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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Mit freundlicher Zustimmung J. Rodenberg’s entnehmen
Am nächsten Morgen nahm ich in meinem gewöhn
lichen Kaffeehause eine Zeitung zur Hand; da war der
Mord
Ich konnte einen Ausruf des Abscheus nicht unterdrücken.
Da fuhr mich eine Stimme vom Nebentische höhnisch an:
„Na, ist vielleicht schad’ um ihn? Ist Ihnen vielleicht gar
leid um ihn?“ — „Ja,“ antwortete ich kurz und ging, um
jeder weiteren Replik auszuweichen. Böse Worte folgten
mir. Mich entsetzte diese moralische Verwilderung des sonst
so gutmüthigen
sich in den Urtheilen der revolutionären Blätter und des
aufgehetzten Volkes aussprach, schien mir nicht viel besser,
als jene gräßliche Unthat selbst.
Ich suchte mich wieder in mein Studium zu vertiefen,
aber es war kaum möglich, der zerstreuenden und auf
regenden Gewalt des politischen Sturmwindes zu entgehen.
Meine Verwandten und fast alle Beamten hatten längst
October, wo die Sehnsucht nach einer freundschaftlichen An
sprache und einer Erinnerung an Kunst und Wissenschaft
fast brennend geworden, in einer kleinen Weinstube in der
Nottebohm und
Gustav
angehender Componist sich noch der Unterweisung und Auf
munterung
geschulter Musiker. Sein feines, etwas anlehnendes Talent
hat er in einigen Clavierstücken in gewinnendster Weise be
wiesen, aber nicht lange cultivirt. Er wendete sich mit Vor
liebe bald der theoretischen und geschichtlichen Seite seiner
Kunst zu und genoß als Lehrer der Composition, wie als
musikalischer Forscher bekanntlich großes Ansehen. Seine
Bücher „
Muster einer gewissenhaften, reinlichen Arbeit. In unserem
kleinen Kreise war er der Aelteste und übte eine gewisse Auto
rität. Er war ein spröder Hagestolz und Sonderling. Unter
einer außerordentlich breiten, zurückfliegenden Stirne blitzten
zwei giftig blaue Aeuglein hervor, welche neben der rothen
Nase und dem röthlichen Bart noch greller schienen. Er
hatte keine gesellschaftlichen „Manieren“, eckige Bewegungen,
eine scharf abgehackte, in kurzen Sätzen springende Rede
weise. Ein durchaus ehrenwerther, selbstständiger, in seiner
Lebensführung anspruchsloser Mann, war er doch keines
wegs ein liebenswürdiger oder bequemer Gesellschafter. Aber
ich hielt mich gern zu ihm, da mir der Verkehr mit einem
tüchtigen, praktischen Musiker, der mehr Bildung besaß als
die meisten seiner
warme Verehrung für
sein Widerwille gegen
berührten. In späteren Jahren haben Beschäftigung und
Geselligkeit uns weiter von einander entfernt, wie dies leider
in großen Städten zu gehen pflegt.
kurzer Krankheit im Jahre
seine Freunde und für die Musikwissenschaft.
Ein Original ganz anderer Art war Graf Ferdi
nand Laurencin. Im Gegensatze zu dem verstandes
auf der vierten Galerie des Hofoperntheaters. Er konnte
unglaubliche Massen von Musik vertragen mit der gleichen
Empfänglichkeit. Selbst die allerbekanntesten Werke, wie
Symphonie
lesend in der Partitur. Dabei kritzelte er unaufhörlich mit
seinem Bleistift Notizen, deren Inhalt ich niemals ent
räthseln oder erfahren konnte. Bei jeder schönen Stelle, und
deren gab es für
mit dem Kopfe, that einen Ausruf des Entzückens, schmun
zelte, lachte und setzte seinen Bleistift in wüthende Bewe
gung. Seine musikalische Empfänglichkeit und Begeisterung
kannte keine Grenzlinie. Eine canonische Stimmführung in
irgend einer unbedeutenden Schulmeistermesse, eine sentimen
tale Modulation von
und
beneidenswerthen Mann in die gleiche Fluth von Entzücken.
Er hatte in diesem Gebahren ohne Frage etwas Komi
sches, aber auch etwas Liebenswürdiges, durch kind
liche Naivetät Rührendes. Es versteht sich fast von
selbst, daß einer solchen Gewalt fast elementarischen
Musikempfindens nicht eine gleiche Stärke ästhetischen Ur
theiles zur Seite stand.
seiner ursprünglichen Ansicht zu verdrängen. Wir gingen
einmal zusammen zu einer Aufführung von
damals noch nicht bekannten „
Wege hin überströmte
Werkes und versprach mir Wunderdinge davon. „Nun, was
habe ich dir gesagt?“ fragte er freudestrahlend beim Heraus
gehen. „Aufrichtig gestanden,“ erwiderte ich, „habe ich mich
schrecklich gelangweilt.“ Ich suchte dieses pietätlose Wort
nach Möglichkeit zu rechtfertigen und empfing nach einer
Weile
Recht, es ist doch eigentlich ein Zopf!“
unter dem Namen
von August
richten über die Kirchenmusik-Aufführungen. Er hatte einen
von dessen Schönheit er ganz erfüllt war. Der Gewalt
seiner Empfindung entsprach aber leider auch ein in Super
lativen überströmender, sich in den längsten Perioden fort
windender Styl.
schwerlich zur Klärung seiner etwas confusen Darstellungs
weise beitragen konnte. Da begann er nun mit einer langen
philosophischen Untersuchung des Begriffes „Oratorium“,
welche mehrere Nummern der Zeitung füllte, dann folgte
ein historischer Rückblick, abermals von ansehnlicher Länge,
endlich war er bei der Ouvertüre angelangt und kam unter
der bedrohlich anwachsenden Ungeduld der Leser und der
Redaction nicht vom Fleck mit seiner gründlichen Analyse.
Der Aufsatz gelangte ungefähr bis zur Kritik der zweiten
oder dritten Nummer des Oratoriums — da riß dem guten
August
„Fortsetzung folgt“ unbarmherzig von dem Manuscript und
versetzte dem bestürzten Grafen den vernichtenden Bescheid:
„Jetzt ist’s aus.“ Es ist niemals eine Fortsetzung des groß
artigen
Mit einem schüchternen Versuch,
referenten vorzuschlagen, bin ich einmal schlecht angekommen.
Es war bei Dr. Ignaz
„
„
bissen eine so wichtige Rolle gespielt haben im vormärzlichen
mitunter recht komisch aussehen konnte. Die illustrirten Witz
blätter lebten geraume Zeit von seiner mit drei Linien um
rissenen, sofort kenntlichen Caricatur. Wenn das kleine
hagere Männchen in Eifer gerieth — und das geschah
sehr leicht — dann schien seine berühmte Nase noch
weiter vorzuspringen, seine Bewegungen überhasteten sich
und seine Stimme überschlug in einen wunderlichen,
eines Tages, das Musikreferat in der „
zu übernehmen. Das konnte ich nicht, denn ich sollte eben
nach
politischen, sondern aus bureaukratischen Gründen. „So
schlagen Sie mir jemand Anderen vor!“ Das war damals
wirklich nicht leicht; doch äußerte ich nach einigem Nach
denken,
deutsche Post
wird schreiben,“ sprudelte
seine Stimme in die höchste Octave — „aber wer wird’s
lesen?“ Das klang so schlagend und zugleich so komisch, daß
ich vor Lachen nichts entgegnen konnte.
Eine durchaus innerliche musikalische Natur, hatte
Politik“ und jeder dahin einschlägigen Discussion. In
Momenten der größten politischen Aufregung und Be
stürzung, während des Barricadenkampfes und des An
marsches
hochgelegenen Stube emsig vertieft in
menologie
gar nicht, was draußen vorging, wollte es auch nicht wissen.
Eine zeitlang prakticirte er beim Landesgerichte und sollte
die erste Richteramtsprüfung machen. Da hatte er denn an
statt
Aber bei seiner philosophischen Gründlichkeit und Umständ
lichkeit blieb er immer an dem §. 7 haften, so daß man in
jedem Sinne sagen darf, er ist in seiner richterlichen Lauf
bahn nicht über den „Versuch“ hinausgekommen. Eine kleine
Erbschaft von seiner
diesem Berufe, für den er schlechterdings nicht paßte, rasch
Adieu zu sagen.
jungen hochgebildeten
einer gräflichen Familie in
oft daran, ihn Abends im „Juridisch-politischen Leseverein“,
diesem wohlthätigen Asyl für uns studirende Junggesellen,
emsig schreiben zu sehen, einen dicken Folianten vor sich. „Was
schreibst du denn da?“ — „O,“ erwiderte er mit einem
glückstrahlenden Lächeln, „an meine göttlichst liebenswür
digste
schreibe ihr täglich sechzehn bis vierundzwanzig Seiten, und
ja kein Wort von der gottverdammten Politik — nur was
mein Herz mir dictirt!“ Seine
tische Frau“, wie er oft schmähte, wollte die Heirat nicht zu
geben. Später erreichte er doch sein Ziel und ward einer der
glücklichsten Ehemänner, die es gegeben hat. Der kleine
neben seiner ungewöhnlich großen
komischen Anblick, aber seine Ehehälfte (von
Ehe-Siebenachtel“ genannt) wußte ihm das Leben zu glätten
und zu verschönern. Es war der härteste Schlag für ihn,
als der Tod ihm seine
sich völlig von diesem Schlage erholt. Die Musik mußte
ihm nun Alles sein und ward auch thatsächlich sein Alles.
Im Jahre
Freundeskreise den siebzigsten Geburtstag
feiern. Durch allerlei Künste hatte ich dieses Datum aus
gekundschaftet. Wie erquickte uns seine kindliche Freude, sein
dankerfülltes Gemüth! In einem scherzhaften Toast sagte ich,
auf seine Hinneigung zur neudeutschen Schule anspielend,
Dreiklang verherrlicht, aber seine Seele werde dereinst sicher
lich in Gestalt eines reinen Dreiklanges zum Himmel auf
steigen. Wir ahnten nicht, daß dies so bald geschehen werde.
Wochen überlebt.
Wenn wir in unserem stillen Weinstübchen uns des
Abends von Musik unterhielten, so betraf das natürlich
nur unsere musikalischen Studien und Erinnerungen. Von
lebendiger Musik künstlerischen Gehalts war ja in dem
ganzen Revolutionsjahre nichts zu vernehmen. Die Concert
säle waren geschlossen, die Oper, die sich mit dem aller
nöthigsten Personal und abgespielten Werken behalf, verödet.
Dafür hörte man allenthalben das „
Art harmloser
und das lyrische Frag- und Antwortspiel „
Deutschen Vaterland
Beamter, in dessen Familie ich viel verkehrte, ärgerte sich
täglich einigemale darüber, daß eine Treppe über ihm das
„
und spielte mit aller Macht die
Man replicirte oben noch stärker mit „Was kommt dort von
der Höh’?“, worauf unten in wüthendem Fortissimo „
erhalte unsern Kaiser
Duell zwischen zwei unsichtbaren Gegnern wiederholte sich
mehrmals des Tages. Eine recht schöne Unterhaltung.
Das alte harmlose „ Benedix’ Studenten-Lustspiel „
Der berühmte Pianist, nach seiner letzten Nummer stürmisch
hervorgerufen, setzte sich nochmals ans Clavier und begann
mit der
tionen folgen sollten, aber schon während der ersten Tacte
hörte man verdächtiges Pfeifen und Miauen von der Straße
her —
Thema ohne Variationen. Und in der That gerieth man
aus dem Concertsaal unmittelbar in ein anderes, sehr kräf
tiges Concert, welches in der Eigenschaft eines Ständchens
der k. k. Polizei-Direction gebracht wurde. Das Publicum
war hier noch viel, viel zahlreicher als in
cert, schien aber nicht ebenso beifallslustig und anerkennend
— es pfiff aus Leibeskräften.
Wenige Tage, bevor in
verstummen sollte, an einem sonnigen October-Nachmittag,
stieß ich nächst der Universität auf den Dr. Alfred
Becher. Er hatte sich aus dem harmlosen Componisten
seine Compositionen, als auf seine Kritiken; mir schien das
Umgekehrte richtig. Er war ein grübelnder Componist, welcher
geistreiche, oft abstruse Combination für musikalische Erfin
dung hielt. Ein Heft
gedruckte Composition von ihm, gewährte, theilweise an
späteren
trostlos Erzwungenen.
folgendem Epigramm von wahrhaft vernichtender Anschaulich
keit charakterisirt:
Wie eine traurige Ironie des Schicksals erscheint es,
daß
Trauermarsch mit Chor: „
13. März Gefallenen
Schlußstrophe er die
Wenige Monate nach dieser patriotischen Gelegenheits-Musik
wurde der Componist als Hochverräther hingerichtet.
frappirte durch seine auffallende Erscheinung; eine lange,
hagere Gestalt mit einem
hoher, bereits etwas kahler Stirne lange, graublonde Haare
bis auf die Schultern fielen. Er war sehr nachlässig gekleidet,
nervös-unruhig in seinen Bewegungen und sah in Folge
seines unregelmäßigen Lebens früh gealtert aus.
mochte viel Aehnlichkeit mit dem genialen, unordentlichen und
gleichfalls dem Weine ergebenen F. A.
besten
es geschehen konnte, daß dieser der Politik ganz fernstehende
fünfundvierzigjährige Mann sich so weit in das wüste Treiben
der extremsten
mir nie ganz klar geworden. Er hat seine nachgiebige
Schwäche und Verblendung schwer gebüßt. Dem politischen
Fortschritt ist er von gar keinem Nutzen gewesen, für die
musikalische Bildung
lich gewirkt.