Concerte.
Ed. H. Ueber den Musiken der letzten Woche leuchtete
noch immer das Sternbild Mozart’s. Ein Mozart-Abend des
Quartetts Rosé wurde mit einem Prolog von Richard
Specht eingeleitet, den Fräulein Pospischil vom Burg
theater mit herausfordernd falschem Pathos, also recht un
mozartisch, declamirte. Auch das Festconcert der Gesellschaft
der Musikfreunde hatte seinen eigenen Prolog, gedichtet und
gesprochen, ein bischen auch gesungen von Herrn Fritz
Krastel. Bei aller Werthschätzung ihrer edlen Gesinnung
und schmucken Form kann ich doch nicht verhehlen, daß
dergleichen poetische Festvorreiter mich mehr ernüchtern als
begeistern. Hört man nicht aus solchen Gelegenheitsversen
häufig eine Art Aechzen und Krachen, wie von der An
strengung, etwas Neues aus einem längst ausgeschöpften
Thema herauszuholen? „Es ist mehr Glück in der Welt, seit
Mozart in ihr gelebt und geschaffen hat.“ Dieses einfach
schöne und tiefe Wort, mit welchem Berger’s kurze Prosa
rede anhebt, wiegt Dutzende von zierlich gereimten Prologen
auf. Köstlicheres hätte Herr Rosé uns nicht bescheeren können,
als Mozart’s G-moll-Quintett. Welche Genialität in dieser so
natürlich und gesangvoll hinfließenden Musik! Wie trägt uns
jede Welle so leicht und glücklich weiter! Jeder Tact des Quintetts
ist echter Mozart — und dennoch glauben wir darin eine unter
irdische verhüllte Strömung rauschen zu hören, die auf Kom
mendes hinweist: auf Beethoven und Spohr. Dieses
Quintett, welches Franz Schubert in einem Tagebuchblatt
voll schwärmender Seligkeit preist, wurde von Herrn Rosé
und seinen Genossen fein und sorgfältig gespielt. Die tiefe
Empfindung und Poesie, mit welcher vordem der ältere
Joseph Hellmesberger das Andante verklärt hat, ist
freilich von keinem seiner Nachfolger erreicht worden. Neben
dem G-moll-Quintett machte Mozart’s Clavierquintett in
Es natürlich eine bescheidenere Figur. Dergleichen war seiner
zeit nicht für öffentlichen Concertvortrag berechnet, sondern
für häusliche Kreise und eine mäßige Fertigkeit. Und doch
fand der Leipziger Verleger Hofmeister die Mozart’schen
Clavierquartette „zu schwer“ und wollte sie nicht drucken.
Wie riesig haben seither die Ansprüche an die Claviertechnik,
selbst der Dilettanten, sich gesteigert! Fräulein Lilli v. Weil,
welche den Clavierpart spielte, zeigte sich ihrer Aufgabe voll
kommen gewachsen. Es war hübsch, zu beobachten, wie der
schwere Ernst, den das Lampenfieber auf ihr anmuthiges
Gesicht gedrückt hatte, bei dem Schlußapplaus des Publicums
endlich löste und sein verlorenes Lächeln wiederfand.
Von den beiden durch die Gesellschaft der
Musikfreunde veranstalteten Mozart-Festconcerten war
das erste geistlicher Musik gewidmet, das zweite weltlicher.
Das „Ave verum“ gehört zu jenen Wunderwerken reinster
Schönheit, wie sie kaum in Einem Jahrhundert einmal er
scheinen. Es ist wie das Requiem in Mozart’s Todesjahr
componirt, und zwar in Baden, wo Mozart auf Besuch bei
seiner kranken Frau verweilte. Auf das „Ave verum“ folgte
das Requiem, um dessen gelungene Aufführung sich der
Dirigent Herr W. Gericke und der Wiener Singverein,
dann die Damen Ehrenstein und Körner, die Herren
Walter und Grengg als Solosänger verdient gemacht
haben. Der tragische Fall, daß ein Sterbender eine Todten
messe schreibt und mitten in der Arbeit hinüberschlummert,
hat sich bei einem anderen Salzburger Meister und Freunde
der Mozart’schen Familie wiederholt. Michael Haydn
(der jüngere Bruder Joseph Haydn’s) componirte ein Requiem
in demselben bestimmten Vorgefühle wie Mozart, er schreibe
es zu seiner eigenen Leichenfeier. Haydn († in Salzburg am
10. August 1806) kam aber nur bis zur Stelle „Liber
scriptus proferetur“ im Tuba mirum, während Mozart
seine Partitur-Anlage bis zum letzten Vers des „Hostias“
eigenhändig noch zu schreiben vermochte. Die jüngste Auf
führung hat ohne Zweifel bei vielen Zuhörern die Erinne
rung an den einst so heftig geführten Streit über die „Echt
heit“ des Mozart’schen Requiems wachgerufen. Die Schriften
und Gegenschriften in diesem musikalischen Proceß bilden
einen ansehnlichen Actenstoß, durch welchen sich durchzu
arbeiten nicht Jedermanns Sache ist. In der großen Breit
kopf’schen Gesammt-Ausgabe ist durch die Anfangsbuchstaben
M. und S. deutlich ersichtlich gemacht, was in dem Requiem
von Mozart und was von Süßmeyer’s Hand ge
schrieben vorliegt. Nach dem von Brahms ver
faßten Revisions-Berichte steht fest, daß Mozart den
ganzen ersten Satz und die Partitur-Anlage der
Sätze 2 bis 9 eigenhändig niedergeschrieben hat. Diese
Anlage hat sein Schüler und musikalischer Amanuensis
Süßmeyer „mit ebenso viel Fleiß wie Pietät ergänzt“.
Gegen die Annahme, daß die drei letzten Sätze (Sanctus,
Benedictus und Agnus Dei) vollständig von Süßmeyer’s
Erfindung sind, bestehen zwar Vermuthungen, aber kein
strenger Gegenbeweis. Aus inneren Gründen wird es uns
allerdings sehr schwer, zu glauben, das herrliche „Agnus
Dei“ sei nicht von Mozart. A. B. Marx, dem gewiß
ein feiner kritischer Spürsinn eignete, urtheilte über diesen
Satz: „Hat das Mozart nicht geschrieben, nun wolan! so
ist der, der es geschrieben, Mozart.“ In neuester Zeit hat
G. Pressel behauptet, Süßmeyer habe auch die letzten
Sätze des Requiems keineswegs selbstständig erfunden, son
dern auf Grundlage von Skizzen, die Mozart auf kleine
Blättchen geschrieben hatte, ausgearbeitet. So lange für diese
Annahme nicht positive Beweise erbracht sind, stehen wir
bezüglich der drei letzten Sätze durchaus noch auf dem Bo
den der Vermuthung, was uns nicht hindern kann, mit
Otto Jahn, Marx und den besten von Mozart’s Zeitgenossen
das Requiem der Hauptsache nach als eine echt Mozart’sche
und Mozart’s würdige Schöpfung anzusehen.
Während wir dies niederschreiben, erhalten wir den soeben
erschienenen zweiten Band der classischen Mozart-Biographie von
Otto Jahn in der von H. Deiters bearbeiteten und ergänzten
dritten Auflage. (Leipzig, bei Breitkopf & Härtel.) Damit ist
diese neue, zweibändige Auflage, welche durch Deiters’ Zusätze und
Berichtigungen einen selbstständigen Werth beanspruchen kann, zur
Freude aller Mozart-Verehrer vollständig. Wir werden uns ge
legentlich damit eingehender beschäftigen.
Mit seinen letzten Werken, der Zauberflöte und dem
Requiem, stand Mozart in der Vollkraft seines Schaffens,
auf der Höhe seiner Meisterschaft. Wer kann sagen, daß
Mozart bei längerem Leben nicht ebenso Schönes oder
Schöneres, vielleicht ungeahnt Neues noch geschaffen hätte?
Wer vermöchte, Mozart’s und Schubert’s gedenkend, den
bequemen, falschen Trostspruch nachzubeten, daß jeder Mensch
zur rechten Zeit sterbe, sobald er seine Mission erfüllt hat?
Was ist denn die „Mission“ eines Künstlers? Das, was
er noch schaffen will und schaffen kann. Etwa von einem
Reitknecht, der zusammenstürzt, nachdem er die ihm anver
traute Depesche übergeben, ließe sich sagen, er habe seine
Mission erfüllt. Kann man sich wirklich vorstellen, daß
Mozart und Schubert, wenn ihnen die Jahre Händel’s,
Bach’s, Haydn’s vergönnt gewesen wären, etwa die zweite
Hälfte ihres Lebens nach der angeblich „vollendeten Mission“
thatlos und talentlos verträumt hätten? Nein, mit ihnen
sind ungeborene Wunderwerke zu Grabe gegangen, und die
sem Verluste kommt kein Brand von Alexandrien gleich.
Die Natur ist völlig gleichgiltig gegen einzelnes Menschen
schicksal; sie ist weder gnädig, noch grausam. Am allerwenig
sten ist sie so wachsam und weise, daß sie jeden Menschen
„zur rechten Zeit“ niederstreckt, genau wann er „seine Mis
sion vollendet hat“.
In dem zweiten Festconcert bildete die Ouvertüre zur
„Zauberflöte“ das stolze, königliche Portal, durch das wir
zu anderen Mozart’schen Schöpfungen verschiedenartigen
Styls und Umfangs eingingen. Zuerst eines der schönsten,
zugleich das bekannteste der Mozart’schen Clavierconcerte
(D-moll), das ein talentvoller junger Pianist, Herr
Guido Peters, mit großem Beifall spielte. Wir hätten
aus seinem technisch wie musikalisch sehr tüchtigen Vortrag
nur einige sentimentale Drucker und schmachtende Verzöge
rungen weggewünscht, die zu der klaren, heiteren Anmuth
Mozart’s nicht recht stimmten. Der aus Leipzig herüber
gekommene Künstler ist ein Oesterreicher, der Sohn des zu
letzt an der Grazer Universität thätig gewesenen verdienst
vollen Professors Peters. In dem überaus schönen ersten
Satz des Concertes für Violine und Viola vereinigten sich
die Herren Hellmesberger jun. und Schwendt zu
feinstem Zusammenspiel. Herr Gustav Walter — wie
hätte er bei einer Mozart-Feier fehlen dürfen! — wurde mit
besonderer Herzlichkeit begrüßt und entzückte die Hörer mit
dem seelenvollen Vortrag der A-dur-Arie Fernando’s aus
„Così fan tutte“. Der Wiener Männergesang-Verein sang
ein angeblich Mozart’sches Abendlied („Wie herrlich sind
die Abendstunden“), das nicht von Mozart ist, sondern eine
unterschobene Composition. Zu Mozart’s Zeit waren Com
positionen für vierstimmigen Männerchor noch nicht im
Schwang; nur die Priesterchöre in der „Zauberflöte“ und
einige Gelegenheitsstücke Mozart’s für die Freimaurerloge
beschränken sich auf Männerstimmen, weil hier wie dort die
Anwesenheit von Frauen selbstverständlich entfiel. Zum
Schlusse gab es sogar eine Novität: die „Symphonie in
Einem Satz“ (G-dur), worin nach Art der älteren Ouver
türen das erste Allegro in einen Andantsatz übergeht, worauf
jenes wieder aufgenommen und durchgeführt wird. In
kleinerem Maßstabe weist die Ouvertüre zur „Entführung“
eine ähnliche Form auf. Die hier zum erstenmale aufgeführte
Symphonie (aus dem Jahre 1779) gehört nicht zu den be
deutenderen, wirkt aber durch echte Mozart’sche Anmuth und
Lebensfrische.
So hätten wir denn im Laufe weniger Tage mehr
Mozart’sche Musik gehört, als uns sonst in drei Jahren ge
boten wird. Es ist uns nicht zu viel geworden; Ohr und
Herz haben sich aufrichtig daran erlabt. Gewiß hat die Musik
seit Mozart große Evolutionen durchgemacht und mit hoch
gesteigerten Mitteln neue Gebiete erobert. Der Umschwung
des Lebens hat uns andere, früher ungekannte Bedürfnisse
eingeimpft, zu deren Befriedigung der klare Quell Mozart’
schen Gesanges nicht ausreicht. Wir können die Meister, die
auf Mozart folgten, nicht entbehren; sie sind — vielleicht
nicht zu unserm Heil — unser musikalisches tägliches Brot.
Mozart erscheint fast nur noch als Feiertagsgericht. Dagegen
mag eifern, wer das Naturgesetz, das auch in der Entwicklung
der Künste waltet, nicht begreift. Beklagen, als einen Ver
armten beklagen müssen wir aber Jeden, den zeitweise Rück
kehr zu Mozart nicht beglückt, wie ein Gruß aus dem ver
lorenen Paradies, und der nicht beim Anhören der G-moll-
Symphonie, des G-moll-Quintetts, des „Don Juan“ oder
der „Zauberflöte“ Alles zu vergessen vermag, was eine neue,
leidenschaftlichere Zeit Bestrickendes geschaffen.
Drei Künstler haben inmitten der großen Mozart-
Bewegung und trotz derselben die allgemeine Aufmerksamkeit
zu fesseln gewußt: Alice Barbi, Eugen d’Albert und
Emil Sauer. Sie brauchen nicht, wie neue Erscheinungen,
beschrieben und gewürdigt zu werden. Das Wiener Publicum
zählt sie zu seinen Lieblingen, und wir selbst waren nicht
lässig in der Pflicht, sie zu besprechen, noch in dem Eifer,
sie so oft wie möglich zu hören. An fertigen Meistern wie
die Barbi und d’Albert sehen wir uns nicht versucht, etwa
neuen „Fortschritten“ derselben nachzuspüren; auch in Hinkunft
dürften schwerlich eingreifende Wandlungen ihrer Auffassung
oder Technik zu gewärtigen sein. Am ehesten noch bei
Sauer, weil er, als der jüngste und unruhigste von ihnen,
ebensowol eine Abklärung und Vertiefung seines Spiels, als
eine Bereicherung seines Repertoires nach der classischen Seite
erwarten läßt. Alice Barbi sah bei ihrem Auftreten alle
Räume des großen Musikvereinssales, sogar das Podium,
dicht besetzt. Um der Sängerin willen freute uns dieser
materielle Erfolg; in unserem Interesse hätte sie lieber
einen kleineren Saal wählen müssen. Der Zauber ihres
Gesangs ist durchaus intimer Art; man muß ihr auch
räumlich nahe stehen, um den Eindruck ihrer Kunst voll
ständig aufzunehmen und zu genießen. Die Stimme der
Barbi, welche niemals durch Fülle imponirt hat, klang über
dies etwas angegriffen; es ist nicht gut, wenn die tonver
zehrende Akustik eines zu großen Locals noch abschwächend
hinzutritt. Trotzdem ist unsere Freude an ihrem Gesang die
selbe geblieben, wie ehedem. Wir hören die Barbi stets mit
einer Art von Andacht; der ideale Hauch, der ihre ganze Per
sönlichkeit umweht, durchdringt auch jeden ihrer Töne. Auch
fühlen wir uns so wohlig sicher, daß kein unschöner Klang,
kein falscher Accent, kein gleichgiltig behandelter Tact uns je
aus der poetischen Stimmung aufschrecken werde. Aus ihrer
Art zu singen spricht eine vollendete Kunst und eine reine,
adelige Seele. In jedem Gesangsstück, das nicht besondere
Fülle und Kraft des Tones erheischt, ist sie meisterhaft,
ob es sich nun um eine anmuthige Neckerei wie Brahms’
„Vergebliches Ständchen“ handelt oder um ein einfach herz
liches Stimmungsbild, wie Schumann’s „Weit, weit!“, oder
um pathetische Klagen, wie in den Arien von Marcello
und Buononcini. Daß sie das Brahms’sche: „Nicht
mehr zu dir zu gehen beschloß ich“ wiederholen mußte, eine
trüb dahinschleichende Meditation ohne jeden sinnlichen Reiz,
ist ein merkwürdiger Beweis für die mächtig angewachsene
Popularität des Componisten. Alice Barbi wurde von einer
englischen Pianistin, Namens Mary Wurm, sehr gut
begleitet.
Herrn Eugen d’Albert haben wir in zwei Concerten
gehört. Das erste gewährte den seltenen Genuß, einen großen
Virtuosen den ganzen Abend hindurch mit Orchesterbegleitung
spielen zu hören. Eine starke Aufgabe, Beethoven’sG-dur-
Concert, das in E-moll von Chopin und das Liszt’sche
in Es-dur hinter einander vorzutragen. d’Albert ist ein so
großes Talent, daß es sich beinahe nicht schickt, ihn zu loben.
Genug, daß er in den drei von einander so grundverschie
denen Concerten sich gleicherweise als Meister gezeigt hat.
Auch seiner im Bösendorfer-Saal gegebenen Soirée verdanken
wir einen ungewöhnlichen Genuß, wenngleich das Programm
uns nur theilweise befriedigen konnte. Mit Recht standen
Bach und Beethoven am Eingang. Eine großartigere tech
nische Leistung wird man kaum zu hören bekommen, als
d’Albert’s Vortrag der Bach’schen Orgelfuge sammt Prä
ludium (D-dur); welch bewunderungswürdige Deutlichkeit
des Details bei so großer, herrlicher Klangfülle! Auch
Beethoven’s „Waldstein-Sonate“ (deren Rondo d’Albert nicht
so rasch nimmt, wie die meisten Concertspieler) wirkte
mächtig durch die unvergleichliche Plastik und den männlichen
Ernst des Vortrages. Die zwei Sätze aus J. Raff’s
„Suite op. 91“ hätten wir dem Concertgeber gern
geschenkt; unerquickliche, zerfahrene Musik, ohne eigene
Gedanken, aber von großer Länge und großer Prätension.
Wie beglückend klang unmittelbar danach das G-dur-
Impromptu von Schubert, welches d’Albert zu singen
weiß wie kein Zweiter! Am stärksten eingeschlagen hat ein
Strauß’scher Walzer, zu einem der schwierigsten modernen
Bravourstücke von Tausig umgestaltet. Als Seitenstück dazu
hätten wir uns die „Soirées de Vienne“ gewünscht — eine
musikalisch noch weit geistvollere Bearbeitung Schubert’scher
Ländler von Liszt. Allein d’Albert hatte aus seinem um
fangreichen Liszt-Repertoire eine andere, weniger glückliche
Wahl getroffen. Wenn wir noch die „Irrlichter-Etude“ als
eine glänzende Virtuositäts-Probe d’Albert’s mit in den
Kauf nehmen, das „Sonetto di Petrarca“ (in welcher Liszt
die gedrängteste und geschlossenste aller Dichtungsformen durch
ein haltloses Herumvagiren wiederzugeben vermeint) und die
haarsträubende „Spanische Rhapsodie“ sind kein würdiger
Beschluß eines d’Albert’schen Musikabends. ... Emil
Sauer reicht mit seiner glänzenden Technik nahe an
d’Albert heran, dessen vollendete Selbstbeherrschung und ab
geklärte Ruhe er allerdings noch nicht erlangt hat. Hingegen
besitzt er wieder individuelle Vorzüge, welche ihn manchem
Hörer sympathischer machen; sein Ton ist weicher, wärmer,
sein Vortrag temperamentvoller. Wie übermäßige, also krank
hafte Nervosität jede Kunst ruinirt, so erscheint sie in be
scheidenem Maße heutzutage fast nothwendig, um das
Fluidum musikalischer Erregung in den Hörer überströmen
zu machen. Diese Nervosität durchzittert Sauer’s Spiel,
macht es zeitweilig ungleich, unruhig, oft aber hinreißend.
Wer Sauer öfter gehört hat, kann ihn unmöglich zu den
lärmenden Kraftvirtuosen zählen; er gehört vielmehr zu den
zarten poetischen Spielern, die in der Lyrik Chopin’s,
Schubert’s, Schumann’s ihr Bestes leisten. Nur ausnahms
weise, wo brutale Effectstücke wie Liszt’s „Tannhäuser“-
Ouvertüre und „Lucrezia Borgia“-Phantasie den Spieler
erbarmungslos zur äußersten Kraftentfaltung nöthigen, be
kommt auch Sauer die Tobsucht. Von seinem Beethoven-
Spiel waren wir nicht durchwegs befriedigt. Hat er denn,
so höre ich fragen, die Sonate pathétique nicht schön ge
spielt? Gewiß, nur zu schön. Das heißt, er hat auf Neben
dinge, Passagen, Verzierungen eine auffallende Zierlichkeit
und virtuose Glätte verwendet, welche zu dem pathetischen
Charakter des Ganzen nicht recht stimmen wollten. Ein
ernster, von großen Gedanken erfüllter Mann wird nicht
daran denken, mit seinen Ringen oder Brillantknöpfchen be
sonders glänzen zu wollen. Wenn ein Virtuose Einzelheiten,
insbesondere schmückende, bei Beethoven durch üppigen An
schlag, perlendes Staccato, raffinirt ausgeklügeltes Cres
cendo oder Diminuendo in eine zu helle Beleuchtung
rückt, so werden wir sagen, daß er diese Nebendinge zu
schön macht und dadurch den einheitlichen großen Zug des
Ganzen verstört. In der zu langsam genommenen Einleitung
will Sauer das „Pathetische“ der Sonate noch pathetischer
machen, als nothwendig; das aufstürmende Thema des Allegro
bringt er nicht nachdrücklich gehämmert, wie es dem Cha
rakter des Stückes entspricht, sondern in zierlich hüpfenden
Staccato — von anderen Einzelheiten zu schweigen. Gewiß
wird Sauer, ein ebenso begabter wie ernster Künstler, sich
noch tiefer in solche Aufgaben einleben und Beethoven so dar
stellen, daß wir gar nicht merken, wie schön er spielen kann.
Bei Hellmesberger hat Sauer zum erstenmale in seinem
Leben Brahms gespielt (das Trio op. 8), und zwar mit
so zündender Wirkung, daß wir die Hoffnung daran knüpfen,
er werde sich fortan mehr mit Brahms’ Compositionen be
schäftigen. ... Unter den hiesigen jungen Pianisten und
Pianistinnen, die jetzt in bedenklich großer Zahl zu concertiren
beginnen, ist Fräulein Marie v. Timoni mit besonderer
Auszeichnung zu nennen. Wir haben sie bereits im vorigen
Jahre als ein echtes bedeutendes Talent begrüßt, dem die
Musik nicht blos in den Fingern, sondern im Kopf und
Herzen sitzt.