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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
20. October
Siehe Nr. 10675 der „
Nr. 10685 vom 24. Mai und Nr. 10690 vom 29. Mai.
Ich nahm den „
Seiten fiel mir ein Ausspruch
der Thiere: „Sie unterscheidet sich dadurch von der mensch
lichen Sprache, daß sie sich nie in „Interjectionen“ äußert.“
Als ich dies zuerst las, fiel mir
als ich jetzt
guter Nero ein, beide augenblicklich höchst verständige, ge
sunde Menschen im Vergleich mit diesem nervösen Kläffer
solchen Blödsinn drucken zu lassen! „Zweite Auflage,“ das
ist allerdings ein Beweis unserer Decadence im literarischen
und künstlerischen Geschmack.
es morgen wieder reuig bekennen; er ist philosophischer —
verzeih’ das harte Wort — Schauspieler, wie er
einen musikalischen Schauspieler nennt.
6. Februar
Ein ordentlicher Mensch sollte doch eigentlich am Morgen
des Aschermittwoch einen ordentlichen Katzenjammer haben.
Leider ist das bei mir nicht der Fall, und so bin ich kein
ordentlicher Mensch.
Ich habe eine grenzenlose Sehnsucht „hinaus“. Mehr
als zwei Monate hält meine Spannkraft für Beruf und
Amt nicht mehr aus, dann muß ich wieder einige Wochen
„Mensch“ sein. Je älter ich werde, um so mehr kommt
mir unsere moderne Concentration auf einen Lebensberuf
und unser Specialitäten-Broterwerb als eine geistige Ver
krüppelung vor, etwa wie ein Zwerg mit einem Riesen
arm. — Daß mich armen fetten
eine Sphäre des Handelns hineingeworfen hat, ist doch brutal.
1. Juni
Ich hätte die „
nicht zu Ende gelesen, wenn sie mich nicht im Zusammen
hang einer gewissen Richtung unserer modernen Literatur und
Kunst interessirt hätte. Mir erscheint dies Buch als das
Product eines Geisteskranken, und es war mir interessant,
daß
ihn von seiner Professur in
jetzt, wie ich höre, wieder in einer Anstalt für Nervenkranke
ist. Die Stimmung, aus welcher das Buch geschrieben ist,
ist mir wohl bekannt. Ich habe sie auch durchgemacht, und
aus ihr stammen einige meiner Lieblings-Paradoxen, z. B.
„Die Lüge ist die festeste Basis der Moral“ oder „Der
Absolutismus ist die einzige vernünftige Staatsform, voraus
gesetzt, daß ich das Absolute bin“ u. s. w. Diese Freude
am moralischen, psychologischen, socialen Nihilismus liegt
hinter mir; es ist ein gar billiges Vergnügen, Alles zu ver
schimpfiren.
wenn er sagt: „Es ist ein Vergnügen für alle armen Teufel,
zu schimpfen; — es gibt einen kleinen Rausch von Macht!“
Er ist selbst so ein armer Teufel; impotent, etwas Posi
tives zu schaffen, verschimpfirt er Alles. Sein positives
„Kraftideal“ hat eine frappante Aehnlichkeit mit
und
Feind des Kritisirens und kritisirt Alles. Was er kritisirt
und wie er kritisirt, ist hundertmal besser und feiner gesagt.
Seine „
schaft mit dem berüchtigten Buch „
Beide sind schlechte Bücher. —
mich wundert, daß er sich entgehen ließ, für
men. Wie kann so ein ekler, gemeiner Kerl von „vornehm“
sprechen. Er möchte „
wird ihn als jungen
ewigen. Weil er „krank“ ist an Leib und Seele, hält er
alles Gesunde im Menschen für Krankheit, Fortschritt für
Decadence, Freiheit für Imbeciletät, alles Edle für Greisen
thum. — Das geistreich Paradoxe kann manchen jungen
Menschen verblüffen, halb Gebildete irremachen. Darum ist
er ein verderblicher, schlechter Mensch, gegen welchen, wie
gegen die ganze Richtung Alle, die es mit den Menschen
gut meinen, in geschlossener Phalanx Front machen müssen.
— Er kokettirt bald da, bald dort mit der Natur und den
Naturwissenschaften, und versteht doch nichts davon. Es ist
lächerlich, daß diese Art von Leuten ganz übersehen, daß
ebenso viel Gutes wie Schlechtes für das Kunstwerk der
menschlichen Gesellschaft aus dem Wesen der organischen
Natur des Menschen hervorgehen kann, und daß es darauf
ankommt, das Gute zu fördern und als Ideal zu erstreben,
im Sumpf des Schlechten möglichst wenig zu rühren, damit
die inficirenden Miasmen nicht aufsteigen. Seit ich
„
wie diese „
sieht und erfährt Jeder im Leben genügend. Das Gute im
Menschen zu zeigen und als Beispiel und Maßstab hin
zustellen, ist doch die edlere Aufgabe der Literatur und Kunst.
Die Aufdeckung des Guten im Menschen enthält ebenso viel
„Wahrheit“, wie die Aufdeckung des Schlechten. Schon lange
drängt es mich, für das Gute und Schöne der Menschen
eine Reihe von Essays in die Welt zu schleudern, doch ich
bin nicht stark genug, um zu sagen: „Was schert mich Weib,
was schert mich Kind!“ Ich muß vorläufig arbeiten, arbeiten.
Und würde ich alt genug, darüber hinauszukommen —
dann wird es mir an Kraft fehlen, zu sagen und zu ge
stalten, was so nöthig zu sagen wäre. Ich schrieb dir schon
früher einmal, daß dieser
bleibt, so oft er auch
sich an und seine Manneskraft. Es muß aber schwach damit
bestellt sein, sonst würde er nicht so viel davon reden.
Doch genug — vielleicht schon zu viel von diesem Kerl,
der überhaupt nur als ein gewisser ausgeprägter Typus
unserer Zeit Beachtung verdient.
Helenenthal bei
Tenorbuffo-Partie sehr lustig sein; auch erinnere ich mich
dunkel eines Ensemblestückes, das im Dunkeln spielt, und
daß es ein Verwechslungslustspiel älteren Geschmacks ist;
ich sah die Oper mit fabelhaftem Entzücken als Gymnasiast
in
in der Komischen Oper; mir schien, es fehlten hier damals
die richtigen Sängerschauspieler; doch war ich wol ein Anderer
geworden; und wie es heute in dem großen Hause wirkt oder
nicht wirkt, daran mag ich gar nicht denken; es hat doch etwas
Trauriges, wenn wir über Empfindungen, die für uns in
der Jugend zu den glücklichsten gehörten, im Mannesalter
mitleidig die Achsel zucken. So ist’s auch mit der Liebe und
vielem Andern. — Eigentlich sollten wir Alten über uns
selbst die Achsel zucken; denn es gibt gar nichts mehr für
uns, wofür wir uns so begeistern, in Haß oder Liebe so
erhitzen könnten, wie wir es oft genug um nichts in der
Jugend gethan haben. Eigentlich ist doch schließlich gleich
giltig, wodurch wir warm werden, denn das Hauptver
gnügen und das Glück besteht doch nur im Warm
werden selbst. Daß man immer schwerer warm wird,
Nun weiß ich, daß es für mich kein besseres und
schneller wirkendes Heilmittel gibt, als frische Luft.
mering
entschloß mich schnell für „Hotel Sacher“ im
und bin sehr zufrieden mit meiner Wahl. Schon gestern
Morgens wachte ich besser auf; heute geht es mir schon
ganz erträglich.
Gestern machten wir eine Fahrt nach
kleine, mit einer Art Kirchhofmauer umgebene Schloß (jetzt
kleines Kloster mit Capelle) liegt trostlos in einer unglaublich
reizlosen Gegend; es läßt sich in hiesiger Gegend kaum
etwas Nüchterneres denken. Und welche Stürme von Empfin
dungen sind in den Herzen von Tausenden von Menschen
mit elementarer Gewalt losgebrochen durch die erschüttern
den Ereignisse, welche sich in diesen faden, reizlosen Gebäu
den, in dieser nüchternen, kalten, gefühllosen Gegend ab
spielten. Es thut mir fast leid,
jeder Nimbus von tragischem Verhängniß, welcher den so
hochbegabten jungen Fürstensohn noch umgab, ist durch die
öde Prosa seiner Todtenstätte für mich fast verschwunden.
23. October
Endlich komme ich nach und nach wieder ins Geleise.
Meine Stimme ist so weit hergestellt, daß ich zwei bis drei
Stunden hinter einander vortragen und operiren kann. Auch
fange ich an, mich wieder daran zu gewöhnen, die Hälfte
des Tages mit kranken, hilfesuchenden und oft hoffnungslos
verlorenen Menschen zu verkehren, Wahrheit und Lüge so
mit einander zu wechseln, wie der routinirteste Theater-
Coulissenschieber die Decorationen wechselt. Meinen Schülern
nackte Wahrheit aus Pflicht — meinen hoffnungslosen
Kranken nackte Lüge aus Pflicht der Humanität.
Ach, ihr beneidenswerthen Menschen, die ihr nur der
Wissenschaft und Kunst leben dürft, diesen reizenden Deco
rationen unseres traurigen socialen Lebens! Am Ende meines
Aufenthaltes in
Stimmung, es könnte mir wol so wohl gehen wie euch, die
ihr euch doch nur meist um eure Empfindungen und Ge
danken kümmert. Doch kaum in meinen Wirkungskreis hieher
zurückgekehrt, schreit jede Stunde mir zu: Du fauler Kerl,
willst du an dich denken! Glaubst du denn, die Menschheit
hat dich umsonst auf deine Höhe gehoben? Du bist ihr
verfallen! — Unsichtbarer Chor aus dem „
Hoho! Der Adler ist dir nicht geschenkt! — Meine Schüler,
meine Collegen, meine Kranken und sonst noch so und so
viele Menschen, Alle schnappen nach mir und reißen ein
Stück von mir ab und Jeder will das beste Stück haben.
Als ich jung war, hatte ich Freude an dieser „Hetz“ des
Lebens. Jetzt bin ich ein müder Mann, der sich scharf selbst
in die Zügel nehmen muß, um seine Pflicht zu thun! —
Wie gern möchte ich jetzt oft Abends ein Buch lesen, mich
ans Clavier setzen, um mich zu zerstreuen, doch die phy
sischen Kräfte versagen. Ich habe ein unwiderstehliches Schlaf
bedürfniß und kann dann zum Glück noch mit einer Flasche
Gumpoldskirchner mich befriedigen.
Wien,
Ich habe vor einigen Jahren schon erklärt: „Ich bin
alt.“ So ist mir das „Altwerden“ erspart. Wenn sich gut
müthige Menschen zuweilen darüber zu täuschen meinen, so
ist das ja ganz lustig, ändert aber an der Sache nichts.
Und nun gute Nacht! In Einem Punkte fühle ich
immer ganz jung: in der herzlichen, unveränderten Liebe
zu dir!
16. Juli
Zuvörderst meinen wärmsten Dank für deine freund
liche Aufnahme meines Briefes über die „
rung
meinem inneren Menschen, daß ich mich kaum gleich in die
Stimmung jenes Briefes hineinversetzen kann. Wenn ich
behaupte,
das so; seine innerste Natur ist so mit der
wandt, daß er sich gar nicht von ihm loslösen kann. Dieses
fortwährende Schreiben von Aphorismen, dieser Salat von
Gutem und Schlechtem, von Ekelhaftem und Edlem, Geist
vollem und Gemeinem, dieser Gedankenschotter — ist das
nicht ganz
eine ganze Philosophie in Aphorismen geschrieben zu haben;
er nennt es eine neue philosophische That seines Geistes.
Ist das nicht ganz
logisch, künstlerisch zu gestalten, und erkennt nur das an,
was er kann, hält Alles, was er nicht kann, für dumm,
schlecht, servil, überwunden u. s. w. Ist das nicht
hält die gesunde Action für gemein; er phantasirt sich in
eine Vorstellung von Kraftideal hinein, bildet sich einen
brutalen Naturgötzen aus und ist selbst doch ohne alle eigene
Kraft, scheint auch gar nicht überlegt zu haben, daß die
menschliche Cultur diese Phase schon wiederholt durchgemacht
und überwunden hat. Die Sprachform eines Culturvolkes
zerstören und auf die ersten Anfänge der Sprache, auf starke
Interjectionen mit gehäuften Wiederholungen, auf die ersten
zusammenhängend isolirten Aphorismen zurückgehen wollen,
wie wir sie in den ältesten Schriften der Inder und Semiten
finden, als das Volk noch nicht reif war, geschlossene Ge
dankenreihen zu erfassen — kurz, die langsam und mühsam
im Laufe von Jahrtausenden erworbene schöne und breite
und große Formgestaltung für greisenhaftes Rückgangs-
Phänomen anzusehen — ist das nicht literarischer Wagne
rianismus in blödester Formlosigkeit: Weil ich nicht mit
kann oder nicht gleich weiß, wohin der Weg nun führen
wird, „d’rum ist Fortschritt Rückschritt“. Doch genug,
eigentlich schon zu viel über diesen falschen Propheten!
Abbazia, 9. Januar
25. April
Nur du kannst so liebe Briefe schreiben, wie ich heute
wieder einen von dir erhielt. Wir sehen uns viel zu wenig.
Die Schuld liegt an mir. In der Theorie und aus geschicht
lichen Studien bin ich längst zu der Einsicht gekommen, daß
die Weltseele der Menschheit ihren Entwicklungsgang nach
der Bestimmung eines unergründlichen Fatums geht, und
daß das Individuum daher vom Fatum zu Handlungen
benützt wird, wie es gerade kommt. Doch der Einzelne bildet
sich in der Gegenwart doch immer ein, zu schieben, wenn er auch
nur geschoben wird. In der Kunst glaube ich immer noch eher an
die Bedeutung von Individualitäten, als in der Wissenschaft.
Hellbrunn bei
St. Gilgen, 20. September
Deine freundliche Aufmunterung bei Gelegenheit meiner
brieflichen Bemerkungen hat denn doch endlich zu dem
Anfange einer Gestaltung von Ideen geführt, die mich
seit Jahren erfüllen. Ich schreibe augenblick einen Essay:
ist musikalisch
von Essays bilden, welche ich unter dem Titel: „Grübe
leien eines Spaziergängers am
möchte, falls sich die Dinge zu meiner Befriedigung ge
stalten. Vorläufig schwillt mir das Ding auf wie der
Pudels Kern wird auch nichts mehr als ein fahrender
Scholast sein. Doch das Ding macht mir Spaß; ob es auch
Anderen Spaß machen würde, ist freilich eine andere Frage.
Vorläufig befinde ich mich noch in einer ähnlichen Lage, wie
du sie einst von
Gedanken, sie jagen mich. (Ach, hätte ich die Leichtigkeit und
Plastik deiner Feder.) Wenn ich in die Tiefe tauchen will,
komme ich immer bald auf Untiefen, d. h. auf seichte Stellen.
— Ja, könnte ich den Winter hier bleiben, da würde sich
vielleicht etwas Fertiges gestalten. Doch die schönen Tage von
Schulmeisterei und die Praxis wol entbehren, doch nicht die
Wissenschaft und Kunst als melkende Kuh, da ich in socialer
Beziehung immer noch zu den Säuglingen gehöre und für
mich und die Meinen viel Nahrung brauche.
8. Juli
Von mir weiß ich so viel wie nichts; ich habe immer
nur für Andere zu denken und zu thun. Gar keine Stim
mung, höchst selten erfreuliche Momente. — Und doch!
Sonntag war ich mit fünf von meinen jungen Leuten auf
der
aus der Höhe auf die kleine Welt herabzublicken, von Wolken
umgeben, auch vom Sturme gepeitscht; es hat etwas Er
frischendes, Erhabenes! Meine Gefährten haben wie für
ihren Vater um mich gesorgt; auch das war schön, zuweilen
rührend. Sie kamen mir wie fünf gute Narren mit König
eigenen Reiz wie in meiner Jugend, darin meine Kräfte
bis aufs Aeußerste anzuspannen. Auch die
abgelaufen.