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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Das wichtigste musikalische Ereigniß der Woche,
ja ohne Zweifel des ganzen Jahres, ist Brahms’ neues
ganze Stück ist wie in dunkles Abendroth getaucht. Wer
eines jungen Hirten auftauchen, der in der Einsamkeit einer
tröstliche Entlastung seines Gemüths mischt sich unbewußt
seine Freude an der kunstreichen Behandlung des Instru
ments. Auf das Adagio folgt ein Andantino in D-dur von
etwas gleichmüthigem Charakter; es übergeht in ein „Presto
non assai“, dessen kurzes, geschwätziges Motiv an Aehn
liches von
essanten Durchführung schließt auch dieser Satz, wie alle
übrigen, pianissimo. Zu bedeutenderer Höhe hebt sich wieder
das Finale, das, schon in der Form, völlig Neues bringt.
Es besteht nämlich aus fünf Variationen über ein sehr ein
faches Lied, dessen zweiter Theil repetirt wird. Man kennt
Seine unerschöpfliche, immer geistreiche Verwandlungskunst
fesselt uns auch hier von Anfang bis zu Ende. Und dieses
Ende gehört zu den merkwürdigsten Zügen des
das Finale schließt, aus einem raschen Tempo sich allmälig
verlangsamend, genau mit den sanft elegischen Schlußtacten
des ersten Satzes.
Eine Styl-Eigenthümlichkeit, die sich in fast allen neue
ren Kammermusiken von
ders auffällig in dem
sammenhang, das Einheitliche im Charakter aller vier Sätze.
In dem einer Farbenscala an, so
mannigfaltiges Leben auch darin herrscht. Während bei
und
Sätze sich hauptsächlich durch den Contrast von einander ab
heben, auf ein schwermüthiges Adagio ein um so fröhlicheres
Scherzo setzen und jedenfalls mit einem rasch fortströmenden,
heiter oder leidenschaftlich aufgeregten Finale schließen, sehen
wir
übergängen einander zu nähern. Das eigentliche Scherzo läßt
sich kaum mehr bei ihm blicken, noch weniger der Menuett;
an dessen Stelle tritt meistens ein „Andantino quasi Alle
gretto“, ein „Allegretto non troppo“. Die mäßigend zurück
haltenden Bezeichnungen „non troppo“, „non assai“, „quasi“
u. s. w. sind charakteristisch für den späteren
nicht gern über ein gewisses Niveau der Gemüthsbewegung
hinausgeht und grelle Contraste lieber meidet als auf
sucht. Daß manchem Hörer nach einem wenig bewegten ersten
Satz ein herzhaft fröhliches Scherzo, nach einem düste
ren Adagio ein feurig fortstürmendes Finale erwünschter
schiene, soll weder verschwiegen noch getadelt werden.
Aber das Gefühl der Enttäuschung, wo es überhaupt eintrat,
wird schnell verschwinden. Wer sich ernst und liebevoll mit
geklärte Styl seiner späteren Epoche mit all seinen Eigen
heiten bald lieb und vertraut werden. Man darf behaupten,
daß jede größere Composition von
Wohlthat in sich birgt, nämlich die, uns zuverlässig beim
zweiten Hören mehr Freude zu machen, als beim ersten.
Nicht jede besitzt aber neben und vor dieser Tugend noch
den Vortheil, uns augenblicklich und unbedingt einzunehmen,
wie dies der Fall war mit dem
jüngst bei
sprach. Es ist von den Herren Rosé,
Wer von den concertirenden Virtuosen der letzten Woche
das größte Aufsehen gemacht hat? Der kleinste Pianist, Raoul
Koczalski, und die jüngste Violinspielerin,
spieler sind kürzlich in eigenen Concerten mit großem Erfolg
aufgetreten. Den Einen, Hanns Wessely, haben wir gelegentlich
Am letzten Sonntag hörten wir „
den von Richard
Strauß heißt der Componist des neuesten „
ciren, sondern zu dichten und zu malen. Hektor
bekanntlich der Stammvater dieser sich noch immer vermeh
renden jungen Generation von Tonpoeten. Mit
Wesentlichen Alles zurückzuführen ist, was diese Jün
geren können und wollen. Sie haben in einseitigem
Studium dieser drei genialen Orchesterkünstler sich eine er
staunliche Virtuosität in Klangeffecten erworben, die kaum
mehr zu überbieten ist. Die Farbe ist ihnen Alles, der
musikalische Gedanke nichts. Was ich gelegentlich des
„
von Richard
heute ein Vampyr geworden, welcher der schöpferischen Kraft
unserer Tondichter das Blut aussagt. An Erfolgen fehlt
es dieser Art von äußerlich blendenden Compositionen nicht.
Ich habe Damen und
schen „
ihnen bei der bloßen Erinnerung ein wollüstiger Schauer
über den Rücken zu laufen schien. Andere fanden das Ding
einfach abscheulich, und diese Empfindung scheint mir die rich
tigere zu sein. Das ist kein „Ton-Gemälde“, sondern ein
Tumult von blendenden Farbenklecksen, ein stammelnder Ton
rausch, halb Bacchanale, halb Walpurgisnacht. Es heißt
Herrn Richard
man ihn (wie irgendwo zu lesen stand) mit Hanns
vergleicht, der selbst in seinen schwächsten Stunden ein größerer
Künstler war und die Grenzen seiner Kunst rein hielt. Aber
ein scharfes Wort, das der Aesthetiker
diesen „
„nicht etwa ein Bild trunkener, doch gesunder Sinnenselig
keit vor sich, wogegen nur ein Pietist und Moralist eifern
könnte, sondern ein Bild nervös erhitzter und auf der Höhe
der heißgebrühten Wonne schon halb brecherischer Sinnlich
keit.“ Wer nichts Anderes von einem Orchesterstück verlangt,
als daß es ihn in die wüste Ekstase eines nach „allen Weib
lichkeiten“ lechzenden
Musik gefallen; denn mit ihrer raffinirten Geschicklichkeit
erreicht sie den genannten Zweck, so weit er eben musi
kalisch erreichbar ist. Der Componist gleicht da einem
routinirten Chemiker, der alle Elemente musikalisch-sinn
licher Aufreizung äußerst geschickt zu einem betäubenden
„Luftgas“ zu mischen versteht. Für mein Theil mag ich bei
aller Anerkennung solcher Mischkunst doch nicht ihr Opfer
sein, kann es nicht einmal, weil dergleichen musikalische
Narkosen mich vollständig kalt lassen. Schade, daß es nicht
auch eine musikalische „Freie Bühne“ gibt für den emancipirten
Naturalismus in der Instrumentalmusik, das wäre der
rechte Ort für „Tongemälde“ à la Richard
ein großes Talent sei? Höchstens ein großes Talent für
falsche Musik, für häßliche Musik. Daß er, als Zögling der
Apparat für seine „Tondichtung“ in Bewegung setzt, ver
steht sich von selbst. Gleich im vierten Tact rauschen zwei
Harfen „glissando“ in die Höhe und werden die Becken
„mit Holzschlägel“ tractirt, bald darauf vereinigen sich
abenteuerlich glucksende Töne der Flöten mit dem Geschmetter
aller Blechinstrumente, die höchsten (bisher im Orchester un
gebräuchlichen) Töne der Violine schneiden glasscharf in unser
Ohr, ein Glockenspiel erhebt jeden Augenblick sein kindisches
Geklingel — kurz ein Effect jagt den andern, tödtet den andern.
Dazwischen fliegen kleine Melodie-Ansätze, Fetzen
Motive rathlos umher; wir warten vergebens auf eine Ent
wicklung musikalischer Ideen, auf ein bischen logisches Denken
und natürliches warmes Empfinden, bis wir schließlich ebenso
matt zusammenknicken, wie dieser
Fast möchten wir wünschen, es würden bald noch recht viel
solcher Tongemälde componirt als non plus ultra einer falschen,
zügellosen Richtung. Eine gesunde Reaction könnte dann
nicht ausbleiben, die Rückkehr zu einer gesunden, zu einer
musikalischen Musik. Das Unglück ist, daß die meisten unserer
jüngeren Componisten in einer fremden Sprache denken
(Philosophie, Poesie, Malerei) und das Gedachte erst in die
Muttersprache (Musik) übersetzen. Leute wie Richard
übersetzen obendrein schlecht, nämlich unverständlich, geschmack
los, überladen. Wir sind nicht so sanguinisch, den Rückschlag
gegen diesen emancipirten Naturalismus der Instrumental
musik für unmittelbar bevorstehend zu halten — aber kommen
muß er.