Concerte.
Ed. H. Zwei sehr renommirte Künstler, der Violin-
Virtuose Thomson und der Sänger Bulss haben kürz
lich hier ihr „Einziges Concert“ vor halbleeren Bänken ge
geben. Andere namhafte Künstler (Emil Goetze, Maurel,
Nawiawsky) haben auch dieses angekündigte „Einzige Con
cert“ nicht gegeben. Daraus könnten sanguinische Concert
geber entnehmen, daß das Publicum sich bereits entkräftet
fühlt von der unbarmherzigen Concertgeberei, -geherei und
-presserei. Seit vielen Wochen beglücken uns allabendlich
wenigstens zwei Concerte, sehr häufig auch drei. Wenn die
Wiener Musikritiker nach dem Beispiel ihrer Berliner
Collegen sich entschließen sollten, täglich von drei Concerten
stückweise zu naschen, so erleben wir noch das erhebende Schau
spiel, die Herren per Vélocipède vom Musikverein zu Ehrbar
und von da zu Bösendorfer sausen zu sehen. Zahl und Nei
gung der Wiener Musikfreunde sind nun einmal nicht zu
reichend für so massenhaftes Concertangebot. Am meisten leiden
die fremden Virtuosen darunter; die einheimischen wissen leichter
Zuhörer einzufangen, zahlende und blinde Passagiere, viel
leicht auch taube. Und doch — wie Erstaunliches leistet heute
die Instrumental-Virtuosität! In den Dreißiger-Jahren
wurde als Phänomen bewundert, wer Moscheles’ Variationen
über den Alexandermarsch oder Hummel’s A-moll-Concert
spielen konnte. Heute trifft das jeder bessere, nicht einmal
„preisgekrönte“ Conservatorist. Nur sind ihrer leider zu
viele; die Wunder der Virtuosität sind alltäglich geworden,
im Preise gesunken. Daß heute Jedermann sehr gut spielt,
dafür spricht beinahe schon die gesetzliche Vermuthung; wir
verlangen gar nicht, daß er uns in öffentlichem Concert
für unser Geld — vielleicht das Gegentheil beweise. Günstiger
stehen immer noch die Actien der Sänger und Sängerinnen;
dem Concert-Agenten ist ein passabler Tenorist viel lieber,
als der langfingerigste und langhaarigste Liszt-Spieler.
Bietet ein Gesangsconcert obendrein Neues, sei es
im Inhalt oder in der Form, so ist ein zahlreicher
Besuch ihm ziemlich sicher. Drei junge holländische Sänge
rinnen, Jeannette de Jong, Anna Corver und
Marie Snyders, genossen sogar den seltenen Anblick
eines gedrängt vollen Saales. Frauenterzette, auch Duette
hört man fast niemals in Concerten; es lockte also auch
das Programm der drei Holländerinnen als etwas Unge
wohntes, Unverbrauchtes. Die Seele dieses Terzetts ist die
Sopranistin Jeannette de Jong — ein liebliches,
kluges Seelchen in einem zarten Mädchenkörper. Die Stimme,
von geringer Kraft, klingt süß und rein, dabei stets erfüllt
von Intelligenz und Empfindung. Darum erfreut Fräulein
de Jong — und sie allein — auch im Sologesang, wäh
rend ihre im Trio vortrefflichen Partnerinnen wenig Ein
druck machen im einstimmigen Lied. Der Mezzosopran von
Fräulein Corver, die Altstimme von Fräulein Snyders, an sich
von recht ausgiebigem jugendlichen Klang, haben etwas
Einfärbiges, Instrumentales, Unlebendiges. An ihrem
Vortrag vermißten wir nicht Schulung noch Verständniß,
aber beseelte Individualität. Die Empfindung, an der es ja
gewiß nicht fehlt, vermag nicht recht den Ton zu durch
dringen; es liegt wie eine Fettschichte dazwischen, etwa
wie bei sehr vollwangigen Gesichtern, deren Musculatur
die feinsten Erregungen des Seelenlebens nicht wider
zugeben vermag. Hingegen wirkten die Terzette der drei
Sängerinnen — sie singen Alles auswendig — durch voll
kommene Reinheit und schönste Uebereinstimmung in der
Tonstärke. Das ist Alles bis in feinste Nuancen studirt,
ausgefeilt, ohne in leblose Correctheit zu verfallen. Ein
holländisches Terzett von Katharina van Rennes, das drei
stimmige Wiegenlied von Cherubini, endlich ein köstlicher
Canon aus Martini’s „Cosa rara“ (aus dem knospend
schon der künftige Rossini hervorguckt) wirken mit dem
vollen Reiz der Neuheit. Auch einige Duette, insbesondere
„Die Schwestern“ von Brahms, machten Furore. Die
Clavierbegleitung besorgte ganz vortrefflich Fräulein Julie
v. Asten, bekanntlich eine Wienerin, die im Publicum liebe
alte Erinnerungen erweckte.
Einige Verwandtschaft mit Jeannette de Jong hat die
junge Frau Bricht, unseren Musikfreunden als Fräulein
Agnes Pyllemann wohlbekannt. Ihre Stimme gleicht
ebenfalls einer flatternden Psyche, die sich einen Körper sucht.
Starke leidenschaftliche Accente sind ihrem Organ, ihrem
ganzen Naturell versagt. So lange sie sich auf Lieder von zärt
licher oder neckischer Färbung beschränkt und in der Höhe
mit ihren sehr hübschen, feinen Kopftönen auslangen kann,
wird Frau Bricht-Pyllemann als intelligente
und anmuthige Sängerin stets sehr erfreulich wirken. In
den Zwischennummern ihres Concerts bewährten sich die
Brüder Thern als die ausgezeichneten Alten. Ganz mili
tärisch besitzt Jeder von ihnen seinen Ergänzungsbezirk im
Andern. ... Ein eigenes erfolgreiches Concert gab der Ba
ritonist Herr Rudolph Oberhauser, ein geborener
Wiener. Ganz besonders gefiel sein warmer, kräf
tiger Vortrag Löwe’scher Balladen. Auch ein speciell
„Slavischer Liederabend“, von Frau Bronislawa Wolska
im Ehrbar-Saal veranstaltet, hat ein sehr dankbares Publi
cum gefunden. Die Concertgeberin sang Volkslieder in allen
möglichen slavischen Sprachen und Mundarten. ... Er
götzlich war der Anblick des Bösendorfer-Saales während
der Productionen des Gesangsquartetts Udel. Lauter
schmunzelnde, lächelnde, lachende Gesichter; eitel Fröhlichkeit
oben auf dem Podium, wie unten im Parquet. Es ist
nicht das bloße Bedürfniß nach heiterer Musik, sondern
ebenso sehr die musikalische Vortrefflichkeit dieses Männer
quartetts, was den Andrang zu den Udel-Concerten erklärt.
Die vier Herren singen mit außerordentlicher Präcision, und
wenn Udel eine Solonummer vorträgt, so wirkt er mit
seinem starken komischen Talent für Vier.
Nachdem das „Böhmische Streichquartett“ sich
ruhmbedeckt von Wien verabschiedet hatte, bescheerte uns das
Quartett Rosé einen besonders interessanten Abend. Vorerst
vergönnte Herr Rosé dem D-dur-Quartett von Borodin,
das seit seiner Première, 1891, nicht wieder gehört worden
ist, eine zweite Aufführung. Mit gutem Recht; denn es ist
schade, wenn die wenigen guten Kammer-Compositionen neuester
Zeit nach ihrer ersten Aufführung für immer zurückgelegt
werden, wie es doch meistens geschieht. Es folgte als No
vität — als einzige Novität in der ganzen Saison! —
ein bei Kistner in Leipzig gedrucktes Clavierquintett von
Anton Rückauf. Das Werk ist Brahms gewidmet und
dieser Auszeichnung würdig. Auch fühlt man ihm an, daß
es bei aller Selbstständigkeit sich am Geiste Johannis
inspirirt hat. Ein ernstes Stück von schöner, übersichtlicher
Form und vornehmer Haltung. Theils leidenschaftlichen,
theils nachdenklich sentimentalen Charakters, trägt es überall
das Gepräge des Wahren, Empfundenen. Durchaus
modern, trachtet es doch nirgends durch blendende
Contraste oder angeblich dramatische Episoden zu wirken;
es hält bei aller Freiheit der Phantasie fest an den
natürlichen Gesetzen musikalischer Logik. Ueberaus glücklich
erfunden ist gleich das Hauptthema des Allegrosatzes F-dur;
daneben klingt das zweite Thema in A-moll etwas leer,
stockend im Rhythmus, mehr verträumt als träumerisch. Die
Stelle des Scherzo vertritt ein bequemes Allegretto, das
nach einem beschleunigten interessanten Mittelsatz wiederholt
wird. Breit, gesangvoll legt sich das Adagio aus, meist im
Wechselgesang zwischen Clavier und Quartett. An diesen
tiefempfundenen Satz schließt sich unmittelbar das Finale
mit einem kräftigen, fanfarenmäßig auftauchzenden Thema.
Nach der lebhaften Durchführung erwartet man einen
frischen, glänzenden Abschluß. Statt dessen entwickelt sich
eine kunstreiche Fuge mit zwei Subjecten, welche dem
Componisten sicherlich mehr Mühe bereitet hat, als dem
Hörer Vergnügen. An der vortrefflichen Ausführung gebührt
Herrn Alfred Grünfeld das größte Verdienst. Wie
funkelten die aufsteigenden Scalen-Raketen und die langen,
feinen Trillerketten unter seinen Händen! Das Quintett
hatte einen entschiedenen Erfolg. Herr Rückauf wurde
wiederholt gerufen und wird hoffentlich nicht so lange wie
bisher pausiren.
Zu den reinsten Genüssen dieser Musiksaison, ja zu den
unvergänglichen Eindrücken gehört d’Albert’s Vortrag des
D-moll-Concerts von Brahms bei den Philharmonikern.
Wie tief hat d’Albert diese in jedem Sinne schwere und
große Composition in sich aufgenommen, wie überwältigend
sie wiedergegeben! Höchste Virtuosität floß hier zusammen
mit einem eminent musikalischen Denken und starker Begei
sterung für das vorgetragene Werk. Dieses selbst will genau
gekannt und ein wenig umworben sein. Seitdem es, zwar
nicht oft, aber doch im Laufe der letzten zehn Jahre einigemale
gehört worden ist, hat es, in seinen Eroberungen stetig vor
schreitend, jetzt durch d’Albert vollständig gesiegt. Im selben
Concert hörten wir ein neues Scherzo von Goldmark.
Dieses glänzend instrumentirte, geistreiche Stück, das in
seinen Rhythmen und Farbenmischungen etwas an
das Scherzo von Mendelssohn’s A-moll-Symphonie
und den „Sommernachtstraum“ erinnert, wird überall,
wo man ein virtuoses Orchester wie unser Philharmonisches
besitzt, Effect machen. Nur der Zusammenhang des Scherzos
mit dem einleitenden Andante sostenuto, einer dumpfen,
chromatischen Wehklage, wollte mir nicht klar werden. Fast
möchte ich letztere für einen nachträglich angefügten neuen
Goldmark halten, das Scherzo selbst für eine ältere Compo
sition. Sämmtliche Programmnummern wurden — aus
nahmsweise unter Leitung des Hofcapellmeisters J. N.
Fuchs — glänzend gespielt.
Mit einer stummen Verbeugung gehen wir diesmal an
Sarasate, Thomson, Frau Nicklaß-Kempner
und anderen hier oft gehörten und besprochenen Concert
gebern vorüber und wenden uns zu den Novitäten des
„Wiener Männergesang-Vereins“. Die Fest
ouvertüre von Karl Reinecke bewegt sich geschickt und
klangvoll in der Phraseologie der Weber’schen und Mendels
sohn’schen Schule und mündet in einen Männerchor über
Schiller’s Gedicht „An die Künstler“. Dieser Schluß, mehr
äußerlich angeheftet, als organisch herausgewachsen, scheint
mir ebensowenig die Wirkung der Ouvertüre zu steigern,
als umgekehrt. Gleichfalls eine Gelegenheitsmusik in großem
Style ist Spohr’sComposition von Klopstock’s „Vater
Unser“, für Soli, Männerchor und Orchester. Einen
dauernden Platz im Repertoire der Gesangvereine dürfte
das Werk schwerlich erringen, auch in unserem Herzen nicht.
Nichtsdestoweniger danken wir Herrn Director Kremser für
diese Bekanntschaft, nach der wir längst neugierig ausgeblickt
haben. Während nämlich Spohr’s Composition des Mahl
mann’schen „Vater Unser“ sich großer Verbreitung und
Beliebtheit erfreute, ist seine Bearbeitung der Klopstock’
schen Paraphrase niemals gedruckt worden. Spohr hat letztere
im Jahre 1838 für das Frankfurter Liederfest zum Besten
der Mozart-Stiftung componirt und dort aufgeführt. Obwol
das Werk damals des Beifalles gewiß nicht ermangelt hat,
ist es unveröffentlicht und im Besitze der Leipziger Musikfirma
C. Leuckart geblieben. Trotz meiner Pietät für Spohr, dessen
Musik mit den schwärmerischen Empfindungen meiner Jugend
zeit so enge zusammenhängt, habe ich sein „Vater Unser“
recht schwach gefunden. Die Musik ist nicht der rechte Spohr,
wie das Gedicht nicht der rechte Klopstock.
Die zweite Strophe des Klopstock’schen Gedichtes lautet:
Er, der Hocherhabene,
Der allein ganz sich denken,
Seiner ganz sich freuen kann,
Machte den tiefen Entwurf
Zur Seligkeit aller seiner Weltbewohner.
„Zu uns komme dein Reich.“
Die dürftige
Erfindung steht in keinem Verhältnisse zu dem breiten Rah
men dieser Composition und ihrem Aufwand an musikalischen
Mitteln. Wir hörten hierauf das von Frau Basch-
Mahler sehr beifällig gespielte G-moll-Concert von Men
delssohn und Heuberger’s liebenswürdigen Männerchor
„Herbst“. Die Schlußnummer konnte man als „Halbnovität“
bezeichnen. Es erschienen nämlich die von Kremser so effect
voll bearbeiteten „Sechs altniederländischen Volkslieder“ zum
erstenmale mit verbindender Declamation, das heißt mittelst
eines historischen Leitfadens aneinandergedichtet. Das sechs
malige plötzliche Herabfallen aus der idealen Region des
Gesanges in gesprochene Erzählung macht einen ernüchtern
den Eindruck, an welchem die ausdrucksvolle Declamation
des Herrn Reimers gewiß keine Schuld trägt. Nothwendig
sind diese belehrenden Unterbrechungen gewiß nicht; eine
kurze Notiz auf dem Programme genügt zur Orientirung.
Die niederländischen Lieder wurden unter dankenswerther
Mitwirkung der Hofopernsänger Ritter und Dippel vom
Männergesang-Verein frisch und kraftvoll gesungen. Insbe
sondere das „Kriegslied“ und „Berg-op-Zoom“, bewährten
neuerdings ihre zündende Wirkung.
Herrn Director Gericke danken wir die Wieder-Auf
führung des seit mehreren Jahren nicht gehörten „Deutschen
Requiems“ von Brahms. Die meisten deutschen und
schweizerischen Musikstädte hören es alljährlich. Dieses Hohe
Lied der Trauer und der Tröstung prangt als ein unver
gängliches Denkmal in der Geschichte der modernen Kirchen
musik, deren Gipfelpunkt es bildet. Keine geistliche Ton
dichtung kenne ich, die gleich mit ihren ersten Tacten uns
so tief ergreift — und unmittelbar darauf („Denn alles
Fleisch ist wie Gras“) so gewaltig erschüttert, wie dieses
„Deutsche Requiem“. Wer diese zwei Sätze geschrieben hat
und dazu das Sopransolo „Ihr habt nun Traurigkeit“, der
gehört zu den Größten. Das Publicum, das alle Räume
des Musikvereinssaales füllte, lauschte dem Werke mit weihe
voller Andacht, wie einem Gottesdienste. Alle Mitwirkenden,
Director Gericke und die tapferen Mitglieder des „Sing
vereins“ voran, schienen von der gleichen starken Empfindung
beseelt. Frau Baronin Leonore Bach, ein lichter, tröstender
Seraph an Erscheinung und Stimme, sang das schöne
G-dur-Solo, und Herrn Ritter’s warmer, dabei maßvoller
Vortrag eröffnete uns die frohe Aussicht, in diesem vortreff
lichen Theatersänger auch eine Kraft für das Oratorium
emporwachsen zu sehen.