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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
Ed. H.
Siehe Nr. 10675 der „
mehrere weite Reisen
theils auf Berufung zu medicinischen Consultationen unter
nahm. Von überallher sendete er mir Nachricht; einen
längeren oder kürzeren Brief, oft auch nur ein flüchtiges
Billet, denen er gern eine frischgepflückte Orangenblüthe
oder ein Lorbeerblatt beizulegen liebte. In diesen beglückenden,
zarten Freundschaftsbeweisen war
Allem. Enthusiastische Empfindung für Naturschönheit und
glückliche Beobachtung von Land und Volk sprechen aus
diesen Reiseblättern. Zwischendurch erhalten wir wieder
Urtheile über Bücher und Compositionen, sowie Nachricht
von seinen eigenen Studien über Malerei und Musik.
Februar
Herzlichen Dank für deine Zusendungen; du weißt, wie
lieb und erfreulich mir Alles ist, was von dir und
kommt. Daß
Schaffensfreude, sondern auch die Freude des Erfolges in
tiefen und immer längeren Zügen genießt, freut mich
herzlich. Die Abhandlung des Herrn X. ist für mich nicht
recht verständlich. Wenn ein sonst gebildeter Mensch sagt,
die musikalische Ausdrucksweise und die Art, wie
die Tonformen gestaltet, ist mir unsympathisch, so läßt sich
darüber ebensowenig sagen, als wenn Jemand den Schöpfungen
mir wol, aber es gefällt mir nicht. Wenn aber Jemand
behauptet, diese oder jene Kunstschöpfung erregt in mir
keine oder keine nachhaltige Empfindung, also ist sie nur
mit dem Verstand und ohne Gefühl gemacht, so halte ich
das für baren Unsinn. Wenn schon überhaupt die Tren
nung von Verstand und Empfindung bei allen praktischen
Aeußerungen des menschlichen Geistes eine sehr prekäre ist,
so ist sie das noch viel mehr auf dem Gebiete der Phantasie.
Ein Kunstwerk ist ohne Verstand, ja selbst ohne eine Art
von Verstandestechnik ebensowenig denkbar, wie ein Mensch
ohne Verstand. Das mehr oder weniger abmessen zu wollen,
was der Künstler beim Schaffen an Verstand und Empfin
dung verwendet, und danach Verstandes- und Gefühlskünstler
unterscheiden zu wollen, kommt mir geradezu komisch vor.
Ist die Einleitung zur „
standes- oder Gefühlsmusik? Ist das Adagio der
Symphonie
fühl geschrieben? Die größten Künstler und nicht zum min
desten die Musiker wie
alle ganz gewiß keine Dummköpfe. Diese sehr verbreitete
X’sche Theorie entspricht freilich mehr der Durchschnitts
dummheit der Menge, und ist eben auch mit einer Durch
schnittsflachheit der Empfindung gepaart. Wenn Menschen
mit einer sehr starken Individualität, in kleinen oder gar
kleinlichen Verhältnissen aufgewachsen, in ihrer speciellen
Sphäre Bedeutendes leisten und alles nicht in diese Sphäre
Hineinragende ablehnen, so kann man sich das gefallen
lassen; ob der Herr X., den ich nicht kenne, solche Leistungen
aufzuweisen hat, weiß ich nicht.
Ein interessanter Punkt ist in dem Aufsatze berührt,
der mich schon oft beschäftigt hat, nämlich das Nachklingen
der Kunstwerke in uns. Was mich betrifft, so wirkt das
Kunstwerk auf mich gerade wie ein Mensch oder eine schöne
Gegend. Die Einen tauchen immer wieder als Erinnerungs
bilder auf, die Anderen verschwinden. Der sinnliche, unmittel
bare Eindruck wirkt selten so beglückend auf mich wie das
Erinnerungsbild. Ist es nicht ebenso mit den Menschen,
die einen Eindruck auf uns gemacht haben? War der Ein
druck ein sympathischer (zunächst rein materiell physiologisch
genommen), so werden sich auch bald die Erinnerungsbilder
in Tönen oder Formen oder phantastischen, poetischen Ge
danken einstellen; diese Erinnerungsbilder nehmen immer
mehr eine subjectiv ideale Form an. Haben wir bald Ge
legenheit, sie wieder mit dem Realen zu vergleichen, d. h. mit
dem neuen wieder rein physiologischen Eindruck, so können
wir uns zuweilen eine Enttäuschung nicht verhehlen. Und
doch nimmt das dann wieder auftauchende Erinnerungsbild
wieder eine ideale Gestalt an, ja oft in noch höherer Potenz.
So entsteht nach und nach die Liebe sowol zu den uns sym
pathischen Menschen wie zu den uns sympathischen Kunst
werken und Natureindrücken. Für mich ist die Stärke und
das anhaltende Auftauchen der idealen Nachbilder geradezu
ein Maßstab des Eindrucks, welchen das Kunstwerk auf mich
gemacht hat; der sinnliche Eindruck beim Hören und Sehen
ist bei mir fast nie so stark wie die Wirkung des Erinne
rungs- oder des zu eigen gewordenen Phantasiebildes. Ich
hatte vorgestern Abends um die mitternächtliche Stunde
plötzlich Sehnsucht nach
meinem großen Saale, Todtenstille um mich herum, schlug
ich den dritten Theil auf, spielte ihn mir höchst unvollkom
men am Clavier durch und genoß dieses herrliche Werk mit
einer Wonne, wie ich sie nie bei einer Aufführung empfinden
konnte. So geht es mir auch oft mit Werken von
kein Orchester, kein Chor, kein Sänger kann mir das geben,
was ich da in der Stille höre, obgleich ich die Noten nur
zur Unterstützung meines Gedächtnisses vor mir habe und
nur selten das so meinem Ohr zuführen kann, wie ich es
innerlich höre. —
Taormina, 12. April.
18. Juni
Der arme König
Eitervergiftung sterben, so kommen auch jährlich einige
Irrenärzte durch die Irren um. Die Gewohnheit des Um
gangs mit den Kranken macht leicht tollkühn.
einen Moment vergessen zu haben, daß man wol einen
Löwen im Käfig bändigen, doch nicht in der Freiheit dres
siren kann. Der
Form des Irrsinns, die man „Verrücktheit“ nennt, ist eine
der merkwürdigsten und für Laien kaum verständlich. Wenn
zu braten und ihm ein Stück Roastbeef davon vorzusetzen
oder ein garnirtes Stück in
zu serviren mit dem Liebesmotiv des Ministers
gleich darauf wieder einen gewichtigen geistvollen Brief an
rechnung ausgeführt hätte, so wäre das in einem Irren
hause etwas ganz Alltägliches — im Schloß
staunt man darüber. Die Schlauheit, welche schon halb
blödsinnige Irre bei Selbstmordversuchen entwickeln, ist
oft stupend.
Alexandrien, März
Paris, 9. October
Frau
Frou
noch etwas Bier, Sherry-Cobler und einige Cognac im
Café de la Paix, und nun ins Hotel.
Tausend Dank für deine lieben Zeilen und alle deine
gütigen Besorgungen. Du wirst aus meinen diversen Be
stellungen ersehen haben, daß ich mich wieder einmal in
einem Anfalle des Verschwendens befinde; Alles kommt bei
mir anfallsweise: Sparsamkeit, Strenge, Ernst und Pflicht
und Tollheit und Verschwendung. Die goldene Mittelstraße
kann ich nur akademisch bewundern und empfehlen. Ich
fühle mich ganz besonders frisch und kräftig, und wenn nicht
ein Rückschlag beim Eintreten in meine
erfolgt, will ich versuchen, wieder etwas lustiger in diesem
Winter zu sein, als in den letzten Jahren.
Odessa, December
Januar
Das „
aber mit großem Vergnügen wieder gelesen. Es ist inzwischen
gedruckt, verboten und soll doch schon in irgend einer
Gesammt-Ausgabe
merkwürdiges Gedicht; merkwürdig auch in der Charakte
ristik
Dazu stimmt auch ein anderer Ausspruch von ihm,
den ich — ich weiß nicht wo — gelesen habe: „Man soll
nie eine Neigung zu einer Leidenschaft heranwachsen lassen.“
Danach könnte man fast meinen,
sinnbethörende Leidenschaft nicht gekannt, die er doch im
„
Er war ein Anderer in seiner Phantasie als im Leben; im
Leben wol meist
alt und ein
ein
Menschen und realen Menschen schon oft bemerkt bei Künst
lern. Johanna
Person im Leben, auf der Bühne von hinreißender Leiden
schaft. — — —
Dein heutiges Feuilleton. ... Was für ein guter
Mensch du doch bist! Es ist ein Glück, daß ich kein Kritiker
geworden bin. Ich könnte dem Reiz nicht widerstehen, von
meinem Talent, durch jedes Wort Tausende von Menschen
tödtlich zu beleidigen, den ausgiebigsten Gebrauch zu machen.
Es liegt doch etwas von einem Löwen oder Tiger in mir,
der sich im Blute wohl und stark fühlt.
März
Bin ich taub und blind oder sehe ich und höre ich
mehr, weil ich seltener höre und sehe? Kurz, ich hatte heute
einen recht traurigen Eindruck von dem Concert. Hermine S.
ist ein prächtiges, frisches Mädel, aber als Künstlerin scheint
sie mir in raschem Niedergang. Wie hübsch und geschmackvoll
sang sie im ersten Concert; der Gesammt-Eindruck war ein
künstlerischer. Wie manierirt und geschmacklos sang sie heute
oft: nur in wenigen Momenten konnte sie mir genügen.
Fast an jedem Liede hätte ich wesentliche künstlerische Aus
stellungen zu machen. Der Erfolg bringt sie herunter. Mich
interessirt die S. innerlich nicht genug, um ihr das zu
sagen; doch wäre es schade, wenn sich nicht ein wahrer
Freund fände, der es thäte. Wahre Freunde sind wie die
besten Frauen immer unausstehlich, weil sie es für Pflicht
halten, die Wahrheit zu sagen, und die Wahrheit ist vor
wiegend unangenehm. Ich bin auch schon auf dem Stand
punkte, daß mir die wohlwollende Convention genügt und
ich wenig auf die innere Wahrheit gebe. Wenn man älter
wird, genügt einem eine anständige Behandlung, und die
gewissenhaftesten Menschen werden unerträglich.
Entsetzlich war die Clavierspielerin; sie besaß alle Un
tugenden einer jungen Clavierspielerin im höchsten Maße:
unmusikalisch, werkelartige Technik, widerwärtigen harten
Anschlag, Unfähigkeit, die Töne zu binden. Das
Notturno
war ich damals jung und grün, jetzt alt und grau. Das
Stück vom
componirt. Und die sogenannte
scheuliche Hundemusik! Und so von einem Berber-Füllen
gespielt! Es ist gut, daß ich keine kritischen Feuilletons zu
schreiben habe. Wenn mir aber dieses Fräulein P. in die
Nähe kommt, amputire ich ihr beide Hände, wenn sie sich
auch daran verbluten sollte. Unsere Polizei ist doch mise
rabel, daß sie solche Mörderinnen frei umherlaufen läßt.
Zeit ist Leben! Ist es nicht ein Blödsinn, zwei Stunden in
dieser Hitze zu sitzen? Schon vorher die Sekkatur, bis man
die Garderobe abgelegt hat, endlich ein Programm erwischt
hat, die Billette zwischen den Zähnen, den Zehner in den
Händen, endlich den Sitz gefunden hat, auf dem man
sich giftet.
Die
mächtigen Eindruck gemacht; es ist wol sein bestes Orchester
werk, auch wol eines der genialsten und musikalisch inter
essanten der neueren Zeit überhaupt. — Es war Donnerstag
Abends reizend behaglich bei dir; mich hat es besonders
auch gefreut, Dumba in der Nähe zu sehen. Er ist doch
14. März
Wärst du nicht mein lieber
deine entschließende Energie und Thatkraft beneiden. Ich bin
seit etwa zwei Wochen von einer Apathie, die keine Grenzen
kennt; bis Mittag hält es allenfalls vor, um meine amt
lichen und ärztlichen Geschäfte zu erledigen; da mir dann
nach unserer neuen Eßstunde um 2 Uhr jede Ruhe fehlt
und nach schnellem Hinabschlingen einiger Speisen sofort die
Ordinations-Stunde folgt, bei welcher ich mich kaum auf
rechthalte vor Müdigkeit, und da ich nachher entweder
Examina oder ein Diner zu absolviren habe, so befinde ich
mich in der zweiten Hälfte des Tages in einem höchst be
jammernswerthen Zustande. Eine zeitlang rappelte ich mich
zusammen und täuschte mir vor, ich sei frischer als je; doch
nun ist es ganz aus, und ich fühle, daß eine force majeure
mich zwingt, eine zeitlang auszuspannen. Doch wie? Wann?
Was unternehmen? Des Entschließens Fähigkeit schien mir
fast abhanden gekommen; ich kenne mich nicht mehr. Da
kommst du mir als rettender Engel mit positiven Vor
schlägen, bestimmten Zwecken, Terminen. Ich ergreife das,
wie ein Sinkender einen Strohhalm faßt. Fixiren wir auf
alle Fälle „ Othello“ am 29. März in