Ein Buch von
Rubinstein
Ed. H.
„Die Musik und ihre Meister.“ Eine Unterredung
von Anton Rubinstein, Leipzig, bei Bartholf Senff, 1891.
Begierig sehen wir alle Musikfreunde auf ein
Buch losstürzen, in welchem Anton Rubinstein seine An
sichten über Musik und Musiker, von Bach bis auf Wagner
entwickelt. Sie werden, um das gleich herauszusagen, ihre
Neugierde nicht zu bereuen haben. Ein seit fünfzig Jahren
ruhmvoll thätiger Meister, der über dem Beifall des Tages
nicht vergessen hat, über seine Kunst und deren Wandlungen
ernsthaft nachzusinnen, kann im Alter uns kaum ein besseres
Geschenk machen, als mit der Niederschrift seiner Ansichten und
Erfahrungen. Wie umfassend Rubinstein die gesammte Clavier-
Literatur beherrscht, weiß man aus seinen Concertprogrammen;
außerdem hat er als schaffender Künstler fast alle Gattungen
Musik selbst cultivirt, von der Oper und dem Oratorium
bis zur Etude und dem einfachen Lied. Viel gereist und
überall zu Hause, konnte er die Musik und das Musiktreiben
aller Nationen an Ort und Stelle studiren. Mit alledem
wäre uns noch wenig gedient, wenn der Autor, nach allen
Seiten Rücksicht übend, seine Urtheile gewunden und diplo
matisch verhüllt aussprechen würde. Die schmucklose voll
kommene Aufrichtigkeit ist aber ein Hauptverdienst des
Rubinstein’schen Buches. Rubinstein gilt für einen offenen,
bis zur Schroffheit aufrichtigen Charakter. Die ihn
vergötternde Damenwelt behauptet freilich, daß er
außerordentlich liebenswürdig sei — ich selbst habe
nie etwas davon gemerkt — finden doch die Frauen an
einem berühmten Künstler selbst die Grobheit liebenswürdig.
In einer autobiographischen Skizze sagt er von sich selbst:
„Ich bin ein aufbrausender und dazu rauher Charakter;
weil ich meine Sache heiß liebe, nehme ich Alles sehr zu
Herzen.“ Das prägt sich auch in seinem Buche aus und ge
deiht ihm zum Vortheil. Rubinstein zeigt sich darin weder
eitel noch boshaft, denn von sich selbst spricht er mit keiner
Sylbe und von anderen lebenden Componisten ebensowenig.
„De vivis nil nisi bene,“ bemerkt er, und da ihm die
Lebenden nicht sonderlich sympathisch sind, so schweigt er sich
über dieselben gründlich aus. Auf Eleganz des Styles legt
er wenig Werth, aber in seinen nachlässigsten Sätzen findet
man werthvolle Gedankenkörner. Rubinstein tritt heute nicht
zum erstenmal als Schriftsteller auf; er hat hin und wieder
für eine ihn lebhaft interessirende Frage zur Feder gegriffen,
in Journal-Artikeln über „die Geistliche Oper“, über
„Russische Componisten“, über „die Herausgabe der musika
lischen Classiker“. Zum erstenmal erscheint er aber jetzt mit
einem Buche von weitausgreifendem Inhalt. Er hat es selbst
in russischer und in deutscher Sprache geschrieben; gleich
zeitig erscheint es in französischer und englischer Uebersetzung.
Die ersten Abschnitte waren schon im Sommer 1890 in
Badenweiler beendet, die letzten kamen ein Jahr später in
Petersburg hinzu. Man sollte eher glauben, das Buch sei
in Einem Zuge niedergeschrieben oder vielmehr dictirt; es
klingt wie gesprochen. Ohne Unterabtheilungen, ohne Pausen
fließt es ununterbrochen fort wie eine Improvisation.
Rubinstein nennt seine Schrift „eine Unterredung“, und
das ist sie auch. Sie nimmt ihren Ausgang von dem Besuche
einer Dame, die in Rubinstein’s Musikzimmer die Büsten
von Bach, Beethoven, Schubert, Chopin und
Glinka erblickt. „Warum blos diese,“ fragt sie, „ver
ehren Sie denn Mozart nicht?“ Rubinstein antwortet:
„Himalaya und Chimborasso sind die höchsten Spitzen der
Erde, damit ist nicht gesagt, daß der Montblanc ein kleiner
Berg sei.“ Ihm gilt überhaupt die Oper, die ja Mozart’s
Hauptfach gewesen, als eine untergeordnete Gattung. Nie sei
in einer Oper eine Tragik erklungen oder könne erklingen,
wie eine solche in den schönsten Adagios von Beethoven er
klingt, kein Requiem (auch das Mozart’sche nicht) mache einen
so erschütternden Eindruck, wie der zweite Satz aus Beethoven’s
Eroica. Die menschliche Stimme stellt der Melodie Grenzen,
was die Instrumentalmusik nicht thut und was die mensch
lichen Seelenstimmungen, sei es Freude oder Trauer, auch
nicht zulassen. Die stärksten Gefühle sind wortlos. Von den
Componisten, die blos Gesangmusik schreiben, also bestimmte
Texte in Musik setzen, sagt Rubinstein witzig: „Sie kommen
mir vor wie Leute, die blos das Recht haben, ihnen gestellte
Fragen zu beantworten, nicht aber selbst zu fragen oder sich
zu äußern, sich auszusprechen.“ Die Symphonie steht höher
als die Oper; das Publicum freilich zieht letztere vor, weil
es sie leichter versteht, aber die Instrumentalmusik ist die
Seele der Musik. Auch sie ist eine Sprache; der Vor
tragende hat ihre Hieroglyphen zu entziffern. Rubinstein
erklärt seinen Satz durch einige Beispiele aus Beethoven und
Chopin, was die Dame zu der Frage veranlaßt, ob er denn
Anhänger der Programm-Musik sei? „Nicht ganz,“ ant
wortet er; „ich bin für das zu errathende und hinein
zudichtende, nicht für das gegebene Programm bei einem
Musikstück.“ Es sind, meines Erachtens, durchaus gesunde
und richtige Ansichten, die Rubinstein hier, wenn auch in
aphoristischer Form, ausspricht.
Rubinstein beschreibt nun in großen Zügen die Ent
wicklung der Musik. Interessant ist die von ihm vorgenom
mene Periodisirung. Er nennt die Zeit bis zur zweiten
Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts für die Musik als
Kunst eine prähistorische Zeit und erkennt auch die
niederländische Epoche nur als eine „wissenschaftliche Epoche“.
Palestrina’s Kirchen-Compositionen sind die ersten Kunst
werke, solche nämlich, in welchen das Wissenschaftliche auf
hört, allein maßgebend zu sein, und sich eine Seelenstim
mung zu erkennen gibt. Aber erst durch Bach und Hän
del gewinnt die Musik ihren ebenbürtigen Rang unter den
Künsten. In ihnen erscheint die Musik auf einmal in einer
Pracht, einer Vollendung, die dem „Es werde Licht!“ gleich
kommt. Von Beiden steht ihm Bach ungleich höher, weil
ernster, gemüthvoller, tiefer, erfinderischer — aber die Er
gänzung der Musikkunst in damaliger Zeit ist durch Ver
einigung beider Namen bedingt. Rubinstein charakterisirt
sie mit dem Wort: Bach ist ein Dom, Händel ein
Königsschloß. In ihnen erblickt er den Culminationspunkt
jener ersten Epoche der Musikkunst, die mit Palestrina be
ginnt und die „Orgel- und Vocal-Epoche“ heißen kann. Für
Rubinstein ist die Musik schlechthin eine deutsche Kunst,
da er nur in der sich immer mehr und mehr entwickelnden
Instrumentalmusik, die nur in Deutschland gedieh,
den eigentlichen Fortschritt der Musikkunst erblickt. Der
Vater der zweiten (instrumentalen) Epoche ist Ph. Ema
nuel Bach. An Genialität seinem Vater nicht ebenbürtig,
war er hingegen der Repräsentant einer neuen Zeit, neuer
Anschauungen in der Kunst. Treffend ist hier die Bemer
kung: „Es ist überhaupt irrthümlich, in der Musik zu sagen,
der hätte die Oper, der die Symphonie, der das Streich
quartett u. s. w. geschaffen. Alles ist durch sehr Viele und
erst nach und nach entstanden, immer aber kam dann Einer,
der das Schönste in der Gattung geboten hat und somit der
Namensträger dieser Gattung wurde.“ Ph. Em. Bach bildet
die Brücke zwischen Sebastian Bach und Haydn — und
zwar zieht somit die Musik von Norddeutschland nach Wien.
Haydn sei eine bedeutende Persönlichkeit in der Kunst, aber
dabei immer nur der liebenswürdige, lächelnde (mitunter
sarkastisch), zufriedene, sorglose alte Herr. So wie Haydn
als der alte Haydn Typus ist, so kann Mozart als
der junge Mozart Typus genannt werden. Rubin
stein spricht mit Enthusiasmus von ihm. Mit Recht nennt
er Gluck im Vergleiche zu Mozart „steinern“.
Die Dame kann nicht begreifen, wie Rubinstein, bei so
überschwänglicher Bewunderung Mozart’s, einem Andern
als ihm die Palme reichen könne? Die Antwort ist schlagend:
„Die Menschheit lechzt nach einem Gewitter — sie fühlt,
daß sie austrocknen kann bei dem ewigen Sonnenschein des
Haydn-Mozartthums — sie verlangt sich ernst zu äußern,
sie sehnt sich nach Handlung, sie wird dramatisch — es er
dröhnt die französische Revolution — Beethoven er
scheint!“ Für Rubinstein ist „Fidelio“ die schönste bis heute
existirende Oper, „weil sie das wahre Musikdrama in
jeder Beziehung ist, weil bei aller Wahrheit der musikali
schen Charakteristik immer schönste Melodik erklingt, weil bei
allem Interesse des Orchesters dieses immer die Personen
auf der Bühne sprechen läßt, weil jeder Ton darin aus dem
Tiefsten und Wahrsten der Seele“ kommt. Hingegen zählt
er die „Missa solemnis“ nicht zu Beethoven’s größten
Schöpfungen, weil wir in der ganzen Composition einen
Menschen hören, der mit Gott spricht, mit Gott rechtet,
nicht aber zu ihm betet. Ob denn mit Beethoven
Anfang und Ende in der Musik ausgesprochen sei? Nicht
ganz, meint Rubinstein. „Beethoven hat uns in seinem
Fluge zu den Sternen mit hinaufgenommen, von unten
aber ertönt ein Gesang: „Kommt doch herunter, auf der
Erde ist es ja auch so schön!“ Diesen Gesang singt
uns Schubert!“ Wie hübsch ist das empfunden und ge
sagt! Rubinstein sieht in Beethoven den Culminations
punkt der zweiten Epoche der Musikkunst und in Schu
bert den Vater der dritten (lyrisch-romantischen) Epoche.
Ueber Rubinstein’s Behauptung, Schubert sei ganz und gar
nicht von Beethoven beeinflußt in seinem musikalischen
Schaffen, ließe sich streiten (auch über manchen anderen
Punkt) — allein wir haben es in dieser Anzeige nicht auf
Polemik abgesehen. Mit vollem Rechte rühmt er von Schu
bert: dieser erst habe das Stimmungslied geschaffen,
welches vom Herzen kommt und zum Herzen dringt, und
Keiner habe seither an ihn hinangereicht. Auf den Einwurf,
Schubert habe sehr wenig gefeilt an seinen Werken, hat
Rubenstein die reizende Antwort: „Gott hat das Weib ge
schaffen, gewiß das Schönste in der Schöpfung, aber
voller Fehler — er hat nicht gefeilt an ihr, in der
Ueberzeugung, daß sie alles Fehlerhafte an sich durch ihren
Reiz aufwiegen wird — so Schubert in seinen Compo
sitionen; seine Melodik wiegt alle Mängel auf, wenn deren
wirklich vorhanden sind.“ „Nein und noch tausendmal,“ so
schließt dieser Absatz, „Bach, Beethoven und Schubert sind
die höchsten Spitzen der Musik!“
Es folgt nun in Rubinstein’s „Unterredung“ eine Art
Intermezzo — über die Oper in Italien, Frankreich und
Deutschland — das weniger Interessantes bringt. Auf
Mendelssohn übergehend, sagt Rubinstein: „Ich möchte
sein Schaffen als den „Schwanengesang der Classicität“ be
zeichnen. Mendelssohn’s Musik hat freilich keine Thränen,
keine Seelenstürme, keine Bitterkeit — aber er steht hoch in
meiner Meinung, weil er Schönes, Vollendetes in Hülle
und Fülle geschaffen und weil er die Instrumentalmusik vom
Untergang gerettet hat.“ Schumann ist inniger, wärmer,
seelischer, als Mendelsohn; sein Clavierconcert in A-moll
ist ebenso ein Unicum, wie das Mendelssohn’sche Violin
concert. Aber „der Claviergeist, die Clavierseele ist
Chopin“. Dieser ist der letzte Vertreter der dritten
(lyrisch-romantischen) Epoche, die mit Schubert beginnt und
zu Weber, Mendelssohn, Schumann fortschritt. Bemer
kenswerth ist, daß Rubinstein die Componisten Raff, Gade,
Brahms, Bruch und Goldmark nicht zu der vierten
(Liszt-Wagner’schen) Epoche zählt, sondern zur dritten
(Schumann-Chopin’schen), „erstens des Charakters ihres
Schaffens halber, zweitens ihrer musikalischen Erziehung
halber“. Uebergehen wir Rubinstein’s Aeußerungen über den
ihm besonders theuren Landsmann Glinka, der gewiß zu
den originellsten Talenten, aber, wie ich glaube, nicht zu
großen Meistern zählt. Wichtiger ist uns, was Rubinstein
von den Trägern der neuen Aera, der vierten Epoche der
Musikkunst, sagt: Berlioz, Wagner und Liszt. Von
allen Dreien sei Berlioz der Interessanteste, schon der
Zeit wegen, in welcher er erschien (in den Dreißiger-Jahren),
und weil er nicht Neuerer geworden ist, sondern gleich
anfangs als solcher auftrat, „Blendend colorirt, effectvoll,
interessant ist Alles von ihm, aber Alles reflectirt, klügelnd,
weder schön noch groß, weder tief noch hoch — und spielen
Sie irgend eine Composition von ihm auf dem Clavier,
sogar vierhändig (also tonreich), das heißt nehmen Sie ihr
das Colorit der Instrumentation, und es bleibt — nichts;
aber spielen Sie die Neunte Symphonie von Beethoven auf
dem Clavier, sogar zweihändig (also tonarm), und Sie werden
überwältigt sein durch Gedankengröße und seelischen Ausdruck!“
Neben Berlioz sei Wagner „auch höchst interessant, sehr
werthvoll, aber schön oder groß, tief oder hoch in specifisch
musikalischer Beziehung nicht“. Höchst unsympathisch sind
RubinsteinWagner’s Kunstprincipien, die er in Folgendem
kurz charakterisirt: „Er (Wagner) spricht von einer Ge
sammtkunst (Vereinigung aller Künste für die Oper);
ich finde, daß man dadurch keiner von ihnen ganz gerecht
werden kann. Er befürwortet die Sage (das Uebernatür
liche) als Stoff zu Operntexten; meines Erachtens ist die
Sage immer eine kalte Aeußerung der Kunst — es mag
ein interessantes, auch poetisches Schaustück sein, aber nie
ein Drama, denn mit übernatürlichen Wesen können wir
nicht mitfühlen. Das Leitmotiv für gewisse Persönlich
keiten oder Situationen ist ein so naives Verfahren, daß es
eher ins Komische führt, als ernsten Sinn beanspruchen
kann. Das Ausschließen der Arien und Ensembles in
einer Oper ist psychologisch nicht richtig; die Arie in der
Oper ist dasselbe, was der Monolog im Drama — die
Seelenstimmung einer Person vor oder nach gewissen Be
gebenheiten, so auch das Ensemble die Seelenstimmung
mehrerer Personen; wie kann das ausgeschlossen werden?
Ein Liebesduett, wo kein Moment der gleichen Beseligung
(Zusammensingen) vorkommt, kann nicht ganz wahr sein.
Das Orchester in seinen Opern ist des Guten zu viel,
es vermindert das Interesse für den gesanglichen Theil;
und obwol es, seinen Intentionen nach, das aus
drücken soll, was im Innern der handelnden Personen
vorgeht, da sie es ja selbst nicht aussprechen, so ist
eben diese ihm zugetheilte Wichtigkeit vom Uebel, denn sie
macht das Singen auf der Bühne beinahe entbehrlich; oft
möchte man sich sein Schweigen ausbitten, um die auf der
Bühne anzuhören. Es gibt wol schwerlich ein interessanteres
Orchester in einer Oper, als das im „Fidelio“, aber da
empfindet man keinen Augenblick dieses Bedürfniß. — Das
Unsichtbarmachen des Decorationswechsels durch auf
steigenden Dampf ist geradezu unausstehlich. Das unsicht
bare Orchester ist eine hyperideale Anforderung, die für
keine anderen Opern, ja selbst nicht für die seinigen, stich
hältig ist. Schon der dumpfe Klang des Orchesters bei dieser
Neuerung macht sie nicht wünschenswerth. Das Sehen des
Capellmeisters oder der Orchester-Musiker ist durchaus nicht
so schrecklich, daß man deßhalb den rein musikalischen Effect
der Klangschönheit einbüßen soll.“ Später fährt Rubinstein
fort: „Die Infallibilitäts-Erklärung des Papstes hat so
Manchem die katholische Religion verleidet. Würde Wagner
seine Opern componirt und aufgeführt haben, ohne sich selbst
über sie in seinen Schriften auszusprechen, man würde sie
loben, tadeln, liebgewinnen oder nicht, wie es jedem Com
ponisten ergeht — aber sich für den allein Seligmachenden
erklären, das erweckt Opposition und Protest. Wol hat er
Beachtenswerthes geschrieben („Lohengrin“ „Meistersinger“
und die „Faust“-Ouvertüre sind mir die liebsten seiner Werke),
aber das Principielle, Reflectirte, Prätentiöse in seinem
musikalischen Schaffen verleiden mir das Meiste. Alle Perso
nen in seinen Opern schreiten einher auf Kothurn (im
Sinne des Musikalischen), immer declamirend, nie sprechend,
immer pathetisch, nie dramatisch, immer als Götter oder
Halbgötter, nie als Menschen, als einfache Sterbliche. Alles
macht den Eindruck des sechsfüßigen Alexandriner-Verses,
des kalten, gezwungenen Stabreims. Verschiedenheit der
musikalischen Charakteristik mangelt daher gänz
lich — weder eine Zerline noch eine Leonore sind
bei ihm denkbar. Nie zeichnet bei ihm die Melodie, der
musikalische Gedanke die Person; immer thut es nur das
Wort (das Leitmotiv zeichnet blos das Aeußerliche der
Person, nicht ihr Inneres). Sein Orchester ist wol neu
und imponirend, aber auch nicht selten monoton, der Oeko
nomie und Mannigfaltigkeit in der Schattirung entbehrend,
weil Wagner vom Anfang bis zum Ende eines Werkes mit
allen ihm zu Gebote stehenden Farben (musikalisch) malt.
— Jede Kunst hat ihre eigenen Lebensbedingungen, ihre
besonderen Anforderungen, ihre Begrenzung u. s. w., so
auch jede Kunstgattung. Aus einer Oper etwas Anderes
machen zu wollen, als eine Oper, mag wol sehr interessant
sein, aber es annullirt eben die Oper. Es kommt mir vor,
wie die Sucht der Claviermacher, Streich- oder Blasinstru
mente ins Clavier hinein zu fabriciren, um den Ton zu
verändern oder zu verlängern — ein ganz unnützes Be
ginnen.“
Ueber Liszt schreibt Rubinstein: „Dämon der
Musik möchte ich ihn nennen! Versengend durch Gewalt,
berauschend durch Phantastik, berückend durch Liebreiz, alle
Formen auf- und annehmend, Alles kennend und könnend,
aber — in Allem falsch, unwahr, auflehnend, comödiantisch
und das böse Princip in sich tragend. Seine Virtuosen-
Periode war seine Glanzperiode. Sein Clavierspiel an
langend, sind Worte viel zu arm, um es zu bezeichnen —
unvergleichlich in jeder Beziehung, Culmination alles dessen,
was Claviervortrag überhaupt zu bieten vermag! Seine
Componisten-Periode, von 1853 an — die ist
trauriger Art. Bis aufs Aeußerste geführte Programm-Musik,
ewiges sich gebärden; in seinen Kirchen-Compositionen
vor Gott, in seinen Orchesterwerken vor dem Publicum —
immer und in Allem Gebärdung.“ In Berlioz, Wagner
und Liszt sieht Rubinstein die Compositions-Vir
tuosen — im Sinne des specifisch musikalischen Schaffens
kann er keinen von ihnen als Componisten anerkennen. Es
fehle allen Dreien die Naivetät; ihr Einfluß auf die heutigen
Componisten sei bedeutend, aber unheilsam. So ist denn für
Rubinstein mit dem Tode Schumann’s und Chopin’s
das Ende der Musik gekommen. „Finis musicae!“ ruft er
schmerzlich aus. „Es ist mein vollkommener Ernst — ich
spreche beziehentlich des musikalischen Schaffens, der Me
lodie, der Gedanken; heute wird wol Interessantes,
vielleicht auch Werthvolles geschrieben, aber Schönes, Großes,
Tiefes, Hohes nicht. Der Beweis dafür die Ueberhandnahme
des Colorits auf Kosten der Zeichnung, der Technik auf Kosten
der Gedanken, des Rahmens auf Kosten des Bildes.“
Von dem reichen Inhalt des Rubinstein’schen Buches
ist es kaum die Hälfte, was ich hier in knappem Auszug
mitgetheilt oder nur angedeutet habe. Die „Unterredung“
verbreitet sich noch ziemlich ausführlich über das Virtuosen
thum, die „Objectivität“ des Vortrags, über das viele Musi
ciren, über die Frauen in der Musik, die Concertprogramme
und Dirigenten, die Wunderkinder, den Kirchenstyl, die Con
servatorien, die Classiker-Ausgaben u. s. w. — lauter Fragen
von actuellem Interesse, welche Rubinstein so ernsthaft über
dacht hat, wie er sie geistreich, unbefangen und amüsant be
antwortet. Ganz abgesehen von der persönlichen Befriedigung,
die mir Rubinstein’s Buch durch so vielfache Uebereinstim
mung mit meinen eigenen Ansichten gewährte, drängt es mich,
dasselbe allen Musikern und Musikfreunden als eine durch
aus anregende Lectüre zu empfehlen.