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Maschinenlesbares Transkript der Kritiken von Eduard Hanslick.
St. Gilgen, 22. Mai
vorbereitet auf das göttliche Nirwana! Daß das Schicksal
meine blöde, grüblerische
Posten gestellt hat, wo ich das treibende, agirende Element
sein soll? Ich bin hier von den vielen schönen Tagen ganz
verweichlicht und verspüre einige Aehnlichkeit mit
Daß keine
ist mir lieb, doch aus den Zaubergärten der hiesigen Natur
ruft mich nur der silberne Schild der Pflicht! Der Ge
danke, den ganzen Sommer hier zu verdämmern, wäre mir
nicht unerträglich. Certum signum senectutis. Gockel und
Familie hat mich sehr belustigt. Die
habe ich zum größten Theile gelesen oder durchgeblättert.
Wenn man über alle Künste und Literaturen Essays drucken
läßt, kann’s wol nicht immer ersten Ranges sein. Zugleich
las ich
Beide Bücher haben doch wieder den Gedanken lebendig
gemacht, welche bedenkliche Abgötterei wir doch mit unserem
Geist und unseren Empfindungen treiben. Die Reaktion kann
nicht ausbleiben. Die Anbetung des Individuums wird
schwinden, damit der Heroismus auf allen Gebieten der
Kunst, Wissenschaft und Geschichte. Numerische Gleichheit
der Individuen, das höchstmögliche Glück der Einheit bei
Nivellirung des Gesammt-Niveaus, nichts allzu hoch, nichts
allzu tief; das Hohe köpfen, den Schlamm heben, das ist
das Ideal der jetzigen jungen Generation. Ich sehe eine Zeit,
wo Kunst und Wissenschaft gleich der Religion als etwas
Veraltetes, historisch wol Interessantes, doch Todtes, nicht
mehr Erweckbares betrachtet werden: eine Republik des Ver
standes und des materiell Praktischen, die nichts über Mittel
maß duldet, und Jeden, der klüger oder besser als der
Andere erscheint, sofort köpft. Ich bin froh, das nicht mehr
zu erleben. Wir lebten in einem großen Zeitalter, in einem
goldenen Zeitalter.
St. Gilgen, 26. September
Jahre habe ich hier und in
Manuscript zu Papier gebracht:
und Psycho-Physiologie des Musikalischen
ein Jahr; nun nahm ich es hier wieder vor. Das erste
Capitel „Ueber den Rhythmus als eines der wesentlichsten,
mit dem Organismus des Menschen innig verbundenen
Elemente der Musik“ passirte meine Kritik leidlich, so daß
ich es ins Reine schrieb. Auch der Anfang des zweiten
Capitels: „Ueber die Beziehungen von Tonhöhe und -Tiefe
zum menschlichen Organismus“ war noch erträglich. Doch
dann kamen die Fragen: Sprache, Gesang, Vocale, Ober
töne. Ich ward unsicher über die Richtigkeit einiger Sätze.
So fing ich an, in
eine Excursion in
wieder zu
die gegenüber der ersten Auflage, die ich früher studirte,
doch viel Neues enthält. Mit den Vocalen, Obertönen,
Sprache etc. kam ich ins Psychologische, in die Entwicklung
der Sprache und des Gesanges beim Kinde und so in
mentaler Bedeutung. Ich will ja nichts Gelehrtes schreiben,
sondern nur den Dilettanten in diesen Dingen die Illusionen
abschütteln. Beruht das Componiren auf einem Act, der
mehr den Hallucinationen oder Illusionen zugehört? Dies
führte mich wieder zu einem Buche über Hallucinationen,
über Schlaf, Träume etc., ja in die Geisteskrankheiten hinein.
Ich möchte nicht einen Satz schreiben, der eine Unklarheit
über diese Dinge verräth, nicht ein Wort falsch oder für
den Kenner zweifelhaft anwenden. — Nun habe ich so viel
Vorzügliches gelesen, daß ich mich gar nicht traue, mein
Manuscript vorläufig weiter anzusehen. Du siehst, lieber
bin. Bei Anderen gehe ich leicht über Ungenauigkeiten hinweg,
wenn mich die Persönlichkeit des Schriftstellers anzieht; ich
nehme bei mir jeden Satz bleiern schwer. So wird wol
nichts aus meinem projectirten Essay werden. Schadet
nichts! Wenn es nothwendig ist, wird es doch geschrieben,
von irgend einem Andern. Was in einer Zeit Einer denkt,
denken Hunderte mit ihm; es liegt in der Luft; es ist, weil
es den Zeitumständen und den Verhältnissen nach sein muß.
Einer wird es in eine zeitgemäße Form kleiden. Wer es ist,
ist für später ziemlich gleichgiltig. Die Persönlichkeit ist nur
etwas in der Gegenwart; in der Geschichte ist sie nur ein
kleines Moment einer Bewegung, die vor sich geht, weil sie
den Umständen nach vor sich gehen muß. Du siehst, ich bin
Fatalist in Betreff der Fortentwicklung der Menschheit. Im
Uebrigen, meine ich, darf der Mensch, wenn er seine Schul
digkeit gegen die Anderen gethan hat, in seinen Mußestunden
thun, was ihn freut. So ist das Grübeln und Gestalten
meine einsame Freude, mein Vergnügen; wenn auch gar
nichts dabei herauskommt, so trägt es doch zur Erweiterung
des Ichs bei, und das ist wieder eine Freude, die einsam
genossen werden will und freilich zur inneren Einsamkeit führt.
Ich hatte auch manche belletristrische Sachen mit; auch
Manches von
nicht viel; der Humor muß dabei schon sehr hervorragend
sein, wenn er mich über das ekelhaft Exotische hinweggleiten
lassen soll. Wenn ich schon meine Zeit hergebe, um mir von
Einem etwas erzählen zu lassen, so muß es schon etwas
ganz Besonderes sein. Es geht mir fast schon wie
parzer
sagte: „Was soll ich armer alter Mann den ganzen Tag
thun? Schreiben kann ich nicht mehr. Lesen? Ja, alle guten
Bücher habe ich wiederholt gelesen: — nun soll ich auf
meine alten Tage die schlechten Bücher lesen! Das ist
doch zu hart!“
17. October
Es ist ein eigen Ding mit dem Lachen und behaglichen
innerlichen Lächeln über Bücher, Vorkommnisse und Men
schen. Von tausend Menschen, welche über dasselbe weinen,
werden kaum fünfzig über dasselbe lachen. Das Pathetische,
Großartige, Gewaltige, uns Niederdrückende, der schmerzliche
Kampf ums Dasein bis zum Tode scheint in der gesammten
Natur selbst zu liegen. Das Komische und Lustige ist rein
menschlich, constitutionell, sein Ausdruck wechselt mit den
verschiedenen Zuständen der geselligen Verhältnisse, ja mit
dem Alter und den labilen Stimmungszuständen des Einzelnen.
26. November
Ich will es gar nicht leugnen, daß mich der Gedanke,
zum erstenmale in unserem Herrenhause zu sprechen, so
lange aufgeregt hat, bis es geschehen war, und daß ich Alles,
was ich sagen wollte, gut durchdacht hatte; daneben liefen
alle meine anderen täglichen Berufsgeschäfte, und da sah es
manchmal recht wüst in meinem Kopfe aus. Doch ich glaubte
es meinen Collegen und meinem Stande schuldig zu sein,
für sie einzutreten, wozu sich ja sonst so wenig Gelegenheit
bietet. — Ob das, was ich gesprochen, den „Herren“ ge
fallen hat, weiß ich nicht; jedenfalls war es während der
drei Viertelstunden, die ich gesprochen habe, so mäuschenstill
in dem sonst sehr unruhigen Hause, wie ich es bisher kaum
erlebt habe. Es war wol die Neugierde, einen „neuen“
Mann sprechen zu hören.
4. December
Du verziehst mich schrecklich. Wie sonderbar doch das
Leben ist. Ich hätte nie geglaubt, daß ich je in unserem
Parlamente eine persönliche Stellung einnehmen würde, auch
Einer dort sein könnte. Doch scheint es nach beiden ersten
Reden fast so. Ich bin jetzt doch etwas nervös geworden,
mehr durch die langweiligen Delegations-Sitzungen, als durch
schlaflose Nächte, in welchen ich als Vorbereitung zu meiner
zweiten Rede noch einmal die ganze Zeit von
lebte, Abends vorher Kriegskarten studirte; um 6 Uhr Diners.
Nun habe ich genug davon und sehne mich schon nach
10. December
Ich schicke dir beiliegend meine beiden Reden; vielleicht
freut es dich, sie durchzusehen, sie sind ein Stück von mir.
Du magst sie behalten, wenn du willst. Ich lege von den
zahllosen Ausschnitten aus ausländischen Zeitungen zwei bei,
die dich vielleicht amüsiren werden.
Vielleicht schreibe ich am
meiner
bis dahin schon längst in irgend einer Launenhaftigkeit still
geworden. Mir ist manchmal zu Muthe, als würde ich die
nächste Stunde nicht erleben. Thut nichts! — Habe mich
lieb und behalte mich lieb, todt oder lebendig; man wird
mich mit viel Liebe begraben. — Vielleicht kommt es anders.
26. Januar
Mit Rührung habe ich heute gelesen, was du über den
alten Soldatensänger
sehr lieb von dir. Seine kunstvolle und doch wieder naive
Art des Singens hat mich sehr interessirt. Ich habe die
Empfindung gehabt, daß man gerade so zu
sang: in erster Linie rein musikalisch, nur um zu
singen und singen zu hören.
Auffassung, Seele, künstlerische Noblesse. Ich weiß nicht, ob
das wirklich so besonders vorwiegend von
war; ich meine immer, wir modernen Menschen verbinden
viel zu viel allerlei Dinge und Gedankenbilder und Gefühls
extreme mit der Musik vor
den Meisten nicht, sie soll jetzt immer mit anderen Dingen
verquickt sein, und wo dies nicht sein kann, sucht der Spieler
oder Sänger durch besondere Vortragsart unsere Aufmerk
samkeit von der Musik auf sich, auf seine sogenannte Auf
fassung zu lenken. Das Hören und Empfinden des einfach
musikalisch Schönen und die abstracte Lust daran scheint mir
sehr in Abnahme begriffen. Das Interessante ist der Feind
des Schönen. Das Schöne und Schönste kann nicht wol
interessant sein, ebensowenig wie das Gute und Beste. Das
absolut Schönste und Beste wird wie Gold immer lang
weilig sein, weil es eben das Schönste und Beste ist, das
Interessante aber den Wechsel von Schön und weniger
Schön involvirt.
Aussee, 2. October
Ich habe es nie für wahrscheinlich gehalten, daß man
dem
zu ernennen. Wir stehen als Universitäts-Professoren, als
Lehrer des zukünftigen
außerhalb der Beamtenwelt. Wir sind nur unserem Gewissen
verantwortlich, und da gibt es keine Rangstufen, denn vom
Gewissen zur Niedertracht ist nur Ein Schritt. — Du hast
in deinem letzten Briefe darüber ganz meine Empfindungen
ausgesprochen. — Die Verleihung des Ehrenzeichens (oder
wie es im Gelehrtenmunde heißt, des „Goldenen Vließes“
für Kunst und Wissenschaft hat mich sehr gefreut, weil es
mir gebührt. Es liegt gesunder Menschenverstand, also die
allerhöchste Auszeichnung in dieser Auszeichnung.