Friedrich v.
Flotow’s Leben.
Ed. H. Eine vollständige verläßliche Biographie Flotow’s
hat bisher gefehlt, so gerne man Genaueres über die Ent
wicklung und die Erlebnisse eines Mannes erfahren hätte,
der, liebenswürdig als Mensch wie als Künstler, von so
glänzenden Erfolgen gekrönt war. Ein solches Buch konnte
überall auf Theilnahme zählen, in Wien zumal, wo Flotow’s
Ruhm die Reise um die Welt antrat und seine Persönlichkeit
zu den bekanntesten und beliebtesten gehörte. Die Verlags
handlung Breitkopf & Härtel versendet soeben einen schön aus
gestatteten schmächtigen Band: „Friedrich v. Flotow’s
Leben, von seiner Witwe“. Die Verfasserin ziert
eine seltene Bescheidenheit. Weder ihren Taufnamen, noch
ihren Familiennamen, noch ihre Herkunft verräth sie uns;
ihre Person bleibt das ganze Buch hindurch völlig unsichtbar
im Hintergrund. Sie schreibt durchaus sachlich, meist auf
Grund schriftlicher Aufzeichnungen ihres Gatten, den sie
liebevoll, doch ohne enthusiastische Uebertreibung schildert.
Der Frau eines Componisten verzeiht man, wenn sie ihn
für einen zweiten Mozart hält; man dankt ihr, wenn sie es
nicht thut.
Das Interessanteste ist die Jugendzeit. Die Familie
Flotow ist eines der ältesten Adelsgeschlechter in Mecklenburg;
es kann seine Abstammung bis in jene Zeiten verfolgen, wo
die Führung von Wappen als Abzeichen adeliger Abkunft
aufgekommen ist. Der ausgedehnte Grundbesitz der Flotows
ging allmälig durch schlechte Wirthschaft und anhaltende Ver
nachlässigung immer mehr zurück, namentlich zur Zeit der
französischen Invasion. Wilhelm v. Flotow, der Vater des
Componisten, hatte den unglücklichen Feldzug gegen Frank
reich mitgemacht, hierauf als Rittmeister seinen Abschied ge
nommen und war in die Heimat zurückgekehrt. Da begann
für ihn eine kummervolle Zeit steter Arbeit, ja großer Ent
behrungen; er mußte sich auf seinem verschuldeten Gut
Tentendorf mit einem bescheidenen Wohnhäuschen begnügen,
das gegenwärtig die Wohnung des Dorfschulmeisters ist. Hier
wurde am 26. April 1812 Friedrich v. Flotow geboren.
Wie fruchtbar war diese Zeit im Hervorbringen bedeutender
Componisten! Das Jahr 1809 brachte Mendelssohn und
Chopin; 1810Schumann und Felicien David;
1811Liszt, Ferdinand Hiller und Ambroise Thomas;
1812Flotow; 1813 Richard Wagner und Verdi.
Diese fünf Jahre lieferten eine reichere musikalische Ernte,
als die folgenden fünf Decennien. Das musikalische
Talent des kleinen Friedrich zeigte sich bald, fand
aber zu Hause keinerlei Anregung oder Unterstützung.
Mit 10 Jahren wurde er in die Pension eines Pfarrers in
Lübchen geschickt; nach Jahresfrist zeigte es sich, daß er in
seinen Berufsstudien gar keine Fortschritte gemacht und nur
Clavier gespielt habe. Der Vater nahm den Knaben sofort
nach Hause und schickte ihn in eine andere Pension in
Lüderhagen bei Güstrow. Auf Andringen der Mutter, welche
den Musikunterricht doch nicht vernachlässigt sehen wollte,
ward festgesetzt, daß Friedrich wöchentlich einmal nach Güstrow
gebracht werden sollte, um bei dem Organisten Thiem Unter
richt in der Harmonielehre zu nehmen. So kam er denn
jeden Samstag Morgens nach Güstrow und verbrachte den
Tag wie den darauffolgenden Sonntag im Hause seiner
Tante, der Schwester seiner Mutter. „Tante Gabillon!“
Der Name klingt den Wienern lieb und vertraut ins Ohr.
Sie haben es nun Schwarz auf Weiß, daß es in Mecklen
burg wirklich echte Gabillons gibt, so oft auch unserem
Ludwig Gabillon von neckenden Burgtheater-Collegen die
Echtfärbigkeit seines Namens angefochten wurde. Onkel Ga
billon war der Sohn eines französischen Tanzlehrers, der
sich in Mecklenburg angesiedelt hatte. Er versah das Amt
eines Steuersecretärs in Güstrow, schwärmte für Musik
und dirigirte den Gesangverein des Städtchens. Auf die
musikalische Entwicklung seines Neffen hat er jedenfalls
fördernden Einfluß genommen. Uebrigens wurde Friedrich,
der schon im Stillen zu componiren anfing, von der Musik
grundsätzlich ferngehalten. Der Vater, welchem die Musik
höchstens als angenehmer Zeitvertreib galt, hoffte ihn zu
einem tüchtigen Verwaltungs-Beamten auszubilden, mit der
Aussicht auf einen Diplomatenposten. Wie erschrak er, als
Friedrich mit der dringenden Bitte an ihn herantrat, sich
ganz der Musik widmen zu dürfen! Da gab es erst heftiges
Widerstreben, dann langes Ueberlegen. Erst nachdem viele
Fürsprecher, Onkel Gabillon an der Spitze, die Sache warm
unterstützten, nachdem schließlich auch der berühmte Clarinettist
Ivan Müller sich über Friedrich’s Talent sehr günstig aus
gesprochen hatte, entschloß sich Papa Flotow, einzuwilligen.
Unaufgeklärt und jedenfalls merkwürdig ist der Entschluß des
alten Flotow, seinen Sohn sofort in Paris studiren zu
lassen. Man kennt kaum ein zweites Beispiel, daß ein an
gehender deutscher Compositions-Schüler mit Uebergehung
jeder deutschen Musikschule zur Ausbildung unmittelbar nach
Paris geschickt worden ist. Und Paris war damals von
Mecklenburg schwerer zu erreichen als heute Newyork! Eine
Art Divination muß dem sonst ganz unmusikalischen Papa
dieses Stichwort eingegeben haben. Weder war er im Stande,
die musikalische Richtung seines Sohnes zu beurtheilen, noch
lag diese in einigen unreifen Versuchen überhaupt erkennbar
zu Tage. Aber gewiß, der junge Flotow gehörte nach Paris.
Nicht als ob Frankreich ihm große Erfolge bereitet hätte —
diese kamen ihm erst in Deutschland — aber Paris brachte
eben jene Keime seines Talents zur Blüthe, durch welche
Flotow später Deutschland bezaubert hat: Eleganz, leichter
Esprit, formelle Abrundung und über dem Allen der Sinn
für das theatralisch Wirksame.
Der alte Herr fährt selbst mit dem 16jährigen Sohne
nach Paris und quartiert ihn bei einem pensionirten französi
schen Major ein, der eine Mecklenburgerin geheiratet hatte.
Die besten Meister werden gewählt: Peter Pixis für das
Clavierspiel, Reicha für die Composition. Der junge Flotow
arbeitet fleißig und componirt Allerlei. Er scheint sich schon
damals in die Rolle eines gefeierten Operncomponisten hinein
geträumt zu haben, denn vor der Première von Rossini’s
„Tell“ schreibt er der Mutter: „Ich bin recht neugierig,
einmal so eine erste Vorstellung zu sehen, möchte auch gerne
wissen, wie sich bei solchen Gelegenheiten der Componist be
nimmt.“ Er hatte noch hübsch lange zu warten, bevor die
Reihe an ihn kam! Plötzlich fiel ein schreckliches Ereigniß
verstörend in sein ruhiges Leben. Man fand eines Morgens
den alten Major mit durchschnittenem Halse in seinem Bette.
Die Familie stob auseinander, und Niemand kümmerte sich
mehr um den jungen Fremden, der nun seine beste Stütze,
seinen einzigen Rathgeber verloren hatte. Flotow miethete
ein billiges Dachstübchen und bestritt mit monatlichen
200 Francs seine sämmtlichen Bedürfnisse. Eigentliche
Armuth hat er nie gekannt, wol aber mußte er sich in
Paris sehr knapp behelfen und die scharfsinnigsten Combina
tionen ausdenken, um auf die billigste Art die erste Heim
reise zu bestreiten. Das ist immer eine werthvolle Vorschule
für’s Leben; sie hat Flotow in seinen guten Zeiten da
vor bewahrt, die großthuerische Seite des „Cavaliers“ her
vorzukehren. Unmittelbar nach der Juli-Revolution 1830
fand es Papa Flotow dringend, den Sohn nach 2½ jähriger
Abwesenheit zurückzuberufen. Da konnte dieser in Güstrow
die ersten patriotischen Localtriumphe als Pianist und Com
positeur feiern. Im Mai 1831 kehrt Flotow nach Paris
zurück. Er erfreut sich bald des Umgangs mit den berühm
testen Componisten und erlangt Zutritt in die vornehmsten
Salons. Es war ein Leben voll geistreicher geselliger An
regung, eine hohe Schule weltmännischen Benehmens, aber
auch ein Quell künstlerischer Zersplitterung. Für die Lieb
haber-Theater jener aristokratischen Kreise hat Flotow eine
Anzahl kleiner Opern und Gelegenheitsstücke componirt,
welche ihm die Zeit für Größeres raubten und unfruchtbar
blieben für seine Laufbahn. Von Wichtigkeit wurde
ihm die nähere Bekanntschaft mit dem Componisten
Albert Grisar und zwei renommirten Textdichtern,
St. Georges und de Leuven. Letzterer war in
Wirklichkeit ein Graf Ribbing, Sohn jenes schwedi
schen Grafen Adolph Ribbing, der in der Verschwörung
Ankarström’s gegen Gustav III. verwickelt gewesen. Graf
Ribbing war zum Tode verurtheilt, wurde aber begnadigt
und aus Schweden verbannt. Er zog nach Paris, wo sein
Sohn unter dem Namen de Leuven einer der angesehensten
Theater-Schriftsteller wurde. Die erwähnten vornehmen
Privataufführungen machten den Namen Flotow allmälig
in Paris bekannt; man wurde aufmerksam auf sein Talent.
Dennoch blieben die Opernbühnen ihm noch immer ver
schlossen. Seine Bemühungen, von dem Director der Komi
schen Oper, Crosnier, auch nur ein bescheidenes einactiges
Libretto zu erhalten, blieben vergeblich. Dieser Director ließ
Flotow niemals vor, so oft dieser ihn auch im Theater oder
zu Hause aufsuchte. Der Diener hatte den strengsten Auftrag,
„den deutschen Monsieur“ jederzeit abzuweisen. Wie half sich
der deutsche Monsieur? Er verband sich mit Grisar, dessen
Ruf schon begründet war, zu gemeinschaftlicher Arbeit, unter
der Bedingung, daß die ersten Opern nur unter Grisar’s
Namen gegeben werden sollten. So kam im Jahre 1838
im Théâtre de la Renaissance eine dreiactige Oper, „Lady
Melvil“, und im nächsten Jahr eine zweite, „L’eau
merveilleuse“, mit großem Erfolg zur Aufführung. Daß
diese beiden nur Grisar zugeschriebenen Opern zur größeren
Hälfte von Flotow sind, ist bisher nicht bekannt ge
wesen. Mit einigem Stolz meldet er seinem Vater, daß er
in Folge dieser Arbeiten nahe an 8000 Francs verdient habe.
Von einer dreiactigen Oper: „Der Schiffbruch der
Medusa“, waren die zwei besten Acte Flotow’s Werk,
dessen Namen, wenn auch zum erstenmal, auf dem Theater
zettel der „Renaissance“ erschien. Das war also sein erster
wirklicher Erfolg in Paris (1839) — freilich auf einer
Bühne zweiten Rangs und getheilt mit einem andern Mit
arbeiter (Pilati). An der Möglichkeit, eine noch so kleine
Arbeit an der Großen Oper anzubringen, hatte er bereits
verzweifelt. Da läßt ihn eines Tages Saint-Georges
zu sich bitten. „Wollen Sie einen Ballet-Act für die Große
Oper componiren?“ — „Ob ich will? Mit tausend Freuden!“
— „Nun denn: das Ballet hat drei Acte, die Arbeit drängt,
für zwei Acte hat der Director bereits zwei Componisten ge
wählt; als den dritten habe ich Sie vorgeschlagen. Aber Sie
müssen sich verpflichten, in vier Wochen fertig zu sein.“
Flotow eilte mit dem ersten Acte überglücklich nach Hause
und lieferte die Partitur pünktlich ab. Dieser eine Act wurde
für Flotow’s Zukunft von entscheidender Wichtigkeit; das
von Saint-Georges bearbeitete Ballet war nämlich „Lady
Harriett“, dasselbe Sujet, das Flotow später für seine
„Martha“ benützte. Nichts Anziehenderes, als die scheinbar
zusammenhanglose Kette von Zufällen zu verfolgen, an
welcher ein Autor zum ersehnten Ziele gelangt. Flotow hatte
für eine von der Fürstin Czartoryska veranstaltete Wohl
thätigkeits-Vorstellung eine kleine Oper: „Le Duc de Guise“,
geschrieben. Unter den Choristen befand sich auch ein Hamburger,
Namens F. W. Riese, mit dem sich Flotow über Opern
texte unterhielt. Dieser Riese schrieb ihm (unter dem
Pseudonym Friedrich) das Libretto zur Oper „Stradella“
und dann zur „Martha“ — die beiden besten Opernbücher
Flotow’s und eigentlichen Pfeiler seines Ruhmes. Durch die
Vermittlung dieses poetisirenden Hamburgers gelangte die
Oper „Stradella“ zur ersten Aufführung in Hamburg
(1844) und errang einen beispiellosen Erfolg. Bald er
probte Stradella seine banditenbezähmende Hymne auf allen
deutschen Bühnen. In Wien zuerst im Wiedener Theater,
im selben Jahre noch im Kärntnerthor-Theater. Unverzüglich
bestellte die entzückte Hofopern-Direction eine neue Oper bei
Flotow. Das war die „Martha“. Ihre Première
(25. November 1847) mit der Zerr und Therese Schwarz,
Erl und Karl Formes bildete den Ausgangspunkt einer
bereits durch 45 Jahre rüstig fortlaufenden Kette von
Martha-Erfolgen in allen Sprachen, in allen Ländern dies
seits und jenseits des Weltmeeres.
Mit keiner seiner nachfolgenden Opern vermochte
Flotow die Wirkung Stradella’s und Martha’s auch nur
annähernd zu erreichen. Seine Erfindung nimmt zusehends
ab, seine Manier versteinert sich. Relativ am frischesten
zeigt ihn noch die Oper „Indra“ (Wien1852). Da
findet sich doch neben der fadesten Behandlung des Pathe
tischen und Sentimentalen — jederzeit die schwache Seite
Flotow’s — ein ungemein farbenfrisches Bild des heiteren
Nachtlebens in Lissabon. Wo er alle die originellen National-
Melodien her habe? „Von einem alten spanischen Sprach
lehrer in Berlin,“ antwortete mir Flotow, „einem drolligen
Kauz, der sich Abends zur Guitarre manchmal in musika
lischen Heimats-Erinnerungen erging. Ich ließ mir den
Mann mit seiner Guitarre ein paarmal kommen, tractirte
ihn reichlich mit Chocolade, und er sang mir seine Volkslieder
vor, von denen ich einige gut brauchen konnte.“ Jeder von
Flotow’s Briefen spricht mit ungeheuchelter Bescheidenheit
von den unverdient großen Erfolgen, die er „dem Wohl
wollen des nachsichtigen Wiener Publicums“ verdanke. Zeit
lebens hing er mit zärtlicher Dankbarkeit an Wien. Aber
auch Wien wurde nicht müde, den Componisten der
„Martha“ zu immer neuen Schöpfungen aufzumuntern.
Anstatt jedoch aus frischem Holz zu schneiden, Neues zu
schaffen, begann Flotow, vielleicht im Gefühle abnehmender
Kraft, allerhand alte Stücke umzuformen, zu leimen, zu
poliren. Schon für die „Indra“ hatte theilweise seine ältere
Oper „L’esclave de Camoëns“ herhalten müssen. Dann
entstanden aus dem „Naufrage de la Méduse“ „Die
Matrosen“, welche bei der Wiener Aufführung rettungs
los untergingen. Ein gleiches Schicksal erreichte die Oper
„Der Förster“, eine deutsche Ueberarbeitung von Flotow’s
„L’âmo en peine“. Hierauf kam noch 1856 eine neue
deutsche Original-Oper „Albin“, eine Tiroler Dorfgeschichte
mit großartig, poetischen Müllerburschen, sentimentalen
Bäuerinnen und nach Patschouli duftenden Tannenwäldern.
Trotz der allgemeinen Sympathien für Flotow und seinen
Textdichter Mosenthal blieb das enttäuschte Publicum
schon nach wenigen Reprisen aus. Dieser Mißerfolg hat
den Componisten, wie seine Biographin erzählt, sein ganzes
Leben lang schmerzlich bedrückt, und noch kurz vor seinem Tode
„schuf er Pläne zur Rehabilitirung“ dieses zum „Müller von
Meran“ umgetauften Albin. Flotow hielt die größten
Stücke gerade auf dieses schwache Werk — ein neuer Be
weis, wie sehr ein Autor über den Werth seiner eigenen
Sachen sich täuschen kann. In Wien gelangten noch zwei
spätere, aus dem Französischen übertragene Opern von
Flotow zur Aufführung, aber nicht im Hofoperntheater, wo
man etwas mißtrauisch geworden war, sondern (mit der
Geistinger und Albin Swoboda) im Wiedener Theater.
„Zilda“, 1867, ein orientalisches Märchen vom weisen
Khalifen und vom bestraften nichtsnutzigen Kadi, und eine
romantische Oper „Sein Schatten“ (l’ombre), 1871,
deren Romantik darin besteht, daß es sich abwechselnd um
bereits erschossene und noch zu erschießende Officiere handelt.
So wurde denn jede spätere Oper von Flotow immer etwas
schmächtiger und blässer als die früheren, bis schließlich
von dem berühmten Componisten der „Martha“ nichts
übrig blieb, als — „sein Schatten“. Damit ist jedoch
der Kreis von Flotow’s Opern-Compositionen noch
lange nicht geschlossen. Unsere Biographie nennt noch
eine erkleckliche Anzahl von Opern aus Flotow’s letzter
Zeit, welche auf ein bis zwei deutschen Bühnen rasch
verpufft sind, ohne überhaupt nach Wien zu gelangen: „Die
Großfürstin“, „Rübezahl“, „Johann Albrecht“, „Naïda“,
„Am Runenstein“, „Die Blume von Harlem“, „Das Burg
fräulein“; dann die Ballette: „Libelle“, „Der Tannkönig“ und
„Die Gruppe der Thetis“. Zwei Opern: „Die Musikanten“
und „Sacuntala“, scheinen überhaupt noch nicht aufgeführt
zu sein. Man erkennt aus diesem Verzeichniß den unermüd
lichen Schaffensdrang Flotow’s; die Arbeit war ihm Bedürfniß.
Von Flotow’s späteren Lebensschicksalen haben wir noch
nachzuholen, daß er nach dem Tode seines Vaters längere
Zeit in eifriger landwirthschaftlicher Thätigkeit auf seinen
mecklenburgischen Gütern verweilte. Als ihn da das Unglück
traf, seine junge Frau und sein Kind zwei Jahre nach der
Hochzeit zu verlieren, verkaufte er die Ländereien bis auf
das Erbgut, Teutendorf, mit welchem später sein Sohn Wil
helm belehnt wurde, und zog nach Wien. In Ober-Sievering,
am Abhange des Kahlenberges, erwarb er einen kleinen
Besitz, wo er mit seiner zweiten Frau, Anna Theen, sich
ein gemüthlich stilles Heim einrichtete. Hier erreichte ihn der
Ruf seines Landesherrn, die oberste Leitung des Schweriner
Hoftheaters zu übernehmen. Ganz abgesehen davon, daß der
Großherzog einen mecklenburgischen Cavalier an der Spitze
seines Hoftheaters sehen wollte, war die Wahl sehr ein
leuchtend, denn Flotow hatte sich in Paris eine vollkommene
Kenntniß des gesammten Theaterwesens angeeignet und
galt für einen ausgezeichneten Regisseur. „Ausgerüstet
mit großer Gewalt und kleinem Gehalt“, hat Flotow
in seiner neuen Stellung nach Kräften Gutes gewirkt, ins
besondere durch die Acquisition des (heute noch thätigen)
Hofcapellmeisters Alois Schmitt die Schweriner Musik
zustände zu bedeutender Höhe gehoben. Sieben Jahre lang
widmete er sich dieser Amtsführung, die er „einen sieben
jährigen Krieg“ nannte. Schließlich ward ihm die Stellung
durch kleinliche Intriguen und Angriffe verleidet, und er
nahm 1863 seinen Abschied. Daß Flotow’s ehrlich liberale,
künstlerische Gesinnung sich am Schweriner Hofe wirklich
nicht heimisch fühlen konnte, mag folgendes Beispiel beweisen:
Flotow hatte auf besondere Bitte beim Großherzog die Er
laubniß erwirkt, daß bei Hofconcerten die mitwirkenden
Künstler und Künstlerinnen am Souper an einer der kleinen
Tafeln theilnehmen dürfen, welchen er selbst als Intendant
präsidiren wollte. Doch der Hofmarschall fand diese Con
cession so unerhört, daß er auf eigene Faust einige Minuten
vor Beginn des Soupers die für die Künstler bestimmte
Tafel abdecken ließ und „diese Leute“ heimschickte. Im Jahre
1868 schritt Flotow zur dritten Ehe (mit der Verfasserin
der Biographie) und lebte die nächsten fünf Jahre auf der
seiner Gattin gehörigen Besitzung in Hirschwang bei
Reichenau, wo zahlreiche Gäste aus der Wiener Kunstwelt
sich gern einfanden. Die Besitzung überging später in das
Eigenthum des Baron Victor Erlanger, und Flotow ließ
sich für den Rest seines Lebens in Darmstadt nieder. Von
dort kam er noch einmal, im April 1882, nach Wien, um im
Hofoperntheater der fünfhundertsten Vorstellung seiner
„Martha“ als Ehrengast beizuwohnen. Es war dies zugleich
die schönste Feier seines siebzigsten Geburtstages. Einige Monate
später hatte ihn ein Schlagfluß weggerafft. Der Himmel,
der sich ihm meistens gnädig erwiesen, hat dem thätigen
Manne die Qualen langer Krankheit erspart. Auch konnte
er mit dem Glücksgefühle scheiden, seinen Ruhm und seinen
Zusammenhang mit dem Publicum nicht überlebt zu haben.
Sind auch die Werke seiner späteren Periode rasch ver
schollen, Stradella und Martha führen — Ersterer
mindestens in Deutschland, Letztere in der ganzen Welt —
heute noch ihr fröhliches Dasein fort. Die Verbreitung und
Beliebtheit der „Martha“ ist in der Geschichte der deutschen
komischen Oper ohne Beispiel. Der letzte große Erfolg dieses
Genres, „Der Trompeter von Säckingen“, reicht nicht ent
fernt daran; seine Töne sind nie über die Grenzen Deutsch
lands gedrungen, und auch hier beginnen sie jetzt — schon
nach zehn Jahren! — bedenklich einzufrieren, ohne viel
Aussicht, je wieder in ihrer alten münchhausischen Stärke
aufzuthauen. Eine so außerordentliche und anhaltende Popu
larität wie die der „Martha“ ist niemals ohne zureichenden
Grund, und dies muß, bei allem sonstigen Vorbehalt, auch
der Kritiker anerkennen, der jetzt ihren trostlos abgenützten
Melodien lieber aus dem Wege geht.
Der persönliche Charakter Flotow’s erscheint in der
Biographie brav und liebenswürdig, wie wir ihn auch im
Umgange stets gefunden haben. Er war nicht blos vornehm
in der Erscheinung, sondern auch in der Gesinnung. In
seinen Briefen und Tagebuchblättern findet sich nicht die ge
ringste mißgünstige oder geringschätzende Aeußerung über
einen seiner Collegen. Diese Tugend stammt gewiß zur
Hälfte aus natürlichem Wohlwollen, zur anderen Hälfte ver
dankt er sie Paris. Französische Componisten und Schrift
steller pflegen niemals über ihre Collegen wegwerfend zu
sprechen. In Deutschland scheint das Gegentheil beliebter zu sein.