Concerte.
Ed. H. „Im Herbst“ betitelt Grieg eine Concert-
Ouvertüre, welche Sonntags von den Philharmonikern zum
erstenmale gespielt wurde. Sehr abgerundet in der Form,
klar und ansprechend, lehnt sie sich auffallend an Mendels
sohn und Gade. Von einem kurzen Andante eingeleitet,
bringt das Allegro (D-moll) die eigentliche Herbstschilde
rung. Recht stürmisches, trübes October-Wetter; das zweite
Thema von sanfter Wehmuth, etwa wie Geibel’s Verse:
„Es rauscht das rothe Laub zu meinen Füßen.“ Die Durch
führung wird sehr heftig im Moduliren, aber nirgends stockend
oder langweilig. Zum Schlusse ein volksthümliches, sehr
lärmendes Winzerfest. Das Stück scheint ein besonderer
Liebling Grieg’s, denn zwei andere Compositionen von ihm
— das Lied „Herbststurm“ und die zehn Jahre vor der Ouvertüre
veröffentlichte vierhändige Phantasie, op. 11 — sind in der
Hauptsache identisch mit der Ouvertüre. Nach längerer Zeit haben
wir mit großem Vergnügen die liebenswürdige E-moll-Serenade
von Robert Fuchs wieder gehört, welche unter Hanns
Richter’s Leitung mit entzückender Feinheit gespielt wurde.
Sie wurde mit seltenem Beifalle, geradezu enthusiastisch auf
genommen; das Publicum wollte das Allegretto durchaus
da capo haben und den Componisten dazu — Beides ver
geblich. Eine Novität, „Venetianische Scenen“ für Clavier
und Orchester von Eugenio Pirani, wurde von dem Com
ponisten, der ein virtuoser Clavierspieler ist, selbst vorge
tragen. Die Composition, eigentlich ein Salon-Concertstück
mit ziemlich überflüssiger Orchester-Begleitung, enthält drei
Sätze: „Gondelfahrt“, „Im St. Marcusdom“ und „Letzte
Faschingsnacht“. Neues haben wir nicht darin entdeckt, weder
in den Melodien, noch in der Durchführung, noch in den
Clavierpassagen. Von jeder strengeren Anforderung absehend,
kann man diesen „Venetianischen Scenen“ immerhin zugestehen,
daß sie dankbar für den Spieler sind und stellenweise angenehm für
ein leicht befriedigtes Publicum. Letzteres hat denn auch Herrn
Pirani gerufen. Die Philharmoniker jedoch haben sich mit
der Annahme dieser Novität ein gefährliches Präjudiz ge
schaffen. Schließlich hörten wir eine reizende Tondichtung
von alter Bekanntschaft und dennoch neuem Klang: Schu
mann’sD-moll-Symphonie in ihrer ersten, ursprüng
lichen Orchestrirung. Ihre Geschichte ist interessant genug.
Schumann hat die D-moll-Symphonie im Jahre 1841 unmittel
bar nach seiner ersten geschrieben. Bei ihrer ersten Auf
führung am 6. December 1841 im Leipziger Gewandhaus
hat sie nicht gefallen. Schumann in seiner echt deutschen Be
scheidenheit suchte die Ursache des Mißerfolges nicht im
Publicum, sondern in seiner Arbeit und zog sie zurück.
„Es ist wol nichts daran,“ mochte er denken. Und
doch war sehr viel daran; Wunderschönes und obendrein
völlig Neues. Eine Symphonie, welche zum erstenmal
nicht auf Beethoven’s Spuren einhergeht, nicht Beethoven’
schen Einfluß zeigt! In ihrer knappen Form und ihrem leicht
geschürzten Gewand ist sie ebenso eigenthümlich, wie in ihrem
heiteren Glücksgefühl. Ein Frühlingsgenießen zieht wie Flieder
duft durch dieses Werk, das nirgends bedeutend sein will
und es in seiner Art doch überall ist. Neu ist der innige
Zusammenhang aller vier Sätze, die auch nach Schu
mann’s Vorschrift ohne Unterbrechung zu spielen sind. In
Mendelssohn’s A-moll-Symphonie hat die gleiche Vor
schrift mehr einen äußerlichen, praktischen Sinn, denn ihre
Sätze hängen inhaltlich nicht zusammen. Bei Schumann
stehen die einzelnen Sätze zu einander in engster Beziehung
durch ihre Themen; wie schön knüpft die Romanze an die
Introduction an, das Finale an den ersten Satz! Wie die
ganze Symphonie in Einem Fluß leicht fortströmt, so
denken wir sie uns auch entstanden. Schumann dürfte
sie wie ein Gedicht, wie einen Liebesbrief hingeschrieben
haben. Und dazu stimmte ganz einzig jene erste,
zartere Instrumentirung, die dem Meister später nicht ge
nügen wollte. Als Musikdirector in Düsseldorf nahm Schu
mann1853 die weggelegte D-moll-Symphonie wieder zur
Hand mit neuem Vertrauen auf ihre Lebensfähigkeit. Er
fand jedoch die Instrumentirung zu dünn, zu wenig effect
voll für das Düsseldorfer Orchester, dessen schwache Geigen
für die vielen nur den Violinen anvertrauten Stellen
nicht ausreichend schienen. Schumann verstärkte also die
Instrumentirung durch ausgiebige Beschäftigung der Bläser.
Er that darin stellenweise wol zu viel des Guten; wir
konnten nie umhin, das massige, die feine Zeichnung deckende
Orchester-Colorit zu beklagen. In dieser Düsseldorfer Ueber
arbeitung ist die D-moll-Symphonie (als „vierte“) ver
öffentlicht und bisher ausnahmslos aufgeführt worden.
Brahms, der Besitzer der (Leipziger) Original-Partitur, sprach
sich zuerst zu Gunsten dieser früheren Instrumentirung aus
und ermuthigte den Musikdirector Wüllner in Köln, damit
im Concert einen Versuch zu machen. Dieser Versuch hatte
den günstigsten Erfolg. Wüllner ließ nun die erste Partitur,
getreu nach Schumann’s Manuscript, im Stich erscheinen
und behielt nur einige offenbar glückliche Neuerungen aus
der Düsseldorfer Niederschrift (namentlich gegen den Schluß
des Finales) bei. Wir haben jetzt im Philharmonischen Con
cert die Symphonie in dieser neuen, eigentlich ältesten Form
gehört und können Wüllner’s Ausspruch nur bestätigen, daß
die schwächere Instrumentirung der ursprünglichen Partitur
„dennoch ebenso glänzend, vielleicht sogar glänzender wirkt,
weil die stark instrumentirten Stellen umsomehr hervor
treten“. So verdanken wir denn dieser Aufführung der uns
ans Herz gewachsenen alten Symphonie einen unerwartet
neuen Genuß.
Rosé’s letzte Quartett-Production brachte eine noch
ungedruckte Sonate für Violoncell und Clavier (F-dur) von
Goldmark. Ihre Opuszahl 39 ist eine auffallend niedrige
für einen Sechzigjährigen. Goldmark gehört eben nicht zu
jenen Componisten, die aus Tondichtern schnell Musikhändler
werden. Seine strenge Gewissenhaftigkeit beim Schaffen und
Feilen eines Werkes ist bekannt; sie kann allerdings nicht
verhindern, daß auch hin und wieder eine Composition bei aus
gekühlter Begeisterung entstehe. Das möchte ich auch von der
neuen Cello-Sonate glauben. Am meisten hat mich darin
das schöne Andante in Des-dur erfreut, von allen drei Sätzen
der ruhigste, melodisch flüssigste und reich an genialen har
monischen Wendungen. Vielleicht wäre die Wirkung noch
reiner, wenn das Andante etwa zwanzig Tacte früher schlösse;
das Ohr glaubt nach der langsam absteigenden Figur, mit
welcher das Violoncell auf dem tiefen Des Anker faßt,
den Schluß des Stückes gekommen und wird nachher nur
ungern wieder durch heftige Accorde aufgerüttelt. Der erste
Satz der Sonate ist gegen frühere Kammermusiken Gold
mark’s organischer in der Form, klarer und natürlicher im
Ausdruck. Der melodische Stoff scheint mir aber nicht be
deutend; weder das Hauptthema noch das an den Anfang
von Brahms’ A-dur-Clavier-Quartett mahnende Seitenmotiv.
Das Finale hat am wenigsten inneres Leben, wenn auch
viel äußere Lebendigkeit; es kommt nicht recht in Fluß und
ermüdet insbesondere durch die lange Reihe der zwischen
Clavier und Violoncell tactweis alternirenden Seufzer. Die
Sonate, von den Herren Brüll und Hummer vor
trefflich gespielt, wurde äußerst beifällig aufgenommen. Herr
Goldmark mußte nach jedem Satz dankend erscheinen.
Der herzliche Beifall, mit dem Frau Etelka Gerster
bei ihrem Auftreten im Bösendorfer-Saale begrüßt wurde,
wird die berühmte Sängerin von der Anhänglichkeit des
Wiener Publicums überzeugt haben. Gerne erinnert man
sich ihres Frühjahrsgastspiels im Carl-Theater 1883, wo
ihre Traviata, Lucia, Rosina inmitten einer sehr unge
nügenden italienischen Truppe um so glänzender hervortraten.
Die Gerster wirkte nicht sowol durch ein intensiv dramatisches
Talent, als durch den Reiz ihrer weichen, süß klingenden
Stimme, ihrer hohen Flötentöne und mühelosen Geläufigkeit.
Nun ist Frau Gerster nach neun Jahren wieder in Wien
erschienen, nachdem sie zum vierten- oder fünftenmale den
Ocean überschifft hat. Diese Jahre der Anstrengung und
Aufregung sind nicht ohne leidigen Einfluß auf ihre Stimme
geblieben. Sehr schön klingen noch immer die hohen Kopf
töne, welche Frau Gerster musterhaft rein und sicher an
schlägt. Hingegen hat die Mittellage an Klang und Fülle
eingebüßt, und zeigt die Stimme in Fortestellen einen rauhen
Beiklang. So stand denn der Erfolg ihrer jüngsten
Leistungen allerdings nicht auf der Höhe von 1883. Daß Frau
Gerster trotzdem noch zu den bedeutendsten Coloratur-Sän
gerinnen zählt, bewiesen ihre schönen Trillerketten und Mezza-
voce-Passagen in der Arie aus Rigoletto. Mehr als diese
Arie konnte ich leider nicht hören, da die zweite Hälfte des
Abends dem gleichzeitig im Musikverein angesagten „Ein
zigen Concert“ von Sarasate gehörte. Obendrein hatte
der Anfang des Gerster-Concerts sich ungebührlich verzögert
durch das Zuspätkommen eines Pianisten, der in anderem
Sinne freilich noch immer viel zu früh gekommen ist. Herr
M. Schirmann prüfte die Geduld des Publicums, in
dem er Beethoven’s D-moll-Sonate geistlos, mechanisch, als
wenn er selber geprüft würde, abspielte. Nur im Finale that
er mehr als seine Schuldigkeit, indem er das ganze Stück
hindurch consequent das Hauptmotiv um einen Tact verlän
gerte, die Figur viermal, anstatt dreimal brachte. Mit jungen
Mädchen geht man nicht gern allzu streng ins Gericht, aber Pia
nisten vom starken Geschlecht sollten es sich doch reiflicher
überlegen, bevor sie mit Beethoven’schen Sonaten vor das
Wiener Publicum treten.
Sarasate, der unwiderstehliche Rattenfänger, hat mit
seiner Geige abermals eine wimmelnde Menschenschaar hinter
sich hergezogen. Neues ist kaum über ihn zu berichten,
höchstens daß sein Haar, diese schwarze dichte Asphaltdecke,
jetzt grau geworden ist. Sein zauberisch süßer reiner Ton,
der niemals groß gewesen, schien mir diesmal noch etwas
verkleinert; neben dem kräftigen Clavier-Accompagnement der
Madame Marx klang es manchmal wie eine Kindergeige,
freilich wie eine Straduari-Kindergeige, von einem Meister
gespielt. Wie immer glänzte Sarasate zumeist in den eigent
lichen Bravourstücken. Zu diesen gehört ohne Zweifel
Raff’s „Liebesfee“, eine effectvolle, nur zu weit ausge
sponnene Concert-Etüde, die sich für ein poetisches Charakter
stück ausgibt. Jedenfalls ist die Liebe dieser Fee von ganz
unglaublicher Hast und Beweglichkeit; das Stück könnte
ebenso gut Schwalbe, Irrlicht oder auch Ameisenhaufen
heißen. Sarasate verrichtete Wunder der Technik in einfachen
und doppelten Flageolettönen durch ganze Tonfiguren, com
plicirten Pizzicatos mit der linken Hand, in dem Wechsel
von gestrichenen und gerissenen Tönen (col arco und pizzi
cato) u. s. w. Den größten Erfolg erzielten seine „Andalu
sischen Tänze“. Mit Frau Bertha Marx, einer virtuosen
Pianistin von mehr Glanz als Gefühl, spielte Sarasate auch die
sogenannte Kreutzer-Sonate von Beethoven. In den Vierziger-
Jahren war sie das Lieblingsstück aller Geigen-Virtuosen in
Wien; sie spielten von allen Beethoven’schen Sonaten fast
nur diese, und so oft, daß man ihrer endlich überdrüssig
wurde und sie lange ruhen ließ. Seit der bekannten Novelle
von Tolstoi ist sie wieder Mode geworden, ja geradezu
unausweichliche Programmnummer. Wie oft seit einem Jahre
haben wir diese Sonate in Wien gehört, von Meistern wie
Ondriček und Sarasate und vielen kleinen Geigern und Gei
gerinnen! Eine Menge Leute, die sich sonst wenig um
Beethoven scheren, rannten ins Concert, um die „berühmte
Kreutzer-Sonate“ als erklärendes Supplement zu Tolstoi’s
Erzählung zu hören. Sie werden erstaunt, vielleicht
enttäuscht gewesen sein, in dieser edlen, klaren, glanzvollen
Musik so wenig Mord und Treulosigkeit vorzufinden. Er
staunt war ich nicht weniger von allerlei Fragen und Ant
worten, die zwischen den mehr Tolstoi- als Beethovenkundigen
Concertgästen in meiner Nachbarschaft hin und her flogen.
Ueber den Titel „Kreutzer-Sonate“ gibt der deutsche Tolstoi
keinen Aufschluß; die französische Uebersetzung „La sonate
à Kreutzer“ spricht schon deutlicher. „Sie heißt Kreutzer-
Sonate, mein Kind, weil sie für Herrn Kreutzer geschrieben
und von ihm zuerst gespielt worden ist.“ Wer war Herr
Kreutzer? „Nun, der Componist des „Nachtlagers in Gra
nada“.“ Solche Mißverständnisse bekam ich so häufig zu hören,
daß ich vielleicht hoffen darf, einem oder dem andern Leser
mit einer historischen Notiz nicht lästig zu fallen. Von
Anderen kann sie überschlagen werden.
Beethoven hat seine dem berühmten französischen Violin
spieler Rodolphe Kreutzer gewidmete Sonate nicht für
diesen geschrieben, sondern für einen damals sehr jungen,
ausgezeichneten, heute völlig vergessenen Geiger. Er hieß
Bridgetower und war ein Mulatte von etwas dunkler
Herkunft, Sohn eines Afrikaners und einer Europäerin. In
Polen um das Jahr 1780 geboren, erhielt er seine erste
musikalische Ausbildung in England und erregte schon als
zehnjähriger Knabe Aufsehen. Unter der Protection des Prinzen
von Wales gab er eine Reihe von Concerten gemeinsam mit
einem anderen jungen Violinspieler, dem Wiener Franz
Clement. Bridgetower war bald der Löwe der Lon
doner Saison; man nannte ihn den „jungen abyssinischen
Prinzen“. Im Jahre 1803 kam er nach Wien, wo er sofort
in nähere Beziehungen zu Beethoven trat. Dieser fand sich
bereit, eine Sonate eigens für Bridgetower zu componiren
und sie mit ihm öffentlich vorzutragen. Es war dies eben die
Sonate op. 47. Beethoven spielte sie aus dem Manuscript am
17. und 24. Mai 1803 mit Bridgetower in dessen Concerten im
Augarten. Seltsamerweise hat man von da an nicht wieder
von diesem Künstler gehört, der aus so glänzenden Anfän
gen sich plötzlich in völliges Dunkel verlor. Man glaubt,
daß Bridgetower zwischen 1840 und 1850 in London ge
storben ist. Seine Haltung und Bewegungen beim Spielen
sollen, wie Karl Czerny erzählt, so grotesk gewesen sein,
daß es unmöglich war, ihn anzusehen, ohne laut aufzu
lachen. Wie kam nun Kreutzer zu dieser Bridgetower-
Sonate? Kreutzer, der mit Rode und Baillot an der Spitze
der damals so glänzenden Pariser Violinschule stand, war
auf einer großen Kunstreise Anfangs 1798 in Wien einge
troffen. Dort lernte er den 27jährigen Beethoven kennen,
mit welchem ihn ganz eigenthümliche Umstände schneller und
enger verbanden, als es wahrscheinlich sonst geschehen
wäre. Als berühmter französischer Künstler kam nämlich
Kreutzer häufig zu dem neu ernannten französischen
Gesandten am Wiener Hofe, General Bernadotte.
Dieser mußte, mit Rücksicht auf die Schwangerschaft der
Kaiserin, zwei lange Monate auf seine officielle Vorstellung
bei Hof warten. Kreutzer vertrieb ihm diese Zeit gezwungener
Unthätigkeit mit Musik, und um dem musikliebenden Ge
sandten hierin das Beste zu bieten, stellte er ihm Beethoven
vor, der sich gerne zur Mitwirkung erbot. Dieses gemein
same Musiciren bei Bernadotte (dem nachmaligen König
von Schweden) dauerte mehrere Wochen und knüpfte ein
dauerhaftes Band herzlicher Freundschaft zwischen Kreutzer
und Beethoven. Einige Jahre später sollte Kreutzer einen
glänzenden Beweis dieser Freundschaft erhalten durch die
Widmung der Sonate, welche jetzt kurzweg „Die Kreutzer-
Sonate“ heißt. Sie erschien im Jahre 1805 bei Simrock
unter dem Titel: Sonata per il Pianoforte ed un Violino
obligato, scritta in un stilo molto concertante quasi come
d’un concerto: composta e dedicata al suo amico
Rodolfo Kreutzer per L. van Beethoven.