Charles Gounod.
(
1818—
1893.)
Ed. H. In Gounod hat das heutige Frankreich seinen
bedeutendsten und erfolgreichsten Tondichter verloren. Die
zunehmende Verarmung der Opernmusik, wie wir seit De
cennien sie in Deutschland und Italien verfolgen, herrscht
kaum weniger bedenklich in Frankreich. Zwei vielversprechende
Talente, der liebenswürdige Delibes und der noch ungleich
bedeutendere Bizet, sind in jugendlicher Manneskraft dahin
gesunken. Von Ambroise Thomas, dem 82jährigen
Patriarchen, erwartet Niemand mehr Neues. So bleibt denn
einzig und allein Massenet mit zwei bis drei Jünglingen,
die zu den fürchterlichsten Hoffnungen berechtigen. Gounod, ein
weltliches, lyrisch-dramatisches Talent, welches den ersten nach
haltig mächtigen Eindruck von Mozart’s „Don Juan“ empfing,
hat sich demungeachtet nicht gleich der Oper zugewendet. Wir
sehen ihn anfangs mit allem Eifer eines schwärmerischen
Katholiken für die Kirche componiren. In Berlin entdeckt er
schon 1843 der Familie Mendelssohn sein Vorhaben, ein
Oratorium „Judith“ zu schreiben. Von der Ansicht, daß die
nächste musikalische Zukunft dem Oratorium gehöre, ist
er, nicht zu seinem Nachtheil, bald zurückgekommen. In
Paris vermag er den Loreleyklängen der Oper nicht zu
widerstehen; ihr widmet er durch mehr als drei Decennien
seine ganze Thätigkeit. Erst in den letzten zehn Jahren findet
er wieder den Weg zurück von der Bühne zur Kirche, wird
Messen- und Oratorien-Componist. So hat sich seine Künstler
laufbahn, zuletzt nach ihrem Anfang zurückbiegend, zum Ring
geschlossen.
„Sappho“ hieß Gounod’s erste Oper (1851). Sie hat
nur mäßigen Beifall gefunden, obwol ihr die Meisterschaft
einer Viardot in der Titelrolle und der berühmte Name
des Textdichters Emile Augier zu statten kam. Aber die
ergreifend schöne Schlußscene der Sappho bewies schon allein,
daß hier ein echt poetisches, eigenartiges Talent, wenngleich
noch tastend, seinen Wirkungskreis erkannt hatte. Auch
Gounod’s zweites Werk, eine große fünfactige Oper mit
dem häßlichen Namen „Die blutende Nonne“, ver
schwand schnell von den Brettern. So fand denn Gounod
in Paris statt des geträumten Lorbeers nur Mühsal und
Enttäuschung, wie es fast alle die preisgekrönten französischen
Componisten erleben, welche mit frohen Hoffnungen aus
Rom heimkehren. Da wendet sich 1859 mit der Oper „Faust“
das Schicksal zu Gounod’s Gunsten; freilich nicht so plötzlich,
wie man angesichts des beispiellosen Erfolges vermuthen
sollte, welcher heute, nach mehr als dreißig Jahren, noch auf allen
Bühnen, in allen Sprachen fortwirkt. „Faust“ ist bei der
ersten Aufführung im alten Théâtre Lyrique sehr kühl auf
genommen worden. Sein Schicksal blieb noch während der
ersten dreißig Vorstellungen unentschieden. Beinahe die ge
sammte Pariser Presse verhielt sich ablehnend, und ihr musi
kalisches Oberhaupt, Scudo, erklärte, es sei außer einem
Chor und einem Walzer absolut nichts in der ganzen Oper.
Während der Proben drängte man Gounod unablässig zu
Kürzungen; ja, noch in der Generalprobe wurde er (wie
ich von ihm selber weiß) beschworen, das Liebesduett
am Schluß des dritten Actes wegzulassen, da es die ganze
Wirkung der vorangehenden Gartenscenen ruiniren müsse!
Unter solchen Umständen mochte keine der großen Musik
firmen die Partitur erwerben. Endlich fand Gounod einen
jungen, unternehmenden Verleger, Choudens, welcher das
Geschäft wagte. Für 8000 Francs kaufte er Gounod’s
„Faust“ und legte damit den sicheren Grund für den gegen
wärtigen Wohlstand der Firma. Erst zwei Jahre nach der
Première konnte man den Erfolg des „Faust“ und den
Ruhm seines Autors als feststehend anerkennen. In Paris
hat „Faust“ schon vor sechs Jahren (1887) seine 500. Auf
führung erlebt. Nicht einmal Meyerbeer’s „Prophet“, welcher
doch zehn Jahre vor dem „Faust“ erschienen war, vermochte
damit gleichen Schritt zu halten.
Auch in Wien kam man dem „Faust“ anfangs miß
trauisch entgegen. Die oberste Theaterbehörde hatte damals
den italienischen Director unserer deutschen Oper, Matteo
Salvi, mit einem „Artistischen Beirath“ beglückt, den er
hören mußte in Fragen des Repertoires und der Engage
ments. Unserem Vorschlag, Gounod’s „Faust“ aufzuführen,
opponirte Salvi auf das entschiedenste; er habe die Oper
in Darmstadt gehört, sie sei reizlos, lärmend, wagnerisch
und würde in Wien rettungslos durchfallen. Salvi mußte
förmlich gezwungen werden, den „Faust“ einzustudiren. Die
erste Aufführung (8. Februar 1862) mit der Dustmann
und Bettelheim, Ander und Schmid errang einen
glänzenden und nachhaltigen Erfolg; schon im October
1890 hatte „Faust“ die 300. Vorstellung erreicht.
Die deutsche Kritik hat ihm übrigens das Leben auch nicht
leicht gemacht. Rigorose Richter sprachen ihren Bannfluch
über „diese Verhöhnung des Goethe’schen Gedichtes“, welche
das deutsche Publicum nimmermehr dulden solle. Das deutsche
Publicum war anderer Meinung und verstand die beiden
Stücke, die in ihrer Absicht und Wirkung nichts mit einander
zu schaffen haben, unbefangen auseinander zu halten. Keines
von beiden hat dem andern Eintrag gethan, am aller
wenigsten bedurfte Goethe’s erhabenes Gedicht der Landes
verweisung von Gounod’s reizvoller Musik. Goethe ist
toleranter gewesen, als unsere Kritiker; er dachte selbst an
die Umgestaltung seines Faust in eine Oper „Mozart,“
sagte er 1829 zu Eckermann, „hätte den Faust componiren
müssen. Meyerbeer wäre vielleicht dazu fähig, allein der
wird sich wol auf so etwas gar nicht einlassen; er ist zu
sehr mit italienischen Opern verflochten.“ Ja, in Bezug auf
den zweiten Theil des Faust, welchen der Dichter bekanntlich
noch viel höher stellte als den ersten, hat er sogar den Wunsch
ausgesprochen, derselbe möchte als Oper für die Bühne be
nützt werden. „Wenn die Franzosen nur erst die Helena
gewahr werden,“ meinte er, „und sehen, was daraus
für ihr Theater zu machen ist!“ Daß Goethe gleich
an französische Componisten dachte, ist für unseren Zu
sammenhang werthvoll. Goethe theilte nicht die Ansicht
Johannes Müller’s, der in KasselStendhal ver
sicherte, die Franzosen seien „das undramatischeste Volk der
Erde“. Heute erscheint dieses Urtheil noch weit hinfälliger.
Insbesondere haben die neueren Componisten Frankreichs sich
viel mehr mit deutscher Dichtung und Sitte befreundet, sind
viel inniger in deutsche Gefühlsweise eingedrungen, als ihre
Vorfahren. Wir besitzen aus neuester Zeit drei französische
Opern, welchen Goethe’sche Dichtungen zu Grunde liegen:
„Faust“ von Gounod, „Mignon“ von Ambroise Tho
mas und „Werther“ von Massenet. Die beiden ersten
gehören seit Jahren zu den bevorzugten Lieblingen des
deutschen Publicums, die dritte beginnt mit gleichem Glück
sich ihnen anzureihen. Wäre dies möglich, wenn sie wirklich
nur schnöde Attentate auf Goethe bedeuteten? Ich halte alle
drei für ehrlich gemeinte und talentvoll ausgeführte
Werke, deren Componisten aufrichtig und liebevoll be
müht waren, ihrem Stoffe gerecht zu werden, soweit
die nationale Verschiedenheit, welche ja unausweichlich
Vieles ins Französische hinüberdenkt und hinüberfühlt, und
das Wesen der Oper es zulassen. Unsere Schauspielhäuser
wie unsere Opernbühnen müssen unablässig den Vorwurf
hören, daß sie Französisches bevorzugen. Sie würden es
wahrscheinlich nicht thun, wenn deutsche Componisten ihnen
Besseres oder ebenso Wirksames böten. Leider hat das
heutige Deutschland äußerst wenige Opern aufzuweisen von
der Lebendigkeit, dem melodiösen Reiz und der meisterlichen
Bühnentechnik der genannten drei Werke von Gounod,
Thomas und Massenet. Der deutsche Kritiker muß, so sehr
ihm seine Ideale am Herzen liegen, an solche Productionen
stets mit ein bischen Resignation herangehen. Er darf sie
nicht an Goethe messen wollen. Die Oper ist eine zu ge
mischte, unreine, bedingte Kunstgattung, als daß sie im
Stande wäre, einen Faust von der Tiefe und Vollendung
des Goethe’schen hervorzubringen, überhaupt den voll
kommeneren Organismus einer Tragödie ernstlich nach
zuschaffen.
Gounod ist nicht, was man ein Original-Genie nennt;
aber einzelne fremde, namentlich deutsche Elemente haben sich
mit seiner Individualität so glücklich assimilirt, daß ohne Frage
etwas relativ Neues und Eigenthümliches daraus entstand.
Seine Musik hat ihre eigene Prägung; man kann bereits
von einem „Gounodismus“ in den späteren französischen
Opern sprechen. Sein „Faust“ rundet sich nicht zum einheit
lichen Kunstwerk, er enthält Stellen von schwacher Erfindung
und falschem Effect und entbehrt der vollen Kraft für das
Dämonische wie für das Erhabene. Aber als Lyriker schlägt
Gounod rührende Herzenstöne an voll Sehnsucht, Schwer
muth und Entzücken. Die Gartenscenen im dritten Act und die
Volksscenen im zweiten sind in ihrer Frische, ihrem leichten Aufbau
und ihrer bis zum Schluß anwachsenden Steigerung Schöpfungen
eines glänzenden Talentes und eminenten Bühnenverstandes.
Vor dem Erscheinen des „Faust“ war Gounod in Deutsch
land beinahe unbekannt. Beinahe, sage ich, denn ein kleines
Stück von ihm — mehr ein Einfall als eine Composition
— machte bei uns bereits die Runde. In der glücklichen
Laune eines Augenblicks war es Gounod eingefallen, zu dem
C-dur-Präludium aus Bach’s „Wohltemperirtem Clavier“
eine selbstständige Melodie zu setzen, welcher jenes unver
änderte Clavierstück nunmehr als Begleitung diente. Ur
sprünglich für die Violine gesetzt, wurde diese Melodie bald
auf alle möglichen Solo-Instrumente übertragen und zuletzt
als „Ave Maria“ auch für eine Sopranstimme. Als „Médi
tation“ haben wir diese süße, langathmige Melodie von den
gefeiertesten Virtuosen im Concertsaale — als „Ave Maria“
von den besten Sängerinnen in der Kirche unzähligemal
gehört. Sie war der einzige, bescheidene Vorläufer des
„Faust“ in Deutschland.
Den Erfolg des „Faust“ hat keine zweite Oper
Gounod’s erreicht. Am nächsten kommt ihm noch „Romeo
und Julie“. Gounod hat dieses Werk 1867 mit noch
größerer Liebe und Begeisterung geschaffen, als irgend eine
seiner Opern. Das Lieblichste, Zarteste findet sich darin, es
fehlt ihm nur der starke Widerhalt des Großen, Kraftvollen.
Gounod vermochte nicht der Gefahr der Monotonie zu ent
gehen, die schon der Stoff mit sich bringt. Die Liebesduette
nehmen einen so großen Raum des Ganzen ein, daß sie zu
einer Art Milchstraße zusammenfließen, deren sanftes Licht
eine einfärbige Blässe über das ganze Bild breitet.
Im Einzelnen anziehend, wirkt „Romeo und Julie“
doch ermüdend als Ganzes. Die Wiener Aufführung (1868
unter Dingelstedt) gewann ein besonderes Interesse durch
Gounod’s Anwesenheit. Hier ward ihm gestattet, was er
in Paris stets vergeblich ersehnt und erbeten: sein Werk
persönlich dirigiren zu dürfen. Als Gounod am Dirigenten
pult erschien (er trug den ihm vom Kaiser Maximi
lian verliehenen Guadeloupe-Orden um den Hals),
wurde er vom Publicum mit jubelndem Zurufe be
grüßt. Er fühlte sich sehr glücklich in Wien, war
auch von der Aufführung ungemein befriedigt. Nur
nicht von der Hauptperson, Fräulein Murska als Julie.
Diese konnte ihm wol als Coloratur-Sängerin, in der
Walzer-Arie, entsprechen, durchaus nicht als dramatische
Künstlerin. „C’est un gosier,“ wiederholte er des Oefteren;
eine „geläufige Gurgel“, würde Mozart gesagt haben. Schnell
erkannte Gounod in Fräulein Ehnn die berufenste Dar
stellerin seiner Julie. Warme Stimme, innige Empfindung,
überzeugendes Spiel: das waren ihm entscheidende Vorzüge,
für die er auf perlende Scalen und Triller gern verzichtete.
Gounod studirte über Hals und Kopf die Partie mit Fräulein
Ehnn und sah seine Bemühung reichlich belohnt. Es war die
beste Julie, die wir in Wien gehabt haben. Bertha Ehnn
schwebte ihm auch für die Hauptrolle einer neuen Oper vor:
„Francesca di Rimini“. Mit der ihm eigenen lebhaften
Beredsamkeit zeichnete er mir damals die Umrisse des
Planes. In einem Vorspiel, dessen Schauplatz die Hölle,
sollte Dante mit Virgil erscheinen; dieser hieß dann den
Florentiner wieder auf die Erde zurückkehren. Hierauf be
ginnt erst das eigentliche Drama. Sein Schluß knüpft
wieder an das Vorspiel in der Hölle an, welches die Ent
wicklung der Handlung vorausgezeigt hat. Gounod’s Vor
haben ist nie zur Ausführung gekommen; bekanntlich haben
aber nach ihm sowol Ambroise Thomas als Hermann
Goetz sich des Stoffes bemächtigt und eine „Francesca
di Rimini“ componirt.
Mit sehr wechselndem Glück griff nun Gounod zu ver
schiedenen, von einander weit abliegenden Opernstoffen.
Eine große Oper, „Die Königin von Saba“, ver
mochte ebensowenig durchzugreifen, wie sein für die Opéra
Comique geschriebener „Cinq-Mars“, eine Conversa
tions-Oper mit tragischem Ausgang nach dem Roman von
Alfred de Vigny. Noch zwei Opern hat Gounod für die
Opéra Comique componirt: „Philemon und Baucis“ und
„Mireille“. „Mireille“ wurde in Wien1876 in
italienischer Sprache gegeben, mit der Patti in
der Titelrolle; die Oper war verspätet, dicht vor
dem Schlusse der Stagione, zur Aufführung gelangt und
erlebte nur zwei Vorstellungen. Sie hätte deren mehr ver
dient. „Philemon und Baucis“ hörten wir 1878 mit der
Ehnn, Walter, Rokitansky und Mayerhofer in
den Hauptrollen. Der idyllische Charakter des Stoffes ent
sprach vortrefflich dem zarten, liebenswürdigen, etwas weich
lichen Naturell Gounod’s. Ohne besonders gehaltvoll oder
originell zu sein, macht diese Musik doch einen guten Ein
druck durch ihre Anmuth und seine Mäßigung. Ich gestehe
einige Vorliebe besonders für den ersten Act und glaube,
„Philemon und Baucis“ würde eine Wiederaufführung ver
dienen, jedenfalls mehr, als „Der Tribut von Zamora“
sie verdient hat. Diese Oper verdankte ihren Erfolg
in Wien fast ausschließlich der genialen Darstellerin der Her
mosa, Pauline Lucca. Die zehn Jahre, welche auf „Romeo
und Julie“ folgten, haben offenbar stark gezehrt an Gou
nod’s Mark. Davon überzeugt uns nicht blos der „Tribut
von Zamora“, ein Gounod in der dritten Verdünnung,
sondern auch „Polyeucte“ (1878). Religiöse Schwär
merei hatte sich wieder einmal Gounod’s bemächtigt und
hieß ihn, Glaubenseifer und Märtyrertod in einem musika
lischen Drama verherrlichen. Diese religiöse Oper führt nach
dem Trauerspiel von Corneille den Titel „Polyeucte“. Gounod
war so freundlich, mir Anfangs Mai 1875 einige Stücke daraus
in seiner Wohnung vorzusingen. Seine Stimme, weder jung noch
kräftig, übte doch einen eigenthümlichen Zauber, denn
sie war gut geschult und von inniger, bald sanfter, bald be
geisterter Empfindung verklärt. Daß Gounod selbst Sänger
war, gereichte seinen Opern zu großem Vortheile, sie sind
in den Solopartien wie im Chore durchaus sangbar und
wirksam geschrieben. Als junger Mann hat Gounod in
einem aus acht Personen (lauter Dilettanten) gebildeten
Kirchenchor in der Rue de Bac fünf Jahre lang die erste
Tenorstimme gesungen; auch durch sieben Jahre einen
Pariser Männergesang-Verein (Orphéon) dirigirt. Was die
Oper „Polyeucte“ betrifft, diese Apotheose christlicher Selbst
verleugnung und Aufopferung, so hat sie freilich wenig be
kehrende Kraft erprobt; der Besuch der Kirchen steigerte sich
nicht, aber der des Operntheaters ließ nach. Ueber die
Grenzen Frankreichs ist dieses Werk nicht gedrungen. Während
der Proben zum „Polyeucte“ arbeitete Gounod bereits an einer
neuen großen Oper: „Abälard und Heloise“. Wie
leuchteten seine schönen braunen Augen, wie beredt strömten
seine Worte, als er mir den Plan dieser Oper entwickelte,
welche „eine Verkörperung der höchsten philosophischen und
religiösen Ideen“ werden sollte. Der Stoff flößte mir Be
denken ein, und ich glaube nicht, daß Gounod stark gefehlt
habe, indem er ihn wieder fallen ließ. „Polyeucte“ bildet die
Brücke zu Gounod’s letzter, ausschließlich religiöse Musik
umfassender Periode. Sie enthält neben Kirchen-Compo
sitionen im engeren Sinne (Requiem, Messen) zwei große
Oratorien: „Die Erlösung“ (la Redemption) und
„Mors et Vita“. Das erstgenannte haben wir in Wien1883
im Musikvereinssaale gehört; es ist das Werk eines unver
dächtig frommen, aber recht schwach gewordenen Talents.
Das zweite, „Mors et Vita“, wollte mir nicht besser gefallen,
obgleich ich es in großartig stimmungsvoller Umgebung kennen
lernte: in der Londoner Westminster-Abtei. Es ist in dem
selben weichlichen, bewußt unschuldsvollen Style, in dem
selben dünnen homophonen Satz geschrieben, wie die „Er
lösung“; fast noch redseliger und seichter. Nach seiner Fröm
migkeit gehörte Gounod unzweifelhaft in die Kirche, nach
seinem Talent ins Theater.
Einen nicht unwesentlichen Zug zu Gounod’s Charakter
bild liefert seine literarische Thätigkeit. Quantitativ
erreicht sie freilich nicht die vielbändigen Gesammelten
Schriften von Liszt, Berlioz oder gar von Wagner. Nur
von Zeit zu Zeit, in vereinzelten Journal-Artikeln hat Gou
nod seine Ansicht über irgend eine ihn besonders interessi
rende Frage veröffentlicht. Wir haben von ihm einen treff
lichen Aufsatz über das Dirigiren — worin er den Compo
nisten das in Frankreich ihnen vorenthaltene Recht vindicirt,
ihre Werke selbst zu dirigiren — eine Einleitung zu Ber
lioz’ „Lettres intimes“, Vorreden zur Oper „Polyeucte“,
zur „Redemption“ und Aehnliches. In einem Aufsatze „La
critique“ verficht er mit vielem Geiste das Paradoxon, daß
Musik-Kritiken nur von berufsmäßigen Tonkünstlern, von
Fachmusikern geschrieben werden sollen. Liszt hat dieselbe
Forderung noch viel heftiger ausgesprochen. Beide Meister
waren wol zu stark interessirt in dieser Sache, als daß ihr
Urtheil ganz unbefangen ausfallen konnte. Einen akademi
schen Vortrag über Mozart’s „Don Juan“ hat Gounod
nachträglich 1890 zu einem Büchlein erweitert, in
welchem er, die Partitur Scene für Scene durchgehend, ihre
Schönheiten in begeisterter Rede preist und erklärt. Etwas
Neues wird man kaum darin finden; aber wer hörte nicht
gern einen modernen französischen Opern-Componisten mit
solcher Einsicht und Verehrung von Mozart sprechen!
Für Gounod ist Mozart das größte Musikgenie und „Don
Juan“ das Non plus ultra aller dramatischen Composition.
Gounod’s Schriften glänzen von feinen Bemerkungen und
geistreichen Einfällen, nur zeitweilig ermüdend durch die
maßlos gehäuften Amplificationen — Variirungen desselben
kurzen Themas — worein französische Schriftsteller so gern
verfallen, wenn sie warm werden.
Gounod war eine durchaus ideale Natur, ein echtes
warmes Künstlerherz, neidlos, gerecht und wohlwollend.
Frankreich verliert in ihm nicht blos ein glänzendes Talent,
sondern auch eine der liebenswürdigsten, geistreichsten Per
sönlichkeiten. Die Welt wird dankbar sich noch lange an
seinen Melodien erfreuen, aber Paris ist jetzt um eine
Anziehungskraft ärmer.