Concerte.
Ed. H. Die Anziehungskraft der alljährlichen Concerte
des „Schubertbundes“ und des „Akademischen
Gesangvereins“ beruht auf ihren zahlreichen Novitäten
wie auf dem stimmkräftigen, tüchtigen Vortrag ihrer Sänger
schaar. In den jüngsten, knapp aufeinanderfolgenden Con
certen dieser beiden beliebten Vereine war die Ausführung
besser, als die neuen Compositionen. Der „Schubertbund“,
welcher in dem Chormeister Herrn Adolph Kirchl eine
strebsame junge Kraft erworben, begann, seiner lobenswerthen
Observanz getreu, mit einer Composition seines Namens
patrons Franz Schubert. Viel mehr als eben Schubert’sche
Klangschönheit und Empfindung läßt sich dem Chore „Weh
muth“ kaum nachrühmen. Das Gedicht (von Heinrich Hütten
berger) ist nicht das erste poetische Machwerk, das Schubert
mit seinen Tönen vergoldet hat. „Seit sie mir entschwunden,“
klagt der Sänger, „ist Athmen ein Verlust!“ Mit viel Auf
wand besingt Hermann Mohr „die Macht der Poesie“, in
dem er fünf Strophen lang den ganzen Chor mit Vocalquartett
und Bariton-Solos abwechseln läßt, ohne uns von dieser
„Macht“ zu überzeugen. In Debois’ „Waldnachtzauber“
läßt das von Herrn Lewinger brillant vorgetragene große
Violin-Solo auf die eigentliche Hauptsache, den Chor, gänz
lich vergessen. Von Eusebius Mandyczewski, einem
unserer besten, gründlichst gebildeten Musiker, hörten wir
einen ernsten, kunstvoll gesetzten Chor: „Erinnerung“. Der
vom Dichter (Bodenstedt) hingestellte Gegensatz: Die Er
innerung, welche ein Glück, aber auch ein Fluch sein kann,
läßt sich in so sehr gedrängter Fassung musikalisch schwer
bemeistern. Der Componist kann weder bei dem Glück noch
bei dem Fluch verweilen und wird nothgedrungen trocken.
„Waldharfen“, ein sehr umständlicher Chor von Edwin
Schultz, mehr anspruchsvoll als ansprechend, verräth eine
effectkundige, geschickte Hand, wird aber durch seine endlosen
Textwiederholungen lästig. Ein Chor mit Clavier- und
Harfenbegleitung, „Am See“ von Franz Mair, gefiel durch
gute Klangwirkung. Das Gedicht ist ein Beispiel mehr von
der sinnlosen Ueberschwänglichkeit, welche sich so gern in
unsere Liedertafel-Programme einnistet. Der Dichter besingt
den grünen See und möchte sich „kühl und wonnig in seinen
Wassergründen laben“. Offenbar, um sich von der Hitze des
Tages abzukühlen? O nein. Er will den See blos „früh
und spät um seinen Kummer fragen“! „Denn,“ so
behauptet er, „nur des Sängers Brust versteht des Sees
geheime Klagen.“ Nach dergleichen verstiegenen Empfindun
gen erschien uns Wilhelm Handwerg’s „Heimwerk“ in
seiner melodiösen Einfachheit recht wohlthuend. Noch mehr
Engelsberg’s bekannter reizender Chor „Am ober’n Lang
bathsee“, dessen Wirkung nur durch die vielen übertriebenen
Tempowechsel in der Ausführung beeinträchtigt wurde. Herr
Julius Chmel bewährte sich als verständiger, tüchtig ge
schulter Sänger in einem Schubert’schen Lied und einer
Arie von Händel. Nachdem man aber in einem Männerchor-
Concert genug schwarzbefrackte Herren vor Augen hat, wäre
für die Liedervorträge der Anblick einer Dame erfreulicher.
Als erste Nummer des „Akademischen Gesang
vereins“ hörten wir eine angeblich Beethoven’sche
„Hymne an die Nacht“
Im Beethoven-Katalog gibt es weder einen Chor noch ein
Lied: „Hymne an die Nacht“, mit den Anfangsworten „Heil’ge
Nacht, o gieße du Himmelsfrieden in dies Herz!“
und Schubert’s „Pilgrim“ in
der Heuberger’schen Chorbearbeitung. Die unmittelbare Auf
einanderfolge dieser beiden Chöre von langsamer Bewegung
und sehr einförmiger Rhythmik war besser zu vermeiden.
Richard Wagner’s Männerchor „An Weber’s Grabe“,
eine Gelegenheits-Composition zur Feier der Uebertragung
von Weber’s Leiche von London nach Dresden (1844), hat
mehr biographisches Interesse als musikalische Bedeutung.
Nach Bruckner’s bekanntem „Ave Maria“, einem in
Klang und Form schönen Gesangstück, wurde ein Chor von
Grieg gesungen: „Landkennung“, dessen Text zu dem Un
verständlichsten gehört, was uns seit Langem vorgekommen.
Das Stück ist, wie ich glaube, einem größeren Werke Grieg’s
(op. 50) entnommen, das Scenen aus Björnson’s un
vollendetem Drama „Olaf Trygvason“ für Chor, Soli und
Orchester zusammenstellt. Dort mag auch vielleicht die —
musikalisch recht effectvolle — „Landkennung“ dem nichtskandi
navischen Publicum etwas klarer werden. Sämmtliche Chöre
der ersten Abtheilung dirigirte der für den Verein eifrigst
thätige und tüchtige Chormeister Herr Raoul Mader. Die
zweite bestand aus einigen von Fräulein Standthartner und
Herrn Neidl sehr beifällig vorgetragenen Liedern. Die Sänger
und Sängerinnen, welche uns immer und immer wieder
„Von ewiger Liebe“ singen, möchten wir doch erinnern, daß
in Brahms’ Liederheften noch gar viele ungehobene Schätze
liegen. Von der Ewigkeit der Liebe bereits sattsam durch
drungen und seit Jahren in genauester Kenntniß dessen, was
„das Mägdelein sprach“, wären wir jetzt nicht unempfäng
lich für einige Abwechslung. Die ganze dritte Abtheilung des
Concerts war Compositionen des Grafen Geza Zichy ge
widmet. In schier überschwänglicher Weise haben die Herren
Akademiker sich für die freundliche Mitwirkung des Grafen
dankbar gezeigt, denn nicht weniger als elf Stücke seiner
Composition (die letzten sieben in ein umfangreiches „Lieder
spiel“ zusammengefaßt) wurden gespielt und gesungen. Zuerst
drei Orchesterstücke: „Hunnenzug“, „Der Minnesänger“ und
„Das graue Männchen“, von denen das letztgenannte
stürmisch da capo verlangt wurde. Sodann eine „Abschieds-
Serenade“ für Chor, Orchester und Clavier; endlich das
erwähnte Liederspiel „Die Musik“. Alle diese Erzeugnisse
eines mehr anempfindenden als schöpferischen Talents wur
den von dem nicht allzu strengen Auditorium des Akademi
schen Gesangvereins mit lebhaftestem Beifalle aufgenommen.
Die recht poetischen Texte sind durchaus vom Grafen Zichy
selbst gedichtet, die Musik von ihm componirt, die Auf
führung von ihm persönlich dirigirt. Man sieht, an Viel
seitigkeit der Begabung läßt es der liebenswürdige General-
Intendant des ungarischen National-Theaters nicht fehlen.
Die uns so plötzlich warm umfangende Lenzluft beginnt
dem Besuch der Concerte merklich zu schaden, was uns keines
wegs veranlaßt, gehässig gegen den Frühling aufzutreten.
Nur Gustav Walter und Alice Barbi hatten sich nicht
zu beklagen. Hingegen sah es in dem Concert des Ehepaares
Breitner recht schütter aus. Und doch steht Herr Ludwig
Breitner seit dem Jahre 1872 als virtuoser Pianist hier in
gutem Andenken, desgleichen seine Frau (geborene Bertha
Hafft) als graziöse Violinspielerin. Seit etwa 15 Jahren
in Paris ansässig, erfreuen sich die Beiden dort einer großen
und vornehmen Schüler-Clientel. Ob nicht gerade diese
unausgesetzte Unterweisung Anderer ihnen selbst etwas
von ihrer Virtuosität abgestohlen hat, möchte ich nicht ent
scheiden; oft genug kommt das vor. Das Breitner’sche Concert
enthielt fast lauter Kammermusik. Für uns Zuhörer war
das sehr vortheilhaft; weniger für Frau Breitner, deren
Geigenton nicht stark genug ist, um die anderen Saiten-
Instrumente und das von ihrem Gemal mit nervöser Energie
behandelte Clavier zu beherrschen. Die Wahl von Brahms’
C-moll-Trio (op. 101) zeigt von ernstem Geschmack; dank
bar für Spieler und Hörer sind wol nur die beiden mittleren
Sätze, insbesondere das Andante grazioso; erster Satz und
Finale haben zu wenig melodischen Reiz und faßliche Rhyth
mik, um zündend zu wirken. Ueberdies schien das technisch
schwierige Stück nicht hinreichend im Zusammenspiel studirt.
Die D-moll-Sonate (Clavier und Violine) von Saint-
Saëns ist flach und verzwickt zugleich; erst das lebendig
fortprickelnde Finale rüttelt den Hörer aus langer Gleich
giltigkeit. Mit desto größerem Genuß hörten wir Dvořak’s
Clavierquintett op. 81, eine der frischesten, erquickendsten
Blüthen moderner Kammermusik. Ohne Herrn und Frau
Breitner, denen das Publicum dankbarsten Beifall zollte,
würden wir vielleicht jahrelang darauf gewartet haben.
Auch die letzte Production des Quartetts Hellmes
berger vermochte gegen das schöne Wetter nicht recht auf
zukommen. Mozart’sSextett mit zwei Waldhörnern wurde
vortrefflich gespielt und behaglich genossen, wenngleich unse
rem nervös gewordenen Geschlecht ein kleines Donnerwetter
an diesem ewig blauen Himmel nicht unerwünscht gekommen
wäre. Auch an dem melodienreichen Octett von Schubert
kann man jedesmal die Wahrnehmung machen, wie es im
Verlauf der sechs Sätze dem Hörer zu lang wird. Als ein
aparter Leckerbissen wurde Herr Winkelmann servirt,
welcher die Pylades-Arie von Gluck unter enormem Bei
fall sang — ein zartes Stück, das unser gefeierter Sieg
fried mit Vorliebe in Concerten vorträgt, obgleich es weder
dem Charakter seines Organs noch seiner Gesangsweise be
sonders entspricht. Brillant und musikalisch gediegen spielte
Frau Frankl-Joël den Clavierpart von Rubinstein’s
C-dur-Quartett. Ein minder bekanntes oder ein älteres
werthvolles Stück wäre uns willkommener gewesen. Der
Anfang mit seinem üppigen, groß aufblühenden Thema ist
freilich bestechend, aber wie schnell geht es von da abwärts!
Ein wahres Prototyp fast aller mehrsätzigen Compositionen
von Rubinstein: Erster Satz frisch, spontan, vielverspre
chend; Scherzo nur noch rhythmisch pikant; Adagio trostlos
langweilig; Finale roh und ideenlos. Das C-Quartett stammt
aus Rubinstein’s bester Periode: in seinen späteren Werken
pflegt auch schon der erste Satz nicht viel zu taugen.
Die Philharmoniker eröffneten ihr Abschiedsconcert
mit Schumann’s selten gehörter Ouvertüre zu Schiller’s
„Braut von Messina“. Aus des Meisters letzter Periode
stammend, verräth sie trotz alles äußerlichen Kraftaufwandes
eine ermüdete Phantasie, ein weiches trauriges Gemüth, das
sich zu heroischen Aeußerungen zwingt. Ein Seitenstück zu
Schumann’s Julius Cäsar-Ouvertüre, erinnert sie in ihrer
schweren, schmerzlich düsteren Stimmung auch an die Faust-
Ouvertüre und die (ungleich bedeutendere) Genofeva. Im
Vergleich zu diesen, wie licht- und klangvoll sind die
Ouvertüren, welche Beethoven zu Tragödien wie Egmont
und Coriolan geschrieben! Wir sind Herrn Hanns Richter
dankbar für jedes Werk von Schumann, das er längerer
Vergessenheit entzieht. Die schwächere Arbeit eines Meisters,
eines echten Poeten bleibt doch hundertmal werthvoller, als
das Beste, was unreifer Größenwahn oder trockene Capell
meister-Routine hervorbringt. Auf dem mir vorliegenden
Original-Manuscript der Ouvertüre zur „Braut von
Messina“ stehen folgende rührende Zeilen von Schumann’s
Hand an Brahms: „Willkommen zum ersten Mai,
Johannes, nimm sie liebend an, die Partitur. Bist du ein
Maikind? Dein Robert.“
Es fügte sich schön, daß auf Schumann’s Werk eines
von seinem Liebling folgte, die A-dur-Serenade, welche
manchen Schumann’schen Zug aufweist. Brahms hat sich
seit den dreißig Jahren, die ihn von seinen beiden Sere
naden (op. 11 und 16) trennen, mächtig entwickelt. Aber
so hoch er auch emporgewachsen ist aus diesen Nachtmusiken,
sie behaupten noch immer einen vornehmen Platz in der
modernen Orchester-Literatur. Es sind anmuthige, im un
getrübten Glück der Jugend athmende Garten-Phantasien
voll Mondschein und Fliederduft. Für denjenigen, der
zu lauschen versteht, klingen darin feine liebliche Stimmen
und erzählen von glücklichen Stunden. Fast zu fein sind diese
Stimmen für weitläufige Concerthallen. Unser großer Musik
vereinssaal und die Nachbarschaft vollinstrumentirter Orchester
werke, wie die Schumann’sche Ouvertüre und die „Eroica“,
beeinträchtigen die Wirkung der A-dur-Serenade, welche
nicht blos auf Trompeten und Posaunen, sondern seltsamer
weise auch auf Violinen verzichtet und nur die drei tieferen
Arten des Geigengeschlechtes verwendet. Offenbar hat Brahms
sie nicht für große Orchester-Concerte bestimmt, wie seine voll
stimmige größere Serenade in D-dur. Könnte man nicht einmal
die A-dur-Serenade am Ende eines der Kammermusik-Abende
hören, die man jetzt gern mit Beethoven’s Septett oder dem
Schubert’schen Octett schließt? Eine kleine Besetzung, viel
leicht fünfzehn Mann, würde genügen, um die eigenartigen
Reize dieser für einen intimen Hörerkreis gedachten Sere
nade zu entfalten. Als Schlußnummer triumphirte die
„Heroische Symphonie“. Beethoven hat vor die Ori
ginal-Ausgabe (1805) folgendes Vorwort gesetzt: „Diese
absichtlich länger als gebräuchlich geschriebene Symphonie ist
näher zum Anfang als zum Schluß einer Akademie, bald
nach einer Ouvertüre, einer Arie oder einem Concert, aus
zuführen, damit sie nicht, zu spät gehört, für den durch die
vorhergehenden Stücke bereits ermüdeten Zuhörer ihre be
sondere, beabsichtigte Wirkung verliere.“ Heute, da nahezu
neunzig Jahre seit jener Mahnung verflossen sind, braucht
sich gewiß kein Dirigent mehr daran zu halten. Die Sin
fonia eroica ist dem gesammten musikalischen Publicum so
sehr, fast bis zum Auswendigkennen vertraut, daß von an
gestrengtem Folgen und von der Bedingung einer durch
nichts abgeschwächten Empfänglichkeit kaum mehr die Rede
sein kann. Weder Schumann’s Ouvertüre noch die Serenade
von Brahms haben der „Eroica“ im mindesten wehgethan.
Sie siegte, wie immer, ohne nachträglich von Hanns Richter
berednert und „umgewidmet“ zu werden. Die jüngste
Concertrede Bülow’s mit der überraschenden Proclamation
Bismarck’s zum eigentlichen Helden der Beethoven’schen
Symphonie hat begreifliches Aufsehen gemacht. Man darf
Bülow, dessen enthusiastischer Geist leicht überschäumt und
in der Begeisterung für irgend ein Ideal zugleich allerhand
Seitenhiebe austheilt, nicht kleinlich, nicht lieblos beurtheilen.
Sein heißes, nervöses Temperament, seine fleckenlose Ehrlich
keit und seine großen künstlerischen Verdienste haben ihm
längst eine Art Privilegium gesichert für Extravaganzen, mit
und ohne Rücksichtslosigkeit. „Wär’ ich besonnen, hieß’ ich
nicht der Tell.“ Bülow, der in den letzten Jahren für den
Concertaufschwung in Berlin und Hamburg so Außerordent
liches geleistet, ist für das deutsche Musikleben ein treibendes,
belebendes Element, wie wir kein zweites besitzen. Er wird
dereinst eine schmerzliche Lücke hinter sich zurücklassen.
Die größte Begeisterung, den lautesten Jubel hat in
letzter Zeit unser Johann Strauß heraufbeschworen mit
seiner neuesten Walzerpartie: „Seid umschlungen Millionen!“
In Wahrheit werden bald Millionen sich umschlungen fühlen
von den verführerischen Rhythmen dieses Walzerhymnus „an
die Freude“. Die Composition ist Brahms gewidmet,
dem Verehrer der Blauen Donau und intimen Freunde der
Fledermaus. Geniale Naturen erkennen einander auch auf
den verschiedensten Gebieten. Brahms und Strauß —
es ist doch Jeder von ihnen der Erste in seinem Fach.
Brahms repräsentirt die Pairskammer, Strauß das Abge
ordnetenhaus in der Musik.