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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. „Sie gratuliren mir zu meiner Rüstigkeit?
Ich habe ja erst kürzlich meinen achtzehnten Geburtstag ge
feiert!“ So scherzte der zweiundsiebzigjährige
ich mich über sein gutes Aussehen freute. Er war am
29. Februar des Schaltjahres
sächlich nur alle vier Jahre einen Geburtstag. Der stets
heitere alte Herr hätschelte dieses Datum als einen will
kommenen Anlaß zu allerhand Spässen. Ich war so glück
lich, ihn in den Jahren
Villa zu
wohnung einer seiner berühmten Musik-Soiréen beizuwohnen.
Er bot das schöne Bild eines weltberühmten Mannes, der
freiwillig den Strom der Vergessenheit überschifft und alle
schlimmen Leidenschaften weit hinter sich am Ufer zurück
gelassen hat. Seine ruhige Heiterkeit und Liebenswürdigkeit
wird Jedem, der ihn gekannt, eine theure, unverwischbare
Erinnerung bleiben. Als ein Weiser, „der sich ohne Haß vor
der Welt verschließt“, hatte er seit zwanzig Jahren keine
Einladung angenommen, kein Theater besucht und, kleine
Spazierfahrten ausgenommen, sein Haus nicht ver
lassen. Freilich kam die Welt zu ihm, und oft mehr, als ihm
bequem war. Er mußte sich viel anbeten und anwundern
lassen, aber auch das ertrug er mit einem reizenden, halb
gutmüthigen, halb satirischen Humor. Sein ausdrucksvolles
Gesicht leuchtete fast immer in dem Abendroth einer fröh
lichen Behaglichkeit. Ernste, gerührte Stimmung überkam
ihn nur, wenn er von seiner Kindheit und seinen Eltern
sprach. Als Kind armer Leute hatte er eine Jugend voll
Arbeit und Entbehrung erlebt — eine trübselige Jugend
könnte man sagen, hätte sein übermüthig glückliches Tem
perament Trübsal aufkommen lassen. Seinen Geburtsort
cirenden Eltern auf kleinen Bühnen herum. Der
das zweite Horn im Orchester, die
Stimme besaß, aber keine Note kannte, war Sängerin. Der
kleine
Eltern Beistand. Er sang in den Kirchen, accompagnirte im
Theater auf dem Clavier, repetirte mit den Künstlern, gab
eine kleine Rolle in
concerte und brachte vergnügt den Eltern seinen kärglichen
Verdienst. Sobald er im Stande war, zu componiren, schuf
er gegen sechs Opern in einem Jahre, weil eine jede ihm
200 Lire eintrug. Die kindliche Liebe, die sein ganzes
Leben erfüllte, zwang ihn, viel und schnell zu produ
ciren. Es ist ein sehr verbreiteter Irrthum, daß
in seiner Jugend nichts gelernt habe. Nur schneller
lernte er, als Andere, und mehr aus lebendiger Praxis, als
aus Büchern. Selbst ein guter Sänger, wußte er stimm
gemäß zu schreiben; tägliche Uebung machte ihn zum tüch
tigen Clavierspieler und Begleiter; als Concert-Dirigent
wurde er mit dem Orchester und jedem einzelnen Instrument
vertraut. Die trockene Lehrmethode des alten Padre
an der Musikschule (Liceo) von
haften, von Melodien übersprudelnden Jungen freilich keine
Leidenschaft für Fugen und contrapunktische Kunststücke ein
flößen; trotzdem wurde er in 18 Monaten der beste Schüler
am Lyceum. Die Quartette von
er leidenschaftlich gern und dirigirte als 19jähriger Jüngling
die „
kleinsten Recitative auswendig wußte. Die Vorliebe für unsere
Aber Naturell, Talent, Jugendeindrücke — Alles trieb den
jungen
buffa „
folg in
„
schon in diesem Jugendwerk, das einer genialen Impro
visation gleicht. Mit 18 Jahren hatte er die theatralische
Laufbahn begonnen, mit 21 war er der erklärte Liebling der
Nation.
Die musikalischen Zeitverhältnisse standen günstig für
das Auftreten
regnum eingetreten, in welchem zwei Componisten von
schwächerer Begabung, Simon Mayr und Ferdinand
(in die
muthig und wohlwollend den Chor der
durchdringt. Ich will sie, dem heutigen Tag zu Ehren, aus
der Vergessenheit ziehen. „Gewiß,“ schreibt der
Musiker, „gewiß eine vortreffliche Musik, im neuesten Ge
schmack, aber — wie Manche hier sagen — „ohne Charak
ter“. Ob wirklich echter Gesang in diesem Sinn Charakter
haben kann? da er ja, ohne Worte schon, wie die Licht-
oder elektrische Materie oder der Magnetstrom, an und für
sich schon den Menschen hinreißt und ihn auf eine sinnliche
Weise genießen macht.
rakter, ist nicht tragisch, nicht komisch; sie ist etwas Eigenes
in ihrer Art, das Jedem gefällt. Sie gefällt wie ein schönes
Gesicht, dem selbst der Feind nicht absprechen kann, daß es
schön ist.“
Nach
sch
aus. Auf den Barbier folgt
meine Kunst genug eingenommen, um mir etwas zurücklegen
zu können. Und in
sondern als Accompagnateur in vornehmen Soiréen Geld
gemacht.“ Trotz dieser Fesseln sehen wir
fortschreiten; zwar kommt er vor dem „
durchgreifende Wandlungen seines Styls, aber schon „
zeigt einen bedeutenden Aufschwung über das dramatische
Niveau des „ Barbaja wendete sich, durch die
Es ist von mehr als symbolischer Bedeutung, daß die
bier von Sevilla
stellt. Der
gesammte
Opern des Pesarers sind die einzigen Goldmünzen aus
seiner reichen Schatzkammer, welche heute noch circuliren
und ihren vollen Werth behalten haben. Die eine bedeutet
sein Bestes im komischen, die andere sein Höchstes im ernsten
Styl. Der „
licher, vollendeter; man sucht vergebens nach einem lebendigeren
Ausdruck von
dramatische Kraft in ihrer höchsten Entfaltung und im
Dienste der bedeutendsten Aufgabe. Eine so imposante Wand
lung, wie sie
schließlich im
Musik kein zweitesmal vor. Die beiden ersten Acte gehören
zu dem Schönsten, was die moderne Große Oper aufzu
weisen hat. In
helm Tell
größtentheils gut gegeben, für den
sch
weise ersetzen könnte: das hinreißende südliche Temperament.
In
müssen; der
den
niemals heimisch geworden und hatte stets gegen den
nisch
zu kämpfen. Und die besten seiner übrigen Opern? Die
heutige Jugend hat keine Vorstellung von der Wirkung,
welche ein ausgezeichnetes
der „
bringt. Mir selbst war wenigstens ein letzter schöner Nach
glanz davon beschieden; zuerst die
mit der Tadolini in den Vierziger-Jahren, sodann jene
Everardi,
nur das Publicum, auch die Componisten riß sein Zauber
unwiderstehlich mit fort, am meisten natürlich die kleineren
Maëstri
zu copiren — ihn, dessen Genie sich nicht copiren ließ und
dessen Manieren von ihm selbst bis zum Ueberdruß wieder
holt worden sind. Aber auch glänzende, selbstständige Talente,
wie
frühere
leistet, bis sie später zum Ausdruck ihrer eigensten Indivi
dualität gelangten. Sogar
haben, tadelnd und zähneknirschend, ihm seine Effecte abzu
gucken versucht; finden sich doch selbst in
land
den, in
und
„
von
zeigen.
Nach seinem epochemachenden
nicht wieder zur Composition einer Oper zu bewegen. Mit
37 Jahren schloß er freiwillig seine Carrière ab, nach einer
schon in frühester Jugend begonnenen rastlosen und ruhm
vollen Thätigkeit. Was ihn zu dieser frühen Resignation
veranlaßt habe? Es ist nie völlig aufgeklärt worden;
bestimmt darüber ausgesprochen. Keinesfalls war seine
musikalische Schöpferkraft versiegt; die blühende Melodien
schönheit seines
theil. Dennoch fehlte ihm wol die Hoffnung, seinen
schwächeren Werken sich dem Almosen bloßer Pietät auszu
setzen. Den Glanz seiner Popularität überlebt zu haben,
machte ihm wenig Kummer; Niemand konnte von
scher Musik bescheidener denken und sprechen, als er selbst.
„Das sind kleine Sachen,“ meinte er lächelnd, „die einst
in der Mode waren und es jetzt nicht mehr sind.“
Als
er für die Kunst bereits seit 40 Jahren todt. Aber an ihm
selbst, an seinem Leben, seinem sprühenden Geist, seinem
herzlichen Wohlwollen erquickte sich Jeder, dem es vergönnt
war, mit dem Alten zu verkehren. Als eine weithin strah
lende Erscheinung, als einer der genialsten und liebenswür
digsten Tondichter, steht
unverrückbar fest. Seit 76 Jahren ist sein „
bier
derung
lange bleiben. Sein Vaterland
stätte seiner letzten 40 Jahre,
Pflicht, indem sie den hundertsten Geburtstag
Auch
zurückstehen. Einige goldene Worte von Moriz Hart
, die mir aus dem Herzen gesprochen sind, mögen den