Concerte.
Ed. H. Zur ungeschicktesten Stunde, die man nur
wählen kann, um halb 2 Uhr, haben die Sänger des Hof
operntheaters daselbst ein Concert zum Vortheile des
Pensions-Institutes gegeben. Es war eine von den „Gemischten
Akademien“ (wie man früher sagte), welche immer einen
gemischten Eindruck hinterlassen, auch wol ungemischte Lang
weile. Schon der Anblick des stummen Orchesterraumes mit
seinen verwaisten Pulten und leeren Stühlen stimmt über
aus trübselig in einem Opernhause, welches die besten In
strumentalisten der Welt besitzt und im Orchesterklang seine
mächtigste Wirkung. Hätte man wenigstens irgend eine
Ouvertüre vor diese Procession von Solovorträgen gesetzt,
wir wären voll dankbarer Gefühle gewesen! Im Opern
hause gar Opernscenen bei Clavierbegleitung hören zu
müssen, das ernüchtert den Zuhörer und beleidigt den Genius
loci. Da tritt Herr Grengg im Frack vor die Rampe und
singt, das Notenblatt in Händen, den „Charfreitagszauber“
aus Wagner’s „Parsifal“ — wo bleibt da noch das kleinste
Restchen von „Zauber“! Wollte man uns damit demon
striren, wie wenig musikalischer Kern in dieser Composition
stecke, wenn man sie von dem scenischen Apparat und dem
Orchester-Colorit losschält — dann freilich ist der Zweck er
reicht worden. Auch das Frauen-Duett aus dem ersten Acte
von Delibes’ „Lakmé“ — die einzige Novität auf dem
Programm — erreicht nur die halbe Wirkung ohne die so
feine, lieblich murmelnde und wiegende Orchester-Begleitung.
Die Damen Forster und Kaulich sangen das Stück
sehr nett, obendrein in französischer Sprache, wie scharf
aufhorchende Zuhörer behaupten. Das Duett lehnt sich merklich
an Auber’sche Vorbilder — klingt es doch fast wie eine Er
weiterung des reizenden Zwiegesanges aus Haydée: „C’est la
fête au Lido“. Bestechende Anmuth und Klangschönheit ist ihm
aber nicht abzusprechen. Die Sängerinnen van Zandt
und Frandin mußten es in Paris regelmäßig wieder
holen. Warum hat man in Wien noch nie an die Aufführung
der ganzen Oper gedacht, die seit zehn Jahren auf den
bedeutendsten Bühnen heimisch ist? Man bemängelt nicht
ohne Grund, daß ihr dritter Act an Wirkung abfällt. Aber
wie viele moderne Opern besitzen wir denn, vom
„Freischütz“ und der „Weißen Frau“ angefangen, deren
dritter Act nicht herabsänke gegen die früheren?
Gewiß hat „Lakmé“ noch andere Schwächen, und doch ist
sie nicht zu übersehen, nicht zu übergehen bei dem erschrecken
den Mangel an guten neuen Opern. Ich finde mehr Geist
und mehr Musik darin als in den „Rantzau“ oder den
„Pagliacci“ ... Das Liszt’sche Arrangement von Schu
bert’s „Allmacht“ ist für Tenor-Solo, Männerchor und
Orchester geschrieben und nur in dieser Fassung effectvoll.
Herr Winkelmann sang es mit einem winzigen Chor
bei Clavierbegleitung. Letztere wurde obendrein zu diesem und
anderen Gesangstücken zu schwach gespielt. In dem Duett
aus „Lakmé“ lechzte das Ohr förmlich nach einem deutlichen
Grundbaß unter dem luftigen Terzengeflatter der beiden
Frauenstimmen. Es ist ein Irrthum so vieler, sonst sehr
verläßlicher Begleiter, daß man nicht zart genug accompag
niren könne; er rächt sich besonders in großen Räumen, wo
die Hörer an volles Orchester gewöhnt sind. Viel besser
wirkte die Clavierbegleitung von Fräulein Gisela v. Ehren
stein zu den Liedervorträgen ihrer Schwester Louise
v. Ehrenstein. Man merkte sofort, daß ein leben
diges, energisch mitfühlendes Wesen am Piano sitze, kein
theilnahmslos nachfolgender Schatten. Frau v. Ehrenstein,
Frau Forster, Fräulein Mark, Fräulein Beeth, Herr
Reichmann, Herr Schrödter — Jede und Jeder sang
nacheinander drei oder vier Lieder. Böse Menschen haben
keine Lieder; aber gute, sehr gute Menschen haben mitunter
böse Lieder. So viel Salon-Sentimentalität und Alltags
heiterkeit haben wir selten in Einem Zug genossen. Schade,
daß Herr Reichmann für gut fand, statt der ursprünglich
angekündigten Arie des Grafen Rudolph aus Boïeldieu’s
„Rothkäppchen“ die nur zu bekannte „Margareth’ am Thore“
zu singen. Glücklicherweise hatten wir zwei Tage vorher uns
an seinem vortrefflichen Hans Heiling erfreut; aus der
„Margareth’“ würde sich kaum Jemand ein Bild von den
Wirkungen dieses eminent theatralischen Sängers gemacht
haben. Ueberhaupt gilt dies mehr oder minder von allen in
diesem Concert beschäftigten Künstlern und Künstlerinnen.
Sie wurden zwar sämmtlich viel stürmischer applaudirt und
öfter gerufen als an Opernabenden — das Publicum war
in einer geradezu krankhaft wilden Beifallsstimmung —
trotzdem glaube ich, daß sie in jeder ihrer Rollen bedeutender
dastehen, als es in unserer Matinée der Fall war. Zwischen
den hohen, dichten Liedergarben stand ein einziges Instru
mental-Blümchen: die bereits rühmlich anerkannte junge
Geigerin Rosa Hochmann. Sie spielte mit reiner Intona
tion und zierlichster Technik zwei Salonstücke und ein drittes dazu.
Den Beschluß des Concertes machten die in Wien auffallend
selten gehörten reizenden „Zigeunerlieder“ von Brahms
für gemischtes Quartett und Clavier. Diese interessanteste
Nummer des Programms hat leider den mäßigsten Beifall
errungen. Die Zuhörer waren gleichzeitig zu satt (von Liedern)
und zu hungrig (nach leiblicher Nahrung). Gesungen wurde
das Quartett mit aller Sorgfalt von Fräulein Mark,
Frau Kaulich, den Herren Schittenhelm und Grengg,
begleitet aufs beste von Herrn Mader. Nur waren die
schnellen Tempi fast durchweg zu rasch genommen — zu
rasch wenigstens für die Dimensionen der Großen Oper, die
eine klarere Auseinandersetzung, also ein minder hastiges
Zeitmaß erheischt, als ein kleiner Saal. Für einen solchen,
auf intime Wirkung, sind aber die „Zigeunerlieder“ that
sächlich berechnet. Und so wären wir denn schließlich wieder
bei unserer Thesis angelangt: daß jede Musik ihren ent
sprechenden Raum verlangt und Alles nicht blos seine rechte
Zeit hat, sondern auch seinen rechten Ort.
Eine englische Clavier-Virtuosin, Miss Ethel Sharpe,
hat im Bösendorfer-Saal sehr viel Beifall und mehr Kränze,
Bouquets und Blumenkörbchen eingeheimst, als man in einem
gewöhnlichen Fiaker nach Hause bringen kann. Die von dem
verehrten Director des Royal College of Music, Sir
George Grove, warm empfohlene Künstlerin muß außer
dem noch viel nachdrücklichere Recommandationen mitge
bracht haben, denn die ganze vornehme englische Colonie
war in ihrem Concert versammelt; in den ersten Sitzreihen
herrschte durchwegs englische Conversation. An Miss Sharpe
haben wir zuerst ihr Programm zu loben; es ist etwas
ganz Ungewöhnliches, daß eine junge Pianistin sich mit
Schumann’s Fis-moll-Sonate und den beiden Rhapsodien
op. 79 von Brahms einführt. Mit so ernstem künstlerischen
Sinne verbindet Miss Sharpe ein bedeutendes Können.
Bravour, Kraft und Ausdauer besitzt sie in nicht gewöhn
lichem Grade; besondere Vorliebe hegt sie offenbar für
leidenschaftliche, stürmisch bewegte Musik. Trotzdem hat sie
uns zumeist in dem seelenvollen Andante der Schumann’schen
Sonate befriedigt, jener schwärmerischen „Aria“, welche
Schumann aus einem älteren (erst kürzlich erschienenen)
Lied „An Anna“ herüber gerettet. Miss Sharpe spielte
dieses sehnsuchtswunde Liebeslied mit klarer und tiefer
Empfindung. Dieser Vortrag bewies ihr echt musikalisches
Fühlen und Denken, das wir in den stürmischen Allegrosätzen
fast ein wenig angezweifelt hätten. Scherz und Finale der
Schumann’schen Sonate, sowie die Rhapsodien von Brahms
waren zwar richtig aufgefaßt und feurig wiedergegeben, aber
häufig überstürzt und, was noch schlimmer, durch unaus
gesetzten Pedalgebrauch verwischt. Man sehe sich nur den
Anfang dieser Stücke mit ihrem fortwährenden Harmonien
wechsel an und erwäge, wie das klingt, wenn je vier Tacte
lang die Dämpfung gehoben bleibt. Miss Sharpe kommt
vom Pedal gar nicht los, und so läßt sie uns die Umrisse
der Melodien und deren harmonischen Grund nur wie durch
eine Staubwolke sehen. Diese leidige Staubwolke erschwert
uns leider auch ein völlig gerechtes Urtheil über Miss
Sharpe’s Spiel. Nur wenn sie jene abscheuliche Gewohn
heit ablegt, wird man recht verstehen, was und wie sie
spielt. ... Eine neue Erscheinung war auch die Sängerin
Fräulein Margarethe Petersen, welche in Miss
Sharpe’s Concert mit entschiedenem Erfolge aufgetreten ist.
Sie besitzt einen kräftigen, volltönenden, dem Alt
zuneigenden Mezzosopran. Ihre glockenreine Intonation
— ein Nationalvorzug der schwedischen Sängerinnen — ihr
musikalisches Verständniß und schlichter, unaffectirter Aus
druck haben gleich nach dem ersten Lied (Schumann’s
„Widmung“) für die Sängerin eingenommen. Brahms’
tiefergreifender Gesang „Immer leiser wird mein Schlummer“
verlangt einen leiseren, durchgeistigteren Ton, eine fast
leidend angehauchte Stimme, um ganz überzeugend zu
wirken. Fräulein Petersen singt mit aufrichtiger und tiefer
Empfindung, aber der Ausdruck dieser Empfindung hat
etwas eigenthümlich Gefesseltes, Einfärbiges, wie wir es bei
nordischen Sängerinnen öfter beobachtet haben. Zwischen
einem schönen piano und einem schönen forte vermißten
wir einen größeren Reichthum an Nuancen. Mit ausge
zeichnetem Erfolg sang Fräulein Petersen Heuberger’s
„Morgenständchen“ und ein schwedisches Lied von Kjerulf,
dem sie auf allgemeinen Wunsch ein zweites nachfolgen
ließ. Ihr schönes kräftiges Organ und eine günstige
Bühnenerscheinung dürften der Sängerin für die Oper zu
statten kommen.
Ueber Fräulein Marie v. Timoni haben wir bereits
öfter mit Vergnügen berichtet. Sie gehört zu den nicht allzu
häufigen jungen Pianistinnen, welche Temperament und
rhythmisches Gefühl besitzen. Ihr diesjähriges Concert ver
sammelte ein sehr zahlreiches Publicum; das ist an sich
schon eine Kunst angesichts des rapiden Sinkens der Clavier
concert-Actien und des Thermometers obendrein. Eine Auf
frischung der nahezu stereotyp gewordenen Programme unter
nahm Fräulein Timoni mit zwei originellen, effectvollen
Kleinigkeiten von Smetana: „Slepiczka“ (Die Henne)
und „Polka de concert“. Der Geist dieser Compositionen
kam der witzigen Natur Fräulein Timoni’s sympathisch ent
gegen. Die stärkste Seite ihres Talentes entfaltet sie in an
muthig bewegter Bravour, in pikanter Rhythmik, in zier
lichem Passagen- und Trillerschmuck. Für die Gesangsstellen
wünschten wir manchmal mehr und süßeren Ton. Bei
ruhigerer Haltung würde Fräulein Timoni’s Spiel noch
besser wirken. Ihr begeistertes Mienen- und Geberdenspiel
beruht gewiß nicht auf Affectation, kann aber doch leicht
den Schein davon erregen. Ein ungedrucktes Clavierquintett
von Karl Frühling, einem jungen Wiener Componisten,
habe ich leider versäumt. Fräulein v. Timoni soll es, von
vier tüchtigen Musikern begleitet, sehr beifällig vorgetragen
haben. Ein sachkundiger Zuhörer charakterisirt die Composi
tion mit den Schlagworten: Viel Gewandtheit bei geringer
Erfindung; größtmögliche Beherrschung der Technik bei aus
giebigster Anlehnung an Brahms, Wagner und Grieg.
Das Concert des Violoncell-Virtuosen Herrn Sigmund
Bürger, vom Pester Opernorchester, war nur schwach
besucht. Daran ist nicht sowol der Künstler schuld, als sein
Instrument. Das Violoncell als Solo-Concert-Instrument
ist mehr commencement als fin du siècle; unser nervöses
Zeitalter wird leicht ungeduldig, wenn ein noch so treffsicher
Virtuose sich zwei Stunden lang auf diesem Instrument der
dunklen Schwermuth ergeht. Herr Bürger hat oft und
erfolgreich in Wien gespielt. Er ist ein solider Musiker, dem
Außerordentliches nicht nachgesagt werden kann, weder starke
Persönlichkeit, noch großartige Bravour. Er hat einen
geraden, ebenen Weg gewählt, auf dem er fest und sicher
wandelt. Angenehm berührt an ihm der gänzliche Mangel
an Affectation, die Bescheidenheit, mit der er sich selbst in
den Hintergrund, die Composition in den Vordergrund stellt.
Eine wahre Erquickung nach den vielen Virtuosen-
Concerten bot die Production der „Russischen National-
Capelle“, im großen Musikvereinssaal. Das Wiener
Publicum kennt und liebt diesen originellen Chor, in welchem
Knaben, Männer und Frauen so klangvoll und trefflicher zu
sammenwirken. Die prächtig aussehende Führerin dieser Ge
sellschaft ist Frau Nadina Slaviansky, gute Sän
gerin und tüchtiger Capellmeister in Einer Person. Viele
von den jüngst gesungenen Chören begrüßten wir als liebe
alte Bekannte. Doch fehlte es auch nicht an neu hinzugekom
menen, worunter die von Frau Slaviansky arrangirten
Brahms’schen Zigeunerlieder besonderes Interesse erregten.
Wieder erfreute man sich an der schönen Uebereinstimmung
der Sänger in dem häufigen Wechsel des Zeitmaßes und in
allen Schattirungen der Tonstärke. Letztere wissen sie zu
einem überraschenden Pianissimo abzuschwächen. An den
Liedern selbst, deren lange Reihe allerdings nicht immer der
Monotonie entgeht, kann man sich herzlich erlaben. Ein
großes, noch unverbrauchtes Kapital steckt in diesen originellen,
träumerisch weichen, selbst den Frohsinn schwermüthig an
hauchenden Volksgesängen. Rubinstein hat es verstanden,
mit glücklicher Hand daraus zu schöpfen.