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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Nach dem tiefbetrauerten Heimgange Leopold
v.
vergeßlichen und unzerstörbaren Verdienste um unser Unter
richtswesen zu würdigen, sein überzeugungstreues Walten als
Minister, seine Redegewalt im Herrenhause. Wenig bekannt
hingegen ist
langer Dauer noch von eingreifender Wirkung, war diese
Thätigkeit dem künftigen Staatsmanne doch eine politische
Vorschule von eminenter Wichtigkeit für seine Urtheilskraft
wie für seinen Charakter. Was ich aus dieser früheren Periode
drein stark persönlich gefärbte Episode. Allein sie scheint mir
im besten Sinne charakteristisch für
aus den nachfolgenden Briefen, die
der
Augen treten: die seltene Herzensgüte des Menschen, sodann
der klare und unbeirrt feste Blick des Politikers.
Correspondenten eingebüßt, einen jüngeren Beamten der Hof
kammer-Procuratur, welcher in die Provinz versetzt wurde.
Durch diesen ließ
Correspondent der
glückliche Wahl, denn ich bin niemals Politiker von Fach
gewesen und kam als junger, mit den Rigorosen vollauf be
schäftigter Jurist kaum in die Lage, wichtige politische Neuig
keiten zu erfahren. Ein lebhaftes — nur zu lebhaftes —
Interesse an den politischen Ereignissen, die ich, wie damals
alle jungen Leute, mehr mit dem Herzen als mit dem Ver
stand beurtheilte, schien mir doch nicht ausreichend für eine
solche Aufgabe. Meine rückhaltlos geäußerten Bedenken wur
den mir mit schmeichelhaftem Drängen ausgeredet, und
schließlich that der Wunsch,
zu befreien, das Uebrige. Ich wagte also den Versuch und
nahm die Sache sehr gewissenhaft. Im Juridisch-politischen
Leseverein standen mir zum Glücke alle Zeitungen nebst einer
ansehnlichen Bibliothek zu Gebote und, was noch wichtiger,
der Verkehr mit ausgezeichneten, mir wohlgesinnten Männern,
wie Hye und
Heißler,
meinen Briefen „Seitenblicke, Doppelblicke“, welche
mißfielen. Wenn ich in meinen Berichten mich auch zu
äußerster Mäßigung zwang, für
nun geschah das überraschend Rührende. Anstatt den unbot
mäßigen jungen Correspondenten einfach abzudanken, wie es
jeder andere Redacteur gethan haben würde, setzte sich
hin und suchte in ausführlichen Briefen meine Irrthümer zu
widerlegen, mich zu belehren, zu bekehren. Mit diesem
menschlich schönen Zusprechen und Abmahnen verband er
stets die präciseste Darlegung seines eigenen Standpunktes
und eine Beurtheilung der Zeitereignisse, wie sie mit solcher
Unbefangenheit nur ein freundschaftlich brieflicher Verkehr
gestattet. Dies stempelt, für mein Gefühl, die nachfolgenden
Briefe
teristik des Mannes, welchem damals noch keine Ahnung
davon dämmerte, daß er eines Tages als
Minister-Präsident regieren werde. Die folgenden Briefe sind
die drei letzten, die
Zeitung
I.
Prag, den 31. October
Verehrter Freund!
Ich habe durch die furchtbaren Ereignisse der letzten
Zeit eine Unterbrechung Ihrer Correspondenz erfahren
müssen; Ihr letzter Brief war der, wo Sie mir den Text
lasen. Sie sagen, ich sollte in
anders reden. Bester Herr! Ob ich das oder das Factum
weniger oder mehr erführe, hätte nichts zu bedeuten, ich
glaube genug zu wissen, wenn ich die Geschichte der neuesten
Zeit seit den Märztagen in
gemacht und seither aus den verschiedensten Quellen ent
nommen und beurtheilt habe. Was man über mich urtheile,
hat mich nie um ein Haarbreit verrückt — denn ich
urtheile gewissenhaft, erwäge parteilos, und heiliger ist mir
nichts als die Wahrheit, das Recht. Nach Accidentien frage
ich bei der unberechtigte Revolution. Lesen Sie mein
dem 6., und ich halte Sie für zu ehrlich und denkend, als
daß Sie mir einen Vorwurf machen könnten; ich habe als
Rechtsmann argumentirt — können Sie mich widerlegen, dann
spreche ich von heute an anders. Vielleicht aber wird, wer nicht so
albern ist, mich einen Rectionär zu nennen und mir einen
slavischen Standpunkt anzudichten, mich doch einen kalten
Verstandesmenschen nennen. Möglich — indeß geschieht dies
Vielen, die nicht gleiche Objecte des Gefühls haben. Ich
liebe die nackte, unbarmherzige Wahrheit wie mein Schoß
kind, ich wiege mich behaglich in den Zielen der Menschheit,
während Andere in ihrer Strömung. Irren kann mich darin
nichts, kränken nur, daß Andere anders denken können. Was
mein
geringen Mitteln geringe Wirkung. Aber die es hat — und
es hat seinen Kreis — will ich ungeschwächt erhalten —
jedes Mittel, das mir das Schicksal für mein Streben in
die Hand spielt, will ich nicht halb benützen. Dies Ihnen,
werther Freund, zur Verständigung. Einem Correspondenten
räume ich indeß Manches ein — nur darf er meinen Lesern
keine principielle Ohrfeige geben. Insbesondere halte ich in
der Form stets ein leidenschaftsloses Maß hoch. Sind Sie
nach diesem Confiteor im Stande, mir ferner behilflich zu
sein, so soll es mich wahrhaft freuen. Stehen wir wirklich
auf zwei verschiedenen Sternen, so bleibt doch mit unwandel
barer Achtung vor der Wahrhaftigkeit Ihres Strebens Ihr
ergebener Hasner.
II.
Prag, den 11. November
Verehrter Freund!
Ich belästige Sie seit einiger Zeit. Allein Sie werden
es entschuldbar finden.
verlegt bleibe, ist ein wichtiger Punkt, ich muß einen tüch
tigen, raisonnirenden und beschreibenden Correspondenten dort
haben. Tüchtig sind Sie durchhaus, aber erlauben Sie mir
eine andere Bemerkung — ich glaube, Sie gehen mit Unlust
ans Werk. Ich sehe wohl, Sie sind in Ihrer politischen Rich
tung viel mehr
gekehrt. Weder bin ich ein slavischer Politiker, noch sind Sie
ein Slavenfeind. Dennoch scheinen Sie in der letzten Bewe
gung nur einen Schlag des Deutschthums (bei gerechten
Forderungen?) zu sehen, ich nur eine Rettung des Rechtes
im Staate und im internationalen Verhältniß. Ich sehe die
materiellen Verhältnisse, den Belagerungszustand etc. für
gering an im Vergleiche mit der Weltlage, die mir
in der That in eine erwünschte Rechtsordnung ein
geführt zu sein scheint; Sie sind verstimmt durch
allerhand, das mich doch nur vorübergehend choquiren
kann. Sie vertrauen meinem Rechtsinn, aber die Entwick
lung desselben scheint vorläufig nicht ganz mit meiner An
schauung der Gegenwart zusammenzukommen. So hat Ihr
letzter Brief eine Menge kleiner Zweifel, Seitenblicke, Doppel
blicke, und doch möchte ich auch durch meine Correspondenten
mein Publicum auf das Gros der Weltlage gelenkt, er
muthigt, hoffnungsvoll gemacht sehen. Das obschon unent
schiedene, aber oft radicale constitutionelle Blatt hier bringt
die conservativsten Berichte des gewiß tüchtigen Neustadt,
und ich bringe solche, die ein Hauch durchweht, der meinen
Glaubenssätzen nicht entspricht. Verzeihen Sie diese auf
richtigen Bemerkungen und die Bitte, offen zu sagen, ob
Sie mir leitende Berichte in meinem Sinne mit gutem
Gewissen schreiben wollen. Im Einzelnen urtheilen Sie
wie Sie wollen, radical — das verpönt mein
— aber im Ganzen muß ich nach innigster Ueberzeugung
jedem Wege der Politik entgegentreten, der
fahr droht, und den Sturz jeder Partei wünschen, die diesen
Weg wandelt, und keine Freiheit aus ihrer Hand nehmen,
die wir uns selbst geben können. Auch bedarf ich täglicher
Berichte. Mit freundschaftlicher Achtung Ihr Hasner.
III.
Prag, den 14. November
Geehrter Freund!
Daß ich Ihren Brief vom 12. nicht abgedruckt habe,
müssen Sie mir verzeihen. Haben Sie es nicht voraus
gesehen? Ich will Ihnen meine Gründe sagen — als Nach
trag zu meinem letzten Schreiben. Zunächst wissen Sie doch,
daß mein
deßhalb in keiner Weise thatsächlich beschränkt und würde
mich nie bestimmen lassen, ein Wort zu schreiben, das gegen
meine Ueberzeugung wäre. Gleichwol kann ich daselbst nicht
von Intriguen, Unterdrückungs-Machinationen etc. des Cabi
nets sprechen. Dies, was die Form betrifft. Die Sache be
treffend, würde ich zu weit kommen, wollte ich nachzuweisen
suchen, daß beim besten Willen kein Cabinet der Welt ein
verständiges Ziel gegenüber der unverständigen und theilweise
selbst boshaften Kritik der
verfolgen könnte, denn diese Kritik halte
Himmel aus, wenn er kann, und sorge dabei
noch, daß ihm der eigene Himmel nicht über dem
Kopfe zusammenstürzt. Der Hof hat viel gefehlt; aber
fehle einer nicht in diesen Tagen. Uebrigens verehre
ich ihn nicht, halte uns aber gesicherter gegen Falschheit von
seiner Seite, als gegen Thorheit auf anderer. Er kann den
Staat in seiner wesentlichen Freiheitsgrundlage nicht an
greifen, die
aus Kurzsichtigkeit — bereits gethan, sie hat den Staat selbst
geleugnet. Ist das Naivetät, so ist sie doch eine, die wir
wahrlich nicht brauchen können, besonders wo sie so präten
tiös auftritt. — Was aber die Motive des letzten Kampfes
anbelangt, so habe sowol ich in meinem
stets als Nebensache betrachtet, als ich glaube, daß nur die
beschränktesten Köpfe darin ein wesentliches Moment sehen
könnten. Ich habe gleich vom Anfang gesagt, daß zu ihr
mehrere Momente gewirkt, die Bestechung nur der nächste
Impuls sein konnte, die Bewegung selbst aber sogleich
nationale und pseudo-demokratische Elemente in sich auf
nahm. Nur Eines ist, was Alles in sich befaßt, die poli
tische Unmündigkeit
würde, und nach dem Gesammtstaate, nach den Provinzen zu
fragen unterließ, wo es doch den Bestand des Ganzen an der
Wurzel packte. Das mußte als eine große Anmaßung die
Erbitterung eben der rechtlich, der freiheitlich Gesinnten er
regen, das verdient nicht den Namen der Demokratie, das
ist die Despotie des Unsinns, den, sei er auch noch so un
schuldig, kein Mensch von Charakter als Träger der Zukunft
eines Staates und so der Menschheitszwecke dulden kann.
Traurig genug, wenn die Steigerung seit dem März so ge
waltig ward, daß endlich Jeder längst einsah, hier sei auf
ein freiwilliges Einschlagen einer vernünftigen Bahn nicht
zu denken. Jetzt herrscht freilich Gewalt, und hart genug.
Doch kann sie nur vorübergehend herrschen — und vor der
Zukunft ist mir nicht bange. Vexationen, so fühlbar sie seien,
verändern doch den Standpunkt über die October-Revolte
nicht. Was die schwarz-gelbe Fahne insbesondere anbelangt, so
scheinen Sie mir befangen und somit zu Trugschlüssen ge
führt worden zu sein. Niemand würde je dem Wiener
sein schwarz-roth-goldenes Band verübelt haben, wenn er
nicht das schwarz-gelbe geschmäht hätte. Damit drang
er indirect, er, der im Centrum der Monarchie
sitzt, Anderen entweder sein Band auf oder desavouirte
das gemeinsame Bindeglied. Das hat längst gegen ihn
erbittert, das war eine Schmähung des Gesammtstaates, und
deutlich genug sprach man doch in
aber irgendwo, so hat die schwarz-gelbe Fahne auf der Burg
der Monarchie ein alleiniges Recht; das Aufstecken der
schwarz-roth-goldenen dort hieße eine Nation über andere der
Monarchie stellen. An seiner Brust trage Jeder was er will,
ich gar nichts; soll das Spiel das Zeichen aber sein, so ge
hört auf jede die Gesammt-Monarchie repräsentirende Stelle
auch das Banner derselben. Darum erbitterte mich, der ich
gewiß kein Czeche heißen kann, schon in
mit der man dem schwachen, die Bedeutung nicht erfassenden
Bester Freund, Sie sind eben ein Deutscher, Sie mögen das
nicht fühlen, aber wahr ist’s doch, und Andere haben das
seit Monaten gefühlt. Von
Gleichberechtigung zu hoffen, und doch war
auf dem man mit Gewalt entschied, was das Recht nicht
einräumte.
Irre ich? Gut, ich kann nicht anders, und da ich
nicht spiele mit politischen Ideen, so verzeihen Sie mir ge
wiß, daß ich Ihren Brief nicht gab, den ich für irrig hielt,
und weiß, daß er gut geschrieben ist. Seien Sie nicht böse.
Männer müssen und können so mit einander reden. Mit
aufrichtigster Achtung Ihr Hasner.
Noch vor Empfang dieses letzten Briefes ersuchte ich
wieder über politische Dinge geschrieben. Als ich 30 Jahre
später mit dem Minister und Ex-Minister gesellschaftlich zu
sammentraf — bei seinem Collegen
an meinen kurzen Feldzug unter seiner Fahne. Ich konnte
ihm nunmehr mit gereifter Einsicht nochmals danken für
seine mir bewiesene Langmuth und Seelsorge. Geleistet habe
ich ihm sehr wenig, aber viel von ihm gelernt. Freilich,
gewisse politische Sympathien und Antipathien, die tief im
Gefühle wurzeln, habe ich niemals abgeschüttelt, aber das
Beispiel
schaftslos aus historischer Perspective zu betrachten und „sich
in den Zielen der Menschheit, nicht in ihren Strömungen
zu wiegen“, verblieb mir als Leitstern für’s Leben.
Reflexionen, die zu seinen bedeutendsten Aeußerungen ge
hören. Möge dieses von Freundeshand behütete werthvolle Ver
mächtniß, das uns den edlen Menschen und tiefen Denker in
intimste Nähe zu bringen verspricht, der Oeffentlichkeit nicht
lange vorenthalten bleiben.