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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H. Mit Hector
„ Gericke un
Anstatt einer neuerlichen Zergliederung des sattsam be
kannten und wiederholt besprochenen Werkes möchte ich heute
meinen Lesern lieber ein von Berlioz handelndes, inter
Es ist ein Brief, den der geistvolle Componist Stephen
Heller mir aus Anlaß meiner
„Schon im Jahre
stand
Man konnte ihm schon damals den Ruf eines kühnen, nach
Großem strebenden Künstlers nicht mehr streitig machen.
Seine Werke, seine Reden, sein ganzes Gebahren gaben ihm
das Air eines Revolutionärs vis-à-vis dem alten Musik
regime, welches
weiß nicht, ob er Girondin oder Terroriste gewesen, aber
ich glaube wol, daß er nicht abgeneigt war, die
und „Coburgs“ der verderbten Musikwelt, zu Hochverräthern
zu erklären und ihnen einen lebensgefährlichen Proceß zu
machen. Diese gräulichen Musik-Aristokraten wurden täglich
gespielt und sogen mit der Tantième das Mark ihrer
Unterthanen, das heißt des Publicums, aus. Aber
alle Situationen versteht, und wo man es liebt, den
seltsamen unter ihnen nachzuspüren und in einem gewissen
Maße Aufmunterung und Beistand zukommen zu lassen.
Nur muß diese Situation etwas Absonderliches, eine gewisse
Physiognomie, etwas Pathetisches haben. Mit Einem Worte,
es muß sich um einen Mann irgend eine Legende ver
breitet haben. Und
überwindliche Musik-Passion, die weder Drohungen noch
Armuth vermindern konnten; er, der Sohn eines angesehenen,
vermögenden
einem der kleinsten Theater zu werden, seine phantastische
Liebe zu Miss
endlich seine „
schilderte, und deren Anhörung die
welche gar nichts von Musik verstand, bewog, seine Liebe zu er
widern — Alles dies gab
nöthig ist, um die Sympathien gewisser Enthusiasten zu
erringen. Diese Art von verständigen, zugeneigten, zu jedem
Dienste willfährigen, oft jeder Aufopferung fähigen Menschen
findet jedes echte Talent in
in einem gewissen Lichte zeigt. So sah ich denn wenige
Monate nach meiner ersten Bekanntschaft mit
er als Haupt und Spitze der verkannten Genies in
zu gelten anfing. Er war verkannt, das ist richtig; aber
wie ein Solcher, an dem zu verkennen war.
Verkennung des Talents bis zu einer Würde erhoben; denn
die Anerkennung, ja die Bewunderung eines großen Kreises
ließ die Verkennung so grell und so unliebsam hervortreten,
daß sie
mehr philosophischen Natur hätte dieses Gegengewicht hingereicht,
ihn glücklicher zu machen. Es beleidigte, kränkte den feinen Sinn
der Pariser (ich meine darunter eine gewisse Classe von Menschen),
einen Künstler verfolgt, getadelt und in Armuth zu sehen,
welcher jedenfalls Proben eines hervorragenden Talentes,
eines glühenden Eifers und hohen Muthes gegeben. Und die
Franzosen begnügen sich nicht, still
einem Freunde alles Glück zu wünschen und die Dinge
walten zu lassen, wie sie wollen. Sie sind thätig, gar nicht
faul, legen tüchtig die Hände d’ran und lassen sich nicht bei
allen Heiligen beschwören, doch den Mund aufzuthun, um
einige enthusiastische Worte zum Besten eines lobbedürftigen
verkannten Künstlers von sich zu geben. Das
Gouvernement in Person des Ministers Grafen
machte den Anfang und bestellte bei
später eine
Juli-Gefallenen. Inzwischen reihten sich alle mehr
oder weniger begabten, mehr oder weniger verkannten
Kunstjünger und Lehrlinge um ihr verehrtes Oberhaupt. Sie
waren die von der Natur gegebenen Apostel, Clienten und
Sachwalter
derer Fächer, welche sich nicht immer durch die Musik,
aber von ihren poetischen Vorwürfen, von den pittoresken
Programmen angezogen fühlten. Fast alle Maler (die durch
gängig für Musik Sinn haben), Graveure, Bildhauer,
Architekten waren Anhänger
viele der besten Dichter und Romanciers zählen: V.
Ary
Adepten der romantischen Schule sahen. Alle diese großen
Schriftsteller und gänzlich musiklosen Menschen, welche in
ihren Dramen bei schauerlichen Scenen einen Walzer von
das Entsetzen noch zu steigern (es ist wahr, der Walzer
wurde langsam, feierlich, mit Sordinen und einigem
Tremolo gespielt), alle diese Leute schwärmten für
und bethätigten ihre Sympathie in Schrift und Wort. Und
endlich gesellte sich zu allen diesen thätigen Verbreitern des
alias verkannten
wichtig, von der vornehmen, der eleganten Welt
Das waren Leute, die auf wohlfeile Art den Ruf von Frei
geistern erlangen wollten. Sie sind nicht capable, eine Sonate
von
unterscheiden. Aber sie schrien gegen den sündlichen Reiz der
modernen Musik; sie spotteten ihrer Stammgenossen, welche
in
den Untergang jener lasterhaften, hochaufgeschürzten Melodien
und den Sieg einer neuen weltenbewegenden, hehren, ewig
männlichen Kunst.
Fügen Sie noch die nicht geringe Zahl guter und echter
Musiker hinzu, welche das wirklich Kühne und Großartige,
die oft wundersame Originalität, die zauberhafte Orchestri
rung zu verstehen wußten, so werden Sie zugeben, daß
selber es liebte vorzugeben. Von
haben einzelne Stücke seiner Symphonien glänzende, ja all
gemeine Anerkennung gefunden. Sie wurden da capo ver
langt und stürmisch applaudirt. Ich will davon nur an
führen den
nade in den Abruzzen
Stücke aus der
schen Carneval
schwachen Erfolg gehabt, ist nicht zu leugnen und schmerzlich,
zu sagen. Aber wie viel großen, je größeren Künstlern ist
es nicht so ergangen? Schwerlich war je ein Künstler so
entfernt von aller Resignation, dieser
Züge erzählend aus dem Leben eines
derer. Wenn er so bitter klagte und seine Erfolge verglich
mit denen der herrschenden Theater-Componisten, so sagte
ich ihm: Lieber Freund, Sie wollen zu viel, Sie wollen
Alles. Sie verachten das große Publicum, und Sie wollen
von ihm bewundert werden. Sie verschmähen, und zwar mit
dem Rechte des edlen, originellen Künstlers, den Beifall der Majo
rität und entbehren ihn dennoch schmerzlich. Sie wollen ein
kühner Novateur, ein Bahnbrecher sein, und zugleich von
Allen verstanden und gewürdigt. Sie wollen nur den Edelsten
und Stärksten gefallen, und zürnen dem Kaltsinne der Gleich
giltigen, der Unzulänglichkeit der Schwachen. Wollen Sie
nicht auch einsam, groß, unnahbar und arm dastehen, wie
ein
und von den Großen dieser Welt, beschenkt mit allen
Glücksgütern und Auszeichnungen, Titeln und Aemtern?
Sie haben erlangt, was die Natur Ihres Talents und Ihres
ganzen Wesens erlangen kann. Die Majorität haben Sie
nicht, aber eine geistvolle Minorität bemüht sich, Sie aufrecht
und muthig zu erhalten. Sie haben einen ganz besonderen
Platz in der Kunstwelt sich errungen, haben viele begeisterte
rührige Freunde — ja es fehlt Ihnen auch nicht,
es gedankt, an tüchtigen Feinden, die Ihre Freunde wach
erhalten. Ihre äußere Existenz ist auch seit einigen Jahren
gesichert, was nicht zu verachten ist, und endlich können Sie
mit Sicherheit auf etwas rechnen, was bis heute von allen
Menschen von Geist und Herz geschätzt worden ist: auf
eine vollständige Genugthuung, welche Ihnen die Nachwelt
bewahrt.
Manchmal gelang es mir, ihn wieder aufzurichten,
was er stets mit freundschaftlichen und rührenden Worten
zugestand. Besonders gerne erinnere ich mich eines derartigen
Erfolges. Es war eines Abends bei dem trefflichen, nun
auch dahingeschiedenen B. Damcke.
waren dort fast allabendlich versammelt:
ein gelehrter Musik- und Literatur-Historiker, Léon
und Andere. Da wurde geplaudert, kritisirt, musicirt, so
recht frank und frei. Der Tod hat auch diesen kleinen Kreis
gelichtet; in der letzten Zeit waren nur
altes Klagelied anstimmte, entgegnete ich ihm in der Weise,
wie ich oben erzählte. Ich hatte meinen Sermon geendigt;
es war 11 Uhr geworden; eine kalte Decembernacht
lag draußen in trauriger Finsterniß. Müde und verdrießlich
zündete ich eine Cigarre an; da sprang
und jugendlich vom Sofa auf, wo er die Gewohnheit hatte,
sich mit seinen kothbespritzten Stiefeln hinzustrecken, zum
stillen Leidwesen des reinlichen, ordnungsliebenden
„Ha!“ schrie
hat immer Recht. Er ist gut, er ist klug, er ist gerecht und
weise; ich will ihn umarmen“ — er küßte mich auf beide
Wangen — „und dem Weisen eine Tollheit vorschlagen.“
— „Ich gehe auf jede ein,“ sagte ich. „Was wollen Sie be
ginnen?“ — „Ich will mit Ihnen bei Bignon (ein be
rühmtes Restaurant an der Ecke der
soupiren gehen. Ich habe wenig zu Mittag gegessen und
Ihr Sermon hat mir Lust zur Unsterblichkeit und einigen
Dutzend Austern gegeben.“ — „Gut,“ erwiderte ich, „wir
wollen
und unsere Seelenleiden in edelstem Franzwein und an
gemessenen Gänseleber-Pasteten ersäufen und vergessen.“ —
„Unser Wirth,“ sagte
er hat eine liebenswürdige Frau. Wir aber haben keinerlei
Frau, und wir gehen ins Wirthshaus — keine Widerrede!
Das ist abgemachte Sache.“ Der alte feurige
wieder erwacht. Und so schlenderten wir Arm in Arm,
scherzend und lachend, die lange
lange
erleuchteten Salon des Restaurant. Es war halb 12 Uhr,
und nur wenige Fremde waren noch da, was uns sehr lieb
war. Wir verlangten Austern,
ein kaltes Geflügel, Salat, Früchte, besten Champagner und
echtesten Bordeaux. Um 1 Uhr löschte man das Gas, und
die Garçons schlichen gähnend um uns (wir waren ganz
allein, die Anderen hatten den Saal verlassen), als wollten
sie uns mahnen, aufzubrechen. Man schloß die Thüren und
brachte Wachslichter. „Garçon!“ rief
uns durch allerlei Pantomimen glauben machen, es sei spät.
Ich aber bitte Sie, uns zwei demi-tasses café zu bringen
und auch einige wirkliche Havana-Cigarren.“ So wurde es
2 Uhr. „Jetzt,“ sagte
denn um diese Zeit liegt meine Schwiegermutter im besten
Schlafe, und ich habe die gegründete Hoffnung, sie aufzu
wecken.“ Während unseres Soupers sprachen wir von unseren
Lieblingen:
Hause, unweit dem meinigen gelegen. Es war der letzte
heitere, lebendig gesellige Abend, den ich mit ihm verlebt;
wenn ich nicht irre, im Jahre
glaube ich, in demselben Jahre, als er eine Art von Leiden
schaft hatte, einigen Freunden
sch
ihm Abends 8 Uhr, und er las uns wol sieben bis acht
Stücke. Er las gut, aber war oft zu sehr ergriffen; bei
besonders schönen Stellen rannen ihm die Thränen von den
Wangen. Er fuhr aber fort zu lesen und trocknete die
Augen eilends, um sich nicht zu unterbrechen. Bei diesen
Vorlesungen waren nur zugegen
drei Freunde. Einer von diesen, ein alter, bewährter
Kamerad
übernahm aus eigenem Antriebe die Rolle eines
Claqueurs. Er hörte sehr angestrengt zu und suchte in
den Zügen des Vorlesers und der Zuhörer den rechten
Moment zu finden, wo er seinen Enthusiasmus kundgeben
konnte. Da er nicht zu applaudiren wagte, erfand er sich
eine originelle Beifallsäußerung. Jede ausgezeichnete Stelle
mit Bewegung vorgetragen und nachempfunden, wurde von
ihm mit einem halbleise ausgestoßenen Fluche begleitet, wie
sie in den Volksclassen und in Ateliers gebräuchlich sind.
So hörte man denn nach den rührendsten oder heroischen
Passagen
pipe ! Sacre matin! Nachdem das nun einige dutzendmale
stattfand, fuhr plötzlich
unterbrechend, donnerte er: „Ah! Ça, voulez vous bien
ficher le camp avec vos nom d’une pipe!“ Worauf der
Andere schreckensbleich die Flucht ergriff, während
wieder ganz ruhig die Balconscene von
aufnahm.
Das, was ich Ihnen einst über
kalisches Gedächtniß gesagt, bezieht sich auf moderne Musik,
mit der er weniger vertraut war. Aber die Musik, die er
studirt hatte, war ihm sehr gegenwärtig. Namentlich die
Orchesterwerke
Clavierwerke desselben), dann die Opern von
tini
seines wunderlichen Hasses gegen
warmer Verehrer zweier Partituren dieses Meisters: „
Ory
echten Kunstmenschen, die von jeder in ihrer Weise voll
kommenen Production hingerissen und bis zu Thränen ge
rührt sein konnten. So war ich mit ihm beim ersten Gast
spiel der Adelina
mir glauben, wenn ich Sie versichere, daß ihm bei den hei
tersten, liebenswürdigsten Stücken dieser Oper die Augen
überquollen. Was soll ich erst von der „
die ich auch in seiner Gesellschaft hörte.
etwas kindischen Zorn gegen das, was er strafbare Con
cessionen
famosen Bravour-Arien der
nicht zu bewegen, die relative Vortrefflichkeit dieser aller
dings weniger dramatischen Sätze anzuerkennen. Aber wie
innig erfreut war ich, den tiefen, gewaltigen Eindruck zu
sehen, den die „
oft gehört; aber sei es bessere Stimmung oder Wirkung
einer vortrefflichen Aufführung,
ihm diese Musik so tief ins Herz gedrungen. Ja, einige
male äußerte sich seine Exaltation so laut, daß sich
unsere Nachbarn des Parquets, welche sich die Zähne
stocherten und ruhig ihr Diner verdauen wollten,
über diesen „indiscreten“ Enthusiasmus beschwerten.
Eines Abends hörten wir in einem Quartett-Vereine das
Winkel des Saales. Mir war bei Anhörung dieses Wunder
werkes wie etwa einem frommen Katholiken, der die Messe
hört, mit tiefer Andacht und Inbrunst, aber zugleich mit
Ruhe und klarer Besonnenheit: er ist mit dieser hohen
Empfindung längst vertraut.
Eingeweihter; er war innigst erbaut, aber seiner Andacht
gesellte sich etwas wie ein freudiger Schreck vor dem heilig-
süßen Geheimniß, das sich ihm offenbarte. Sein Gesicht war
wie verzückt beim Adagio — es war wie eine Wandlung in
ihm vorgegangen. Es wurden noch andere gute Werke auf
geführt. Wir entfernten uns aber, und ich begleitete ihn an
sein Haus. Kein Wort wurde gewechselt zwischen uns. Das
Adagio betete in uns fort. Als ich von ihm Abschied nahm,
ergriff er meine Hand und sagte: „cet homme avait
tout ... et nous n’avons rien.“ So zerknirscht, so nieder
gedonnert fühlte er sich in dieser Stunde von der Riesen
größe des „Mannes“.
Eine kleine Anekdote noch. Nahe beim Hause, welches
ein besonders großer und weißer Pflasterstein eingekeilt.
Auf diesen Stein stellte sich
von der
Eines Abends (kurz vor seiner letzten Krankheit) trennten
wir uns eilig, denn es war kalt und ein dicker gelber Nebel
lag auf den Straßen. Wir waren schon zehn Schritte ent
fernt, als ich
Sie? Kommen Sie zurück! Ich habe Ihnen nicht auf dem
weißen Steine gute Nacht gesagt!“ Wir finden uns wieder,
und nun suchen wir in stockfinsterer Nacht den unentbehr
lichen Pflasterstein, der übrigens auch eine besondere Form
hatte. Ich ziehe meine Zündhölzchen hervor, aber sie zünden
nicht in der feuchten Nachtluft. Wir kriechen Beide auf allen
Vieren auf dem Trottoir herum — endlich schimmert uns
das verwitterte Weiß entgegen.
den Fuß auf den edlen Stein und sagt: „
ich stehe darauf — nun gute Nacht!“ Es war unser letztes
„Gutenacht“ auf dem weißen Steine.“