Concerte.
Ed. H. Die „Wiener Sing-Akademie“ war auf die
glückliche Idee verfallen, Anton Rubinstein als Diri
genten seines Oratoriums „Das verlorene Paradies“ nach
Wien einzuladen. An Ueberfüllung ihrer Concerte sonst nicht
gewöhnt, erzielte sie diesmal einen gedrängt vollen Saal,
indem der Anschlagzettel den Anblick Rubinstein’s verhieß.
Nur den Anblick. Denn ohne die Gegenwart des Meisters
wäre sein „Verlorenes Paradies“ sicherlich „Verlorene
Liebesmüh“ gewesen. In den einundzwanzig Jahren, die
seit der Aufführung dieses Oratoriums in Wien verflossen
sind, hat sich nicht der leiseste Wunsch nach einer Wieder
holung desselben geregt, trotz der so geringen Auswahl an
modernen Oratorien. Allein: Rubinstein in eigener Person
wird dirigiren! Verhieß uns der Abend auch nur ein ein
ziges Clavierstück von ihm, wir hätten den Zulauf begriffen.
Aber dem Publicum genügt es thatsächlich, wenn der trotzige
Russenkopf seine Mähne schüttelt. Seit dem Tode Liszt’s,
der allein einen ähnlichen, für mein Gefühl noch viel sym
pathischeren Zauber ausgeübt hat, steht Rubinstein als Per
sönlichkeits-Hypnotiseur ohne Rivalen da. Liszt und
Rubinstein — zwei geniale Clavier-Virtuosen, ange
betet und angewundert auch ohne Clavierspiel! Vielleicht
um ihrer Compositionen willen? Rubinstein hielt sehr wenig
von den Werken Liszt’s und Liszt nicht viel von jenen Rubin
stein’s. Beide Männer verstehen etwas von der Sache; ihr
Urtheil ist zu respectiren. Den Componisten Rubinstein
hieße es jedoch unterschätzen, taxirte man sein Talent nach
dem „Verlorenen Paradies“. In diesem Werke steckt nichts
von dem echten, originellen Rubinstein; es ist seiner gar
nicht würdig. Man vergleiche nur damit sein zweites Ora
torium: „Der Thurm zu Babel“, das wir vor zwanzig
Jahren hier gehört. Welche packende Gewalt in den Chor
massen, welche Kraft und Anschaulichkeit in der Tonmalerei
der Gewitterscene mit dem einstürzenden Thurm! Vollends
die Gesänge der drei auswandernden Völkerstämme —
originelle Bilder, wie sie nur Rubinstein’s Talent für natio
nale Charakteristik schaffen konnte! Wo findet sich Aehnliches
im „Verlorenen Paradies?“ Unglücklich von Haus aus ist
dieser Stoff für einen modernen Componisten. Der Text (frei
nach Milton) schildert in seinem ersten Theile den Kampf des
Satans und seiner Höllengeister gegen Gott und die himmlischen
Heerschaaren. Den zweiten füllt die Schöpfungsgeschichte,
vom Chaos bis zum Entstehen der lebenden Wesen und
den schließlich auftretenden Adam und Eva. Der dritte Theil
behandelt den Sündenfall und die Vertreibung aus dem
Paradies. Der Satan, der im ersten Theil den Himmlischen
unterliegen mußte, triumphirt im letzten. Ueber die zweite
Abtheilung wollen wir am liebsten ganz schweigen. Nach
Haydn die Wunder der sechs Schöpfungstage nochmals zu
schildern, war von Rubinstein — um keinen stärkeren Aus
druck zu brauchen — ein sehr überflüssiges Beginnen. Es
straft sich von selbst. Was aber den Inhalt des ersten und
des dritten Theiles bildet, so kann heute diesen symbolisch-
mystischen Vorgängen kaum Jemand ein lebhaft mitfühlen
des Interesse schenken. Der Componist müßte ein Michel
angelo sein, um diese übermenschlichen Gestalten und Evolutionen
so zu malen, daß sie uns überzeugen und niederzwingen. Den
größten Theil von Rubinstein’s Oratorium füllen die Chöre
aus. Daß sie stimmgemäß, chorgemäß gesetzt sind, ist das
Beste daran. Sie wirken demnach bei genügender Besetzung
durch die elementarische Gewalt des Vollklangs. Aber auch
gegen diesen werden wir bald abgestumpft durch die un
mäßige Orchestration; das anhaltende Getöse der Po
saunen, Trompeten und Pauken betäubt den Hörer, der mit
Kopfschmerzen nach Hause geht. Zwischen diesen Teufelslärm
(den auch die Engel machen) schiebt als Ruhepunkte „Eine
Stimme“ (nämlich der Herr) zahlreiche recitatorische Strophen,
deren gravitätische Langweiligkeit dadurch nicht gemindert
wird, daß nur die Orgel sie begleitet. Rubinstein nimmt hier
den entgegengesetzten Weg von Heinrich Schütz, in dessen
„Sieben Worten“ einzig der Gesang des Heilands von Geigen
getragen ist, während zu sämmtlichen Chören die Orgel
erklingt. Neben den Chören, die wenigstens eine Klang
wirkung erzielen, fallen die jeder Charakteristik entbehrenden
Sologesänge vollständig ab. Satan’s Fluch: „Alles sei zer
stört“, klingt wie aus dem Munde eines Oberpriesters, und
die Schilderung des Menschen: „Ein Wesen, nicht ge
beugt“, könnte ein sentimentales Gretchen singen. Vergebens
forschen wir nach einem einzigen Stück, das uns aus dem
ganzen langen Oratorium als bedeutend, originell und reiz
voll in beglückender Erinnerung geblieben wäre. Die ganze
melodische Erfindung leidet an einer Blutarmuth ohne
gleichen. Das Grundübel des Werkes ist aber seine rhythmische
Monotonie. Immer derselbe Pendelschlag des Vierviertel-
Tactes, dasselbe metronomgleiche Scandiren des Versmaßes
— es wird nachgerade zur Pein. Was solcher rhythmischen
Monotonie aufhelfen könnte, originelle Themen, geistreiche
Contrapunktik und modulatorische Farbenpracht, fehlt bei
nahe durchgehends. Einzelne Stellen, die ein freieres musika
lisches Aufblühen zu versprechen scheinen, verhauchen schnell
und spurlos. Mit Einem Wort: Capellmeister-Musik —
und nicht einmal russische.
Rubinstein nennt sein „Verlorenes Paradies“ eine
Geistliche Oper. Merkwürdig, wie zähe er an der
fixen Idee festhält, seine Oratorien seien wirkliche Opern
und gehörten aufs Theater. Daß dies in Bezug auf das
„Verlorene Paradies“ ein Wahn ist, bedarf keiner näheren
Beleuchtung. Die scenische Darstellung dieser Vorgänge ist
theils gar nicht möglich, theils nur so ungenügend, daß sie
unausbleiblichem Gelächter verfiele. Warum man biblische
Stoffe ausschließen wolle? fragt Rubinstein und verweist
auf Méhul’s „Joseph“. Diese Oper, eine rührende Familien
geschichte, enthält eben nur rein menschliche, gemüthliche
Vorgänge, ohne Wunder oder mythologische Figuren.
Rubinstein’s zweite „geistliche Oper“, der Thurm von
Babel, ist nicht in demselben strengen Sinne theatralisch
unmöglich, wie das „Verlorene Paradies“; denn hier
handeln Menschen, nicht wie dort lauter Engel und Teufel
neben einem einzigen Menschenpaar, das noch schwieriger
als Engel und Teufel zu costümiren wäre. Aber auch im
„Thurm zu Babel“ drängen sich scenische Vorgänge, die
besser der Phantasie des Zuschauers überlassen bleiben, als
den bedenklichen Künsten des Regisseurs; wie der Zusammen
sturz des himmelhohen Thurmes, das Hervortreten des ge
bratenen und dennoch unversehrten Abram aus dem feurigen
Ofen u. dgl. Sowie der Inhalt von Milton’s „Paradies“
und von Klopstock’s „Messias“ in der Dichtkunst dem Epos
zugehört und nicht dem Drama, so fällt seine musikalische
Behandlung nur in die Machtsphäre des Oratoriums, nicht
der Oper. Wie die (mir noch unbekannte) dritte geistliche
Oper Rubinstein’s, „Moses“, sich zur Bühne verhalten
wird, ist abzuwarten. Bekanntlich will das Brünner Theater
demnächst den interessanten Versuch wagen, den „Moses“
an zwei aufeinanderfolgenden Abenden (jedesmal vier Acte)
scenisch darzustellen.
Mit der Aufführung des „Verlorenen Paradieses“
konnte der Componist vollauf zufrieden sein. Die „Sing-
Akademie“ stellte vereint mit dem stimmkräftigen „Schubert
bund“ einen sehr tüchtigen Chor; die Solopartien wurden
von Frau Gutmann, den Herren Walter, Ritter
und Reichenberg vorzüglich ausgeführt. Rubinstein,
der mit sicheren, maßvollen Bewegungen dirigirte, wurde
laut begrüßt und wiederholt gerufen. Daß sein „Verlorenes
Paradies“ über diesen Abend hinaus „wiedergewonnen“ sei
für unser Musikleben, ist sehr zu bezweifeln. Das Oratorium
endet damit, daß die Pforte des Paradieses sich hinter der
Menschheit donnernd schließt. Ich fürchte, das Thor zu
Rubinstein’s „Paradies“ werde sich nicht so bald wieder
aufthun.
Den letzten Rosé-Abend eröffnete das B-dur Quartett
von Brahms, ein für Spieler und Hörer nicht leichtes,
darum auch seltener gehörtes Stück, dessen sorgfältige Auf
führung Dank verdient. An Wärme und Klangschönheit hat
sie die Leistung von Joachim’s Quartett (1890) freilich nicht
erreicht. Ein mit diesem Quartett nicht näher vertrautes
Publicum wird sich in jedem Satze von herrlichen Einzel
heiten bewegt fühlen, aber leicht den Faden des Zusammen
hanges verlieren. Dieser Gefahr ist das Clavier-Quintett in
C-moll von H. Goetz nicht ausgesetzt. Da läuft Alles so
glatt und regelmäßig ab, daß der Hörer ohne die
mindeste Anstrengung folgt. Er wünscht im Gegentheile,
der Componist möchte ihm etwas mehr zumuthen. Das
Werk stammt aus dem Nachlasse des früh verstorbenen
Tondichters, welcher durch seine „Bezähmte Widerspenstige“
Aufsehen erregt hat. Sein Quintett scheint eine Jugendarbeit
zu sein. Keine von den stürmisch überschäumenden, welcher
jede Form zu eng, jede Harmonie zu alltäglich ist, nein
eine von den soliden, deren Componist noch Freude daran
hat, sein Studium classischer Meister und einige in guter
Schule erworbene kleine Kunstfertigkeiten zu zeigen, wie
z. B. im Scherzo eine Canon all’ ottava zwischen Violoncell
und Clavier. Von Originalität keine Spur; ein Thema
physiognomieloser als das andere. Am bezeichnendsten erschei
nen in dieser Hinsicht die beiden Allegrosätze (I und IV);
die Erfindung ist ganz gewöhnlich, der Bau symmetrisch wie nach
dem Lineal; nirgends trachtet der Componist, durch über
raschende Modulationen, wechselnden Rhythmus oder frei ein
tretende Episoden (die er so gut bei Beethoven lernen konnte)
das gerade Einerlei zu durchbrechen. Zahllose Wiederholungen
einer und derselben Figur und die Gewöhnlichkeit der Clavier
passagen machen uns ungeduldig. Etwas gefälliger sprechen
die mittleren Sätze an: das Andante, ein hübscher,
serenadenartiger Gesang des Violoncells über einfach wiegen
den Clavier-Accorden, später zum Duett zwischen Bratsche
und Violoncell sich ausbreitend, und das Menuett in C-moll,
mit dem bewegteren, freundlichen C-dur-Trio, das sich den
früher erwähnten Canon vergönnt. In Summa also: rein
liche Alltagsmusik in bescheidener Ebene, ohne Spitzen, ohne
Fernsicht. Seine günstige Aufnahme verdankt das Goetz’sche
Quintett der vorzüglichen Aufführung, insbesondere von
Seite Alfred Grünfeld’s. Sein saftiger, klangvoller An
schlag, seine beherzte Rhythmik haben dem Werke neues Leben
eingehaucht; gleich das erste „Allegro con fuoco“ mußte
Herrn Grünfeld um das vorgeschriebene Feuer bitten und
hat es von ihm auch reichlich erhalten.
Unter den Concertgebern der letzten Woche begrüßten
wir mit besonderer Genugthuung den Münchener Kammer
sänger Eugen Gura, dessen unübertrefflicher Vortrag
Löwe’scher Balladen die Hörer nicht weniger erfreut und
gepackt hat, als im vorigen Jahre. In seinem Concerte
producirte sich auch mit vielem Beifalle die junge Violin
spielerin Fräulein Mietzi Muck. Gleichzeitig mit Rubin
stein’s „Paradies“ hat das Concert des bekannten Wunder
knaben Raoul Koczalski stattgefunden und, wie wir
hören, außerordentlichen Erfolg gehabt. Auch der folgende
Abend (Freitag) war musikalisch doppelt besetzt: durch
das Winkler’sche Quartett, welches mit Brahms’
G-dur-Sextett seinen diesjährigen Cyklus rühmlich be
schloß, und durch das Abschiedsconcert des Violin-
Virtuosen César Thomson. Wenn die Schilderungen
zutreffend sind, welche wir von Paganini’s Kunst und
Eigenart besitzen, so ist dem großen Genueser wol kein zweiter
Virtuose so ganz nahe gekommen, wie der Belgier Thomson.
Er verrichtet auf seiner Geige Wunderdinge, welche geradezu
verblüffen und die wir gerne im nächsten Jahre neuerdings
anstaunen würden. Mit bestem Erfolg wirkte neben Thomson
eine junge Sängerin, Fräulein Hedwig Salter, deren
wohlklingende Sopranstimme, gute Schule und ausdrucksvoller
Vortrag ihr eine günstige Zukunft versprechen. ... Alice
Barbi hat ihr zweites Concert abermals bei vollem Saal ge
geben, unter immensem Beifall. In den ersten Gesangstücken von
Händel und Garat, deren pathetischer Charakter zu
stärkerer Tongebung zwingt, klang die Stimme der Sängerin
etwas umflort und ermüdet, befreite sich jedoch merklich im
Verlaufe des Abends. Großes Entzücken erregte sie wieder
mit den Schubert’schen Liedern: „Lachen und Weinen“,
„Wohin“ und „Die Post“; letztere vom Begleiter zur sechs
spännigen Eilpost beschleunigt. Eine interessante Novität war
Tschaikowsky’s Mignonlied „Nur wer die Sehnsucht
kennt“. Es hat den Vorzug, daß es sich schön und ausdrucks
voll dem Goethe’schen Gedicht anschmiegt, ohne bei der ge
fährlichen Stelle: „Es schwindelt mir, es brennt mein Ein
geweide“ den musikalischen Zusammenhang zu zerreißen. Mit
leichter, nicht leichtfertiger, Anmuth sang die Barbi beide
„Venetianische Gondellieder“ von Schumann. Den Eindruck
des zweiten („Wenn durch die Piazzetta“) verdarb leider die
Derbheit, mit welcher der Begleiter das zarte Nachspiel
nach jeder Strophe anpackte, nicht wie ein Gondel
lied, sondern wie einen Kirchweihtanz. Ueberhaupt hatte Herr
Liebling keinen lieblichen Abend. Schon in seinem Accom
pagnement der „Post“ störte das heftige Abzwecken der
Noten, nach welchem er jedesmal von den Tasten jäh in die
Höhe schnellt, wie von rothglühendem Eisen. Für die
Händel’sche Fuge und Scarlatti’s A-dur-Allegro besitzt Herr
Liebling die nöthige Technik, Kraft und Tactstrenge. Aber
wehe, wenn eine Schulmeisternatur sich schwärmerisch und
poetisch geben will, wie Herr Liebling in dem Cis-moll-
Walzer von Chopin. Das abscheulichste Tempo rubato —
angeblicher Chopin-Geist — macht die Sache nur noch
schlimmer.
Im Philharmonischen Concert brachte Hof
capellmeister Richter eine G-moll-Symphonie von Mozart
aus dem Jahre 1773 zur ersten Aufführung. Sie ist mit
der fünf Jahre später componirten, allbekannten G-moll-
Symphonie nicht zu verwechseln noch zu vergleichen. Trotz
dem ein schönes, harmonisch abfließendes Tonwerk, das — ohne
Posaunen und Clarinetten — auch reizvolle Klangwirkungen
hat. Otto Jahn hebt ihren „großen, ernsten und düstern Charakter“
hervor, und er hat Recht, sofern wir an diese Epitheta den Maß
stab des jungen Mozart anlegen, nicht den Beethoven’schen.
Fräulein Frieda Scotta, die liebenswürdige Schwedin,
spielte ein Violin-Concert in H-moll von Saint-Saëns
mit unvergleichlich süßem reinen Ton und seelenvollem
Vortrag. Die Composition ist trotz manchen pikanten Ein
falles recht unersprießlich im Ganzen, nur das einfach ge
sangvolle Andante, eine Barcarole, klingt etwas wärmer.
Die Art, wie Fräulein Scotta es vortrug, stempelt sie zu
einer der besten Violinspielerinnen unserer Tage, und das
will gewiß nicht wenig heißen. Denn alle musikalischen jungen
Damen greifen jetzt zum Bogen; es wird bald (ein schreck
licher Gedanke!) keine Clavierspielerinnen mehr geben. Wien
hat in der laufenden Saison bereits an concertirenden
Violinspielerinnen gehört; Fräulein Scotta, Bianca
Panteo, Irene v. Brennerberg, Therese Schuster,
Gabriele Amann, Fräulein Mollnar, Mietzi Munk,
Rosa Hochmann, Fräulein v. Zerdahely, Dora
Hönigswald — die Liste ist gewiß noch nicht voll
ständig. Brahms’ große E-moll-Symphonie stand nicht
an rechter Stelle, als Schlußnummer eines sehr langen
Concertes. Obendrein war das ermüdete Publicum zuvor
von der raffinirt-glänzenden und lärmenden Instrumentirung
der Liszt’schen Kinder-Comödie „Mazeppa“ hypnotisirt
worden. Es ist derselbe Mißgriff bereits vor einigen Jahren
vorgekommen und damals wie jetzt allgemein beklagt worden.
Liszt’sche Symphonie-Musik kommt in jeglichem Sinne
nachBrahms.