Concerte.
Ed. H. Der Violinspieler Hubay, der bisher als
„Eugen Hubay“ hier und anderwärts verdiente Ehren ge
sammelt, ist uns diesmal als „Jenö Hubay“ zurückgekehrt.
Außer diesem neuen romantischen Vornamen wüßte ich kaum
eine Veränderung an dem Künstler hervorzuheben, der als
tüchtiger Musiker, brillanter Virtuose und obendrein als
erfolgreicher Lehrer (am Brüsseler Conservatorium) sich längst
einen Namen gemacht hat. Der neue magyarische Einschlag
in seine bisherige international-französische Bildung besteht
lediglich in einigen ungarischen Aufschriften über seinen
jüngsten Concertstücken. Seine eminente Technik bewährte
Hubay insbesondere in den „Variations sérieuses“ (et
parfois ennuyeuses) von Corelli; da glänzte er im poly
phonen Spiel, in Flageolet- und Pizzicato-Kunststücken. Als
ernster Musiker von gediegenem Geschmack zeigte sich Herr
Hubay in dem Vortrag der D-moll-Sonate (op. 108)
von Brahms. Den ersten Satz können wir uns
seelenvoller, leuchtender denken, die Melodie, das An
dante hingegen quoll breit und schön aus der G-Saite.
Hubay’s Partner war Ignaz Brüll, den wir, ohne
Jemandem Unrecht zu thun, als den vollkommensten Brahms-
Spieler unter unseren Pianisten ehren. Er bewies dies
auch durch den unvergleichlichen Vortrag von vier der
neuesten „Clavierstücke“ dieses Meisters (op. 118 und 119).
Sie schließen sich, in Form und Charakter eng verwandt,
an ihre unmittelbaren Vorläufer, die „Phantasien und Inter
mezzi“, op. 116 und 117. Mit beiden hat uns Brüll zuerst
bekannt gemacht; sein Beispiel beginnt jetzt schon verführerisch
zu wirken. Die neuen Clavierstücke imponiren ebenso sehr
durch ihren energischen Ausdruck, wie durch ihre geistvolle
Technik. Es ist durchaus männliche, ernste Musik, auch
herbe und düstere; eine Musik, die nicht auf den ersten
Blick gewinnt, aber bei näherer Bekanntschaft um so nach
haltiger fesselt. Die wild hinstürmende „Rhapsodie“ mit
ihrem fünftactigen Rhythmus und leicht magyarischen An
flug, die ebenso leidenschaftlich erregte „Ballade“ in
G-moll, endlich die F-dur-„Romanze“ mit ihrem Wiegen
lied-Mittelsatz sind echtester Brahms. Man könnte diese
beiden Hefte „Monologe am Clavier“ überschreiben; Monologe,
wie sie Brahms in einsamer Abendstunde mit sich und für
sich hält, in trotzig-pessimistischer Auflehnung, in grüblerischem
Nachsinnen, in romantischen Reminiscenzen, mitunter auch
in träumerischer Wehmuth. Es steckt viel Eisengehalt in den
Stücken, und dieser Eisengehalt wird sie lange conserviren.
Wie eigenartig berührte uns unmittelbar nach diesen Brahms’
schen Charakterstücken ein Adagio von Spohr, ein edler,
gefühlsschwelgender Gesang, dessen süßer Duft uns einst ent
zückt hat, so lange die Blume frisch war. Jetzt kommt er
uns matt und verbraucht vor. Die neuen Brahms-Stücke
sprechen nicht so unmittelbar zum Gemüth, nicht so schmei
chelnd zum Ohr; dafür haben sie kein so frühes Abwelken
zu fürchten. Hoffentlich wird uns Brüll die übrigen Num
mern aus op. 118 und 119 nicht lange vorenthalten.
Der große Erfolg, den die Sängerin Fräulein Adelina
Herms im vorigen Jahre hier erzielte, ist ihr auch dies
mal treu geblieben. Von mäßiger Klangschönheit und Fülle,
ist ihr Organ doch so vortrefflich geschult, von Intelligenz
und Empfindung so schön durchdrungen, daß es bedeutende
Wirkungen erreicht. In Fräulein Herms’ erstem Concert
interessirten zumeist vier neue Lieder von Anton Rückauf.
Sie gehören zu dem Allerbesten, was die jüngste Zeit auf
diesem Gebiet hervorgebracht hat. Echtes Zigeunerblut durch
glüht den leidenschaftlichen Gesang „Ich schlage dich, mein
Tamburin“, zarteste Empfindung webt in den „Grüßen“,
warmes Behagen in dem „Traulichen Heim“. Die Lieder
fanden stürmischen Beifall. So schön Fräulein Herms sie
auch vortrug, sie kann sich doch nur ein wohlgewogenes
Drittheil des Erfolges zuschreiben — das zweite Drittheil
gehörte der Composition, das dritte der wundervollen Clavier
begleitung des Herrn Rückauf. Das „Tamburin“ und die „Grüße“
hätte man, schon um dieses Accompagnements willen, sich gern
wiederholen lassen. Eine neue Erscheinung brachte uns dieses
Concert in der Pianistin Dagmar Walle-Hansen. Die
junge, kräftige Norwegerin gebietet über eine gewaltige
Technik. Ihr kostbarster Schatz ist ihr Anschlag: markig,
klangvoll, selbst im Fortissimo nicht verletzend. Weniger
befriedigte ihr Vortrag; es fehlt ihm das plastische Gestalten,
die klare und ausdrucksvolle Phrasirung. Wer Schumann’s
E-dur-Novellette Nr. 7 nicht sehr genau kennt, dem dürfte
sie aus Fräulein Hansen’s Vortrag schwerlich klar geworden
sein. Das stürzte in Einer aufgeregten Hast unterschiedlos,
ohne rhytmische Gliederung dahin; auch der zarte Mittelsatz
entbehrte der Ruhe und Innigkeit. Bravourstücke im engeren
Sinne, wie die Liszt’sche Polonaise, scheinen vorläufig das
geeignetste Feld für die kühne Virtuosin, welche im Kampf
mit technischen Schwierigkeiten sich offenbar am wohlsten fühlt.
Ein schönes, lustiges Concert spendeten die Philhar
moniker zum Besten ihres Pensionsvereines „Nicolai“. Sie
feierten eine Art Nachfasching mit Berlioz’ blendend colo
rirter „Aufforderung zum Tanze“, mit Grieg’s liebenswür
diger „Peer Gynt-Suite“ und der lebensprühenden D-moll-
Rhapsodie von Liszt. Durchaus Prachtleistungen unseres
Philharmonie-Orchesters, dieses großen Virtuosen. Das
Publicum jubelte, entzückt von dem Glanze der Aufführung
und der Compositionen. Es hat uns wirklich wohlgethan,
doch einmal nicht blos „tiefsinnige“ Musik hören zu müssen,
nicht in düsteren, steinigen Klüften von lauter Hamlets und
Manfreds, Ibsen und Schopenhauer herumgeführt zu wer
den. Nein, dies Einemal durften wir in Sonnenschein und
Frühlingsluft uns tummeln ohne Grübelei und pessimistische
Philosophie! In unserer modernen Musik ist ja unbefan
gener Frohsinn ausgestorben, frische Natürlichkeit verpönt,
reizvolle Melodie ein Verbrechen. „Freuen wir uns heute der
kurzen Lustbarkeit,“ flüsterte mein vergnügt applaudirender
Nachbar mir zu, „eine gewisse zehnte oder elfte Symphonie
steht schon vor der Thür.“ Das Programm enthielt übrigens
auch eine neue ernste Composition; glücklicherweise keine gar zu
„tiefsinnige“: das zweite Clavierconcert von d’Albert.
In der Form lehnt es sich an Liszt’s Symphonische Dich
tungen; vier in einander überleitende Abtheilungen bilden
dieses „Concert in Einem Satz“. Der Anfang ist sehr
romantisch und vielversprechend: ein in leeren Quinten
mächtig aufstürmendes Thema, ein Gruß an den „Fliegenden
Holländer“. Dieses sowie das zweite Thema des
Allegro bilden zugleich — verschieden rhythmisirt, har
monisirt, umgekehrt und verändert — das moti
vische Kapital für die drei folgenden Abtheilungen
des Concerts. So geistreich und kunstvoll d’Albert
diese Methode angewendet und mit subtilem Scharfsinne
durchgeführt hat, sie bleibt immer bedenklich. Sie schnürt
das freie Schaffen des Componisten ein und schafft zum
großen Theile doch nur „Augenmusik“, das heißt Motiv
verkleidungen und -Verwandlungen, die nur das Auge des
Partiturlesers, nicht aber das unvorbereitete Ohr des Zu
hörers erkennt. Die Erfindung fließt in dem Concerte weder
leicht noch reichlich; doch ist ihm vieles Gute nachzurühmen:
vor Allem der Respect für Form und Logik, dann die
einheitlich noble Haltung, welche grelle Contraste, barocke
Orchester-Effecte verschmäht, schließlich die saubere, höchst
sorgfältige Ausführung des Details. Daß es einen präch
tigen Turnierplatz bietet für höchstgesteigerte Claviertechnik,
versteht sich von selbst. Schade, daß der Componist sich in
der Wirkung der enorm anstrengenden Octaven-Passagen,
welche „die Krönung des Gebäudes“ bilden sollen, verrechnet
hat. Das Clavier wird von dem Fortissimo des vollen
Orchesters unbarmherzig verschlungen; da ist „der Liebe
Müh’ umsonst.“ d’Albert ist gut daran: er kann seine
schwierigsten Stücke nach Belieben entweder selbst spielen
oder sie von seiner schönen Frau spielen lassen, die an Kraft
und Bravour ihm nicht nachsteht. Frau d’Albert, welche wir
bereits als Teresa Carreño zu bewundern Gelegenheit
gehabt, lieferte in dem Vortrage des ihr angetrauten Clavier
concertes ein Probestück verblüffender Virtuosität. Ob ihr
Spiel ebenso erwärmend sein könne, wie es blendend ist,
läßt sich aus diesem Concerte nicht wohl beurtheilen. Die
„innigste Empfindung“, welche der Componist für die ein
zige Solo-Gesangstelle (zu Anfang des Adagios) vorschreibt,
habe ich aus dem Vortrage der Carreño nicht herausgefühlt.
Ein zweites neues Werk von d’Albert, eine Clavier
sonate in Fis-moll, hat uns der Componist selbst im Bösen
dorfer-Saale vorgeführt. Sie hat mir weniger gefallen, als
sein E-dur-Concert, ja, offen gestanden, einen recht uner
quicklichen Eindruck hinterlassen. Das Beste darin, ganz wie
in dem Concert, ist der Anfang; nach den ersten sechzehn
bis zwanzig Tacten nimmt das Interesse ab. Mit imposanter
Kraft setzt das scharf rhythmisirte geistreiche Hauptmotiv ein,
Erwartungen erregend, die nicht erfüllt werden. Daß dieses
glücklich erfundene Thema stark an den Anfang von
Brahms’Fis-moll-Sonate erinnert, wollen wir d’Albert
nicht allzu schwer nachtragen; hat doch Brahms selbst das
Hauptthema seiner ersten Sonate in C-dur nicht ohne Ein
wirkung von Beethoven’s Sonate op. 106 gefunden. Den
zweiten Satz bei d’Albert bilden freie Variationen über ein
ziemlich farbloses Andante in D-dur. Wir folgen mit
Interesse der feingefügten ersten Variation in Sechzehnteln;
unsere Theilnahme ermüdet im weiteren Verlaufe. Sehr viel
Kunst, aber langweilige Kunst. Die Nachahmung des späteren
Beethoven, unverkennbar in diesen Variationen, äußert sich
noch entschiedener in der Wahl der Fugenform für den
letzten Satz. Das Studium der Finale in Beethoven’s
Sonaten op. 105 und 110 scheint d’Albert verführt zu
haben. Ein orgelmäßig gedachtes grandioses Präludium führt
zu einem fünftactigen Fugenthema, das in winselnder
Chromatik und uneinpräglichen Intervallen herumstolpert.
Seine mit allen Kunststücken des Fugenbaues geschmückte,
unersättlich lange, vielstimmige und vollgriffige Durch
führung wird für das Publicum schließlich zum Chaos.
Wir bewundern und bedauern die erdrückende Kunst
und Gelehrsamkeit, welche d’Albert an die Composition ge
wendet, und den beispiellosen Kraftverbrauch, welchen die
Ausführung gekostet hat. Kein Ohr in der ganzen Welt ver
mag solches Stimmenwirssal genießend aufzunehmen, und
auch das Auge des Fachmannes dürfte darin eher ein
meisterhaft erledigtes Pensum erkennen, als ein Product
schöpferischer Phantasie. Von den bisher erschienenen Werken
d’Albert’s hat sein erstes, die Clavier-Suite, als das an
spruchsloseste und natürlichste uns am meisten erfreut.
Später folgt er sehr merklich dem letzten Beethoven und
Brahms. Zwei nicht üble Muster, gewiß. Aber die Indi
vidualität d’Albert’s leidet unter dieser Botmäßigkeit; er hat
es rasch zu erstaunlicher Kunstbeherrschung, aber noch nicht
zu einer eigenen Physiognomie gebracht. Den Ruhm
d’Albert’s, des Clavierspielers, noch erhöhen zu wollen, fällt
wol heute keinem Kritiker mehr ein. Er ist, seitdem wir
Bülow verloren und Rubinstein nicht mehr öffentlich spielt,
unbestritten der Erste, der Größte von Allen. Wer auch nur
die Bach’sche Orgelfuge in D von ihm gehört hat, mit
welcher d’Albert sein Concert eröffnete, wird vergeblich nach
entsprechenden Ausdrücken der Bewunderung suchen für
diesen großen Musiker und unvergleichlichen Virtuosen.
Die beiden Productionen des Conservatoriums
der „Gesellschaft der Musikfreunde“ (Orchesterconcert und Opern
vorstellung) machten allgemein den erfreulichen Eindruck, daß das
Conservatorium sich aus seiner früheren Lethargie unter der
Leitung des Directors J. N. Fuchs zu neuem kräftigen
Leben erhebt. Sowol die Programme, welche mit dem
stereotypen bequemen Einerlei gebrochen haben, als auch die
Leistungen der Zöglinge gaben Zeugniß für die sorgfältige,
zielbewußte Leitung des Instituts. Das jugendliche Orchester,
die Streicher namentlich, ist vortrefflich geworden. Unter den
Clavierspielern erregte der talentvolle junge Moriz Violin
das lebhafteste Interesse durch seinen Vortrag zweier Sätze
aus Brahms’ erstem Concert. Die Opern-Production
brachte — gewiß eine Neuigkeit für die meisten Zuhörer —
den ersten Act von Beethoven’s Oper „Fidelio“ (Leonore)
in ihrer ursprünglichen, für das Theater an der Wien
(1805) geschriebenen Form. Dieser erste Act, welcher mit
dem Terzett „Gut, Söhnchen, gut“, also vor dem Erscheinen
Pizarro’s schließt, enthält sehr viel jetzt beseitigten Dialog
und ein etwas zopfig bürgerliches Terzett: „Ein
Mann ist bald genommen.“ Letzteres ist in der gegen
wärtigen Form des „Fidelio“ gestrichen, desgleichen
ein Duett ähnlichen Charakters (Nr. 10) zwischen Leonore und
Marcelline: „Um in der Ehe froh zu leben.“ Rocco’s Arie:
„Hat man nicht auch Geld daneben“, ist somit von den drei
gesungenen Ehestandsabhandlungen die einzige, welche in
unserem „Fidelio“ ihren Platz behauptet hat. Welch ent
scheidenden großen Gewinn die spätere Bearbeitung von
1814 bedeutet, wird Jedermann klar geworden sein. Es
folgte der zweite Act aus der „Weißen Frau“ (mit Aus
schluß der Licitations-Scene), der allzu monotone dritte Act
aus Gluck’s „Orpheus“ und die Kerkerscene aus Gounod’s
„Faust“. Von den jungen Opernkräften des Conservatoriums
ist in erster Linie Fräulein Mary Lederer (Leonore) zu
nennen; dann die Altistin Fräulein Schönberger, der
Bassist Dirnhofer und der Tenor Donauer — ein
Quartett, das wahrscheinlich bald und nicht ungern durch
verschiedene Engagements-Anträge getrennt werden dürfte.
Die Opern-Production fand zum erstenmale, sehr zu ihrem
Vortheil, im Großen Musikvereinssaale statt; Hof-Capell
meister J. N. Fuchs dirigirte das Orchester, Ober-Regisseur
Stoll führte die Regie.
Die Herren Ondriček, Popper und Door, drei
vortreffliche und hochbeliebte Künstler, haben sich zur Ab
haltung von drei Trio-Soiréen vereinigt. Ihr so an
erkennenswerthes Unternehmen litt leider unter der gegen
wärtigen maßlosen Concurrenz von Concerten, die uns Alle
— Künstler, Publicum und Kritiker — schier erdrückt.
Außerordentlich gerühmt wurde die Aufführung von
Brahms’A-dur-Quartett in der zweiten Soirée, der ich
leider nicht beiwohnen konnte. Umsomehr erfreute mich am
dritten Abende das selten gehörte F-moll-Trio von Dvořak,
dessen reizender, origineller zweiter Satz vollauf entschädigt
für etliche Strecken eigensinniger Monotonie in den anderen
Sätzen. Door spielte etwas nüchtern, aber klar und maß
voll; Popper ist längst anerkannter Quartettkönig von
Budapest; Ondriček, noch neu in diesem strengeren
Musikbezirk, hat unsere Erwartungen jedenfalls übertroffen.
Er ist der feurigere, Popper der ruhigere Partner; Beide sind
aber Eins in dem blendenden Klangzauber, mit dem sie jedes
Motiv, jede melodische Feinheit gleichsam elektrisch beleuchten.
Gleichzeitig mit dieser Trio-Production gab in einem
andern Saal der Sänger Anton Sistermans ein
Concert, auf das ich eben wegen dieses Zusammen
treffens verzichten mußte. Ich folge im Nachstehenden
dem Berichte eines geistreichen Musikfreundes, dessen
Urtheil vollkommen zu dem Eindrucke stimmt, den mir
Herr Sistermans in Händel’s „Messias“ gemacht hat.
Herr Sistermans ist eine durchaus harmonische Persön
lichkeit. Alles, was er singt, schwebt in einer gleichmäßig
gefestigten Stimmung, die auf glückliche und genaue Ver
bindung starker innerer Kräfte deutet. Seine Stimme ist
ein warmer Bariton, der hauptsächlich in der Mittellage
leuchtenden Goldton hat. In der Tiefe brüten graue Schatten,
und auch die Höhe besitzt nur eine erzwungene Höhe. Aber
diese Stimme ist tadellos geschult, von jener Schulung, die
Herz, Kopf und Ohr zugleich in Bewegung setzt. Sistermanns’
Gesangsweise erinnert an Julius Stockhausen und Helene
Magnus. Wie Jenen gelingt ihm das Sinnige, Einfache,
das, was Heine ein „Ausseufzen des Gemüthes“ nennt, am
besten. Unbewußt knüpft er am Volksgesang an und singt
volksmäßig mit seiner großen Kunst. So trägt er in das
Kunstlied einen naiven Volkston hinein und mit ihm einen
reinen Duft, der von gesunder Erde kommt. Ein Meister
der Declamation und des Wortes, spricht und accentuirt er
deutlich auch im schnellsten Tempo. Im ruhigen Gesang ge
winnt er durch edle Tonbildung und die Kunst, die Stimme
zu einem schönen Forte anzuschwellen, ohne zu schreien. Dabei
betreibt er eine weise Sparsamkeit des Athems, die vorsichtig
mit den Zinsen arbeitet, ohne das Kapital anzugreifen.
So treibt der Athem unmerklich das Räderwerk einer Kunst, die
ihren besten Halt in schöner Männlichkeit und edlem Maß besitzt.
Er sang außer Liedern von Mendelssohn, Brahms und
Schubert, worunter die düstere „Gruppe aus dem Tartarus“
und die „Litaney“ (unserem Gefühle nach mehr für eine
Frauenstimme geeignet), die ganze „Dichterliebe“ von
Schumann. Sechzehn Lieder, die theils in Thränen gebadet
sind, theils von Vögelein, Wängelein, Aengelein u. s. w.
erzählen, in einer Reihe am Schlusse eines Concerts zu
singen, ist ein Mißgriff. Allmälig wird diese gesunge
Perlenschnur drückend wie eine eiserne Kette.