Concerte.
(
Gesellschaftsconcert.
Rosenthal.
Ilona Eibenschütz.
Quartett Rosé.)
Ed. H. Händel’s „Alexanderfest“, das Sonntags den
Inhalt des ersten Gesellschaftsconcertes bildete, war zuletzt
im November 1873 unter Brahms’ Leitung gegeben wor
den. Marie Wilt sang damals die Sopranpartie — in
einer Vollendung, die mir unvergeßlich, ja in allen Einzel
heiten fest eingeprägt geblieben ist. Jede der Arien, die jetzt
aus anderem Munde erklangen, ließ mich an das schauer
lich tragische Ende der großen Sängerin denken, und mit
diesem Gedanken belebte sich wieder die Erinnerung an ihren
Gesang im Jahre 1873. Sie hatte damals schon den Früh
ling des Lebens ziemlich weit hinter sich; aber das war ja
so merkwürdig, daß ihre Stimme immer wunderbar jugend
lich klang, den abseits horchenden Zuhörer auf ein blühen
des Mädchen rathen ließ. Ein seltenes Vorkommniß, denn
regelmäßig hält Schönheit des Gesichts und der Figur, ins
besondere von den Hilfsmitteln der Bühne unterstützt, länger
vor, als der Reiz der Stimme, für den es keine Schminke
gibt. In Paris konnten die Mars in der Tra
gödie, die Déjazet im Lustspiele noch als bejahrte
Frauen jugendliche Rollen spielen, nur weil ihr
Organ seinen vollen Wohlklang beibehalten hatte.
Die Wilt bewahrte sich diesen jugendfrischen Klang viel
länger als die meisten bekannten Sängerinnen. An eine
Grenze jedoch mußte er naturgemäß doch gelangen, und diese
Grenze lag dicht jenseits ihres 50. Jahres. Da suchte die
Sängerin durch eine forcirte, schreiende Tongebung, welche
auch die Reinheit der Intonation gefährdete, sich und uns
zu täuschen über die Treulosigkeit ihres so lange treugeblie
benen Organes. Aber wer ihr unbefangen zugehört hat in
der Salzburger „Don Juan“-Aufführung 1887 und in
Beethoven’s D-Messe1889, der täuschte sich nicht mehr,
sondern gewahrte mit bitterem Weh die endliche Verwüstung
einer der herrlichsten Stimmen. Zu dieser seltenen Stimme
gesellte sich bei der Wilt eine sichere virtuose Technik und
ein durch und durch musikalischer, gediegener Vortrag. Das
sind die Grundbedingungen, die ersten und wichtigsten, wenn
auch nicht die einzigen, einer vollendeten Gesangsleistung.
Für die maßvollen Empfindungen, die klaren, starken Linien
der Oratorien-Musik werden diese Vorzüge in der Regel
vollauf genügen und für sich allein Großes erreichen. Dem
Gesange der Wilt im Alexanderfest, in der Cäcilien-Ode, in
der Schöpfung, in Brahms’ „Deutschem Requiem“ wüßte ich
nichts Aehnliches an die Seite zu stellen — unvergessene und
unvergeßliche Kunstgenüsse. Auf der Bühne hat sie, gleichsam
als vollendet gespieltes musikalisches Instrument, das Ohr
entzückt; tiefer drang mir der Eindruck selten. Von der
dramatischen Sängerin war ich, offen gestanden, niemals be
geistert. Sie hatte keine Spur von schauspielerischem Talent,
von schauspielerischer Bildung. Das Ungenügende ihrer
Bühnenleistung lag keineswegs, wie oft geglaubt wurde,
einzig und allein an der mangelnden Jugend und Schönheit,
so werthvoll, ja, unschätzbar diese Mitgift auch ist für Dar
stellerinnen jugendlicher Rollen. Es gibt verschiedene Arten
von unschönem Aeußern: geistvolle Häßlichkeiten, dämonische,
gemüthliche. Wer erinnert sich nicht an eine und die andere
Sängerin (insbesondere aus Frankreich und Italien), deren
anfangs abstoßende, unregelmäßige Züge sich im Singen ver
edelten, vergeistigten, ja, seltsam anziehend werden konnten?
Ein durch Geist oder tiefes Gemüth unmittelbar fesselndes
Seelenleben drängte sich hier durch die widerspenstigen Ge
sichtszüge gleichsam an die Oberfläche, prägte jede Miene,
jede Bewegung und siegte über die ungefällige Form. Solche
Vergeistigung und Veredlung von Innen heraus habe ich bei
der Wilt kaum jemals wahrgenommen. Man brauche, so hieß
es oft, im Theater nur die Augen zu schließen, um von dem
unvergleichlichen dramatischen Vortrag der Wilt hingerissen
zu sein. War dies so? Nicht ganz. Nicht blos aus dem
Auge spricht die Seele eines Menschen, auch seine Stimme
ist solch ein Fenster: man erkennt bald, wer da heraussieht.
Aus dem Tone der Wilt quoll sicheres, starkes Gefühl, ruhige
Kraft, auch lodernde Leidenschaft, aber jenen Hauch feinerer
Bildung, der sich in der geistvollen Nuancirung eines Satzes,
eines Wortes verräth, kannte ihr Gesang ebensowenig, wie
den Blüthenduft allerzartester Empfindung. Die eigenste
Natur dieser Frau, wie wir Alle sie im Leben gekannt, ver
sagte auch auf der Bühne das Poetische. Selbst in dem
hellblinkenden Metall ihrer Stimme lag etwas, das an den
Glanz des sonnenbeschienenen Eises mahnte. Daß die Wilt
ihr mächtiges Organ für den Coloraturgesang ebenso geschult
hatte, wie für den breiten, pathetischen Vortrag, und im
Stande war, in den „Hugenotten“ nach Belieben die Valen
tine oder die Königin zu singen, das allein würde sie zu
einer seltenen Erscheinung in der Theatergeschichte stempeln.
Diese Vorzüge der Wilt, von keiner ihrer Colleginnen er
reicht, waren eminent musikalische und nur musikalische.
Darum wirkten sie am reinsten und stärksten im Concert
saale, vor Allem im Oratorium, wo die Sängerin gleichsam
unpersönlich auftritt, nicht als ein Charakter, sondern lediglich
als eine Stimme. Darum mußte die jüngste Aufführung des
„Alexanderfestes“ in uns die Erinnerung an die unglückliche
große Sängerin so stark und lebhaft erwecken. Wenden wir
uns nun zu unserem Concert zurück.
„Das Alexanderfest oder die Macht der Tonkunst“ ge
hört überall, wo Musik gemacht wird, zu den beliebtesten
Werken von Händel. Die farbenreiche Mannigfalt der darin
wechselnden Stimmungen und die Beihilfe der Mozart’
schen Bearbeitung haben das Werk in Deutschland frühzeitig
populär gemacht. Das Publicum liebt es, die Macht der
Tonkunst durch diese selbst gepriesen und illustrirt zu sehen,
was immerhin, selbst für große Meister, ein gewagtes Unter
nehmen bleibt. In langem Zeitverlauf wechselt der musika
lische Geschmack; die „Wirkungen der Musik“ oder genauer:
der bestimmte psychologische Eindruck eines Musikstückes auf
uns, äußert sich heute vielfach anders, als vor 150 Jahren.
Die Componisten unseres Jahrhunderts besitzen nicht mehr
die naive, gesunde Kraft, den einfachen starken Linienzug
Händel’s; aber in der Schattirung der Seelenzustände, in
der Stimmungsmalerei, kurz in ihrem psychologischen Theil
ist die Musik seit Mozart, Beethoven und Weber bezeichnender,
feiner, lebendiger geworden. Klingt die steife Sopran-Arie
in B-dur, „Der Held von süßem Liebesleid berückt“, uns
Kindern des neunzehnten Jahrhunderts wirklich noch wie
ein „Wonnerausch trunkener Lust“? Finden wir heute den
Chor „Es jauchzen die Krieger“ nicht unbegreiflich zahm
für eine Horde berauschter Brandleger? Und die A-dur-
Arie, welche schildert, wie Thaïs unter dem „wilden Hohn
der jauchzenden Krieger“ mit der Brandfackel voranstürzt
— kann Jemand, der den Text nicht kennt, in dieser Musik
etwas Anderes hören, als einen graziösen Menuett? Das
Alexanderfest bewegt sich nicht blos in den Formen einer
weit hinter uns liegenden Zeit, auch der nationale Geschmack
der Engländer scheint stärker als in den übrigen Oratorien
Händel’s auf diese Musik abgefärbt zu haben, theilweise
schon durch die Wahl des Gedichtes. Dryden baut seine
Cantate auf die von den Verehrern der altgriechischen Musik
unter deren „Wunderwirkungen“ registrirte Anekdote, daß
der Sänger und Flötenspieler Timotheus durch eine von
ihm gespielte Weise Alexander den Großen zu kriegerischer
Wuth aufreizte und durch eine zweite Melodie wieder be
sänftige. Das wäre für ein Oratorium allerdings ein bedenk
lich magerer Stoff gewesen. Dryden brachte deßhalb die
Timotheus-Anekdote mit einer zweiten in Verbindung, mit
dem von einer athenischen Buhlerin Namens Thaïs,
angestifteten Brand von Persepolis. Dieser Dame fiel
es nämlich nach einem Trinkgelage im Königspalast
des eroberten Persepolis ein, daß die Perser bei
ihrem Einbruch in GriechenlandAthen eingeäschert haben.
Sie ergriff, „um ihre Vaterstadt zu rächen“, eine
Fackel, stürmte den weinberauschten Soldaten Alexander’s
voran, und Persepolis stand in Flammen. Dryden suchte
diese Thaïs möglichst zu veredeln, er nennt sie „wie Hebe
jung, wie Hebe schön“ und weist ihr den Platz neben
Alexander an. Die Beiden, als „seliges Paar“ gepriesen,
lauschen den Vorträgen des berühmten thebanischen Ton
künstlers Timotheus, der nun die unwiderstehliche Gewalt
der Musik über die Gemüther der Zuhörenden erprobt. Aus
gehend von der Freude über den Anblick des königlichen
Paares, übergeht er zu einer Huldigung für Alexander und
schildert hierauf den Jubel einer Bacchusfeier. Plötzlich über
springt er zu Tönen der Trauer, das jammervolle Ende des
besiegten Feindes Darius beklagend. Seine Gesänge haben
ganz die gewünschte Wirkung: nach dem Brautlied sinkt
Alexander liebestrunken an die Brust der Thaïs; die Klage
um Darius entlockt den Hörern Thränen des Mitleids;
nach dem Rachegesang stürzen die Krieger mit Brandfackeln
hinaus. Bis hieher hat das Oratorium eine Art dramati
schen Fortgangs und einen geschichtlichen Rahmen, nämlich
das Leben Alexander’s des Großen. Jetzt aber tritt der Dichter
zu unserer Ueberraschung persönlich hervor und erklärt, was
wir bisher als wirklichen Vorgang mit angeschaut, für eine
Phantasmagorie, ein gelehrtes Citat: „So stimmte einst,
eh’ noch erscholl der heilige Sang, die Orgel noch
erklang, der Grieche seiner Flöte Ton“ — und
dann: „Vom Himmel kam Cäcilia.“ Wie erklären wir
uns diesen unvermittelten Sprung aus dem griechischen
Alterthum zur christlichen Kirchenmusik, von Timotheus zur
heiligen Cäcilia? Nur aus dem äußerlichen Umstand, daß
Dryden’s Ode für ein Cäcilienfest bestimmt war, das die
Londoner Tonkünstler alljährlich am 22. November zu feiern
pflegten. Für diesen Zweck hat Händel’s großer Vorgänger
Purcell seine werthvollsten Compositionen verfaßt und Dryden
sein Alexanderfest und die sogenannte kleinere Cäcilien-Ode
gedichtet. Der heiligen Cäcilia zu Ehren wird also die christ
liche Musik der alten gegenüber-, aber doch nicht schlechtweg
darübergestellt, denn der Dichter theilt schließlich den Kranz
zwischen Beide. Dryden’s Ode genießt in England die höchste
Verehrung, und der Dichter selbst war nicht wenig stolz
darauf. Als eines Tages ein Poet ihm Complimente darüber
machte, antwortete Dryden „Ja, junger Mensch, sie hat
auch nicht ihres Gleichen!“ Wir hegen für das Gedicht eine
mäßigere Begeisterung und sind jedenfalls der Meinung, daß
die Musik das Beste dazu thun mußte. Die Frische, Mannig
faltigkeit und anschauliche Kraft der Händel’schen Compo
sition erhält das Werk lebendig. Händel’s größten biblischen
Oratorien möchten wir trotzdem das Alexanderfest nicht gleich
stellen; es zeigt an manchen Stellen eine schwächere Er
findungskraft. Die Arien gehören überwiegend zu jenen bei
Händel zahlreichen, von denen man nur das Thema im
Gedächtniß behält; alles Weitere ist gleichsam ein neben
sächliches, selbstverständliches Sichfortsetzen und Abrollen des
im Thema gegebenen Musikstoffes, nicht lebendige Ent
wicklung durch neue Gegensätze und Steigerungen. Prachtvoll
sind die meisten Chöre im Alexanderfest; sie wachsen aus
den vorhergehenden Arien effectvoll heraus, deren Inhalt
mächtig verstärkend und ausbreitend.
Die gelungene Aufführung des schwierigen Werkes hat
den Sängern wie dem Dirigenten Herrn Gericke ver
dienten Beifall eingetragen. Unter den Solisten glänzten
insbesondere der Bariton Herr Eugen Hildach; er erwies
sich in dem Vortrage der ungemein schwierigen Rache-Arie
als ein Meister seiner Kunst. Minder gut disponirt war
diesmal seine Gattin; sie imponirt durch bedeutende Technik
und große Sicherheit, allein der scharfe spitze Glaston ihrer
höheren Töne, wie die geringe Wärme des Ausdruckes stehen
einer vollen und starken Wirkung ihres Gesanges im Wege.
Mit einer kleinen, gutgeschulten Stimme sang Herr
Litzinger aus Düsseldorf die Tenorpartie. Musterhaft
hielten sich die Herren und Damen vom „Wiener Sing
verein“; das präcise Einsetzen und die feine Schattirung in
dem Schlußchor „Ein heller Jubelschrei“ ist uns ganz be
sonders aufgefallen.
Die Virtuosen-Concerte haben auch bereits begonnen;
wie sich fast von selbst versteht, auf dem Clavier. Herr
Moriz Rosenthal, der Tausendkünstler und Hexenmeister
unter den Pianisten, ist den Wienern wohlbekannt; Fräulein
Ilona Eibenschütz war es einstens. Denn heute ist sie
nicht mehr das kleine „Wunderkind“ in kurzem Röckchen,
sondern ein wirkliches Fräulein und fertige Virtuosin. Sie
hat die letzten vier bis fünf Jahre ausschließlich dem Stu
dium bei Frau Schumann in Frankfurt gewidmet. Diese
lange Pause, welche sich Fräulein Eibenschütz in ihrem öffent
lichen Auftreten dictirte — ein Vorbild für alle Wunder
kinder! — und die liebevolle Führung einer Meisterin wie
Clara Schumann mußten gute Früchte tragen. Leiblich ist
die „kleine Ilona“ nicht sonderlich gewachsen seit ihren letzten
Wiener Concerten, umsomehr überraschte die Energie, mit
welcher das zart gebaute Mädchen gleich das einleitende
Maëstoso der Beethoven’schen C-moll-Sonate (op. 111)
packte. Die Orgelfuge von Bach, Schumann’s symphonische
Variationen, das H-moll-Capriccio von Brahms und die
Liszt’sche „Campanella“ — Stücke, die, jedes in anderer
Weise, zu den schwierigsten Aufgaben zählen — bewältigte
Fräulein Eibenschütz mit ausdauernder Kraft und einer allen
Schwierigkeiten gewachsenen Technik. Nur vor allzu häufigem
Pedalgebrauch möchten wir sie warnen. So individuelle und
geistig schwer zugängliche Tondichtungen, wie die letzten
Sonaten von Beethoven, verlangen überdies noch größere
Freiheit und Innigkeit des Vortrages. Hier wird hoffentlich
die weitere seelische Entwicklung der jungen Künstlerin das
noch Fehlende herbeiführen.
Das Quartett Rosé, dessen Programm heuer durch
eine große Zahl interessanter Novitäten anlockt, hat seine
Productionen mit einem Streichquartett von Alexander
Borodin eröffnet. (So heißt der Name, dem auf fran
zösischen Titelblättern, der Aussprache wegen, ein stummes
e angehängt wird.) Es ist das, unseres Wissens, die erste
Composition, durch welche dieser kürzlich verstorbene russische
Tondichter in Wien bekannt wird; nicht einmal Rubinstein
hat ihn in das Programm seines monströsen russischen
Clavier-Abends aufgenommen. Wie so viele seiner componi
renden Landsleute, die erst spät und auf Umwegen zur
Musik gelangt sind, ist Borodin eigentlich Dilettant. In
Petersburg1834 geboren, studirte er Medicin, wurde Militär-
Arzt, dann Professor an der medicinisch chirurgischen Aka
demie, endlich kaiserlicher Staatsrath. Von Balakirew
angeregt, pflegte er neben seiner wissenschaftlichen Thätigkeit
die Musik. Er hat mehrere Kammermusikstücke, zwei Sym
phonien, eine symphonische Dichtung („Mittel-Asien“) und
eine Oper, „Fürst Igor“, componirt. Neuen russischen Com
positionen gehen wir stets mit einiger Besorgniß entgegen.
Werden wir da nicht an unvermutheter Stelle von zähne
fletschenden Wölfen angefallen, oder wenigstens in einen
Rundtanz betrunkener Bauern eingeteilt werden? Blasirte
Wildheit, sibirischer Liszt, Dynamit-Patronen unter dem Eise,
das sind ja die Lieblingselemente des musikalischen jungen
Rußland. Nichts von alledem in dem D-dur-Quartett
von Borodin. Dieser Russe hat sich unsere classischen
Meister zum Vorbild genommen; er schreibt in übersicht
licher Form, klar und einheitlich, mit Vorliebe und Geschick
für contrapunktische Ausführungen. Die Themen sind nicht
von hervorragender Originalität, wachsen aber an Interesse
im Verlauf der gewandten, stellenweise geistreichen Durch
führung, die nur in allzu häufiger Wiederholung derselben
kleinen Motive etwas zu weit geht. Das erste Allegro, echt
quartettmäßig geschrieben, scheint mir der beste Satz; er hält
sich im Tone ungefähr an den früheren Beethoven, mit
einigen Spohr’schen Mondstrahlen am Ende. Das Scherzo,
eine Art perpetuum mobile in Dreivierteltact, und das
Notturno mit der sanft klagenden Melodie im Violoncell
machen ebenfalls einen günstigen Eindruck. Schade, daß das
Finale abfällt — eine bedauerliche Eigenheit so vieler rus
sischer Compositionen — es ist der einzige von den 4 Sätzen,
in welchem der Componist durch unmotivirte Unterbrechungen
zu vertuschen sucht, daß ihm der Faden ausgegangen ist.
Ein verständiger, ernster, auch liebenswürdiger Zug geht durch
Borodin’s Quartett, das wir anziehend finden, ohne es
genial nennen zu können. Die Novität, brillant gespielt,
fand lebhaften Beifall. Eine erfreuliche Ueberraschung be
reitete uns Herr Ignaz Brüll mit dem Vortrag von
Brahms’ jugendlicher Sonate in F-moll (op. 5).
Dieselbe wird äußerst selten gespielt; aus guten
Gründen, denn sie ist nicht blos technisch sehr mühsam zu
bewältigen, sondern noch schwerer im Geiste des Componisten
überzeugend darzustellen. Brüll zeigte sich dieser Doppel
aufgabe meisterhaft gewachsen. Nur ein Künstler, der, ver
traut mit jeder Faser der seltsamen Tondichtung, sie voll
ständig in sich aufgenommen hat, vermag dieses leidenschaftlich
zerklüftete Allegro, dieses wehmüthig vor sich hinträumende
Andante so wiederzugeben. Brüll spielte die Sonate mit der
Unmittelbarkeit einer freien Phantasie, fast wie ein eigenes
Erlebniß. Er gehört nicht zu jenen Concertspielern, die vor
dem Publicum ihren Vortrag eigens schminken, etwa wie die
Leute, die beim Photographiren ein verschärft geistreiches oder
liebliches Gesicht machen. Ein großer Virtuose, suchte er doch
in keinem Tact zeigen zu wollen, daß er es ist. Tondichtungen
wie die Brahms’sche Sonate spielt er anscheinend nur zu
seiner eigensten Befriedigung, wie auf einer weltvergessenen
Insel, wo weit und breit kein Mensch zuhört.