„
Denkmäler der Tonkunst in Oesterreich.“
Ed. H. Unter diesem Titel, gewissermaßen als eine
Fortsetzung der österreichischen „Kaiser-Compositionen“, er
scheint ein groß angelegtes, musikalisch wie patriotisch hoch
bedeutendes Werk, auf welches wir die Aufmerksamkeit
unserer Leser lenken möchten. In zwei prachtvoll ausge
statteten Halbbänden liegt der vielversprechende Anfang
dieses neuen, mit Unterstützung des kaiserlichen Unterrichts
ministeriums begründeten Unternehmens vor uns. Die
„Denkmäler der Tonkunst in Oesterreich“
verfolgen den Zweck, hervorragende, aus dem Handel ver
schwundene oder nie gedruckte Compositionen österreichischer
Tondichter allmälig zu veröffentlichen. Es ist ein Ruhmes
titel unserer musikalisch weniger schöpferischen Epoche, daß
sie die Werke älterer bedeutender Componisten der Kunst
und der Kunstwissenschaft von neuem erobert. Wir besitzen
in stattlichen Gesammt-Ausgaben die Werke von Se
bastian Bach, Händel, Heinrich Schütz; nicht lange wer
den wir auf Gluck und Haydn zu warten haben.
Es galt nun, eine Schichte tiefer zu graben und
weniger bekannte, hervorragende Meister des sechzehnten,
siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts, zwar nicht mit
ihren sämmtlichen Werken, aber in gediegener Auswahl ans
Licht zu ziehen. Im Auftrag der preußischen Regierung ist
kürzlich die Herausgabe von Denkmälern deutscher Ton
kunst begonnen und der Leipziger Firma Breitkopf & Härtel
in Verlag gegeben worden. Von diesem Vorgang ange
spornt, haben sich einige hiesige Musikgelehrte, Kenner und
Künstler zusammengethan, um Aehnliches für die Werke
älterer Componisten zu schaffen, welche entweder in Oester
reich geboren oder vorzugsweise hier thätig gewesen sind.
Leiter des ganzen Unternehmens ist Professor Guido
Adler, der auch die erste Anregung dazu gegeben und sich
bereits durch die Herausgabe der „Kaiser-Compositionen“
als Musikforscher und Geschichtschreiber mit Auszeichnung be
währt hat. Außer Professor Adler bilden die leitende Commission
der „Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmälern der Ton
kunst in Oesterreich“ Johannes Brahms, August
Artaria, Hanns Richter, Hofrath v. Hartel, Dr.
Albert v. Hermann, Baron Weckbecker, Professor
Mühlbacher und der Schreiber dieser Zeilen. Die
Commission erfreut sich der werthvollen Mitwirkung der
Herren: Hofcapellmeister J. N. Fuchs, Johann Ev.
Habert, Oswald Koller, Joseph Labor, Eusebius
Mandyczewski und Dr. Heinrich Rietsch. Den
Verlag der „Denkmäler“ hat die Kunsthandlung Artaria
in Wien übernommen, deren Name mit der classischen
Blüthezeit unserer Musik innig verknüpft ist. Die wahrhaft
fürstlich ausgestatteten Bände stammen aus der Wiener
Notenstecherei Eberle & Comp. — eine sehr bemerkens
werthe Thatsache, denn seit Decennien war in Wien der
Notenstich in Verfall gerathen und sind die meisten in
Wien componirten und in Wien verlegten Musikalien —
in Leipzig gestochen.
Den Ausgangspunkt und Grundgedanken des ganzen
Unternehmens finden wir in der Vorrede klar ausgesprochen.
In Oesterreich liegt ein überreicher Schatz ruhmwürdiger
Tonwerke der Vergangenheit. Am kaiserlichen Hofe in Wien,
in den Capellen zu Prag, Innsbruck, Salzburg, Graz, an
den Bischofssitzen, in vielen Klöstern, in adeligen und
bürgerlichen Häusern herrschte zu verschiedenen Zeiten ein
reges Kunstleben, von welchem kostbare Denkmale Zeugniß
geben. Insbesondere die kaiserliche Hofcapelle in Wien,
welche neben dem Kirchendienste auch Opern- und Kammer
musik zu besorgen hatte, wurde seit Kaiser Maximilian I.
ein leuchtender Spiegel der besten abendländischen Kunst.
Hier trafen sich Künstler aller Länder, oft die besten ihrer
Zeit, um sich Ruhm und Verdienst zu schaffen. In dem
unvergänglichen Werth ihrer Werke liegt für uns die Ver
pflichtung, sie der Vergessenheit zu entreißen, nicht blos der
geschichtlichen Erkenntniß wegen, sondern auch zu lebendiger
Anregung unserer Künstler und Musikfreunde. Die „Denkmäler
der Tonkunst“ sollen ein Bild von jeder Kunstepoche schaffen durch
Auswahl ihrer hervorragendsten Werke geistlichen und weltlichen
Styls. Durch volle vier Jahre wurden unter liberaler Unter
stützung des Unterrichtsministeriums Vorarbeiten zu den
„Denkmälern“, unternommen, bevor der jetzt vorliegende
erste Band erscheinen konnte. Es war keine leichte Aufgabe,
das Unternehmen in Gang zu bringen. Wie viele Eingaben,
wie viele Anfragen im Interesse der Bibliographie mußten
gemacht werden! Wie mühsam, zu constatiren, was Alles in
Oesterreich sich befindet! Das überraschend günstige Resultat
dieser Nachforschungen verdanken wir vornehmlich der Sach
kenntniß und dem unermüdlichen Eifer des Professors
Guido Adler.
Betrachten wir uns jetzt das Werk selbst. Von den
beiden bis jetzt vorliegenden Halbbänden enthält der erste
vier Messen von Johann Joseph Fux, dem hochberühmten
Hofcapellmeister der Kaiser Leopold I., Joseph I. und
Karl VI. Er war in Steiermark geboren und hat sich
namentlich als Theoretiker durch seinen „Gradus ad Par
nassum“, aus dem alle unsere großen Meister die Compo
sition erlernt haben, ein Denkmal gesetzt. Nicht geringeren
Ruhm genoß er aber seinerzeit als fruchtbarer Componist
kirchlicher und weltlicher Musik. In dieser Eigenschaft ist
Fux heute beinahe verschollen. Herr Johann Ev. Habert,
eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der Kirchenmusik,
spricht in einem Vorworte die begründete Hoffnung aus,
daß die Messen von Fux, den man heute in weiten Kreisen
nur mehr als Lehrer des Contrapunkts kennt, durch diese
Ausgabe vielfach ihre Auferstehung auf den Kirchenchören
feiern werden. Daß sie heute noch lebensfähig sind, beweist
die wiederholte Aufführung der „Missa canonica“ in den
letzten Jahren.
Im zweiten Halbband der „Denkmäler“ gelangt wie
der die weltliche Musik zu ihrem Rechte, und zwar mit
tanzartigen Instrumentalstücken von Georg Muffat.
Dieser Meister stammt von einer englischen, im sechzehnten
Jahrhundert ausgewanderten Familie und ist wahrscheinlich
in Deutschland geboren. Er hat jedoch lange in Wien,
Salzburg und in Passau gewirkt, wo er 1704 starb. Sein
in unseren „Denkmälern“ abgedrucktes „Florilegium pri
mum“ (erste Blumenlese) für Streichinstrumente ist compo
nirt, als Bach und Händel geboren wurden. Die Redaction
dieses Bandes hat Herr Dr. Heinrich Rietsch übernom
men, ein junger Musikgelehrter, den wir bald als Docenten
an unserer Universität zu begrüßen hoffen. Georg Muffat
ist in doppelter Hinsicht von musikhistorischer Bedeutung:
er hat einerseits die süddeutsche katholische Orgelkunst
zu hoher Blüthe gebracht, andererseits die weltliche Instru
mentalmusik wesentlich gefördert auf ihrem Entwicklungs
gange, zumal in deutschen Landen. Muffat steht hier zunächst
unter dem Einflusse der Franzosen, speciell Lully’s, in
zweiter Linie erst der Italiener. Sechs Lehrjahre hatte er
in Paris zugebracht, und als er später in Salzburg Muße
und Sammlung zum Schaffen fand, trieb es ihn, auf dem
Gebiete der Streichmusik seinem Vorbilde Lully nachzueifern.
Der größte Theil der später von ihm in Passau veröffent
lichten Werke ist schon in Salzburg geschaffen worden.
Muffat erzählt uns selbst die Entstehungsgeschichte seiner
beiden „Florilegien“. Er war schon in Salzburg als „adju
tante di camera“, dann in Passau als Edelknaben-Hofmeister
mitten in das Hofleben hineingestellt worden und mußte
somit den Bedarf für die fürstlichen Ergötzlichkeiten
liefern, also zunächst für das adelige Liebhaber
theater und dessen Ballette, dann aber auch für
Kammer-, Tafel- und Nachtmusik. Das „Florilegium“
enthält in seinen beiden Theilen 112 Stücke, meist Tänze
von gedrungener Kürze, die nach Tonarten zu Partien (Fas
ciculi, Partite, Parties) zusammengelegt sind. Das Wiener
Publicum wird in dem Conservatoriums-Concert vom
2. April Gelegenheit haben, einen Theil des Muffat’schen
„Florilegium“ zu hören und sich zu überzeugen, daß es sich
hier nicht um einen antiquarischen Leckerbissen, sondern um
eine zwar alte, aber charakteristische und gefällige Musik
handelt. Ein späterer Band der „Denkmäler“ wird auch das
zweite „Florilegium“ von Georg Muffat und dessen Concerte
bringen, dann die „Componimenti“ von seinem Sohne, dem
kaiserlichen Hoforganisten Theophil Muffat. In Vorbereitung
sind ferner Werke von Jacobus Gallus (Hendel), Cal
dara, Froberger, Motetten und Hymnen von Fux,
endlich die berühmten „Trienter Codices“ aus dem
15. Jahrhundert. Durch den Ankauf dieser höchst werthvollen
handschriftlichen Sammlung hat das österreichische Unter
richtsministerium der Forschung die Möglichkeit verschafft,
über die Musikgeschichte des 15. Jahrhunderts neues Licht
zu verbreiten.
Es wäre zu wünschen, daß die kunstgebildeten Kreise
nicht blos Oesterreichs, sondern aller großen Culturvölker
sich für diese Publication werkthätig interessiren, stand doch
die österreichische Tonkunst jederzeit in lebhaftem Verkehr
mit allen musikalischen Nationen, und werden die „Denk
mäler“ auch Werke von ausländischen Künstlern umfassen,
die in Oesterreich gewirkt haben. Schon die „Trienter
Codices“ enthalten Compositionen von Deutschen, Italienern,
Franzosen, Niederländern, Engländern; speciell mit Spanien
hat Oesterreich durch seine Dynastie sehr lebhafte künstlerische
Beziehungen unterhalten. Die Fortführung dieses großen
Unternehmens wird keine geringe Arbeit und Opferwilligkeit
erfordern, die Gesellschaft geht aber frohen Muthes ans
Werk, seit Se. Majestät der Kaiser ihr in huldreichsten
Worten seine Anerkennung ausgesprochen und sich an die
Spitze der Förderer gestellt hat.
Die Ehrenpforte, durch welche wir zu dem größeren
Unternehmen der „Denkmäler“ gleichsam durchgedrungen
sind, bildeten die „Kaiserwerke“. („Musikalische Werke der
Kaiser Ferdinand III., Leopold I. und Joseph I. Im Auf
trage des k. k. Ministeriums für Cultus und Unterricht
herausgegeben von Professor Guido Adler. Verlag von
Artaria in Wien.“) Ueber den ersten Band hat die „Neue
Freie Presse“ im Jahre 1892 ausführlich berichtet. Seither
ist der zweite Band erschienen, welcher culturhistorisch noch
interessanter und für weitere Kreise noch anziehender sich
darstellt. Während nämlich der erste Band ausschließlich
Kirchen-Compositionen enthielt, bietet uns der zweite welt
liche Stücke, Tänze, Arien aus Opern und Oratorien in
deutscher, italienischer und spanischer Sprache. Von den drei
Kaisern, deren Compositionen diesen Band füllen, ist natür
lich Leopold I. weitaus am reichlichsten vertreten. Er war
in der That von erstaunlicher Productivität. Bei dem
durchgreifenden Einfluß, den das italienische Element in
der Erziehung Leopold’s und in der damaligen Musik
selbst behauptete, ist es überraschend, daß der Kaiser
auch deutsche Singspiele componirte. Unser Band
hält deren zwei: „Die vermeinte Brüder- und Schwester
liebe“ und „Der thörichte Schäffer“.
Eine Probe aus letzterem mag zeigen, wie es mit der deutschen
Sprache bestellt war. Eine Schäferin beklagt das Schicksal der in einen
Lorbeerstrauch verwandelten Daphne:
Schäfferin: Dafne, wo bist du zu finden?
Was verbirgt dich?
Was thuet dich verhellen?
Daphne: Die Loorber Aeste mich
Deinen Augen stellen.
Schäfferin: O unglückselige
Ist es wohl zu ergrinden?
Ein unerhörte Gschicht,
Das du zum Stocke wirst,
Verlierst der Augen Liecht. etc.
Nicht weniger als
sechzig Opernarien und Lieder des Kaisers enthält der Band;
die meisten verbinden Witz und Anmuth mit vollkommener
Beherrschung des dramatischen Ausdrucks. Besonders inter
essant und bezeichnend für den Humor des Kaisers sind
zwei Arien des ruhmredigen Pyrophrastes, in denen, nach
damaligem Hofbrauch, deutsche, französische, italienische und
spanische Brocken durcheinander gemengt sind.
„Amor care,
Petit, petit garçon,
Donne moy tanta fortezza
De quitarle la cabeza
Meinem Feind zu seinem Lohn —
Million tausend Coups de baston,
Donec dicat au me, au me!
Da wird’s heißen Misero me, misero me,
Ho perdido el corazon.“
In den
Suiten und Tänzen (Balletti) von Leopold I. herrscht die
ruhige Manier seiner Zeit und eine mitunter überraschend
geschickte Baßführung. Alle möglichen Tänze sind da vertreten.
Von Ferdinand III. erhält der zweite Band nur zwei
Werke: ein vierstimmiges „Madrigal“ (mit fein ironischer
Behandlung des Textes über die Nichtigkeit des menschlichen
Daseins) und drei hübsche Gesangstücke aus dem „Drama
Musicum“. Letzteres ist bemerkenswerth schon ob seiner histo
rischen Stellung als eines der ersten „musikalischen Dramen“,
das (1649) auf deutschem Boden entstand in Nachahmung
der neu eingeführten italienischen Oper. Unserm Kunst
geschmack näher stehen die Compositionen von Kaiser
Joseph I., dessen Arien aus dem Anfang des 18. Jahr
hunderts den Einfluß Alessandro Scarlatti’s verrathen. Noch
anheimelnder berührt uns die Lauten-Arie von Joseph I.,
ein reizendes Stück von leicht österreichischem Anflug.
Als Anhang folgen Variationen von dem kaiserlichen Hof-
Organisten Wolfgang Ebner über ein Thema von Kaiser
Ferdinand III. Es ist erstaunlich, wie weit damals
(1648) schon die Kunst der Variationen in Süddeutschland
gediehen war — 36 Variationen, und jede verschieden und
eigengeartet. Den Variationen ist das schöne Titelbild mit
dem Thema des Kaisers (von dem berühmten Prager Maler
Karl Skreta) vorgedruckt. Um die Redaction dieses sehr
reichhaltigen Bandes haben sich außer dem Herausgeber
Professor Adler noch die Herren Joseph Labor, Baron
Wilhelm Weckbecker und Albert Ritter v. Hermann
besonders verdient gemacht durch die geschickte und künstlerisch
feine Ausführung des Basso continuo.
So bietet denn auch dieser zweite Band der „Kaiser
werke“ neben seinem musikalischen auch ein eminent cultur
historisches Interesse. Seltsam, ja beschämend darf man es
nennen, daß 200 Jahre verfließen mußten, bis diese Werke
veröffentlicht wurden und die Welt einen Einblick gewann
in das musikalische Schaffen der habsburg’schen Dynastie.
Oesterreich darf stolz sein auf dieses würdige und schöne
Denkmal einer sich forterbenden künstlerischen Thätigkeit,
welche in der Culturgeschichte einzig dasteht.