Concerte.
Ed. H. Das Quartett Hellmesberger spielte am
letzten Donnerstag vor einer dichtgedrängten und erwartungs
vollen Versammlung. Die Neugierde galt hauptsächlich einem
noch ungedruckten Trio von Brahms für Clavier, Vio
loncell und Clarinette. Schon diese Zusammenstellung der
Instrumente wirkte wie etwas Neues, oder richtiger: als
glückliche Erneuerung einer älteren Praxis. Unsere musikalischen
Voreltern, denen noch so Manches abzulernen wäre, hatten
in ihrer Kammermusik eine viel größere Mannigfalt von
Instrumenten als wir. Man denke nur an Bach’s Concerte
und Sonaten für Flöte, Geige und Clavier, an Händel’s
Trios für zwei Flöten und Baß, zwei Oboën und Baß.
Die Clarinette war als ein neu erfundenes Instrument
damals noch nicht gebräuchlich, ja sogar in Matheson’s
„Neu eröffnetem Orchester“ (1713) noch nicht angeführt.
Ueber sechzig Haydn’sche Symphonien und sämmtliche
Jugendwerke Mozart’s (auch die nächstens hier aufzu
führende Oper „La finta Giardiniera“) entbehren noch der Clari
netten. Unter den Blasinstrumenten führte ehedem die Oboë das
große Wort. Aus Mozart’s späterer Zeit haben wir schon ein köst
liches Kammermusikstück mit Clarinette: das sogenannte Stadler-
Quintett. Beethoven hat bekanntlich in seiner ersten
Periode die Clarinette in einem Clavier-Trio (op. 11) und
einem Clavier-Quintett (op. 16) verwendet, aber seine ganze
spätere Kammermusik auf das Clavier und Streichinstrumente
beschränkt. Der Componist, der zuerst die Clarinette in ihrem
ganzen Umfang und ihrer vollen, charakteristischen Schönheit
zu Wort kommen ließ, war C. M. Weber. Er war förm
lich verliebt in das Instrument und gab ihm die reizendsten
Gesangstellen im Orchester. Für seinen Freund, den treff
lichen Clarinett-Virtuosen Bärmann, schrieb Weber drei
Concerte, außerdem ein Streich-Quintett mit Clarinette und
ein großes Duo für Piano und Clarinette. Seither hat sich
dieses Instrument fast gänzlich wieder ins Orchester zurück
gezogen. Abgesehen von ganz vereinzelten Erscheinungen (wie
Schumann’s kleine „Märchen-Erzählungen“ und Brahms’
Horn-Trio) kann man sagen, daß seit Mendelssohn und
Schumann, also seit einem halben Jahrhundert, die Kammer
musik auf die Mitwirkung von Blasinstrumenten verzichtet.
Es war ein glücklicher Gedanke von Brahms, ihr
wieder ein neues Klangelement beizugesellen, und zwar
das seelenvollste aller Blasinstrumente: die Clarinette.
In seinen beiden neuesten Werken — dem A-moll-Trio und
einem Quintett in H-moll, das wir bei Rosé hören werden
— hat Brahms der Clarinette einen ebenso reizvollen als
charakteristischen Antheil zugemessen. Der erste Satz des
Trio beginnt in idyllischer Ruhe, die sich aber bald zu be
wegterer, sogar leidenschaftlicher Stimmung steigert. Der
ganze Verlauf ist voll feiner, geistreicher Wendungen; blos
die auf- und abrollenden Tonleitern im Durchführungssatz
scheinen mir nicht recht aus dem Ganzen herauszuwachsen
und machen mehr den Eindruck eines „todten Punktes“. In
den elegischen Gesang des Adagio theilen sich meistens das
Violoncell und die Clarinette, deren tiefe Schalmeitöne eine
romantische Dämmerung über das Ganze breiten. Die Perle
des Werkes ist der dritte Satz („Andantino grazioso“ in
A-dur), eine süße, liedartige Melodie von gemüthvoller
Heiterkeit. Der Satz ist so unmittelbar einschmeichelnd, im
edelsten Sinn populär, wie ich wenige von Brahms zu nennen
wüßte. Nach diesem erquickenden kleinen Gedicht erscheint mir das
Finale mehr als das Werk tonkünstlerischer Combination, als
freudigen Schaffens. Jedenfalls kann es sich noch weniger als
die beiden ersten Sätze an Frische und Freiwilligkeit der
melodischen Erfindung mit dem Allegretto messen. Dieses ist
dem Hörer sofort klar und lieb; die Schönheiten der drei
anderen Sätze werden wol, wie so häufig bei Brahms, mit
jeder Wiederholung deutlicher hervortreten und sich bleibend
uns einprägen. Das Trio, in welchem Brahms von dem
Clarinettisten Herrn Syrinek und dem Cellisten Herrn
Ferdinand Hellmesberger vortrefflich unterstützt wurde,
hat außerordentlich gefallen. Bei diesem Anlaß möchte ich
auf zwei neue, soeben bei Peters in Leipzig erschienene Vocal-
Compositionen von Brahms aufmerksam machen. Zuerst
ein Heft mit „Dreizehn Canons für Frauenstimmen“.
Sodann „Sechs Quartette für Sopran, Alt, Tenor
und Baß mit Clavierbegleitung“ op. 112, worunter vier
„Zigeunerlieder“, also eine kleinere Fortsetzung der früher
bei Simrock erschienenen Zigeunerlieder. Eine Besprechung
dieser Novitäten erfolgt am besten erst nach einer öffent
lichen Aufführung derselben. Und diese wird hoffentlich nicht
lange ausbleiben. In London sind die sechs Vocalquartette
mit außerordentlichem Beifall bereits in zwei Concerten
gesungen und jedesmal stürmisch da capo verlangt worden.
Gar zu lange dürfen wir doch nicht gegen die Engländer
zurückbleiben.
Ein Concert nicht von großartigem Inhalt, aber groß
artiger Anziehungskraft war das für den „Pensions
verein des Conservatoriums“ veranstaltete. Joseph
Joachim, der dazu eigens von Berlin hergereist war,
konnte lange nicht den Bogen ansetzen, so anhaltend brauste
der Beifall des ihn begrüßenden Publicums. Endlich be
ruhigte sich die Menge und lauschte dem neuen (dritten)
Violinconcert von Max Bruch, das kürzlich von Joachim
zuerst in die Welt eingeführt worden ist. Bruch ist durch
seine zwei bekannten Violinconcerte in G-moll und D-moll
ein Liebling und fast unentbehrlicher Nährvater aller Geigen
virtuosen geworden. Sein drittes Concert (ebenfalls in
D-moll) dürfte, ohne die beiden Vorgänger zu verdrängen,
wol gleichfalls ein fester Bestandtheil des bekanntlich recht
knapp ausgestatteten Violin-Repertoires werden. Ohne auf
Originalität und Ideenreichthum besonderen Anspruch zu
machen, steht es doch tüchtig und ansprechend in vornehmer
Haltung da, das Werk eines guten und effectkundigen
Musikers. Die Solopartie ist durchaus violingemäß und
sehr dankbar gesetzt; eine zur „Cadenz“ einladende Fer
mate wird der Virtuose nicht schwer vermissen, findet
er doch in seinem Part die auserlesenste Bravour. Von
dem leidenschaftlich düstern, etwas zu lang ausgedehnten
ersten Satz hebt sich das sanfte melodiöse Adagio in B-dur
— das beste Stück — sehr glücklich ab; das Finale wirkt
durch seine stramme Rhythmik und stürmisches Passagenwerk.
Joachim scheint an dem Abend ermüdet oder aufgeregt
gewesen zu sein; es läßt sich nicht verhehlen, daß er in dem
Bruch’schen Concert häufig unrein spielte. Erst später, in
zwei langsamen gesangvollen Stücken seines älteren Reper
toires (von Spohr und S. Bach) fanden wir den großen
Meister Joachim in seinem alten Glanze wieder. Fräulein
Marianne Brandt, die sich nur auf dringendstes Bitten
des Comités zum Vortrag der Orpheus-Arie von Gluck ent
schlossen hatte, sah sich für diese Gefälligkeit reich belohnt
durch den stürmischen Applaus des Publicums. Mit außer
ordentlichem Erfolg sang Herr Walter Lieder von Schubert
und Brahms, wie sie kaum Jemand ihm nachsingt. Es ist
ein neues, schönes Verdienst dieser beiden Meister des Ge
sangs, Marianne Brandt und Gustav Walter, daß sie seit
ihrem Abgang von der Bühne ihre Kunst lehrend auf junge
Talente übertragen — so viel eben davon übertragbar, näm
lich Menschenwerk und nicht Gottesgabe ist.
Das erste Concert des Wiener Männergesang-
Vereins litt unter demselben künstlerichen Zwiespalt, der
heute keiner Liedertafel erspart bleibt: dem berechtigten
Wunsch, Neues zu bringen, gegenüber einem fast trostlosen
Mangel an werthvollen Novitäten. So siegte auch diesmal
wieder das gute Alte: die Chöre von Schubert und
Schumann. Zwei von den Novitäten gehörten, schon durch
die Wahl des Gedichtes, zu jenen sentimental zerfließenden,
welchen die übermächtige Schallkraft eines starkbesetzten
Männerchores widerstrebt. Wenn Edwin Schultz in seinem
Chor das „leise vom Sternenzelt herabklingende Singen“,
„die schlummernde Welt“ und die „schweigende Nacht“
feiert oder wenn bei Hanns Sitt „des Nachts der Schwan
singt, wenn das Schilf so leise rauscht“, so empfindet wol
Jeder, wie wenig dis sublimen Gefühlsdelicatessen mit dem
Klang und Aussehen eines zweihundertköpfigen Männer
chores harmoniren. Die Dichterin, Gräfin Ballestrem,
läßt ihren sterbenden Schwan nicht etwa blos einige Töne
singen, sondern die ganze Nacht hindurch und offenbar sehr
stark, denn beim Sonnenaufgang zittert noch auf den Wellen
der Gesang des todten Vogels nach! Da schlägt der Componist
Brambach zum Glück in seinem Frühlingschor wieder einen hei
tern, beherzten Ton an: „neuer Frühling“, „neues Laub“, „neuer
Sonnenschein“ — Alles neu, nur die Melodie nicht. Immerhin
sind diese drei Novitäten von Schultz, Sitt und Bram
bach durchaus Arbeiten guter Musiker, wohlklingende,
rein und effectvoll gesetzte Chöre. Was soll man aber zu
einem Chor wie das „Spanische Lied“ von Leon Jouret
sagen? Etwas so ganz Ungenießbares und Schülerhaftes ist
mir noch kaum in der Literatur des vierstimmigen Männer
gesanges vorgekommen, wenigstens in der deutschen nicht.
Die Franzosen, welche diesen echt deutschen Musikzweig in
den letzten Decennien importirt haben, stehen offenbar seinem
Wesen noch fremd und äußerlich, auch technisch ungeschickt
gegenüber; sie componiren auch rein lyrische Männerchöre
ganz theatralisch, zerstückeln die Form, häufen die Contraste
und stellen den Sängern recht widerhaarige Aufgaben. Wer
nicht weiß, daß Herr Leon Jouret seit zwanzig Jahren Pro
fessor am Brüsseler Conservatorium, auch Componist vieler
Kirchensachen und zweier Opern ist, der würde das „Spanische
Lied“ wahrscheinlich einem Anfänger zuschreiben, welcher den
Mangel an Ideen und die Ungeübtheit im vierstimmigen Satz
durch grelle Opern-Effecte und allerlei banales Flickwerk be
mänteln, sein musikalisches böses Gewissen gleichsam überschreien
will. Der Geschmacklosigkeit dieses Chors kommt nur die andere
gleich: ihn aufzuführen. Zwischen den Chorproductionen be
kamen wir zwei junge Damen zu hören: die Sängerin
Friederike Mayer und die Violin-Virtuosin Irene
v. Brennerberg. Fräulein Mayer singt mit ihrer hellen,
leichtbeweglichen Stimme recht anmuthig heitere Lieder, wie
C. Löwe’s „Niemand hat’s gesehen“, oder einfach gemüth
liche, wie Mozart’s „Wiegenlied“. Für düstere, pathetische
Gesänge, wie Schubert’s Mignonlied „Heiß’ mich nicht
reden“, fehlt ihrer Stimme die dunkle Färbung, ihrem Vor
trag der Ernst und die Tiefe. Man darf nicht freundlich
lächeln bei so einem Liede. Fräulein Mayer fand denselben
anhaltenden Beifall, der ihr bereits mehrmals in dieser
Saison zu Theil geworden ist. Fräulein v. Brennerberg,
welche kürzlich mit bestem Erfolg ein eigenes Concert gegeben hat,
spielte das Adagio und Rondo aus dem E-dur-Concert von
Vieuxtemps mit schönem Ton und bedeutender, in den
raschen Staccato-Passagen sogar glänzender Technik. Mit
letzterer steht die beseelende Kraft des Vortrages nicht auf
gleicher Höhe; von der bald kecken, bald schalkhaften Grazie,
womit Vieuxtemps einst dieses Rondo belebte, war bei
Fräulein v. Brennerberg wenig zu merken. Wer auch an
diesem Abend den größten Erfolg davontrug, war wieder
Herr Walter. Mit ebenso frischer Stimme und reizendem
Vortrag wie Tags vorher in dem „Pensions-Concert“ sang
er Kremser’s „Gebet an die Madonna“, ein Tenor-Solo,
das mit Chor, Orgel- und Hafenbegleitung, also mit allen
Attributen eleganter Religiosität ausgestattet ist.
Im zweiten Concert der Gesellschaft der Musikfreunde
hörten wir den Eingangschor der Bach’schen Kirchen-Cantate
„Wie schön leuchtet der Morgenstern“. In langen, feierlichen
Noten singen die Soprane das alte Kirchenlied („Wie
leuchtet schön der Morgenstern, voll Gnad’ und Wahrheit
von dem Herrn, die süße Wurzel Jesu!“), während die drei
tieferen Stimmen in selbstständiger Figurirung sich darunter
bewegen; ein kunstvoll gefügter, dabei durchaus klarer, durch
sichtiger Tonbau. Die Aufführung scheint mir gegen die
klare Absicht der Composition darin gefehlt zu haben, daß
die Soprane die Melodie „Wie schön leuchtet der Morgen
stern“ sehr piano einsetzten, anstatt kraftvoll und freudig.
Warum nur dieser erste Satz der Cantate gesungen wurde?
Die beiden darauf folgenden Arien geben hinreichende Ant
wort. Sie sind in so schwierigem, instrumental verschnörkeltem
Styl geschrieben, daß heute kaum ein Tenorist oder eine Sängerin
sie anders als höchst mühselig bezwingen würde. Die Tenor-
Arie in F-dur, die in einem sehr vergnüglichen Drei-Achtel-
Tact fast tanzmäßig dahinschwebt, ist ein interessantes Bei
spiel für die nach Ort und Zeit so verschiedenartige Ansicht
über den Ausdruck des Religiösen in der Musik. Rubinstein
antwortet in seiner jüngst besprochenen „Unterredung“ auf die
Frage, was kirchlicher Styl sei, in höflichem Sächsisch: „Das
will ich Sie gleich sagen, meine Guteste, das weiß
ich selber nicht.“ Er hätte zu den seine Antwort recht
fertigenden Beispielen auch die Bach’sche Tenor-Arie hin
zufügen können, welche doch aus frommer Zeit und
frommen Land und gar von dem frömmsten aller
großen Meister herrührt. ... Herr Hanns Wessely,
den wir zuletzt als einen vielversprechenden Schüler des treff
lichen Professors Grün begrüßt hatten, ist nach mehr
jährigem Aufenthalte in London wieder in Wien eingetroffen.
Er spielte das Brahms’sche Violinconcert, mit dem er sich
vor sieben oder acht Jahren hier eingeführt hatte; damals
war es ein Wagestück, wenngleich ein gelungenes, heute kann
man von einem Meisterstück reden. Thatsächlich hat Herr
Wessely sich mit dem technisch vollkommenen und geistig be
seelten, temperamentvollen Vortrage dieses schwierigen Werkes
als einer der besten Meister seines Instruments erwiesen.
Der glänzende Erfolg entsprach ganz seiner Leistung. ...
Schumann’s „Requiem für Mignon“ für Solostimmen,
Chor und Orchester dürfte der Mehrzahl unserer Concert
besucher neu gewesen sein; ist es doch seit der ersten, von
Brahms dirigirten Aufführung in der Sing-Akademie
(1863) nicht wiederholt worden. Die Scene aus Goethe’s
„Wilhelm Meister“ mit den seltsamen Exequien für Mignon
war so recht ein Stoff, in dessen mystische Romantik Schumann
mit liebevollem Ernste sich versenken mochte. Die Composition,
durchaus von edlem, sanftem Charakter, ist unverkennbarer
Schumann, aber schon angehaucht von jener eigenthümlich
weichen Müdigkeit, welche dessen letzte Periode kennzeichnet.
Für die sehr gelungene Aufführung dieses Werkes dankte
das Publicum dem Dirigenten Herrn Gericke durch wieder
holten Hervorruf. Auf das Schumann’sche „Requiem“ folgte
noch das große „Tedeum“ von Bruckner. Den Hörern
ward an diesem Sonntag etwas zu viel zugemuthet.
Daß auch Kleinheit zu großem Erfolg verhelfen kann,
beweist der siebenjährige Pianist Raoul Koczalski, dessen
medaillenbehängtes Abbild von allen Anschlagssäulen auf uns
herabblickt. Er hat im Bösendorfer-Saal das Publicum in
Erstaunen und Entzücken versetzt. Unter den mir bekannten
Wunderkindern ist er unbedingt das merkwürdigste, denn er
staunlich ist sowol die Geläufigkeit und Sicherheit seiner
kleinen Händchen, wie die im Allgemeinen richtige musikalische
Empfindung. Und was spielt dieses Kind? Stücke von Bach,
Schumann, Chopin, Liszt, Brahms u. s. w. Was bedeuten
die Clavierstücke des kleinen Mozart gegen die technischen
Schwierigkeiten dieses modernen Repertoires! Ich habe sogar
privatim den ersten Satz der Beethoven’schen C-dur-Sonate
op. 53 von ihm gehört, dieselbe, welche ganz kürzlich d’Albert
und Emil Sauer hier spielten. Der kleine Pole vermag noch
keine Octave zu spannen, nimmt also von den Octaven
gängen dieser Sonate nur die obere Note; natürlich fehlt
ihm auch die unumgänglich nöthige physische Kraft. Es steht
also von vornherein fest, daß die Ausführung selbst von rein tech
nischer Seite mangelhaft sein muß. Und die geistige Auffassung?
Wie kann ein Kind sich in die leidenschaftlichen Seelenkämpfe
hineinfühlen, welche Beethoven in diesen Werken durchlebte?
Dennoch war es merkwürdig, wie der Kleine den Sonaten
satz ohne Stocken, ziemlich rein und grammatikalisch richtig
durchführte. Als eine interessante, sehr seltene Erscheinung
kann somit der kleine Koczalski dem Publicum aufrichtig
empfohlen werden. Daß eine relativ erstaunliche Kinderleistung
und wahrer künstlerischer Genuß zwei verschiedene Dinge sind,
darüber muß freilich Jeder mit sich im Reinen sein. Den
Monolog des Faust oder der Iphigenia möchte ich nicht von
einem Kinde vortragen hören und wäre es noch so talent
voll und gut gedrillt. Ja die kleinsten, anscheinend leichtesten
Gedichte von Heine und Lenau werden inhaltlos oder falsch
im Munde halbwüchsiger Mädchen oder Knaben. Und ebenso
verhält es sich in der Musik mit den Charakterstücken von
Schumann, Chopin, Brahms. Robert Hamerling sagte ein
mal in einem Aufsatz über Claviermusik rund heraus, er
möchte allen jungen Leuten unter 18 Jahren verbieten, Schu
mann und Chopin zu spielen. Leider sucht sich unsere concer
tirende junge Mädchenschaar gerade das Schwierigste und
Individuellste von Schumann, Chopin und Brahms zum
Vortrag heraus. Fast höre ich das noch lieber von dem kleinen
Koczalski, der eben nur die Noten spielt und nicht einmal reif
ist für die Affectation, mehr als die Noten spielen zu wollen.