Oper und Ballet.
(„
Die verkaufte Braut“ von
Smetana. — „
Die goldene Märchenwelt.“)
Ed. H. Smetana’s komische Oper „Die verkaufte
Braut“ hat am Ostersonntag ihren Einzug in das Theater
an der Wien gehalten und ihre erste deutsche Aufführung
erlebt. Das czechische Original („Prodaná nevesta“) war
bekanntlich in der Musik- und Theater-Ausstellung mit
jubelndem Beifalle aufgenommen worden. „Die verkaufte
Braut“ ist das Muster einer volksthümlichen komischen Oper.
Vor etwa dreißig Jahren für das bescheidene czechische
Interims-Theater in Prag componirt und keineswegs für
ein ästhetisch verwöhntes, aristokratisches Publicum bestimmt,
bewegt sich diese Oper naiv und ungezwungen in eng natio
nalem Empfindungskreise. Sie beschränkt sich auf einfache,
faßliche Formen, macht geringe Ansprüche an die Virtuosität
der Sänger und gar keine an den Decorations-Maler und
Maschinisten. Trotz dieser populären Tendenz und der possen
haften Elemente des Textbuches hält Smetana seiner Musik
alles Rohe und Triviale fern. Stets natürlich, volksthümlich
und melodiös, wird sie doch niemals ordinär; eine
höchst seltene Erscheinung auf diesem Gebiete und einer
der größten Vorzüge Smetana’s. Der Werth dieser
Oper steht außer Frage; vielleicht ist er unter
dem berückenden Eindruck jener czechischen Aufführung im
Prater sogar etwas überschätzt worden. „Mozart’s „Figaro“
ins Böhmische umgewandelt!“ hörte man damals auf Schritt
und Tritt. Auch die „Bezähmte Widerspenstige“ von Goetz
hat seinerzeit den Ehrentitel einer „modernen Wiedergeburt
von Mozart’s Figaro“ erhalten. Das ist ein zu hoch ge
griffenes Lob; mit Mozart’s „Figaro“ steht keine dieser
beiden Opern auf gleicher Höhe. Will man sie indessen als
eine Spielart jenes Meisterwerkes ansehen, so ist in der
„Widerspenstigen“ das Moderne, in der „Verkauften Braut“
das Mozartische vorwiegend. Smetana hat unvergleichlich
mehr Genie als Goetz, aber seine „Verkaufte Braut“ ist
noch lange kein Mozart, sie hat nur viel Mozart. An
Ausdrucksweisen Figaro’s und Leporello’s erinnert nament
lich der Baßbuffo; es sind jene Schlußformeln, Parlando
stellen etc., die wir schlechtweg Mozartisch nennen, obwol
Mozart sie direct aus der italienischen Opera buffa überkam.
Man braucht nur eine beliebige komische Oper von Païsiello
oder Cimarosa aufzuschlagen, oder die noch ältere „Serva
padrona“ von Pergolese. Auf lange hinaus wird alle
komische Oper einiger italienischer Blutstropfen nicht ent
behren können; Italien verdanken wir ja diesen Musikstyl.
Auf dem national-czechischen Grund blühen in Smetana’s
Oper stellenweise italienische Blümchen und auch deutsche,
wie sie in Schubert’s, Weber’s, Lortzing’s Gärten heimisch
sind. Und das ist ein Glück für die Oper; wäre sie so ganz
urczechisch, daß ihr alle internationalen Verbindungsfäden
fehlten, sie könnte auf deutschem Boden nimmermehr die
starke Wirkung üben, wie jetzt in Wien. Aus dem Herzen
des eigenen Volkes heraus ist solche Musik empfunden, aber
der Kopf der anderen, musikalisch vorgeschrittenen Nationen
muß auch ein Wörtchen dreingesprochen haben, soll sie als
Kunstwerk, allgemeingiltig, ihre Stellung behaupten. Sme
tana, ein Sohn der Mozartstadt Prag, hat als Musiker eine
gründliche deutsche Schule durchgemacht, die ihn befähigt,
seine nationale Originalität in feste, edle Form zu gießen.
Smetana’s geniale Begabung und meisterliche Technik habe
ich stets freudig anerkannt; zuletzt gelegentlich seines
E-moll-Quartetts, der böhmischen Tänze, der Moldau-Sym
phonie. Aber ich kann nicht finden, daß gerade die „Ver
kaufte Braut“ — als musikalisches Kunstwerk und abgesehen
von ihrer nationalen Bedeutung — den ersten Meisterwerken
dieser Gattung gleichkomme, geschweige denn sie übertreffe.
An Reichthum der melodischen Erfindung, an dramatischer
Lebendigkeit, an Humor und Feinheit der Charakteristik steht
mir die „Verkaufte Braut“ nicht auf Einer Linie mit dem
„Barbier von Sevilla“, mit dem „Liebestrank“ und „Don
Pasquale“, mit der „Weißen Frau“ und „Fra Diavolo“,
auch nicht mit unserem „Czar und Zimmermann“. Und im
Einzelnen: mit den Höhenpunkten der genannten Opern
kann keine Nummer der „Verkauften Braut“ sich messen.
Insbesondere die Kraft und Fülle der musikalischen Erfin
dung scheint mir in Smetana’s Oper nicht so erstaunlich;
man muß sie an den rein lyrischen Gesängen prüfen, nicht
an den Tänzen, in welchen National-Melodien pulsiren und
uns durch exotischen Reiz berücken. Ich verdanke der „Ver
kauften Braut“ ein zu lebhaftes und anhaltendes Vergnügen,
als daß es mir beifallen könnte, etwa kaltes Wasser in den
allgemeinen Enthusiasmus zu gießen. Allein die hoch über
ragende Stelle, welche vielfach der „Verkauften Braut“ in der
Weltliteratur der komischen Oper eingeräumt wird, scheint mir
gegenüber den größten Meisterwerken nicht ganz begründet.
Was ein objectives Urtheil begünstigte, war die deutsche Auf
führung, da sie frei war von dem bestrickenden Reiz des
Fremdartigen und anderen außerordentlichen Einflüssen,
welche in der Ausstellungszeit die Gemüther bewegten. Sie
bestärkte mich in dem Eindruck, daß die „Verkaufte Braut“
ihre erfreuliche große Wirkung mindestens ebenso sehr ihren
negativen Tugenden verdanke, als ihren positiven Vorzügen.
Diese Musik gibt sich überall natürlich, bescheiden, unaffec
tirt, verfällt weder in das Pathos der großen Oper noch in
die Trivialitäten der Posse, opfert nie den Gesang dem
Orchester, nie die musikalische Form den einseitig drama
tischen Prätensionen. Diese im weitesten Sinne negativen
Tugenden, die ich außerordentlich hochschätze, sind gerade heute
werthvoller als jemals. Unser Publicum hat es beinahe ver
lernt, sich in der Oper an naiver Anmuth und Natürlichkeit
zu erfreuen. Wer jahrelang nur die Keulenschläge „hoch
dramatischer“ Effecte und die Nadelstiche „geistreichen“ Raf
finements erduldet hat, den labt die Musik zur „Verkauften
Braut“ wie ein kühlendes Bad. Sie führt uns aus Qualm
und Betäubung in die milde, freie Gottesluft. Wie dankbar
empfinden wir die jetzt vervehmte Wohlthat der Recitative!
Wie schön und plastisch heben sie die eigentlichen Gesang
stücke an die Oberfläche, während die Modernen uns in der
grauen Fluth eines gleichmäßigen, formlosen Arioso-Gesanges
festhalten. Dieser natürliche, musikalisch gesunde Opernstyl
scheint bereits so weit hinter uns zu liegen, daß uns die
„Verkaufte Braut“ älter vorkommt als sie ist. Sie klingt
wie aus den Dreißiger- oder Vierziger-Jahren und stammt
doch erst aus dem Jahre 1866.
Ueber die „Verkaufte Braut“ ist gelegentlich der Aus
stellung so viel und eingehend geschrieben worden, daß eine
Zergliederung des Textbuches und der Partitur jetzt sehr ver
spätet käme. Genug, daß Smetana’s reizende Oper auch im
Theater an der Wien vollständig gesiegt hat und zahlreichen
Wiederholungen entgegensieht. Mehrere Stücke wurden da
capo verlangt und die Sänger (mit ihnen Director
Jauner und Capellmeister Müller) nach jedem Acte
mehrmals gerufen. Unausgesetzt tobten der Applaus und
das Bravo-Rufen. Das Beste an der Vorstellung war
das Ensemble; vortrefflich Alles, was im weitesten Sinne
Scenirung und Regie heißt: die getreuen Costüme und
Decorationen, die lebendigen Gruppen und Massenentfal
tungen, die hinreißenden Tänze. An den musikalischen Theil
hatte Capellmeister Adolph Müller die sorgfältigste Arbeit
gewendet. Die Orchester-Begleitung ließ nur eine discretere
Unterordnung wünschen. Ueberlautes Accompagnement nöthigt
die Solosänger, noch stärker loszulegen, als sie ohnehin gern thun.
Daß ihre Leistungen jene der czechischen Sänger im Aus
stellungs-Theater nicht entfernt erreichten, darüber ist Alles
einig. Trotzdem müssen wir das Gebotene dankbar hin
nehmen. Weder an die Stimmen noch an die Gesangstechnik
eines nur in Operetten beschäftigten Personals darf man
hohe Ansprüche stellen. Redlicher Fleiß und guter Wille ist
Allen nachzurühmen. Lebhaft bedauerten wir die plötzliche
Erkrankung Fräulein Lejo’s, welche in der Generalprobe
die Marie sehr hübsch gespielt und gesungen hatte. Für sie
ist Fräulein Diglas eingesprungen und hat ohne Orchester
probe die Rolle mit erstaunlicher Sicherheit durchgeführt.
Sie verdient eine Rettungsmedaille. Die wichtige Rolle des
Heiratsvermittlers Kezal spielte Herr Pokorny, ein sehr
routinirter Schauspieler, der nicht viel Stimme und wenig
natürlichen Humor besitzt, aber für Beides die erprobtesten
Surrogate in Fülle. Mehr ursprüngliche Komik verrieth
Herr Pagin in der possenhaften Figur des Stotterers
Wenzel. Herr Streitmann gefiel sich in übermäßigem
Forciren der Stimme und streifte damit den Schmelz von
den Melodien dieses bäuerlichen Liebhabers. Trotzdem empfing
er rauschenden Beifall; ein Beweis, daß seine Stimme
und Gesangsmanier dem Publicum ausnehmend gefallen. Die
kleineren Rollen fanden durchaus gute Darsteller in den
Damen Biedermann, Stein und Frey, in den Herren
Josephi, Lindau und Lunzer. Das schöne Sextett
im dritten Act gewann durch die Stimmen dieser drei Herren
freilich nicht an Wohlklang. Die vortreffliche Uebersetzung
des Textbuches durch Max Kalbeck verdient, schon wegen
ihrer merkwürdigen Entstehungsweise, eine besondere Er
wähnung. Kalbeck, bekanntlich ein Norddeutscher und erst seit
einigen Jahren in Wien ansässig, versteht nicht das kleinste
Wörtchen Böhmisch. Er ließ sich unter den Originaltext
Wort für Wort die deutsche Bedeutung schreiben; als form
gewandter und geschmackvoller Poet brachte er den Inhalt
in deutsche Verse, als tüchtiger Musiker legte er genau das
rechte Wort unter die rechte Note. So kann man übersetzen,
selbst ohne der Originalsprache mächtig zu sein; ja so muß
man überhaupt übersetzen, nicht wörtlich, sondern in freier
Umdichtung. Kalbeck’s Opernübertragungen beginnen bereits
den gewohnheitsmäßigen Schlendrian auf diesem Gebiet sieg
reich zu verdrängen; seine Methode wird Schule machen —
vorausgesetzt, daß die Schüler Meister sind auf beiden In
strumenten: Dichtkunst und Musik.
Zu den Osterfeiertagen bescheerte uns das Hofoperntheater
ein neues großes Ballet: „Die goldene Märchenwelt“
von Gaul und Haßreiter, Musik von H. Berté.
Erfreulicher für das Publicum, auch einträglicher für den
eigenen Ruhm und Säckel wäre es gewesen, wenn das Hof
operntheater „Die verkaufte Braut“ ins Leben gerufen hätte,
statt dieser „Märchenwelt“. Das neue Ballet gehört zu den
luxuriösesten Ausstattungsstücken und entbehrt auch nicht der
poetischen Motive, denn es entnimmt seinen Inhalt den
schönsten Kindermärchen: Rothkäppchen, Aschenbrödel, Schnee
wittchen u. s. w. Von sehr überflüssiger Gewissenhaftigkeit
ist der Beisatz auf dem Textbuch: „mit theilweiser Benützung
der Märchen von J. und W. Grimm“. Die von den
Brüdern Grimmgesammelten „Kinder- und Haus
märchen“ sind ja Eigenthum des ganzen Volkes, gehören
Allen und jedem Einzelnen von uns. Ebenso gut müßten die
Textdichter der Opern „Moses“ und „Joseph in Egypten“
auf den Theaterzettel setzen: „mit theilweiser Benützung der
Bibel“. Die Exposition dieses Märchen-Potpourris ist etwas
gezwungen ausgefallen. Eine Großmutter, die den Enkeln
aus einem Märchenbuch vorzulesen beginnt, schläft dabei
ein; aus ihrem Schoß fliegt das Buch hinauf zu
dem „Traum“, während gleichzeitig „die Märchen
königin“ auf einem Muschelwagen heranfährt! Ganz
klar ist das Alles nicht, aber — wunderbar. Auf dieses
Vorspiel folgen nun die Märchen selbst. Zuerst Rothkäppchen,
allerliebst dargestellt von der talentvollen kleinen Marie
Kohler, dann der Gestiefelte Kater (Fräulein Rathner),
Dornröschen (Fräulein Well) und Aschenbrödel (Fräulein
v. Haentjens). Je weiter diese Scenen vorrücken, desto
überladener, prunkvoller werden sie, auch desto langweiliger,
weil das Schaugepränge den schlichten poetischen Kern vollständig
erdrückt und den Eindruck verwirrt. Der dritte Act hat mit den
Märchen selbst eigentlich gar nichts mehr zu schaffen: ein
großer Festsaal, in welchem Tänze ausgeführt werden, In
dianer- und Negertänze mit einer ohrenzerreißenden türkischen
Musik auf der Bühne! Als leisere Begleitung im Publicum:
Gähnen und ungeduldiges Zuklappen der Operngucker. Die
Musik des Herrn Berté trägt zur Erheiterung der Zu
schauer nicht viel bei; sie trachtet hauptsächlich nach pikanten
Orchester-Effecten und dramatischer Tonmalerei, über welcher
Bemühung sie alles Temperament verliert. Geschickt ge
macht ist sie allerdings. Aber die Hauptsache, die musikalische
Erfindung, die originellen Melodien? Herr Berté ist Besitzer
einer großen Musikalien-Handlung und hat somit unablässig
mit fremden Compositionen zu thun. Er kann, auf die
Werke von Delibes, Massenet, Wagner, Strauß deutend,
sagen: Das gehört Alles mir, ist mein Eigenthum. Kein
Wunder, wenn dieses angenehme Bewußtsein ihn auch beim
Componiren nicht verlassen will.