Concerte.
Ed. H. Concerte — „so viel Stern’ am Himmel stehen!“
Zwischen allerhand Sternschnuppen, die im Bösendorfer-Saale
rasch verlöschen, erblicken wir glücklicherweise auch das ruhig
glänzende Licht größerer Sterne. Die Barbi und Reich
mann, Sarasate und Thomson, Grünfeld
und Stavenhagen — das Publicum genießt sie zum
so- und sovieltenmale mit gleichem Vergnügen. Der Kritiker
begrüßt freilich die Wiederkehr so wohlbekannter gefeierter
Künstler mit etwas verlegener Empfindung. Was kann er
doch Neues über sie vorbringen? Dieselben Lieblingssänger
und -Virtuosen, man hört sie stets von neuem gerne, aber
dieselben Kritiken mag Niemand wieder lesen. Verhält es
sich doch ähnlich mit Musikgenüssen höherer Ordnung. Die
G-moll-Symphonie, die Eroica, der Sommernachtstraum,
die Oberon-Ouvertüre — sie sind dem Hörer jung geblieben,
gewissermaßen ewige Novitäten; welchem Concert-Referenten
könnte es aber beifallen, diesen Nationalschatz heute noch
prüfend zu analysiren? Dem Kritiker ist das Neue wichtiger
als das Gute; sein Glück, wenn das Neue zugleich das Gute ist.
Wir haben in diesem Punkte nicht zu klagen über die jüngste
Musik-Ernte. Das treffliche „Böhmische Streichquartt“,
selbst neu, brachte uns auch Neues. Wir verdanken ihm die
erste Aufführung des Es-dur-Clavierquartetts von Dvořak,
einer hervorragenden Tondichtung, die unsere Wiener Quartett-
Gesellschaften hoffentlich bald adoptiren werden. In dem
(kürzlich von Fräulein Baumayer gespielten) A-dur-Quartett
desselben Componisten strömt die Wohlthat der Melodie noch
voller und herzlicher; es ist ein Singen aus voller Brust,
deßhalb so unmittelbar überzeugend und entzückend. Das
Es-dur-Quartett (op. 87) verlangt ein etwas genauer auf
passendes und sichtendes Hören, das sich jedoch reichlich lohnt.
Ein klarer, energischer erster Satz; gegen das Ende, wie die
meisten Dvořak’schen Sätze, durch neue geistreiche Wendungen
überraschend. Noch höher erhebt sich das Adagio in Ges-dur
mit seiner von Herrn Otto Berger wundervoll vorgetrage
nen, edlen Violoncell-Melodie; ein prachtvolles Stück, in
dessen rhythmischer Belebung und allmäliger Steigerung sich
Dvořak als Meister bewährt. Das originelle Scherzo spielt mit
seiner orientalischen Tonleiter und seiner engen Schilfrohrmelodie
ein wenig ins Serbisch-Walachische, während die drei übrigen
Sätze nicht den leisesten nord- oder südslavischen Anklang
verrathen. Kraftvoll, ohne Stocken entwickelt sich das Finale,
welches — Dank seiner harmonischen und contrapunktischen
Kunst — mehr hält, als das Thema zu versprechen schien.
Das Ganze erfreut, wie alle besseren Werke Dvořak’s, durch
seine helle, nebelfreie Aussicht und jene wohlthuende Naivetät,
welche von der Arbeit der Reflexion durchgeistigt, aber nicht
unterdrückt wird. Professor Jiranek (Clavier), die Herren
Hoffmann, Nedbal und Berger spielten das Quartett
vollendet schön. Am selben Abend zeigten unsere Prager
Gäste, daß sie keineswegs auf die Specialität czechischer
Musik beschränkt sind; sie fühlen sich ebenso heimisch in den
Quartetten von Schumann und Beethoven. Das war
zu erwarten; fußen doch alle namhaften czechischen Compo
nisten auf deutscher Schulung, deutschen Vorbildern, und ihre
ausübenden Landsleute gleichfalls.
Bei Rosé hörten wir zum erstenmale das C-dur-
Streichquintett von Johann Svendsen. Es ist eine
frühere Arbeit (op. 5) des norwegischen Componisten.
Jugendliche Tondichter beginnen ihre Laufbahn in zwei ent
gegengesetzten Richtungen: die Einen — sie bilden die Mehr
zahl — behüten anfangs die Pietät für classische Tradi
tionen und Vorbilder; von diesen emancipiren sie sich später
zu individuellerem, kühnerem Gestalten. Andere, wie Schumann
und Brahms, gewähren das entgegengesetzte Schauspiel: sie
arbeiten sich aus revolutionärem „Sturm und Drang“ zu immer
maßvolleren, abgeklärten Schöpfungen empor. Svendsen’s
Quintett stellt seinen Autor in die erstere Classe; es ist
durchaus übersichtlich, wohlgeformt, noch stellenweise nach
der strengen Regelmäßigkeit der Schule schmeckend. Die
Tonart C-dur ist symbolisch für den Charakter des
Ganzen. Darin waltet ein freundliches Talent, eine
harmonische, optimistische Natur, die rein musikalisch
empfindet und schafft. Das Quintett hat drei Sätze;
nicht fünf, wie man nach Rosé’s Programm vermuthen
mußte. Keiner davon nimmt einen hohen, genialen Flug,
aber jeder entläßt uns befriedigt. Am meisten der erste;
dasselbe Andante-Thema, das ihn im Dreivierteltact ein
leitet, strömt dann, zum Viervierteltact erweitert, als Allegro
ungehemmt fort. Folgt ein zartes, liedmäßiges Andante mit
Variationen, die viel Gutes bringen, nur zu viel für die
nachlassende Theilnahme des Hörers. Das Finale mit seiner
kräftigeren Rhythmik ermuntert uns wieder; es fließt heiter
und natürlich dahin. Etwas freigebiger mit contrapunktischer
Kunst könnte es immerhin sein; zu häufig begnügt sich der
Componist, lange Strecken hindurch, mit Verdopplungen.
Was wir dem Quintett vorzugsweise nachrühmen, ist Klang
schönheit. Svendsen versteht es meisterhaft, für die Streich
instrumente zu schreiben; er überragt in dieser Eigenschaft
seinen jüngeren Landsmann Grieg. Ist er doch im Orchester
aufgewachsen, lange Zeit als Violinspieler, dann als Diri
gent. Auch in seinen Orchesterstücken wirkt er vornehmlich
durch die brillante Behandlung der Streichinstrumente: voll
ends zu Hause fühlt er sich aber im Quartett. Aus Rosé’s
Soiréen kennt man sein effectvolles Octett. Das C-dur-
Quintett wiegt leichter; aber schon in dieser Jugendarbeit
sehen wir Svendsen mit merkwürdiger Sicherheit die Instru
mente handhaben, denen er selbst da, wo die Erfindung er
mattet, den besten Klang, die feinsten Schattirungen entlockt.
An zweiter Stelle von Rosé’s Programm stand dies
mal kein Clavier-Trio, sondern ein Divertimento für
Violine, Viola und Violoncell von Mozart. Es ist das
selbe anmuthige, Meisterschaft mit Natürlichkeit so schön
verbindende Es-dur-Trio, das wir zuerst in den Quartett-
Productionen des Herrn Winkler gehört haben. Das Bei
spiel dieses begeisterten, feingebildeten Musikers, der so viele
halbvergessene Schätze von Haydn und Mozart wieder ans
Tageslicht gezogen und seinen Hörern ans Herz gespielt hat,
ist diesmal fruchtbar gewesen. Rosé in Wien und Joachim
in Berlin sind ihm kürzlich mit höchst beifälligen Auffüh
rungen des Mozart’schen Streich-Trios nachgefolgt. Mit
seinen sechs Sätzen ist es für unsere Programme etwas zu
lang; wenn man etwelche von den Repetitionszeichen weg
ließe, wo sie (wie in dem zweiten Menuett) uns dasselbe
gar zu oft hören lassen, so würde das Ganze nur gewinnen.
Wir haben bei diesem Anlaß ein Versäumniß nachzuholen,
nämlich ein Wort aufrichtiger Anerkennung für das
Winkler’sche Quartett, welches unter löblicher Mitwirkung
des Pianisten Hugo Reinhold eine treue Zuhörerschaft
von bestem musikalischen Geschmack um sich versammelt und
durch sorgfältigste Aufführungen classischer Kammermusik
erfreut.
Von den zuletzt aufgetretenen Clavier-Virtuosen haben
sich Fräulein v. Timoni durch ihren glänzenden, beseelten
Vortrag und Herr Theodor Pollak als starker Bravour
spieler hervorgethan. Herr Joseph Sulzer, welcher jüngst
im „Lohengrin“ den heiser gewordenen Winkelmann auf dem
Violoncell supplirte, hat auch in seinem eigenen Concerte
bewiesen, daß er mit seinem Bogen zu singen versteht wie
schmachtende Tenoristen und trillernde Coloratur-Prinzessinnen.
Einen hier noch unbekannten jungen russischen Componisten,
Adolph Barjanski, geleitete Herr Sulzer in die Oeffent
lichkeit, indem er dessen Violoncell-Sonate, op. 4, mit Beifall
vortrug. Ueber Bernhard Stavenhagen haben wir
bereits so oft geschrieben, daß wir uns beinahe auf die Mit
theilung seines Programms beschränken dürften. Er eröffnete
sein Concert mit Nr. 1 aus Bach’s „Wohltemperirtem
Clavier“ und spielte sowol das Präludium (zu dem man
unwillkürlich Gounod’s darüber gelegte Melodie mitsingen
mußte) als auch die vierstimmige Fuge stylgemäß und im
richtigen mäßigen Tempo. Damit war schon die Ton
art für die nächste Nummer, die C-dur-Phantasie von
Schumann, passend vorbereitet. Sie machte mir
den Eindruck, als wenn der Virtuose in Stavenhagen
bereits die Oberhand gewänne über den Musiker. Die Com
position schien ihn hauptsächlich nur von ihrer technischen
Seite zu interessiren; Stavenhagen ließ es nirgends fehlen
an virtuoser Ausfeilung, wol aber am rechten Mitfühlen
und Miterleben dieses merkwürdigen Seelengemäldes. Man
hatte die Empfindung, sein Herz sei nicht dabei. Wie feinste
Perlenschnüre rollten das Scarlatti’sche Pastorale und
Mendelssohn’sE-moll-Scherzo von seinen Fingern.
Neu waren in Stavenhagen’s Programm drei kleine Stücke
von Brahms. Das wild-leidenschaftliche D-moll-Capriccio
aus op. 116 kam stark und gewaltig, das As-dur-Intermezzo
(aus op. 75) mit etwas gesuchter Eleganz zum Ausdrucke.
Besonders günstig für Stavenhagen’s zarteste Anschlags
nuancen und Verschiebungseffecte war das Intermezzo aus
op. 117: „Schlafe sanft, mein Kind!“ Es wurde zur Wieder
holung verlangt, wird auch bereits von Violinspielern vor
getragen — also richtig das populärste von den neuesten
Brahms’schen Clavierstücken. Weitaus nicht das bedeutendste
darunter, ist es doch der Auffassung und den Fingern auch
Minderbemittelter zugänglich. Das Concert war außerordent
lich stark besucht; zu zwei Drittheilen von Damen — ganz
wie bei Reichmann. Stavenhagen übt eine große An
ziehungskraft durch sein virtuoses Spiel, nebenbei auch ein
bischen durch seine schmucke Erscheinung. Man erinnere sich,
daß der kleine große d’Albert hier vor halbleeren Bänken
concertirt hat.
Das von dem Philharmonischen Orchester
veranstaltete „Populäre Concert“ enthielt, mit Ausnahme
einer Haydn’schen Symphonie, lauter Novitäten. Diese
hundert Jahre alte D-dur-Symphonie („Die Uhr“) war
nicht blos das beste, sondern das einzig werthvolle Stück
des ganzen Programms, das eine Musterkarte von Com
ponisten aller Nationen vorstellte. Die Ouvertüre zu
Wagner’s Jugendoper „Die Feen“, ein Werk von ab
schreckender Länge und lärmender Dürftigkeit, ließe den
späteren Wagner nicht errathen, wenn nicht am Schluß das
banale E-dur-Motiv uns an ein ähnliches im „Fliegenden
Holländer“ mahnen würde. Die nur in biographischer Hin
sicht interessante Ouvertüre erregte einen nicht endenwollenden,
stürmischen Applaus. Himmel, welches Schicksal wäre ihr
bereitet, wenn man sie unter einem beliebigen fremden
Namen aufführte! Eine andere Feengeschichte, auch ein
Jugendwerk, folgte in Gestalt eines Clavierconcerts von
Giorgio Franchetti. Der sehr junge Tondichter, ein
Bruder des „Asraël“-Componisten und brillanter Clavier
spieler, ist ein Anfänger, der sich mit der Zeit vortheilhaft
entwickeln dürfte. Aber gerade weil er noch ein Anfänger, hätten
die Philharmoniker ruhig ein paar Jahre auf ihn warten
können, bis er hinlänglich gereift sei, um von seinem
D-moll-Concerte selbst nichts mehr wissen zu wollen. Sein
Clavierconcert gehört zu den längsten dieser Gattung, ein
endloses Rieseln oder Rauschen derselben Phrasen, derselben
Passagen bis zum Ueberdruß. Den Fehler der Geschwätzigkeit,
des in einemfort Weiterredens, wenn nichts mehr Neues zu
sagen ist, hat die Jugend mit dem hohen Alter gemein.
Auch der junge Franchetti kann sich nicht entschließen, ein
Ende zu machen, nachdem sein bescheidener Ideenvorrath
längst erschöpft ist. Manche hübsche Stellen, besonders in der
„Romanze“, offenbaren unstreitig Talent und gestatten, wie
gesagt, die beste Hoffnung. Aber in den Philharmonischen
Concerten — diesen wenigen Orchesterfesten, die uns gegönnt
sind — wollen wir nicht fortwährend in der Hoffnung sein.
Eine Rhapsodie in A-dur von Lalò, für allergrößtes und
lärmendstes Orchester, bietet wenig Erfreuliches. Ein Pariser
mit einer Seele aus eitel Witz und Eleganz maskirt sich
da als Zigeuner und spielt sich auf den urkräftigen
Sohn der Wildniß. Nach ihrem Ideengehalt ist Lalò’s
Rhapsodie eine Reiterbudenmusik, in ihrer orchestralen Aus
stattung ein Virtuosenstück. Ein ähnliches Jagdvergnügen auf
raffinirte Orchester-Effecte ist mir noch kaum vorgekommen;
dabei der vollständigste Mangel an Naivetät und gesunder
musikalischer Empfindung. Nach dem Deutschen Wagner,
dem Italiener Franchetti und dem Franzosen Lalò erhielt
schließlich der Norweger Svendsen das Wort. Sein
„Carnaval de Paris“ hätte schon wegen der starken Aehn
lichkeit mit Lalò’s Rhapsodie nicht in demselben Concert
gebracht werden sollen. Beide Stücke wirken eigentlich nur
decorativ, indem sie die blendenden Instrumental-Effecte zum
Hauptzweck machen, die Ideen und ihre logische Entwicklung
zur Nebensache. Svendsen lehnt sich hier noch auffallender
als Lalò an Hektor Berlioz, dessen „Römischer Carneval“
diesem „Pariser Carneval“ unmittelbar zum Vorbild diente.
Aber wie viel mehr Geist und Humor, wie viel
bessere Musik lebt in Berlioz’ römischem Faschingsbild!
Svendsen’s „Carneval“ vollführt ein unersättliches Getöse, in
dessen Strudel der sanftere hübsche Mittelsatz in C-dur bald
ertrinkt. Vergleichen wir diesen „Carneval“ mit dem jüngst
gehörten QuartettSvendsen’s, das noch die frische Nach
wirkung seiner Leipziger Schule verräth, so können wir dem
Pariser Aufenthalt keinen sehr günstigen Einfluß auf unseren
nordischen Tondichter zuschreiben. Nur seine Orchestertechnik
dürfte sich dort verfeinert und bereichert haben, sein musi
kalisches Empfinden und Schaffen schwerlich. In seinem
„Pariser Carneval“ gleicht Svendsen einem Manne, der
ohne eine Spur von Humor und innerem Frohgefühl sich
zu den übermenschlichsten Sprüngen und Tollheiten zwingt,
um uns glauben zu machen, gegen so einen norwegischen
Teufelskerl sei der lustigste Franzose ein reiner Hiob.
Sämmtliche Stücke wurden von den Philharmonikern
unter Hanns Richter’s Direction mit glänzender Vir
tuosität gespielt — aber gespielt vor einer recht schütteren
Versammlung. Wenn die Philharmoniker ein „populäres“
Concert veranstalten, also ein großes, externes Publicum heran
locken wollten, sie hätten es nicht unzweckmäßiger anstellen
können. Eine Jugendarbeit von Wagner, Novitäten von Lalò,
Franchetti, Svendsen — und populär? Das ist ein Menu,
allenfalls nahrhaft für Kritiker, aber gewiß nicht für jenes
musikalisch ausgehungerte große Publicum, dem ein Philhar
monisches Concert ein seltenes Fest bedeutet. Dieses Publicum
will seine Beethoven’sche Symphonie haben, seine Weber’sche
oder Mendelssohn’sche Ouvertüre und womöglich ein bis
zwei Gesangstücke von bester Herkunft. Mit solchen Wünschen
und Bedürfnissen mußten die Veranstalter eines „populären
Concertes“ rechnen; kein Wunder, daß sie sich am Sonntag
verrechnet haben.