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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H.
Vergleiche „
um Adrienne
sie ihnen als Paraderolle in dem bekannten
das allgemeine Interesse an der berühmten Schauspielerin
so ziemlich auf die Fabel jenes
Situation desselben steht erwiesenermaßen im vollen Wider
spruche zu der historischen Wahrheit. Die Freiheit des Dich
ters, eine Legende für seinen poetischen Zweck zu verwerthen,
bleibe unangefochten, aber thatsächlich ist Adrienne
ebensowenig vergiftet worden, wie
von denen dieselbe Schauermär eine zeitlang verbreitet war.
Weder die Eifersucht von Collegen noch die Feindseligkeit der
zogin
starb am 20. März
übermenschlicher Anstrengung, unter Schmerzen und Ohn
machten, gespielt hatte. Nach dem gerichtlichen Sections-
Protocoll ist sie einer heftigen Gedärmentzündung erlegen,
einer Krankheit, die sie bereits fünf Jahre früher an den
Rand des Grabes gebracht hatte. Sie war als die Tochter
eines Hutmachers aus der Provinz, der sich ganz nahe der
Comédie Française etablirte, sehr jung nach
men. Kaum 15 Jahre alt, gesellt sie sich zu einigen theater
lustigen jungen Leuten, welche im Laden eines Gewürz
krämers den „
einiges Aufsehen, man spricht von dem großen Erfolge
der jungen Tragödin, und einer der Zuschauer, der
Schauspieler
ihr Talent auszubilden. Er war ein so mittel
mäßiger Comödiant, daß ihm wahrscheinlich nicht
das mindeste Verdienst zukommt an dem späteren Ruhme
seiner Schülerin.
gebildet. In der Comédie Française debutirte sie im Mai
daß sie am selben Abend sich in beiden Gattungen, im Tra
gischen und Komischen, zeigen sollten. Die Zuschauer zum
Lachen zu bringen, nachdem man sie weinen gemacht, das
war zu jener Zeit der Ehrgeiz aller jungen Schauspielerinnen.
Obwol durch die Tragödie berühmt geworden, galt die
vreur
darin anfangs sogar häufiger beschäftigt, als im Trauer
spiel. Am bewunderungswerthesten war sie im Ausdruck
starker Leidenschaften; da sprach sie unmittelbar, unwiderstehlich
zum Herzen und packte die Zuhörer mit einer Kunst, die von
Natur nicht mehr zu unterscheiden war. Ohne ernstes
Studium hatte sie diese Kunst keineswegs erlangt. Es be
fremdete sie, daß der berühmte Grammatiker
inmitten des jubelnden Publicums immer nur zeitweilig ein
halblautes „Recht gut“ von sich gab. Sie lud ihn zu sich
ein und bat ihn um seinen Rath. Er war in der That der
Mann, ihrer einzigen Unvollkommenheit abzuhelfen. Ihre
Aussprache war nicht correct.
Vortrag immer seine Seele bewege, aber manchmal sein
Ohr verletze. Die erste Pflicht des Schauspielers sei, gut zu
sprechen.
man müsse jedem Wort, jeder Sylbe den richtigen Werth
geben. Der „tonische Accent“ sei die Seele des Wortes.
Den Vortrag
dung, dazu der Reiz einer tiefklingenden Stimme, dieser
unschätzbare Vortheil für eine Tragödin, den später auch die
Wirkung, indem er ihnen die literarische Genauigkeit der
Aussprache beifügte. Fragen der Aussprache wurden damals
in der
die Comédie Française galt dafür als Autorität, genau wie
bei uns in — früherer Zeit wenigstens — das Burgtheater.
Neider, insbesondere Neiderinnen, in den Coulissen nicht
ausblieben. Obendrein zeigte sie sich unbotmäßig gegen die
Disciplin des Theaters. Jeden Augenblick ward ihr eine
Geldstrafe dictirt wegen Zuspätkommens zu den Proben und
Aufführungen. Darin übte man gegen
eine besondere Strenge; ihre Beziehungen zur großen Welt,
wo sie verhätschelt ward, hatten ihr die Feindseligkeit
vieler Collegen zugezogen. Einer derselben entdeckte in dem
Worte Couleuvre (Natter) das Anagramm des Namens
Lecouvreur und glaubte damit die Schwärze ihres
erklärten Feinde, zur Aufführung eingereicht und wäre ohne
Dazwischenkunft einflußreicher Freunde auch wirklich gespielt
worden. Der frühe Tod Adrienne
Theater den schwersten Schlag. Ein von
Nachruf ertheilt ihr das außerordentliche Lob, sie habe die
Kunst, zum Herzen zu sprechen, so gut wie erfunden und
zuerst Wahrheit und Gefühl an die Stelle von Pomp und
Declamation gesetzt.
Die Lebensumstände der
freunden immerhin noch besser bekannt, als der Zustand des
Hauses, in welchem sie geglänzt hat. „Geglänzt“ im figür
lichen Sinn, denn die Scene der großen Künstlerin war stets
nur mittelst etlicher Pakete Talgkerzen beleuchtet. 45 Francs
für Talgkerzen — damit beleuchtete man im Jahre
Zuschauerraum, die Gänge, die Coulissen, die Decorationen, die
Garderoben der Schauspieler und auch noch die „Loge à la
limonade“, welche das Foyer des Publicums bildete. Mußte
dieses Halbdunkel nicht das Spiel der Darsteller beeinträch
tigen? Nach seiner persönlichen Erfahrung meint
es habe niemals ein Schauspieler davon zu leiden gehabt.
Die Augen waren anders gewöhnt, als die unseren, und
zwischen der Beleuchtung des Theaters und der unserer
Wohnungen bestand dasselbe Verhältniß wie heute. Man
war zu Hause gewohnt, im Düstern zu sehen, bei einer
Unschlittkerze zu lesen, zu arbeiten; man verlor im Theater
keinen Zug von den Schauspielern in dem sie umgebenden
Halbdunkel. Dem achtzigjährigen
als sei das Theater immer auf dieselbe Weise beleuchtet
gewesen. Und doch, was für Fortschritte hat er darin
erlebt! Er erinnert sich des Théâtre Français im Jahre
Anblick! Der Zuschauerraum war damals um eine Logen
reihe höher geworden; die innere Decoration bestand in einer
jonischen Säulenreihe längs des Saales, welche oben durch
Unterabtheilungen die Logen des ersten und zweiten Ranges
verband; die Wände bekleidete eine blaue, durch das Alter
grau gewordene Tapete. Seit der Republik war dieser Saal
nicht restaurirt worden; seine Beleuchtung beschränkte sich
auf einen Luster von 40 Oellampen. Elf Jahre später,
ward der Saal wieder restaurirt und die Oellampen durch
Gasflammen ersetzt, in der Stärke von etwa 80 Oellampen.
Man blieb dabei nicht stehen; Beleuchtungs-Apparate ge
langten auf die Bühne und erhellten von rechts und links
alle Theile der Scene. Für
Lichtzuwachs keinen reellen Werth. Er will vor 60 Jahren
heute Herrn
das ja von der Illusion lebt, dürfte eines Tages leiden von
der Ueberfluthung mit blendendem Licht. Nach
Ueberzeugung ist das elektrische Licht, das sich ohne Zweifel
allgemein durchsetzen wird, nachtheilig für die Schauspie
lerinnen. Unter dem elektrischen Licht und den riesigen Opern
guckern von heute hätte die sechzigjährige Mlle.
schwerlich noch jugendliche Rollen spielen können.
Das Theater war
durch seine schlechte Construction schwere Verlegenheiten für
die Schauspieler. Die Epoche der Adrienne
besonders ungünstig; die Theater, insbesondere die Comédie
Française, spielten vor halbleerem Hause. Die Schauspieler,
von Schulden bedrückt, beschworen den Regenten, sich ihres
Elends zu erbarmen. In dem Jahre von
betrug der Antheil eines Societärs für den Monat Juni
75 Francs; die Debütantin erhielt nur die Hälfte! Im
August und September wird gar nichts vertheilt, und im
October kommt auf die junge Tragödin ein Betrag von
19 Francs 10 Sous. Man schreitet zu allerlei Einschrän
kungen. Die geringe Betheiligung des Publicums macht eine
starke Wache entbehrlich; man beschränkt sich auf sechs
Polizeimänner. Die Preise der Plätze werden um den vierten
Theil herabgesetzt. Nachdem der Eigenthümer des berühmten
Café Procope erklärt, daß er bei so schwachem Theaterbesuche
unmöglich den Pacht seines Locals im Schauspielhause zahlen
könne, erhält er eine Herabminderung von 1200 auf 900
Francs. Auch ist das Theater gezwungen, seine Almosen ein
zuschränken. Gegen die bisherige Gewohnheit spendet es
nichts mehr an die Klöster, ausgenommen an das der
Charité, welches täglich fünfzehn Sous erhält. Als die Ge
sellschaft nicht mehr auf den Ertrag der Vorstellungen rechnen
kann, stürzt sie sich fieberhaft in die Zufälle des Spiels,
kauft Lotterielose an und convertirt in trügerische Bankbillette
die Gelddepots, welche bei dem Notar für die Gesellschafts
schulden haften. Vergebliche Versuche! Das Geld der Comédie
Française verschwindet wie in einem Abgrund, und man sieht sich
zu einer höchst mißlichen Liquidation gezwungen. Um die Socie
täre des Ruhestandes auszuzahlen, muß Geld zu Wucherzinsen
aufgenommen werden. Das Publicum war zur Zeit der
Regentschaft völlig von der Politik eingenommen und ver
nachlässigte das Theater. Im Jahre
Théâtre Français an 24 Abenden geschlossen, in den meisten
Fällen „wegen Mangels an Zuschauern“. Das Aufsehen, das
die ersten Vorstellungen der Adrienne
Kennern und Liebhabern erregt hatten, verschwand bald
unter dem Lärm der Ankunft
Tage seines Eintreffens fanden die Schauspieler es ge
rathen, ihr Theater zu schließen, und wiederholten diese
Vorsichtsmaßregel bald darauf wegen einer ihm zu
Ehren veranstalteten Revue. So lang der
Welche Einnahme, wenn es dem
das Théâtre Français zu besuchen! Er dachte nicht daran.
Der
derselben Bank saßen“, denn ein Fauteuil oder selbst ein
einfacher Stuhl war damals im Theater ein unbekanntes
Möbel. Nachdem
trunken hatte, verließ er im vierten Act die Oper, um zu
nachtmalen. Wenn die prachtvoll ausgestattete Oper mit
ihren Tänzerinnen und Decorationen den
fesseln vermochte, wie hätte die Comédie Française auf seinen
Besuch hoffen dürfen!
War das damals ein trauriger Ort, das Théâtre
Français, mit seinem engen düsteren Saal und seinem
stets lärmenden, unreinlichen Stehparterre! Es gab nur
vier verschiedene Plätze, zu folgenden im Jahre
gesetzten Preisen: Erste Ranglogen 4 Francs; zweite 2 Francs;
dritte 1 Franc 10 Sous; Parterre 1 Franc. Außerdem
konnten auf der Bühne selbst, rechts und links von den
Schauspielern zwanzig Personen auf drei Bankreichen Platz
nehmen. Dieser Platz war sehr gesucht und kostete 5 Francs
10 Sous. Die erste Loge rechts vom Zuschauer hieß die
Loge des Königs, die gegenüberliegende die Loge der Königin.
Wenn es den Majestäten gefiel, ihren Besuch anzukündigen,
wurden diese Logen ihnen reservirt, sonst aber beliebig vermiethet.
Zur Zeit von
Königin und der Hof besaß sein eigenes Theater, wo er
häufig die Schauspieler des Théâtre Français sah. Kamen
Prinzen oder Prinzessinnen von Geblüt ins Theater, so
ersetzte man ihnen zu Ehren die Talglichter durch Wachs
kerzen. Ihre Geburt gab ihnen das Recht, die ersten Logen
zu benützen, auch wenn diese bereits an Private vermiethet
und von diesen besetzt waren; die Insassen mußten sich
zurückziehen und sehen, wo sie sonst Platz fanden. Wenn die
Prinzen nicht gerade eine Prinzessin begleiteten, wählten sie
ihren Platz am liebsten auf der Bühne. Dann unterbrachen
die Schauspieler sofort die Vorstellung, alle Zuschauer erhoben
sich grüßend und setzten sich erst wieder, wenn der Prinz
den ihm unverzüglich geräumten ersten Platz eingenommen
hatte. Der Regisseur, welcher am Schlusse die morgige Vor
stellung anzukündigen hatte, machte dem Prinzen eine tiefe
Verbeugung und bat um die Erlaubniß, ankündigen zu
dürfen. Wie verschieden waren damals die Sitten in
land
Vorstellung verzögerte, wurde dort ohneweiters ausgezischt.
Wie verhielt es sich mit den Einnahmen des alte
Théâtre Français? Vollständig besetzt, faßte es gegen 1200
Personen; die stärkste Einnahme erreichte kaum 2000 Francs.
Die Tageskosten beliefen sich auf 263 Francs. Der vierte
Theil der Einnahme fiel den Armen zu. Es war dies eine
geradezu erdrückende Steuer, aber seltsamerweise von den
Schauspielern nicht einmal so stark angefeindet, wie die
Verpflichtung, dem Autor eines aufgeführten Stückes den
neunten Theil der Einnahmen zu zahlen, und auch das nur
so lange, als die Novität sich in der Gunst des Publicums
erhielt. Eine höchst ungerechte und harte Bedingung. Die
Tantième des Autors hörte auf, sobald zwei aufeinander
folgende Aufführungen seines Stückes weniger einbrachten
als 350 Francs im Sommer, 550 Francs im Winter.
Dann verfiel sein Stück „den Regeln“, das heißt, es gehörte
nicht mehr dem Verfasser, dem man nichts mehr zu bezahlen
brauchte, sondern blieb für immer Eigenthum der Schau
spieler. Es ist ein wenig bekannter, sehr charakteristischer Zug
Voltaire’s, daß er nach seinem „
für seine
Für seine Stücke, diese Schatzkammer seiner Truppe, machte
gungen und wurde als Autor völlig gleich behandelt mit
den obscursten Literaten, die für sein Theater schrieben.
Die Auslagen, welche das Théâtre Français für den
Comfort des Publicums machte, waren zur Zeit der
couvreur
schon eine außerordentliche Reinlichkeit zu zeigen, indem sie
der Logenschließerin vorschrieben, einmal in der Woche
die Logen auszukehren und die Bänke abzustauben! Die
Bühne hingegen fegte man täglich; zu dieser unerhörten
Sauberkeit nöthigte die Künstler die Sorge für ihr sehr kost
bares Costüm. Eine luxuriöse Theater-Garderobe galt ihnen
stets als die erste Nothwendigkeit. Große Herren kamen
diesem Bedürfniß und Hang der Schauspieler gern mit ihren
eigenen Hofkleidern zu Hilfe. Der Schauspieler Raymond
schönen Anzug für seine Rolle als Marquis; der Cardinal
costüm. Dieser
seiner Garderobe; er hat sie um den damals enormen Preis
von 22,000 Francs verkauft. Die Schauspielerinnen hielten
natürlich noch größere Stücke auf prächtige Kleider, spielten
sie doch in unmittelbarster Nähe der die Bühne blokirenden
Zuschauer. Andererseits verringerten sich wieder durch diese
Belagerung der Scene die Ausgaben für Decorationen.
Wozu auch diese? Man sah sie ja nicht. Ein Salon, ein
Palast, eine Hütte, ein Kerker, ein Wald und ein Garten — das
reichte hin für alle dramatischen Situationen. Möbel existirten
nicht; man stellte ein Fauteuil oder Stühle nur dann auf
die Bühne, wenn das Stück den Schauspielern ausdrücklich
zu sitzen anwies.
die
schlechterdings kein Raum war für das vorgeschriebene Sofa.
Wir haben aus der Zeit der
Schilderungen von dem Theater, in welchem man schlecht
hörte, schlecht sah, und in einem schmutzigen, übelriechenden
Parterre eine lärmende Menge sich stieß und drängte. Wir
staunen, mit welchem Gleichmuth im siebzehnten und acht
zehnten Jahrhundert wohlhabende Bürger, ja große Herren
sich Unbequemlichkeiten gefallen ließen, welche heute dem
bescheidensten Theaterbesucher unerträglich wären.