredelnde Kraft einer wahrhaften und reinen Seele. In der
That, wie es Talente gibt, die vom Charakter aus geschädigt
oder ruinirt wurden, so sehen wir die Kunst der Jenny
Lind von ihrem Charakter aus gehoben und verklärt. Kein
Musiker, sondern ein Dichter, Christian Andersen, war
sich zuerst über diesen Eindruck klar geworden, indem er
schrieb: „Man fühlt bei ihrem Auftreten auf der Bühne,
daß es ein reines Gefäß ist, worin der heilige Trank uns
gereicht wird. Mit dem vollen Gefühl eines Bruders schätze
ich sie; ich fühle mich glücklich, daß ich eine solche Seele
kenne und verstehe. Durch Jenny Lind habe ich zuerst die
Heiligkeit der Kunst empfunden; durch sie habe ich gelernt,
daß man im Dienste des Höheren sich selbst vergessen muß.
Keine Bücher, keine Menschen haben besser und veredelnder
auf mich als Dichter eingewirkt, als Jenny Lind.“ Aber das
großartigste Zeugniß dünken uns die Worte Felix Mendels
sohn’s: „Sie ist eine der größten Künstlerinnen, die je
gelebt haben, und die größte, die ich kenne.“ Der herzliche,
auf innigste Seelenverwandtschaft gegründete Freundschafts
bund zwischen Jenny Lind und Mendelssohn bildet eine der
erquickendsten Partien in dem Leben der Sängerin. Sie lernt
Mendelssohn in Berlin kennen und freut sich auf jedes Zu
sammentreffen mit ihm. „Das ist ein Mensch,“ schreibt
sie „und zugleich das hervorragendste Talent. So muß es
sein!“ Mehrere, meist sehr ausführliche Briefe Mendels
sohn’s an die Lind finden wir in der Biographie zum ersten
mal mitgetheilt. Er will eine Oper für die Lind schreiben,
und der Director der Italienischen Oper in London, Lum
ley, sendet ihm den Plan eines Librettos. Der Stoff war
Shakespeare’s Drama „Der Sturm“ entnommen, und Frau
Birch-Pfeiffer sollte das Opernbuch ausarbeiten. Sie kam,
zaudernd und kränkelnd, nicht dazu, so sehr Jenny Lind
und Lumley drängten. Da schlug Lumley, der die Sache mit
großem Eifer betrieb, den Poeten Felice Romani vor, von
dem die besten italienischen Libretti (Norma, Sonnambula,
Liebestrank etc.) herrühren. Bald darauf unterhandelt Lum
ley in Paris mit Scribe, der das größte Interesse für
die Arbeit äußerte. Wirklich kann Lumley wenige Wochen
später Mendelssohn den Scribe’schen Text fast voll
endet zuschicken; auch die Besetzung der Rollen ist
bereits vorgesehen: Miranda, Jenny Lind; Prospero,
Lablache; Caliban, Staudigl; Fernando, Gardoni
oder Fraschini. Mendelssohn konnte sich aber mit der
Art, wie Scribe den Shakespeare’schen Stoff behandelte,
nicht befreunden. Ein langer Briefwechsel entspann sich
zwischen dem Componisten und dem Textdichter. Obschon
Scribe bereit war, in einigen Punkten nachzugeben, ver
mochte er doch nicht so weit zu gehen, wie Mendelssohn’s
Pietät für Shakespeare es verlangte, und so ward der ganze
schöne Plan vereitelt. Welch großer Verlust für uns!
Scribe’s Textbuch wurde von Halévy componirt und 1850
in Her Majesty’s Theatre mit der Sontag und La
blache in den Hauptrollen gegeben. Mendelssohn aber
entschloß sich zu einer deutschen Operndichtung, der „Loreley“
von Geibel, die er bekanntlich kaum zu componiren begonnen
hatte, als ihn der Tod abrief.
Als Jenny Lind zur Aufführung der „Vielka“ nach
Wien reiste, empfahl Mendelssohn sie besonders herzlich an
seinen Freund, den Opernsänger und späteren Director des
Münchener Conservatoriums, Franz Hauser. „Ich bilde
mir ein,“ schreibt er, „es muß dir mit ihr so gehen, wie
mir, dem sie eigentlich niemals wie eine Fremde, sondern
wie Eine „von den Unsrigen“ (von der unsichtbaren Kirche,
über die du mir sonst zuweilen schriebst) erschienen ist. Sie
zieht mit uns Allen, die wir es redlich mit der Kunst
meinen, Einen Strang, denkt an dasselbe, strebt nach dem
selben, und darum ist alles Gute, was ihr in der Welt
widerfährt, mir genau so schmeichelhaft, als wenn es mir
selbst widerführe, und hilft mir und uns Allen ebensogut
weiter. Und dir, dem Sänger, muß es noch gar eine beson
dere Freude sein, diese Vereinigung von glücklichster Anlage,
tiefstem Studium und innerster Herzlichkeit einmal endlich
zu finden.“ Hauser aber antwortet gleich nach ihrem Auf
treten: „Die Jenny Lind singt hier, und ich sage weiter
nichts, als daß ich das Fieber habe, und zwar im höchsten
Grade. So eine Stimme habe ich in meinem Leben nicht
gehört, aber auch noch nie ein so geniales, weibliches
musikalisches Wesen gesehen. Auf dem Theater ist es das
Liebenswürdigste, Keuscheste, Schönste, was man sehen und
hören kann — dieser Reiz der Stimme ist mir bisher un
bekannt gewesen; was auch alle Sängerinnen zu überwinden
im Stande waren, wie potent auch ihre Darstellungen auf
der Scene — die Lind ragt über Alle, aber durch nichts
Vereinzeltes — diese Meisterschaft, die diese anima candida
übt, wirkt den Zauber.“ Grillparzer’s Wort: „Hier
ist nicht Körper, kaum noch Ton: ich höre deine Seele!“
klingt in den verschiedensten Wendungen durch alle diese
Urtheile. Die bedeutendsten Männer erkennen die ver
edelnde Wirkung ihrer Kunst und deren organischen
Zusammenhang mit dem sittlichen Wesen der Sängerin.
Jenny Lind war ein reiner und wahrhafter Charakter. Wer
sie näher gekannt, fühlte sich tief und nachhaltig von ihrem
Wesen berührt; wem sie einmal ihr Vertrauen, ihre Freund
schaft geschenkt hatte, der konnte zeitlebens fest auf sie bauen.
Etwas Herbes, streng Abgeschlossenes herrschte allerdings in
ihrem Benehmen, und sie gab sich keine Mühe, es zu ver
bergen. Liebevoll gegen alle ihr näher Befreundeten, war sie
doch keineswegs „liebenswürdig“ im gebräuchlichen Sinne.
Unsere Biographen verhehlen es nicht, „daß die sittliche
Hoheit ihrem Verkehr mit Fremden und mit solchen, welche
sie nicht genau kannten, einen Anstrich von Hochmuth gab.
Da war ein abweisender Blick, ein Sichentziehen, eine scharfe
Musterung des neuen Ankömmlings, was in späteren Jahren
die Einführung bei ihr oft zu einem qualvollen Momente
machte für diejenigen, welche von diesem Glück vielleicht
stunden- oder tagelang zuvor geträumt hatten“. In diesem
Punkt habe ich selbst eine kleine Erfahrung gemacht und darf
wol das Geschichtchen erzählen. Als ich mit meinem Freunde
C. F. Pohl (dem verstorbenen Archivar der Gesellschaft der
Musikfreunde) im Jahre 1862 zur Weltausstellung nach
London reiste, hatten wir ein gemeinsames Empfehlungs
schreiben an Frau Jenny Lind-Goldschmidt von einer
ihrer intimsten Freundinnen mitbekommen. Wir erfuhren
in London, daß die Lind mehrere Meilen weit, in
Argyle-Lodges bei Wimbledon-Commons, wohne, und
verschoben von Woche zu Woche den etwas umständlichen
und unsicheren Besuch. Da erblicke ich eines Mittags im
Gewühl der Regentstreet den Gemal der Sängerin, den ich
aus seinen Wiener Concerten vom Sehen kannte. „Habe ich
nicht die Ehre, Herrn Otto Goldschmidt zu sprechen?“ Er
blickt mich eine Minute starr an und sagt endlich: „Warum?“
Ich mußte über die sonderbare Gegenfrage laut lachen, die
er nachträglich mit der Erklärung entschuldigte, man müsse
in London immer auf der Huth sein, wenn man Deutsch an
gesprochen werde. Einige Tage darauf erhielten wir, Pohl
und ich, eine sehr artige Einladung von Herrn und Frau
Goldschmidt zum Dejeuner, mit dem Beifügen, daß sie der
späten Heimfahrt wegen Niemanden zum Diner zu bitten
wagen. Wir langten an einem sonnigen Junimorgen in der
stattlichen, gartenumkränzten Villa an. Otto Goldschmidt
führte uns in den prächtigen Salon, wo uns Frau Jenny
mit kurzem Kopfnicken begrüßte. Neben ihrem Sofa erhob
sich, von Palmgewächsen beschattet, eine Marmorbüste der
Königin Victoria, ihr zu Häupten hing ein lebensgroßes
Brustbild F. Mendelssohn’s. Nach einer Pause nahm Jenny
das Wort und fragte mich in trockenem Tone: „Haben Sie
schon in London Musik gehört?“ — „Ja,“ entgegnete ich;
„ich hatte das Glück, Sie in der „Schöpfung“ zu hören.“
Ein finsterer Blick — ich fürchtete schon, sie werde auch
„Warum?“ rufen, dann die zurechtweisenden Worte: „Wollen
Sie meine Person gänzlich aus dem Spiele lassen!“ Das
war in einem Ton gesagt und mit einer Miene, daß es
mir kalt über den Rücken lief. Ich sprach keine Sylbe mehr
und unterhielt mich während des langen, opulenten Dejeuners
ausschließlich mit Herrn Otto Goldschmidt, den ich dann in
den Garten begleitete, wo die beiden hübschen Kinder, Walter
und Jenny, mit dem noch unberühmten Arthur Sullivan
Cricket spielten. Der Hausherr benahm sich gegen mich sehr
liebenswürdig, obgleich ich gerade ihn in meinen Kritiken im
Jahre 1854 recht unliebenswürdig behandelt hatte. Das
brüske Benehmen seiner Frau schien ihn selbst ein wenig zu
geniren, er murmelte einige entschuldigende Worte. Vielleicht
mochte er ihr selber einen Wink gegeben haben, denn als
wir in den Salon zurückkehrten, wo Frau Jenny mit Karl
Klingemann (dem Dichter vieler Mendelssohn’scher
Lieder) sich unterhielt, richtete sie das Wort an mich und
sprach über Sänger und Sängerinnen. Ihre Urtheile lauteten
ziemlich scharf. „Die jetzigen Sängerinnen haben alle mit
Jahren keine Stimme mehr, sie haben zu wenig studirt
und schreien zu viel. Ich selbst habe niemals viel Stimme
besessen, aber ich habe sie vollkommen erhalten, ja ich singe
mit noch größerer Leichtigkeit als sonst.“ Als große italienische
Sänger ließ sie nur Rubini und Lablache gelten, allenfalls
die Persiani; die Pasta hatte sie nie gehört. „Zu Hause,“
erzählte sie, „singe ich keinen Ton, da bin ich nur Hausfrau
und arbeite wie ein Pferd.“
(Schluß folgt.)