Neueste
Liszt-Literatur.
(Lina
Ramann. La
Mara.)
Ed. H. Fräulein Lina Ramann hat endlich ihre ge
waltige Liszt-Biographie zum Abschluß gebracht.
„Franz Liszt“ von L. Ramann. Zweiter Band, zweite
Abtheilung. (Leipzig, bei Breitkopf & Härtel, 1894.)
Eine
Regung schämiger Verlegenheit über dessen beispiellose Auf
bauschung mag sie bewogen haben, den mehr als fünf
hundert Seiten füllenden dritten Band als „zweite
Abtheilung des zweiten Bandes“ zu bezeichnen. Auch den
aufrichtigsten Verehrern Liszt’s dürfte die Lectüre dieser
drei Bände eine recht mühselige Unterhaltung gewähren.
Es ist ein apologetisches Buch im kühnsten Sinn des
Wortes, geschriebener Götzendienst. Wer sich der Verzückung
erinnert, mit welcher im ersten Band das kleinste Clavier
stücklein Liszt’s bewundert worden, der konnte darauf gefaßt
sein, daß Fräulein Ramann bei den Symphonien und Ora
torien der Athem ausgehen werde. Für sie ist eine Variation
in Liszt’s Opernphantasien „ein aufgefangener Strahl des
Prisma des Geistes“, und hat das „mächtige Crescendo“
darin nur noch seinesgleichen bei — Michelangelo!
Den kritischen Theil ihrer Arbeit hätte die Verfasserin sich
beinahe ersparen können, indem sie unter ein Verzeichniß
sämmtlicher Liszt’scher Compositionen einfach schrieb: Alles
im höchsten Grade bewunderungswürdig, genial, vollendet,
„bahnbrechend“ und „reformatorisch“. Die peinliche Um
ständlichkeit der beiden früheren Bände war für den dritten
freilich schwer beizubehalten, sollte dieser nicht mindestens
tausend statt fünfhundert Seiten füllen; es mußten nament
lich die langen historischen Excurse zu Gunsten der musi
kalisch-kritischen Beleuchtung eingeschränkt werden. Der
weitaus größte Theil dieses neuen Bandes behandelt die
Weimar’sche Periode von 1848 bis 1861. Als Introduction
dient eine Charakteristik der Fürstin Caroline Wittgenstein.
(Warum sie in einem deutschen Buch stets „Carolyne“
genannt wird, ist mir nicht klar.) So kühl und ab
günstig die Verfasserin im ersten Band von der
Gräfin d’Agoult, der Mutter von Liszt’s Kindern,
gesprochen hatte, so enthusiastisch preist sie jetzt die Fürstin
Wittgenstein — die Frau, „welche Liszt seiner hohen Be
rufung zum Componisten zuführte“! „Ihre, wenn
auch oft phantastischen, aber immer idealgetränkten Ge
danken über die Instrumentalmusik wirkten wesentlich hiebei
mit; insbesondere da, wo sie wie eine religiöse Naturgewalt
den Punkt im Wesen Liszt’s trafen, der, zurückgehaltene
Gluth, nur wahlverwandter Berührung bedurfte, um sich
zum Kunstwerk zu entzünden.“ Aus dem Qualm dieser
Rede entwickelt sich, daß Liszt die Anregung zu seiner
Dante-Symphonie der Fürstin verdankte. Höchst charakteri
stisch für Liszt’s Musikanschauung und Methode ist es, wie
er sich die Form dieser Composition gedacht hat. Man höre:
„Das von Gropius in Berlin kurz vorher zur künstle
rischen Höhe vervollkommte Diorama hatte Liszt wie die
Fürstin solchermaßen beeindruckt (!), daß der Gedanke bei
ihm wie bei ihr auftauchte: in der Verbindung des
Diorama mit der Musik müßte der letzteren noch
ungeahnte Wirkung erstehen. Die Malerei sollte in Bildern
dioramaartig die Symphonie begleiten und der Gesang
— ein Chor am Schluß des Werkes — die Krönung der
Leiden in der errungenen Seligkeit, in dem mystischen
Magnificat verkünden.“ Diese von L. Ramann bewunderte
„große Idee“ war Liszt durch äußere Verhältnisse aufzu
geben gezwungen. Ich möchte es eher ein Glück für Liszt
nennen, daß er ein so ganz unkünstlerisches, dilettantisches
Vorhaben unausgeführt lassen mußte. Die Dante-Symphonie
erfährt in einem späteren Capitel natürlich die genaueste
Analyse — aber von dem bloßen Entwurf dazu kann die
Verfasserin schon in der Einleitung sich nicht trennen.
„Dieser Entwurf,“ sagt sie, „weist auf den Stand der
geistigen Sonnenuhr des Componisten hin, deren
Zeiger in der That nach den Höhenpunkten hinweist, die
seit Jahrtausenden Intellect und Phantasie der Denkbe
flissenen beschäftigt haben, zu denen aber eine Leiter zu
bauen nur der kirchlichen Dogmatik gelingen wollte.“ Endlich
bildet dieser vielbesprochene „ideelle Entwurf der Dante-
Symphonie auch noch „gleichsam den geistigen Vermälungs
ring“ Liszt’s mit der Fürstin Wittgenstein“.
Nach einer detaillirten Beschreibung der „Altenburg“
behandeln vier Capitel „Liszt’s bahnbrechende und
reformatorische Thätigkeit als Dirigent“.
(„Auf seinem Dirigentenpulte lagen bereits auf
geschlagen die großen Partituren und die musikalischen
Reform-Ideen der Zeit.“) Es folgen als weitere Capitel:
Liszt als Lehrer der reproducirenden Künstler, Liszt als
Schriftsteller, Liszt’s Compositionen deutsch-natio
naler Richtung (vier Capitel), Liszt’s Ungarische
Musik, Die symphonischen Dichtungen, Neue Schöpfungen
für das Clavier, Liszt’s Eintreten in die kirchenmusikalische
Reform und Abschluß der Weimar-Periode. Wer L. Ramann’s
unabsehbare Analysen der symphonischen Dichtungen oder
der Kirchen-Compositionen liest, worin theils mit über
schwänglicher Sentimentalität, theils in dem trockenen philo
sophischen Hegel-Jargon Brendel’s die tiefe Bedeutung jedes
Tactes ausgegraben wird — der behält wol für sein Leben
lang einen unüberwindlichen Widerwillen gegen alle poetisch-
philosophische Musikbeschreibung und Nacherzählung.
So heißt es z. B. über eine Stelle im ersten Satze der
„Faust“-Symphonie: „So schweben Physis und Psyche, von dem
Gewinde der Violinen umschlungen, in noch ungelöstem geheimniß
vollen Bunde der Einheit dahin. Nur ein Moment — die Sehnsucht
reißt das Band und schwillt zu heftiger Erregung, der das Motiv II
zur Folie dient, es schwillt zu leidenschaftlichem Strom, um, plötzlich
gedämpft, nur noch ein nachzitternder Schatten zu sein, in den eine
Willenszuckung gewaltsam hineintritt, sich wiederholt und dann in
kurzem, aber zwingendem Anlaufe sich zum fünften Thema zusammen
ballt. Auf Dreiklänge gestellt, mit diesen in sich gefestigt bis zur
Großheit, scheint nun der sich zum Uebermenschlichen emporreckende
Faust, den weicheren Regungen trotzend, sich von ihnen abzuwenden:
der weltliche Dreiviertel-Tact des Themas gibt dieser Groß
heit eine andere Richtung“ u. s. w.
Das
fünfte Buch behandelt die letzten Jahre Liszt’s mit den
Hauptstationen Rom, Weimar, Budapest. Hier durften wir
hoffen, Neues zu erfahren, insbesondere über die lange vor
bereitete und dann in zwölfter Stunde gescheiterte Ver
mälung Liszt’s mit der Fürstin Wittgenstein. Die Verfasserin
weiß jedoch über diese merkwürdige Begebenheit nichts Anderes
zu berichten, als was La Mara bereits in der
Münchener Allgemeinen Zeitung vom 22. October 1893
(„Liszt und die Fürstin Wittgenstein“) nach Mittheilungen
aus dem Munde der Fürstin selbst veröffentlicht hat. —
Der Hauptsache nach verlief dieses Drama folgendermaßen:
Die Fürstin Wittgenstein hatte Liszt 1847 in Odessa kennen
und lieben gelernt. Sie zerriß die nur noch äußeren Bande,
die sie an den ungeliebten Gatten ketteten, und verließ mit
ihrer zehnjährigen Tochter, Prinzessin Marie, Rußland, um
sich auf der Altenburg bei Weimar, einer Besitzung der
Großherzogin, niederzulassen. Auch Liszt bezog einen Flügel
desselben Schlosses. Die Fürstin hatte bei der geistlichen
Behörde in Rußland eine Scheidungsklage eingereicht, auf
deren Erledigung sie, die Katholikin, viele Jahre lang harren
mußte, während ihr Gemal, als Protestant, die Lösung des
Ehebundes leicht erlangte, auch bald eine zweite Heirat schloß.
Im Frühjahre 1860 reiste die Fürstin nach Rom, um da
selbst die bisher noch immer vergeblich erstrebte Lösung ihrer
Ehe persönlich zu betreiben. Endlich gelang es ihr, über die
Intriguen der ihr feindselig gesinnten polnischen Anver
wandten zu siegen: der in Rußland geführte Scheidungs
proceß wurde zu ihren Gunsten entschieden, und der Papst
ertheilte seine Sanction. An Liszt’s Geburtstag, dem
22. October 1861, sollte in Rom in aller Stille die Trauung
stattfinden. Alles war dazu bereit. Da eilte die fromme
Fürstin Odescalchi, eine Polin von Geburt, nochmals zum
Papst mit der dringenden Bitte, den „Meineid“ der Fürstin,
wie sie es nannte, in letzter Stunde noch zu verhindern.
Pius IX. wurde erschüttert, verlangte schleunigst die Proceß
acten zu nochmaliger Prüfung und befahl einen Aufschub
der Trauung. Von einer Art abergläubischer Scheu erfaßt,
verweigerte die Fürstin die verlangten Acten. Ihr durch
vierzehn lange Jahre so heiß erstrebtes Ziel schien nun
wieder in unbestimmte Ferne gerückt. Als bald darauf, im
März 1864, ihr Gemal Fürst Nikolaus Wittgenstein starb,
stand ihrer Vermälung mit Liszt freilich nichts mehr im
Wege. Sie verzichteten jedoch. Es war, als ob die Beiden
sich gesagt hätten: Jetzt freut es uns nicht mehr. Die
Fürstin war fromm geworden, trieb theologische Studien und
schrieb kirchenpolitische Schriften, und Liszt wurde Abbate.
Weit besser als aus den redseligen drei Bänden der
Lina Ramann lernen wir Liszt aus einem schmächtigen Buche
kennen, das den Titel führt: „Franz Liszt’s Briefe
an eine Freundin“, herausgegeben von La Mara.
(Leipzig, 1894, Breitkopf & Härtel.) Liszt zeigt sich hier von
der liebenswürdigsten und edelsten Seite seines Charakters,
aufrichtig und unbefangen. Diese vertrauten Briefe um
fassen 31 Jahre seines Lebens; sie beginnen mit dem April
1855 (also um die Zeit, da Liszt als Componist großer
Tondichtungen hervortrat) und enden im Juli 1886, wenige
Wochen vor seinem Tode. Und wer ist die Freundin, die
sich eines so langen, ununterbrochenen Briefwechsels mit
Liszt rühmen durfte? „Der Name thut nichts zur Sache,“
sagt uns Frau La Mara. Schade! Wir ehren so discrete
Verschwiegenheit, möchten sie aber dennoch beklagen im
Interesse der ungenannten Freundin selbst. Denn eine hoch
begabte, geist- und gemüthvolle Dame mußte es sein,
welcher Liszt unwandelbar so rührende Theilnahme, Sorg
falt und Offenherzigkeit bewahrt hat. Wir erfahren aus dem
kurzen Vorwort nur so viel, daß Madame X. eine zeitlang
in WeimarLiszt’s Unterweisung genoß und dann über
Paris nach Brüssel zu ihren Angehörigen zurückgekehrt ist.
In mißliche Vermögensumstände gerathen, wollte sie an
fangs durch Clavierunterricht ihren und ihrer zwei Söhne
Lebensunterhalt gewinnen, betheiligte sich aber bald am Be
rufe ihres Vaters bei diplomatischen Missionen und der
Redaction politischer Zeitschriften. Ihre Beziehungen setzten
sie in den Stand, Liszt über Constellationen und Vorkomm
nisse der europäischen Politik zu berichten, noch bevor die
selben öffentliches Gemeingut geworden waren. So füllen
denn abwechselnd rein persönliche, musikalische und politische
Mittheilungen diese durchaus in französischer Sprache ge
schriebenen Briefe. Aus Liszt’s musikalischen Urtheilen inter
essirte uns zumeist das über Schumann’s Oper „Genovefa“.
„Sie wissen,“ schreibt Liszt im April 1855, „daß mir selbst
die Dummheiten geistreicher Leute lieber sind, als der Geist
der Dummen, und gewisse Fehler angenehmer, als gewisse
Tugenden. In diesem Sinne gibt es verfehlte Werke, die
viel werthvoller sind, als andere wohlgelungene und sehr
erfolgreiche. „Genovefa“ steht unter jenen in erster Linie und
wird eine selbstständige Bedeutung behaupten in der Ent
wicklung der deutschen Oper. Seit mehreren Jahren hören
wir bei allen Opern-Novitäten die stereotype Anklage gegen
das Textbuch. Seltsam, daß Schumann, welcher andere Opern
texte so gut kritisirte, fast in dieselbe Schlinge gefallen ist.
Der Stoff hätte legendenhaft behandelt werden müssen, zart,
eigenartig, der katholischen Phantasie entsprechend. Vor Allem
durfte das erste Element des musikalischen Dramas, die
Leidenschaft, nicht fehlen, ohne welche der ganze Rest
überflüssig ist. Die Musik kann schlechterdings der Leiden
schaft nicht entbehren. Sie ist ihr Lebensnerv, mehr noch
als das Geld für die Kriegführung. Dieser Nerv hat
Weber gerettet und ihm einen eigenen Platz gesichert neben
den in scheinbarem Wissen und zurückstrebendem Classicis
mus eingesargten deutschen Componisten seiner Epoche. Bei
Schumann erreicht die Leidenschaft selten jene Momente
höchster Steigerung, wo sie augenblicklich aufblüht in Aller
Herzen; man könnte sagen, sie zog sich krampfhaft in seinem
eigenen zusammen — „und dann summt und brummt er
so dahin, wie ein specifisch musikalisches Spinnrad.“
(Die letzten Worte sind auch im Original deutsch.) Trotz
dem verdient Schumann die höchste Beachtung, und man
muß ihn gut studiren, wenn man wissen will, was seit einem
Dutzend Jahren an vornehmster und bester Musik gemacht
wird. Joachim sagte mir sehr richtig von ihm: er ist von
allen Componisten derjenige, der am meisten und am natür
lichsten Musik denkt. Das ist etwas, ist sogar viel, aber
es ist nicht das Ganze in einer Kunst, welche noch über
das Ganze hinaus streben soll.“
Ueber sich selbst, seine künstlerische Thätigkeit und
Richtung, macht Liszt der Freundin manch werthvolles Be
kenntniß. Das Unterrichtgeben wird ihm bald lästig, so Aus
gezeichnetes er als Lehrer geleistet hat. „Ich bin es höchlich
müde, zu lehren, was sich thatsächlich nicht lernen läßt —
und das ist gerade das Allerwesentlichste in der Musik.
Deßhalb bin ich sehr taub gegen die Pianisten beiderlei Ge
schlechts, welche sich massenhaft bei mir anmelden, und habe
jetzt meine kleine Bande auf vier bis fünf reducirt.“ Von
seinen Werken spricht Liszt mit der ihm eigenen liebens
würdigen Bescheidenheit, die sich nur selten Aeußerungen
stolzen Selbstgefühles gestattet. Ein Wort von Bayle, welcher
den Ehrgeiz „eine heilige Krankheit“ nennt, hat sich ihm tief
eingegraben; doch nennt Liszt diese Krankheit „mehr als
heilig, nämlich göttlich, und sie hat einen einzigen Arzt,
Christus, und eine einzige Arznei, das ewige Leben.“ Voll
Bewunderung spricht Liszt von dem Schauspieler Dawi
son. „Das ist ein großer Künstler; seine Virtuosität hat
einige Verwandtschaft mit der meinigen. Er ist schöpferisch
im Reproduciren. Seine Auffassung des „Hamlet“ ist voll
ständig neu.“ Am häufigsten und entscheidendsten betont
Liszt seine Mission als Kirchencomponist. Im Jahre 1856
schreibt er aus Wien: „Ich habe eine feste Stellung ge
nommen als religiöser und katholischer Componist. Denn
da liegt ein unbegrenztes Feld für die Kunst, das zu be
bauen ich den Beruf in mir fühle. Ich hege die volle
Zuversicht, daß ich in drei bis vier Jahren vollständig werde
Besitz ergriffen haben von der Domäne der geistlichen Musik,
welche seit 20 Jahren nur von Mittelmäßigkeiten beherrscht
wird. Diese werden mir freilich vorwerfen, daß ich keine
religiöse Musik mache — was richtig wäre, wenn ihre
Dutzend-Marktwaare diesen Namen verdiente.“ Aus Rom
schreibt er im Jahre 1861: „Ich kümmere mich nicht um die
Verbreitung meiner Sachen und übe die sonderbare Tugend,
welche die Väter Jesuiten die „heilige Gleichgiltigkeit“ nennen.“
Wenn sein Mephisto-Walzer in Brüssel einen schlimmen
Erfolg haben sollte, was Liszt vorauszusehen scheint, so
werde ihn das nicht kränken. „So wie Velasquez, ohne an
seine Tadler ein Wort zu verlieren, sich begnügte, seinen Namen
unter das angefochtene Bild zu setzen, so habe ich für mein
Werk keine andere Prätension, als die, es geschaffen zu haben.“
Von Richard Wagner spricht er sehr oft und immer
mit derselben Liebe und Bewunderung. Seitdem Liszt durch
die erste „Lohengrin“-Aufführung in Weimar dem Freunde
die Ruhmesbahn geebnet, wird er nicht müde, für ihn zu
wirken, zu schreiben, zu sorgen. Daß dies nicht immer leicht
war, bestätigt (1861) ein Stoßseufzer Liszt’s: „Es liegt mir
sehr auf dem Herzen, die Correspondenz mit Wagner wieder
aufzunehmen. Gewiß kann Niemand ihm ergebener sein als
ich. Ich möchte auf eine oder die andere Art ihm gute
Dienste erweisen, unglücklicherweise verfüge ich nicht über die
hiezu nothwendigen Mittel. Er braucht durchaus viel Geld;
woher es nehmen?“ Liszt bemüht sich um die Aufführung
des „Tristan“, um das Schicksal des „Tannhäuser“ in Paris,
um die Amnestirung Wagner’s, um die Decorirung des
selben mit dem Weimar’schen Falken-Orden u. s. w. Das
geht so fort bis zu Wagner’s Berufung nach München,
seinem plötzlichen Glückswechsel. Da hört Wagner auf, zu
schreiben. „Seit mehr als zwei Jahren,“ berichtet Liszt,
„habe ich kein Lebenszeichen von Wagner! Aber da er
glücklich ist, freue ich mich dessen und halte ihn mir gegen
über für quitt.“ Und ein Jahr später: „Seit vier Jahren
hat meine Correspondenz mit Wagner aufgehört.“ Liszt sagt
das, ohne zu klagen oder anzuklagen, aber im Zusammen
hang mit früheren Briefen fühlt man heraus, wie weh es
ihm thut. „Von allen Lastern halte ich Undankbarkeit für
das häßlichste,“ schreibt Liszt in einem anderen Briefe an
die Freundin.
Liszt’s werkthätige Freundschaft, sein Zartgefühl und
prunkloser Wahrheitssinn zeigen sich, den ganzen langen
Briefwechsel hindurch, in immer gleichem schönen Licht.
Ueber den ersten Briefen scheint mir der Nachglanz einer
zärtlicheren Neigung zu liegen. Später verwandelt sich das
Du seiner Ansprache in Sie, aus „Chère enfant“ wird
„Chère bienveillante amie“, und die frühere geheimnißvolle
Unterschrift „A. A.“ weicht dem vollen Namen „Franz
Liszt“. Schwärmerisch religiöser Sinn dictirt ihm meistens
die Schlußworte: „Priez pour moi!“, „Laisse-moi te
bénir“, „Prions Dieu qu’il nous accorde cette foi, qui
sauve“ etc. In den späteren Briefen vermissen wir diese und
ähnliche Wendungen. Erst in Rom (1863 bis 1865), wo
sich Liszt für den geistlichen Stand vorbereitet, tritt sein
katholischer Glaubenseifer wieder merklich hervor, ja derselbe
scheint aus der Entfernung auf die Freundin abzufärben;
muß ihr doch Liszt einen vom Papst selbst geweihten Rosen
kranz versprechen. Am 1. Mai 1865 meldet er ihr, daß er
in der Capelle des Cardinals Hohenlohe die niederen Weihen
empfangen habe. Sie brauche nicht zu erschrecken, ihn im
geistlichen Gewand wiederzusehen, denn er trage es, wie
man ihm schmeichelhaft versichert, als hätte er niemals ein
anderes Kleid angehabt. „Ich fühle mich darin vollkommen
wohl und so glücklich, als ich es zu sein vermag.“
Fräulein La Mara (Marie Lipsius) hat sich durch
die Herausgabe dieser Briefe den Dank Aller verdient, die
sich für Liszt’s merkwürdige und sympathische Persönlichkeit
interessiren — und wer thäte das nicht? Wir hatten wieder
holt Gelegenheit, ihren feinen Spürsinn, ihr Entdeckertalent
und ihren rastlosen Fleiß zu würdigen. Ihr im vorigen
Jahre (bei Breitkopf & Härtel) erschienenes Buch „Clas
sisches und Romantisches aus der Tonwelt“
gibt gleichfalls Zeugniß davon. Es enthält ungedruckte Briefe
von Beethoven, Spohr, Marschner, Adolph
Henselt und Robert Volkmann, die allen anderen
Späheraugen bisher verborgen geblieben, nebst interessanten
Schilderungen aus dem Leben dieser Meister. La Mara
unterscheidet sich sehr vortheilhaft von Fräulein Lina Ramann
durch maßhaltendes Urtheil, Erzählertalent und literarischen
Geschmack. Man wandelt mit ihr auf reinlichem, geebnetem
Weg und weder auf Wolken noch auf Dynamit-Patronen.