Franz
Liszt in seinen Briefen.
Ed. H.
Franz Liszt’s Briefe; gesammelt und herausgegeben von
La Mara, Zwei Bände. Leipzig, 1893, bei Breitkopf & Härtel.
Nicht weniger als 659 Briefe Liszt’s hat das
glückliche Spar- und Findertalent der Frau La Mara
aufgesammelt und in zwei starken Bänden veröffentlicht.
Liszt gehörte zu den fleißigsten Correspondenten, die es je
gegeben; in rascher und verbindlichster Beantwortung jedes
Briefes war er musterhaft. Das vollständige Gegentheil des
berühmten Culturhistorikers W. H. Riehl, der mir einst
auf die Frage, woher er die Zeit nehme für seine erstaun
liche Thätigkeit, die Erklärung gab: „Ich mache keine
Besuche und beantworte keine Briefe.“ Seine Liebenswür
digkeit erwarb Liszt zahlreiche enthusiastische Freunde, lockte
ihm aber auch eine Legion Zudringlicher auf den Hals, die
ihn mit Briefen, Autographenbettel und musikalischen
Sendungen belagerten. In seinen letzten Jahren beklagt der
geduldige Mann sich ernstlich darüber. „Mein Widerwille
gegen Briefe,“ schreibt er 1881 aus Bayreuth, „ist maßlos
geworden. Wie soll man mehr als zweitausend Briefe
im Jahr beantworten, ohne sich zum Cretin zu machen?“
Und bald nachher aus Rom: „Man feiert mich, schmeichelt
mir und erdrückt mich mit zahllosen Briefen. Mehr als
hundert erhielt ich in den letzten sechs Wochen; ich müßte
für meine Correspondentenpflicht täglich zehn Stunden ver
wenden, das kann ich nicht. Auch mein Gesundheitszustand,
obwol er nicht schlecht ist, verbietet es mir.“ Erst im Jahre
1882 entschloß er sich zur Nothwehr und ließ (genau wie
jetzt Rubinstein) in den Musikzeitungen bekannt machen,
daß er sich Zusendungen von Partituren „und sonstige Zu
schriften“ verbitte. Es scheint aber nichts genützt zu haben;
die folgenden Jahrgänge beweisen, daß weder die Courage der
Briefstürmer noch die Herzensgüte Liszt’s umzubringen war.
Was uns gleich auf den ersten Seiten freundlich an
muthet, ist die kindliche Dankbarkeit des fünfzehnjährigen Liszt
gegen seinen Lehrer Karl Czerny in Wien. Merkwürdig
genug, er schreibt ihm, in dessen Hause nur Deutsch ge
sprochen wurde, französisch; desgleichen seinen deutschen
Freunden Hiller, Schumann, P. Cornelius und Anderen.
Liszt hatte sich schon während seines ersten Pariser Aufent
halts völlig ins Französische eingelebt. Erst von seiner An
siedlung in Weimar an werden Liszt’s deutsche Briefe zahlreicher.
Natürlich schreibt er ganz gut deutsch; aber die französische
Sprache ist nicht nur für ihn „bequemer und vertrauter“, sie
ist überhaupt für leichten, graziösen Briefstyl wie geschaffen.
Mit Lebhaftigkeit schildert der junge Liszt (1828) seine Stu
dien und Erfolge in Paris, wo er für Czerny „furchtbar
Propaganda macht“ und dessen Sonaten mit größtem Bei
falle in Gesellschaften spielt. Czerny möchte doch ja nach
Paris kommen, er wolle für ihn sorgen wie für seinen
eigenen Vater. Erinnern wir uns bei diesem Anlasse, daß
Liszt von seinem Vater den Musiksinn geerbt und die erste
Anleitung empfangen hat. Der alte Adam Liszt war
selbst sehr musikalisch und hat als Esterhazy’scher Rechnungs
führer häufig in Eisenstadt in den Hofconcerten des Fürsten
am Violoncellpulte mitgewirkt — unter der Leitung des ihm
persönlich befreundeten Joseph Haydn. Das zerstreuende Leben
in den Pariser Salons macht den jungen Liszt schließlich doch be
denklich. Er schreibt an den Abbé Lammenais: „Wird mein Leben
denn immer in dem nutzlosen Müßiggang verfließen, der mich jetzt
bedrückt? Wird die Stunde der Vertiefung und des männ
lichen Handelns niemals schlagen? Bin ich unwiderruflich
dazu verdammt, als Possenreißer die Salons zu amüsiren?“
Liszt war trotz dieses demüthigen Stoßseufzers sein ganzes
Leben hindurch von bewunderungswürdigem Fleiß. Seine
Briefe, von den Jünglingsjahren bis ins späte Alter, be
zeugen es. Im Jahre 1839, also in seiner glorreichsten
Virtuosen-Periode, schreibt er an Clara Wieck, er habe in
Italien „énormément gearbeitet und dort, ohne Ueber
treibung, vier- bis fünfhundert Seiten Musik geschrieben“.
Daß er selbst emsig an einer Oper arbeite, meldet Liszt zu
verschiedenenmalen; es scheint nichts davon erhalten zu sein.
Am interessantesten sind uns selbstverständlich die Urtheile
Liszt’s über bedeutende Componisten; zahlreich sind sie aller
dings nicht in diesem Berge von Briefen. An Robert Schu
mann schreibt er schon im Jahre 1838, daß er den „Car
neval“ und die „Phantasiestücke“ mit Entzücken spiele; ja,
daß, offen gestanden, nur die Compositionen von Chopin
und Schumann ihm ein starkes Interesse einflößen. Ein
merkwürdiges Geständniß, da doch Liszt gerade Schumann’s
Clavier-Compositionen zeitlebens in der Oeffentlichkeit igno
rirte. Er hat das später selbst bereut und mit schöner Auf
richtigkeit öffentlich Buße gethan. Henselt’sEtüden hin
gegen, für welche Schumann schwärmte, findet Liszt unter
ihrem Ruf und kann in ihrem Autor nur eine „médiocrité
distinguée“ erblicken. Sein Ideal bleibt Chopin. Er ver
theidigt ihn gegen W. v. Lenz, welcher den Einfluß
der Pariser Salons auf Chopin zu hoch anschlage.
„Seine Seele war davon nicht afficirt, und seine Musik bleibt
durchsichtig, wunderbar, ätherisch und unvergleichlich genial
— ganz außerhalb der Schulirrthümer und der Salon
fadaisen. Chopin hat etwas vom Engel und von der Fee;
mehr noch: die heroische Saite hat nirgends mit solchem
Glanz, solcher Leidenschaft und mit so neuer Gewalt er
zittert, wie in seinen Polonaisen.“ Ueber Schumann’s
Oper „Genovefa“ hat Liszt den geistreichen Einfall, sie sei
„musikalisch die Schwester des Fidelio, nur fehlt ihr Leo
norens Pistole“. An Rubinstein schreibt Liszt1854
einen überaus freundlichen, zugleich aufrichtig ermahnenden
Brief. „Ich schätze Ihre Compositionen und finde Vieles
darin zu loben, mit einigen Einschränkungen, welche fast alle
darauf hinausgehen, daß Ihre außerordentliche Fruchtbarkeit
Ihnen bis jetzt nicht die erforderliche Muße gelassen hat,
Ihren Werken eine stärkere individuelle Prägung zu geben
und sie auszufeilen. Es genügt nicht, zu arbeiten, man
muß auch umarbeiten.“ Bei Liszt’s durchgehends herr
schender Geneigtheit, nur zu loben und stark zu loben,
erscheint gerade diese Zuschrift sehr bemerkenswerth.
Eine besondere Hochschätzung, ja Bewunderung hegt
Liszt für Saint-Saëns. Er nennt dessen Messe
ein großartiges, bewunderungswürdiges Werk; allen neueren
Compositionen dieser Gattung überlegen an schwungvoller
Empfindung, religiösem Charakter und vollendeter Meister
schaft. Liszt erbittet sich das Manuscript dieses „außerordent
lichen Werkes, dem der Platz zwischen Bach und Beethoven
gebührt.“ Ein etwas starkes Lob. Zärtlich fürsorgend klingen
die Briefe an den jungen Peter Cornelius; Liszt gibt
ihm den Rath, sich mit aller Kraft der katholischen Kirchen
musik zu widmen. Dem Pianisten Dionys Pruckner em
pfiehlt er für die Zeit seines Wiener Aufenthaltes vorzüglich den
näheren Verkehr mit Meister Czerny: „Von allen jetzt leben
den Componisten, welche sich speciell mit dem Clavierspiel
und Claviersatz befaßt haben, kenne ich keinen, dessen Ansichten
und Beurtheilungen einen so richtigen Maßstab des Ge
leisteten darbieten.“ Dionys Pruckner (gegenwärtig Professor
am Stuttgarter Conservatorium) hat 1857 mit schönem Erfolge
in Wien concertirt. Liszt gratulirt ihm dazu, denn „festen Fuß
in Wien als Clavierspieler zu fassen, ist keine geringe Auf
gabe, besonders unter den jetzigen Umständen! Wenn dies ge
lingt, da kann man mit bester Zuversicht sich durch ganz Europa
Geltung verschaffen“. Er fügt folgende charakteristische
Rathschläge bei: „Sehr zweckmäßig ist es für Sie, oftmalen
aufzutreten, um sich so recht mit dem Publicum zu Hause
zu fühlen. Bei der Production hat letzteres viel mehr auf
den Künstler zu achten, als dieser dem Publicum zu fröhnen
oder gar vor demselben in Befangenheit zu gerathen. Zu
Hause, unser ganzes Leben durch, haben wir zu studiren,
zu ersinnen, unter Arbeit heranzureifen und dem Ideal der
Kunst möglichst nahe zu kommen. Wenn wir aber in den
Concertsaal treten, darf uns das Gefühl nicht verlassen, daß
wir eben durch unser gewissenhaftes, ernst anhaltendes
Streben etwas höher stehen als das Publicum und unseren
Theil der Menschheitswürde, wie Schiller sagt, zu
vertreten haben. Lassen wir uns nicht durch falsche Be
scheidenheit beirren und halten wir fest an der wahrhaftigen,
welche weit schwieriger auszuüben und seltener zu finden ist.“
Im Sommer 1851 betreibt Liszt den Geiger Reményi
wegen Rücksendung einer Violin-Sonate von Brahms, welche
dieser zur Drucklegung bedürfe.
Diese Violin-Sonate (A-moll) existirt nicht mehr; Brahms
hat sie vernichtet, obgleich ein Verleger bereits die Hand darauf legte.
Erst dreißig Jahre später ist Brahms mit einer Violin-Sonate (G-Dur,
op. 78) vor die Oeffentlichkeit getreten.
Es ist das erste- und —
letztemal, daß der Name Brahms uns aufstößt in der
ganzen zweibändigen Briefsammlung. Liszt war damals so
vollauf in Wagner aufgegangen, daß er zu den stark ab
stechenden Schöpfungen Brahms’ kein rechtes Verhältniß ge
winnen konnte. Mit rühmlichem Eifer sehen wir Liszt die
Herausgabe der sämmtlichen Werke Mozart’s betreiben,
zu welcher er wahrscheinlich (beim Wiener Mozart-Feste
1856) auch die erste Anregung gegeben. „Die österreichischen
Musikfreunde,“ schreibt er an seinen Oheim Dr. Eduard
Liszt, „sollen die Sachen anregen und constituiren ...
in dem Sinne, daß durch eine kritisch geläuterte, gleich
förmig schön gedruckte und durch ein Comité revidirte Auf
lage der Mozart’schen Werke ein allgemein nutzendes, dauern
des und belebendes Monument dem herrlichen Meister
gesetzt wird.“ Ein schönes Wort spricht Liszt über
Beethoven. „Für uns Musiker,“ schreibt er an
W. v. Lenz, „ist Beethoven gleichsam die Säule von Rauch
und Feuer, welche die Israeliten durch die Wüste führte;
eine Rauchsäule, um uns bei Tag zu führen, eine Feuer
säule, um uns die Nacht zu erhellen, damit wir vorwärts
schreiten Tag und Nacht. Seine Dunkelheit und sein Licht
zeigen uns gleicherweise den Weg, den wir zu verfolgen
haben; das Eine wie das Andere ist uns ein fortwährendes
Commando, eine unfehlbare Offenbarung.“
Die Politik berührt Liszt nur in zwei Briefen. Einmal
lobt er gegen Eduard Liszt die russische Politik Oesterreichs
(1851) und sieht für das monarchische Princip in Europa
das Heil nur in Rußland. „Deutschland wird russisch werden,
und für die immense Majorität der Deutschen kann der
einzige Entschluß nicht zweifelhaft sein, welchen sie ergreifen
kann.“ Erst zweiundzwanzig Jahre später stoßen wir aber
mals auf eine politische Kundgebung, der man wol ebenso
wenig zustimmen wird, wie der ersten. Liszt schreibt: „Na
poleon III. ist todt! Eine große Seele, eine Alles umfassende
Intelligenz, ein sanfter und edler Charakter — und eine
unselige Bestimmung! Es ist ein gebundener und geknebelter
Cäsar, aber doch noch ein naher Verwandter des göttlichen
Cäsar, welcher die ideale Verkörperung der irdischen Macht
gewesen ist. Ich glaube auch noch, daß die Regierung Na
poleon’s die den Bedürfnissen und Fortschritten unserer Zeit
entsprechendste gewesen ist. Einst, am Tage der Gerechtigkeit,
wird Frankreich den Sarg Napoleon’s III. abholen und
ruhmvoll neben jenen Napoleon’s I. stellen.“
Die Briefe an Eduard Liszt sind die wärmsten,
herzlichsten, um nicht zu sagen die einzigen ganz voll aus
dem Herzen strömenden in der Sammlung. Eduard war
der Onkel Liszt’s (das ist der jüngere Stiefbruder seines
Vaters), ein uns Wienern unvergeßlicher, hochbedeutender
Mann, der als General-Procurator am 8. Februar 1879
in Wien starb. Liszt liebte ihn zärtlich und übertrug auf
ihn 1867 den erblichen Ritterstand, von dem er selbst niemals
Gebrauch gemacht hat. Von edelstem Gehalt sind die Rath
schläge, die er Eduard in Bezug auf dessen Beamtenlauf
bahn gibt: „Bleibe dir selbst treu! Treu dem Besten,
Edelsten, Gerechtesten und Reinsten, was du in deinem
Herzen fühlst! Bekümmere dich nicht darum, irgend etwas
(quelque chose) zu werden, aber arbeite emsig und aus
dauernd, um Einer (quelqu’un) zu sein. Nachdem dir die
schwierige Aufgabe geworden, über Schuld und Unschuld der
Menschen zu richten, prüfe Herz und Nieren, damit du nicht
einst selbst schuldbehaftet erscheinst vor dem Tribunal des
jüngsten Gerichts.“
Von seinen eigenen Werken spricht Liszt stets mit vor
nehmer und anmuthiger Bescheidenheit, dabei aber mit
vollem Vertrauen auf sein echtes, redlich zusammengefaßtes
Talent und auf dessen spätere Anerkennung. Seine Orchester
werke und Kirchen-Compositionen haben bekanntlich viel
Tadel erfahren, und Liszt war nicht unempfindlich gegen die
Stiche der Kritik. Aber die Seufzer, welche sie ihm aus
preßten, klingen doch immer ruhig, mit ironischer Sanft
muth aus. Nichts von der hochmüthigen Verachtung oder
den wüthenden Hieben, womit Hebbel oder R. Wagner jeden
nicht blindlings Zustimmenden bedenken. Wie dankbar er jedes
anerkennende Wort aus gegnerischem Lager aufnahm, bezeugen
zwei seiner Briefe an den Schreiber dieser Zeilen über Liszt’s
Buch „Les Bohémiens“ und sein Erscheinen beim Wiener
Mozartfest. Im Jahre 1858 schreibt Liszt nach Leipzig, daß
eine Aufführung von seinen „Undingen“ ihm dort unzeitig
erscheine und er darauf gefaßt sei, die Sachen lieber in Ver
gessenheit gerathen zu lassen, als seine Freunde damit zu
belästigen. Auch an Herbeck schreibt er (1858), es scheine
ihm gerathener, mit dem „Prometheus“ noch zu warten.
„Ich habe keineswegs Eile, in das Publicum zu dringen,
und kann ganz ruhig das Gefasel über meine verfehlte Com
positionssucht sich weiter ergehen lassen. Nur insofern ich
Dauerndes zu leisten vermag, darf ich darauf einigen be
scheidenen Werth legen. Dies kann und wird immer die Zeit
entscheiden. Vorläufig möchte ich aber keinem meiner Freunde
die Unannehmlichkeiten aufbürden, welche die Aufführung
meiner Werke, bei den allerwärts sich breitmachenden Voraus
setzungen und Vorurtheilen dagegen, mit sich führen.“ Die
selbe Melodie, nur noch weicher, rührender, klingt 24 Jahre
später aus Liszt’s Brief an Saint-Saëns, dem er den
Mephisto-Walzer zuschickt: „Niemand fühlt mehr als ich das
Mißverhältniß zwischen dem guten Willen und dem erreichten
Resultat in meinen Compositionen. Trotzdem fahre ich fort,
zu schreiben — nicht ohne Anstrengung — aus innerem Bedürf
niß und alter Gewohnheit. Hohes anzustreben ist nicht ver
boten, die Erreichung des Zieles bleibt immer ein Fragezeichen.“
Mit den Jahren wächst sein Fleiß, oft ins Unheim
liche. „Im Notenschreiben,“ meldet er dem Onkel Eduard
im November 1878, „bin ich gräßlich fleißig seit Mitte Sep
tember. Ich sitze und wandle darin wie ein Besessener!“
Und, fragen wir, welcher materielle Gewinn ist ihm für
seine beispiellose Thätigkeit als Virtuose, Schriftsteller, Lehrer
und Dirigent geblieben? Liszt hat nicht viel mehr hinterlassen,
als die silbernen Lorbeerkränze, die juwelenbesetzten Tactir
stäbe und goldenen Tabatièren, die wir in der letzten Wiener
Musikausstellung gesehen haben. Seine Uneigennützigkeit und
sein Edelmuth gehören zu Liszt’s schönsten Eigenschaften.
Bekannt ist sein Brief an das Bonner Beethoven-Comité,
worin er, damit endlich das Monument des großen Ton
dichters zu Stande komme, den ganzen Rest der noch unge
deckten Summe — ein kleines Vermögen! — aus Eigenem
beisteuert. Und an der Neige seines Lebens schreibt er an
Marie Lipsius: „Seit Ende 1847 habe ich keinen Heller
mit Clavierspielen, Unterrichten und Dirigiren verdient;
Alles dieses kostete mir vielmehr Zeit und Geld.“ Sein
letzter Brief ist vom 3. Juli 1886 an die Pianistin Sophie
Menter gerichtet, der er ein Rendezvous in Bayreuth
gibt „zwischen dem 20. Juli und 7. August“. Es war Liszt
nicht beschieden, diesen Endtermin einzuhalten; am 31. Juli
schloß er in Bayreuth für immer die Augen.
So bringt uns denn die Liszt’sche Briefsammlung viel
des Interessanten und Anziehenden. Dennoch ist sie nicht
blos quantitativ unvollständig — es fehlen die Briefe an
Berlioz, Wagner, Tausig u. A. — sie ist es noch weit mehr
und empfindlicher in qualitativer Hinsicht. Von den folgen
reichsten, seelisch eingreifendsten Erlebnissen Liszt’s erfahren
wir nichts. Wo sind die Briefe an seine vieljährige geist
volle Lebensgefährtin Gräfin d’Agoult und an seine intimste
Freundin Fürstin Wittgenstein? Warum berührt Liszt
mit keiner Sylbe seinen Uebertritt in den geistlichen Stand
oder die Trennung seiner Tochter Cosima von seinem Liebling
Bülow und ihre Verheiratung mit Richard Wagner? Ueber
diese Herzenssachen und Seelenkämpfe existiren ohne Zweifel
briefliche Aeußerungen Liszt’s, aus denen wir erst eine voll
ständige Kenntniß des Menschen gewinnen würden. Alle
vorliegenden Briefe drehen sich nur um musikalische
Angelegenheiten, und größtentheils um solche, die für uns
ihr Interesse verloren, zumeist auch nur für die Correspon
denten ein Interesse gehabt haben. Die bemerkenswertheren
Aussprüche Liszt’s über Musik und Musiker, sowie über sich
selbst habe ich ziemlich vollständig herausgehoben; was übrig
bleibt, gehört fast nur der musikalischen Geschäftspraxis:
Vorbereitung für Musikfeste, angenommene oder abgelehnte
Einladungen zum Dirigiren oder Spielen, Weisungen an
Dirigenten, Verleger, Copisten, Claviermacher, Redacteure
von Musikzeitungen. Unter Letzteren figurirt auffallend häufig
Franz Brendel in Leipzig, dessen MusikzeitschriftLiszt
liebevoll überwacht und mit Rath und That unausgesetzt
unterstützt. Der fleißigen und verdienstvollen Arbeit der Frau
La Mara gebührt alle Anerkennung. Dennoch kann ich nach
der langwierigen Durcharbeitung dieser 659 Briefe den Ge
danken nicht unterdrücken, daß ein kräftiges Durchsieben der
selben auf den Umfang Eines Bandes die Zahl und Dank
barkeit der Leser erheblich vermehrt und die Pietät für Liszt
nicht um ein Haar vermindert haben würde.